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Wissen und Verantwortung e.V.
Verein zur Carl Friedrich v. Weizsäcker-Stiftung
3. Arbeitsfelder
 Physik
Die Naturwissenschaft könnte als der "harte Kern" des Denkensin der modernen Zivilisation bezeichnet werden: als das Feld mit den unwidersprechlichstenResultaten. Der harte Kern der Naturwissenschaft aber ist die Physik. Die zentrale Disziplin der theoretischen Physik stellt heute die Quantentheoriedar. Von Planck, Einstein, Bohr begonnen, hat sie ihre Grundstruktur 1925 bis1927 durch Heisenberg, Schrödinger, Dirac und andere erhalten. Seitdemhat sich an ihr nichts Grundsätzliches mehr geändert. Die Quantentheorie ist hochabstrakt, aber zugleich Grundlage moderner Technikin Bereichen wie Mikroelektronik, Lasern, Computern, Supraleitern. Die Quantentheorie ist heute die Grundlage der Elementarteilchenphysik,der theoretischen Chemie und selbst der Molekularbiologie. Über die Deutung ihrer Grundbegriffe indes gibt es bis heute eine lebhafteund sehr offene Debatte. Dazu und zu den Grundlagen der Quantentheorie hatC. F. v. Weizsäcker mit mehreren Mitarbeitern Arbeiten vorgelegt, dieaussichtsreich, aber noch nicht abgschlossen sind. Sie fortzuführen,ist eine Aufgabe der Förderung durch die Stiftung.
 Philosophie
Philosophie sieht sich seit Sokrates vor allem als der Versuch zu verstehen,was wir denken und was wir tun. Angewandt auf die heutige Wissenschaft kanndies beispielsweise auf die schon unter "Physik" genannte Fragenach der Deutung der Grundbegriffe führen. Darüber hinaus fordertsie die Erwägung der zentralen ethisch-praktischen und gedanklichenEntscheidungen, vor denen die Menschheit heute steht. Hierfür ist esnotwendig, offen zu sein für die Quellen unserer abendländischenBegriffe seit den Griechen, für unsere geisteswissenschaftliche Traditionwie auch für die Gedankenwelt der großen, zumal asiatischen Weltkulturen,denen wir heute begegnen. Lernen wir die Anderen in ihrer Weise zu sehen,so können wir auch lernen, uns mit ihren Augen zu sehen und damit vielleichtuns selbst deutlicher als zuvor zu verstehen. Dies hat C. F. v. Weizsäckerauch in seinen philosophischen Arbeiten im Hinblick auf die Herausforderungenunserer Zeit aufgezeigt. Deren Fortführung ist eine Aufgabe der Förderungdurch die Stiftung.
Theologie
Religion ist eine Grunderfahrung der Menschheit. Theologie bezeichnet denVersuch, diese Grunderfahrung gedanklich zu fassen und auszusprechen. Theologieist heute wenigstens so sehr in Bewegung wie Philosophie. Sie begegnet derAufklärung, d. h. dem grundsätzlichen Ernstnehmen der Fragen undErgebnisse der Wissenschaft. C. F. v. Weizsäcker beschreibt diesesProblem mit den Sätzen: "Die Aufklärung ist unser historischesSchicksal, und sie ist ein hoher Wert. Sie kann aber nur vollendet werden,wenn sie auch die Erfahrungen und Forderungen der Religion voll ernst nimmt.Doch auch Religion ist nicht vollendet. Sie kann sich selbst nur ihrem wahrenZiel näherbringen, wenn sie die Aufklärung voll ernstnimmt; wennsie die Aufklärung vollzieht." Bei diesem Prozeß begegneneinander auch die Weltreligionen. Ihre Verschiedenheit ist ein Reichtumfür die Menschheit. Sie finden Gemeinsamkeit in den Bereichen der fundamentalenEthik und der meditativen Erfahrung. C. F. v. Weizsäcker hat im "KonziliarenProzeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung"die Begegnung der verschiedenen christlichen Kirchen gefördert. SolcheBegegnungen fortzuführen ist eine Aufgabe der Förderung durchdie Stiftung. Dabei sind Auffassungen auch der anderen Offenbarungsreligionenbis hin zu nicht religiös formulierten ethischen Überzeugungeneinzubeziehen.
Ökonomie
Ökonomie könnte heute bezeichnet werden als die Wissenschaft vomUmgang der Menschen mit knappen Gütern. Güterknappheit wird allgemeinals Quelle von Konflikten erfahren, soziale Konflikte basieren weitgehendauf ihr. Der weltpolitische Konflikt der Zeit von 1945 bis 1989 zwischenden zwei Hegemonialkandidaten USA und UdSSR interpretierte sich als Gegensatzzweier Systeme, deren entgegengesetzte Theorien weitgehend auf ökonomischenThesen beruhten. Heute, da dieser Gegensatz zu verschwinden scheint, istdas wahre Sozialproblem sichtbarer als zuvor in der Weltwirtschaftsdiskrepanzzwischen "Nord" und "Süd" zu sehen. Die siegreicheMarktwirtschaft löst aus sich selbst heraus nur einen Teil der Probleme.Der funktionierende Markt motiviert den Egoismus, damit den Fleißund die Intelligenz einer Mehrheit der Bevölkerungen. Aber er garantiert,wie schon Adam Smith sah, dreierlei noch nicht: den Frieden nach außen,die Legalität im Innern der Staaten und die Infrastruktur. Wir müssenheute hinzufügen: die Ökologie, den Schutz der Umwelt. Und erschafft ökonomisch noch nicht den sozialen Ausgleich. Im von C. F.v. Weizsäcker geleiteten "Max-Planck-Institut zur Erforschungder Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" wurden1970 bis 1980 diese Fragen studiert, so schon seit 1970 das ökologischeProblem, dann die wachsende Arbeitslosigkeit und die weltweite "Neueinternationale Arbeitsteilung". Arbeiten über derartige Zusammenhängezu fördern, ist eine weitere Aufgabe der Stiftung.
 Bewußtseinswandel
C. F. v. Weizsäcker hat einem seiner Werke den Titel "Bewußtseinswandel"gegeben. Damit ist die dreifache Frage gemeint, welcher Bewußtseinswandelsoeben stattfindet, welchen Ursachen er entspringt, und insbesondere, welchenBewußtseinswandel wir versuchen müßten, in der Zukunftherbeizuführen. Der gegenwärtige Bewußtseinswandel kannbeschrieben werden als ein Verblassen bisheriger Werte, ohne daß neuestarke Werte an ihre Stelle getreten wären. Das Verblassen bisherigerWerte läßt sich in gewissem Umfang als eine Folge des Siegesder wissenschaftlichen Denkweise verstehen, der wir die moderne Technikverdanken. Die sich aus dieser Situation ergebenden Probleme zu untersuchen,ist eine wesentliche Förderungsaufgabe der Stiftung. Das gilt ebensofür die Folgerungen, die bezüglich des natur- und geisteswissenschaftlichenwie des öffentlichen Bewußtseins und unseres praktischen Handelnsaus den Erkenntnissen der zuvor genannten Arbeitsfelder zu ziehen sind.Zum Bewußtseinswandel, den die Zukunft von uns verlangt, sei auf einBeispiel verwiesen. C. F. v. Weizsäcker forderte, nach dem "Weckersignal"der Atombombe, als Ziel die Überwindung der Institution Krieg. DieserGedanke war bereits in der Gründung der Vereinten Nationen gegenwärtig.Aber ist er durchführbar? Andererseits: Mit welchen Folgen würdedie Menschheit ihre technische Macht weiter so erhöhen wie im Laufder letzten zwei Jahrhunderte, wenn sie gleichzeitig die politische Moralvergangener Jahrtausende unverändert beibehielte? Die Stiftung wirddas kritische und selbstkritische Nachdenken über solche Fragen fordernund fördern.
Wissen und Verantwortung e.V.
1. 10. 96 Th Görnitz goernitz@em.uni-frankfurt.de |