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Wissen und Verantwortung e.V.

Verein zur Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung

Im Lebenswerk von Carl Friedrich von Weizsäcker vereinen sich Bereiche, die in unserer als geistig "unübersichtlich" erfahrenen Gesellschaft allgemein für unvereinbar angesehen werden: Physik , Philosophie, Politik, Theologie, und Ökonomie.
Frühere Zeitalter hätten den Versuch gemacht, diese verschiedenen Richtungen des Fragens zu einer jener großen Synthesen zusammenzuführen, aus denen sich die europäische Kultur immer wieder erneuert hat. In der Umbruchsepoche, in der wir leben, gibt es keine "Theorie des gegenwärtigen Zeitalters". Aber auch unter den schwierigen Bedingungen der Gegenwart sollten wir herausfinden, ob sich in den genannten Bereichen umfassende Gemeinsamkeiten erkennen lassen.
Ein Forschungsprogramm, das an das Werk Carl Friedrich von Weizsäckers anschließt, muß sich auch dort, wo es sich nicht ausdrücklich auf Philosophie oder Theologie einläßt, durchlässig halten für solches Fragen. Weizsäcker fordert uns heraus, mit der Einsicht Ernst zu machen, daß jedes unserer Erkenntnisgebiete Philosophie impliziert.
Die Verantwortung des Geistes muß sich nicht allein im Glauben und im politischen Handeln, sie muß sich auch in der Wissenschaft bewähren.

Wir erleben am Ende des 20. Jahrhunderts eine Krise unseres Wahrheitsverständnisses. Nachdenken, auch wenn es sich auf das Ganze richtet, muß sich immer wieder am Detail vergewissern. Es geht darum, an ausgesuchten Projekten exemplarisch zu prüfen, ob fächerübergreifende Fragestellungen beide Gefahren vermeiden können: sowohl das Zerfasern des Forschungsgegenstandes in unverbundenes Detailwissen als auch die Bildung voreiliger Synthesen.
Eine solche Aufgabenstellung bedarf interdisziplinärer Formen der Bearbeitung und verschiedener Ebenen der Reflexion, die miteinander koordiniert werden müssen. Über die Einzeluntersuchungen hinaus muß immer auch an Maßstäben und Kriterien gearbeitet werden, nach denen sich die Planung und die Prioritätensetzung der jeweiligen Vorhaben orientieren. Die einzelnen Projekte müssen also fachwissenschaftlicher Kritik standhalten, gleichzeitig sollen sie in einem ausweisbaren und nachvollziehbaren Bezug zu den grundlegenden philosophischen Überlegungen stehen, die Carl Friedrich von Weizsäcker angestellt hat.

Es geht weder um bloße "Anwendungsorientierung" noch um falsch vereinfachende "Ganzheits"-Entwürfe; es geht jedoch stets um die Frage nach der Wahrheit des Wissens und nach der Verantwortung der Vernunft in einer zunehmend auseinanderfallenden und sich vernunftlos organisierenden Gesellschaft.
Es geht außerdem immer um die Frage nach den Auswirkungen der Wissenschaft auf die Lebenswelt, eine Frage, die im Zentrum des Weizsäckerschen Denkens steht.
Gerade die avancierteste Wissenschaft stößt heute immer häufiger auf Probleme, die zum Beispiel Astrophysik und Theologie, Philosophie und Politologie, Natur- und Geisteswissenschaften miteinander verbinden.
Allerdings müssen wir uns vor vorschnellen Synthesen hüten: wenn wir von "Wahrheit" in der Physik und von "Wahrheit" in der Theologie reden - meinen wir damit eigentlich dasselbe? Können wir Logik zeitlich, Mathematik geschichtlich denken? Wie verhalten sich politische Macht und physikalische Energie zueinander?

In der Philosophie, in der Wissenschaft von der Kunst, in der Geschichtswissenschaft und zunehmend auch in den harten Naturwissenschaften bekommt die Interpretation des riesigen Informationsmaterials, über das wir heute verfügen, eine Schlüsselfunktion. So wird Hermeneutik zu einer zentralen Methode vieler Disziplinen. Die Grenzen zwischen Natur- und Humanwissenschaften lösen sich immer mehr auf. Der Quantenphysik kam dabei eine Vorreiterrolle zu; sie nötigte uns als erste, den vorläufigen Charakter dieser Grenzen zu durchschauen.

Bei aller Verschiedenheit der Ansätze und der fachwissenschaftlichen Ausrichtung haben die im folgenden aufgezählten Arbeitsvorschläge konzeptionelle Gemeinsamkeiten: Sie sind zukunftsbezogen in einem doppelten Sinne: erstens müssen sich die Bearbeiter schon bei ihrer Auswahl und ihrer Ausformulierung um prognostischen Weitblick bemühen; zweitens müssen die Ergebnisse, die sie anstreben, geeignet sein, negative Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und womöglich Wege zu deren Überwindung aufzuzeigen.
Sie können nur von mehreren Disziplinen gleichzeitig bearbeitet werden, sind also ihrem Wesen nach interdisziplinär. Das erfordert wissenschaftliche Mitarbeiter, die willens und befähigt sind, sich interdisziplinäres Denken und Arbeiten anzueignen.
Sie sollen gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen bearbeitet werden: Literaturstudien, Fallbeispiele, Zusammenfassungen anderswo erhobener Daten, Entwicklungen neuer Konzepte können von jüngeren Wissenschaftlern erstellt, die für einige Jahre hauptamtlich an solchen Projekten arbeiten und sich damit qualifizieren. Zur Projektbegleitung, zur Evaluation der Einzelarbeiten und zur inhaltlichen Koordination der verschiedenen Vorhaben werden interdisziplinär zusammengesetzte Teams erfahrener Wissenschaftler benötigt. Deren Erfahrung kann nicht nur Brücken zwischen verschiedenen Theorien schlagen sondern auch dazu beitragen, praktische Handlungsanweisungen zu entwickeln.
Sowohl die theoretischen Ansätze als auch die praktische Programmatik müssen ständig überprüft werden. Das erfordert einen Dialog zwischen Experten und "Generalisten", zwischen Theoretikern und Praktikern. Kein gesellschaftlicher Sektor allein wird heute noch in der Lage sein, verantwortbare Lösungen für drängende Probleme der Gegenwart zu finden.

Die Einzelvorhaben wie ihre Koordination müßten sich von den berühmten drei Fragen Kants leiten lassen: Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? (vgl. KrV B, 833)
Carl Friedrich von Weizsäcker hat immer wieder darauf hingewiesen , daß eine entscheidende Voraussetzung für die erforderliche Kurskorrektur in der modernen Zivilisation ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel ist.
Dieser Bewußtseinswandel muß in allen hier genannten Bereichen stattfinden.
Es gilt herauszufinden, in welche Richtung sich dieser Wandel vollziehen muß, und wie er in Gang kommen kann. Wie konstituiert sich das soziale Subjekt der Verantwortung, das den Bewußtseinswandel vorantreiben könnte?
Es genügt nicht, in allgemeinen Formeln einen Bewußtseinswandel zu postulieren, vielmehr muß an einzelnen präzise formulierten Projekten gezeigt werden, welche Inhalte des gesellschaftlichen Lernens neu formuliert werden müssen; wo die Hemmnisse für eine Veränderung des Denkens liegen, und welche tiefverwurzelten Vormeinungen aufgebrochen werden müßten, um den geforderten Wandel auszulösen.
Lernen findet nur teilweise in Bildungseinrichtungen statt. Ebenso wichtig sind Vorbilder oder die Erfahrung gemeinsam bewältigter Notlagen.
Solche Prozesse vollziehen sich langsam und oft im Rücken der intellektuellen Reflexion. Wenn Bewußtsein sich nachhaltig verändern soll, muß sich mehr verändern als Bewußtsein.
"Bewußtsein" , sagt Carl Friedrich von Weizsäcker, "ist ein unbewußter Akt".


 

Wissen und Verantwortung e.V.



Mai. 98 Th Görnitz
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