Publikationsreihe
Examensarbeiten
Funde zur Sprache des 20. Jahrhunderts
Ausgewählte Seminararbeiten zur Sprache des
20. Jahrhunderts
»Frankfurter Forschungen zur Kultur- und
Sprachwissenschaft«
(Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris/Wien)
Herausgegeben von Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser, ab dem 5. Band in
Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heiner Boehnke
Bd. 1: Horst Dieter Schlosser (Hrsg.), Mit Hippokrates
zur Organgewinnung? Medizinische Ethik und Sprache, 1998 (278 Seiten).
Ethische Diskurse sind generell auf einen reflektierten Sprachgebrauch
angewiesen. Die Humanmedizin muss sich für ihre ethischen Fragen
dieser Bedingung ebenfalls stellen, führt aber mit jeder
Neuentwicklung auch Begriffe ein, deren ethische Relevanz vielfach
ungeprüft bleibt, weil immer mehr medizinische Innovationen von
nicht-humanmedizinischen Disziplinen (etwa von
der Tierzucht, der Materialtechnik u.ä.) angeregt werden. Der
dabei übernommene
Sprachgebrauch verändert zunehmend das ethische Bewußtsein
von
Humanmedizinern, das mehr und mehr zwischen tradierten Anschauungen von
Menschenwürde
und einer bloßen Machbarkeitsideologie schwankt. Zu diesem
Problemkreis
werden in sieben Kapiteln, von einer Analyse ärztlicher
Gelöbnisse
und der europäischen Bioethik-Konvention über eine Befragung
der
Humangenetik und der Einstellungen zum Sterben bis zur
Organtransplantation, achtzehn Beiträge (überwiegend
studentischer Teilnehmer eines Frankfurter Linguistik-Seminars)
vorgelegt.
Bd. 2: Roman Paul, Fontanes Wortkunst. Von
»Angstmeierschaft« bis »Zivil-Wallenstein« -
ein blinder Fleck der Realismusforschung, 1998 (180 Seiten).
Theodor Fontanes Wortschatz ist, wenn er nicht vollends übergangen
wurde, bisher nur oberflächlich untersucht worden. Besonders seine
Neologismen - nach Jost Schillemeit »die Freude aller
Fontane-Leser« - hätten schon früher größere
Beachtung verdient. Der Autor will diese Lücke schließen. Er
hat das umfangreiche Gesamtwerk Fontanes (einschließlich seiner
Briefe) durchforstet und die zahlreichen Wortneubildungen, meist
Okkasionalismen, sowohl unter formalen als auch semantischen Aspekten
systematisiert. Die Studie
zeigt, dass wesentliche Merkmale des Fontaneschen Realismus,
beispielsweise der Humor, die lexikalischen Innovationen prägen.
Bd. 3: Jens Wurche, Marx und Engels in der DDR-Linguistik.
Zur Herausbildung einer »marxistisch-leninistischen
Sprachtheorie«, 1999 (188 Seiten).
Die Arbeit zeichnet erstmals seit dem Ende der DDR den Umgang der
dortigen Sprachwissenschaft mit Karl Marx und Friedrich Engels
ausführlich nach. Den roten Faden bilden die Versuche von
DDR-Linguisten, aus Theoremen der staatsideologischen
Säulenheiligen eine »marxistisch-leninistische
Sprachtheorie« zu errichten. Hierzu rekapituliert der Autor die
aufeinanderfolgenden sprachwissenschaftlichen Trends von 1945 bis 1990.
Die Hervorbringungen der
»Kaderlinguistik«, die unter dem Einfluss
neostalinistischer Marx-Verkürzung
operierte, werden ebenso kritisch analysiert wie die Ergebnisse eher
randständiger
Fachvertreter. Es wird gezeigt, wie letztere trotz massiven Drucks der
SED-Wissenschaftsbürokratie
zu einer authentischeren Rezeption der Marxschen Ansätze gelangt
sind.
Ein Abriss der Äußerungen von Marx und Engels zum Thema
Sprache
dient als Bezugspunkt des wissenschaftsgeschichtlichen Hauptteils.
Bd. 4: Michael Kibler, Die gefährliche Sicherheit des
Risikos. Das Problem der Wertung in der populärwissenschaftlichen
Sprache über Kernkraft, 1999 (230 Seiten).
Die Untersuchung behandelt das Problem der Wertung in
populärwissenschaftlichen Texten. Sie zeigt auf, ob und wie sich
Wertung im kontrovers diskutierten Bereich der Kernenergie durch die
verwendete Sprache ausdrückt. Das untersuchte
Textkorpus reicht dabei bis 1939 zurück und umfasst im
wesentlichen Texte
aus populärwissenschaftlichen Periodika. Es zeigt sich, dass
Wertung nicht auf rein lexikalischer Ebene ausgedrückt wird. Auch
durch die Verwendung
von Metaphern lässt sich keine explizite Wertung nachweisen.
Vielmehr
wird sichtbar, dass Wertung nur im Kontext der untersuchten Begriffe
entsteht.
Eine exemplarische Analyse einzelner Textteile im Hinblick auf ihr
Verhältnis
zu den beiden komplementären Konzepten
»Industriegesellschaft« und
»Risikogesellschaft« nach Ulrich Beck zeigt einen Ansatz,
Wertung auf sprachlicher Ebene zu identifizieren und zu klassifizieren.
Bd. 5: Meike Schlutt, Der repräsentative
Außenseiter. Thomas Mann und sein Werk im Spiegel der deutschen
Presse 1898 bis 1933, 2002
(320 Seiten).
Die zeitgenössische Kritik hat Thomas Manns Werke von Anfang an
mit Lob und Tadel begleitet. 23 Jahre alt war er, als er seinen ersten
Novellenband veröffentlichte. Erkannte man damals schon das Talent
des jungen Schriftstellers? Kam sein erster Roman bei der Presse gut
an? Und wie ging es weiter? War man
in Lübeck stolz auf ihn? Oder in München? Wie wurde der Weg
Thomas
Manns von der ersten Erzählung bis zum Nobelpreis von der Kritik
begleitet?
Geht man diesen Fragen nach, wird bald klar: Es geht nicht nur um
Literatur.
Es geht auch um den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund
jener
Zeit. Thomas Manns Lebensstil, seine öffentlichen
Äußerungen und nicht zuletzt seine politischen Standpunkte
gaben Anlaß zu vielfältiger Berichterstattung. Wo stand
Thomas Mann in der Öffentlichkeit des Kaiserreiches und der
Weimarer Republik? Welche Rolle spielte er dort? Mit der Beantwortung
dieser Fragen wird ein Stück deutscher Zeitgeschichte sichtbar -
dargestellt an einem der berühmtesten Repräsentanten.
Bd. 6: Christine Cosentino, Wolfgang Ertl, Wolfgang
Müller (Hrsg.), An der Jahrtausendwende. Schlaglichter auf die
deutsche Literatur, 2003 (126 Seiten).
Die Einzelanalysen dieses Bandes beschäftigen sich mit
verschiedenen Aspekten der Literatur, die in dem Jahrzehnt nach der
deutschen Wiedervereinigung erschienen ist. Mosaikartig entsteht dabei
ein gebrochenes, oft widersprüchliches und höchst
unterschiedliches Bild der schwierigen Wandlungsprozesse im
deutschen Nationalstaat.
Bd. 7: Karoline Naab, Elias Canettis akustische Poetik, 2003
(156 Seiten).
Elias Canettis Werk muss man hören: Der literarische Ruhm des
vielsprachig aufgewachsenen Autors gründete sich schon im Wien der
1930er Jahre auf seine Vorlesekunst, in neuester Zeit wird sein Werk
auf Hörbüchern wiederentdeckt. Anhand Cannettis
autobiographischer Schriften, seiner Anthropologie und Dramentheorie
sowie zahlreicher Interviews und Essays entwirft diese Arbeit
eine "akustische Poetik" Canettis. Sie untersucht dabei die Bedeutung
des
Hörens für die Entwicklung des Dichters, geht einer Tradition
der
Mimesis gesprochener Sprache in der österreichischen Literatur
nach und
macht Vorschläge zur akustischen Rezeption von Canettis Werk. Im
Anhang
liefert ein Verzeichnis von Tondokumenten dazu Anregungen, eine
Bibliographie gibt Hinweise auf das Arbeitsgebiet der akustischen
Literatur.
Bd. 8: Horst D. Schlosser (Hrsg.), Das deutsche Reich ist
eine Republik. Beiträge zur Kommunikation und Sprache der Weimarer
Zeit, 2003 (227 Seiten).
In 17 Beiträgen zu exemplarischen Themen und prominenten Personen
der Weimarer Republik werden die politischen, kulturellen und
sprachlichen
Folgen des Umbruchs von 1918/19 untersucht, der einen nur schwer zu
leistenden
Abschied von jahrhundertelang eingeübten Verhaltensmustern
bedeutete.
Darum auch das Schwanken zwischen reaktionären oder restaurativen
Tendenzen
und demokratisch fortschrittlichen Zukunftsentwürfen in Literatur,
Sprache, Bildender Kunst und Werbetheorie. Das thematische Spektrum
reicht von den Versuchen, das Erlebnis des 1. Weltkriegs sprachlich zu
bewältigen, über
neue Ansätze der Frauenbewegung bis hin zur Berliner
Kabarettszene. Die
Analysen werden zentriert um den geradezu programmatischen inneren
Widerspruch von Art. 1 der Weimarer Verfassung: "Das Deutsche Reich ist
eine Republik".
Bd. 9: Heiner Boehncke/Michael
Crone (Hrsg.), Radio Radio. Studien zum Verhältnis von Literatur
und Rundfunk, 2005 (357 Seiten)
Wie sehr das Radio seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts
in die Lebens- und Kommunikationsverhältnisse eingegriffen hat,
wurde erst allmählich erkennbar. Plötzlich stand nicht nur
ein neues Möbelstück in den Wohnzimmern, es kam auch rund um
diesen tönenenden Apparat zu neuen Worten, Moden, Lebensformen. Im
Kulturleben entstanden dramatische Veränderungen: Musik,
Literatur, Bildung, Information sind auf neuartige Weise in der
privaten Sphäre präsent. In diesem Sammelband finden sich
u.a. Arbeiten zur Etymologie der Rundfunksprache, zum Radio-Design und
zur Rezeption des neuen Mediums Radio. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten,
die sich mit Autoren und ihren Beiträgen für das Radio
auseinandersetzen. Dazu gehören Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky,
aber auch Mario Vargas Llosa und Albert Ostermaier.
AUSGEWÄHLTE EXAMENSARBEITEN (ab 1996)
Funde zur Sprache des 20. Jahrhunderts
In dieser Rubrik sollen außer Kurzkommentaren zu einzelnen Schlag- und/oder Schlüsselwörtern der Gegenwartssprache in loser Folge auch ausführlichere Analysen zu sprachlichen Phänomenen und Entwicklungen, insbesondere zur deutsch-deutschen Situation, dokumentiert werden.
»Begrüßungsgeld« - neu aufgelegt
»Begrüßungsgeld« war bis 1990 die Bezeichnung
einer Gratifikation, mit der Besucher aus der DDR für ihren
Aufenthalt in der
BRD finanziell unterstützt wurden. Eine Neuauflage erfahren
derzeit Wort
wie Sache - im Osten. Mit einem »Begrüßungsgeld«
genannten
Betrag versuchen Städte wie Jena oder Leipzig Neubürger zu
gewinnen
und damit ihre Einwohnerzahl zu erhöhen, von der die Zuweisung von
Landes-
und Bundesmitteln abhängt. So werden u.a. Studierende
angesprochen, ihren
Hauptwohnsitz in den Hochschulort zu verlegen, was durch ein
»Begrüßungsgeld« finanziell attraktiv gemacht
werden soll.
(III/2000)
»Bückware« nicht nur ein DDR-Wort
Der Jargonismus »Bückware« für eine unter dem
Ladentisch an privilegierte Kunden verkaufte Ware ist bis 1948 auch in
den Westzonen, namentlich in der Britischen Zone, verwendet worden und
war damit ein gesamtdeutscher Ausdruck der Mängelwirtschaft. Eine
Variante in der US-Zone war Verkauf »unter der Theke«
(Wiesbadener Kürzel »u.T.«).
(IV/99)
Cousinenwirtschaft - Cousinenökonomie
Die »weibliche« Variante zu
»Vetternwirtschaft«, »Cousinenwirtschaft«, die
1998 als Kritik an unseriösen Praktiken
grüner Politikerinnen in Hessen aufgekommen ist, hat einen
Vorläufer,
der bereits 1991 »erfunden« und 1993 publiziert worden ist,
und
zwar bei Friedrich B. Walz, Der Frauenkrieg, München (Verlag Peter
Erd),
S. 111: »Ihr Frausein wollen etliche ganz besonders dynamische
Jungunternehmerinnen
als Referenz für ein schnelles Entree in die die alte
Vetternwirtschaft
ergänzende Cousinenökonomie benützen.«
(VII/99)
»Datscha« - Erstentlehnung im 19.Jahrhundert
Nicht neu ist, dass das Wort »Datscha/Datsche« bereits um
1900 schon einmal, bevor es in der DDR zu neuen Ehren kam, im deutschen
Sprachgebrauch war und v.a. im Berliner Raum benutzt wurde. Ganz sicher
aber lässt sich
sagen, dass »Datscha« (mit dem Plural
»Datschen«) schon vor 1880 so eingebürgert war, dass
die 13.Auflage von F.E. Petris "Handbuch der Fremdwörter in der
deutschen Schrift- und Umgangssprache" (Leipzig 1880) es verzeichnen zu
müssen glaubte.
(XI/2001)
»Einschätzung« - wenig geschätzt
In der DDR Aufgewachsene haben beim Gebrauch des Wortes
»Einschätzung«, das bundesdeutsch Sozialisierte ohne
Arg benutzen, immer noch böse Erinnerungen. Schon 1948 wird in
einem SED-internen Papier über einen Kulturbund-Sekretär
notiert, dass über ihn »keine genaue Einschätzung
gegeben werden kann«, d.h. man weiß nicht, wo man ihn
politisch einordnen soll. »Einschätzungen« waren also
im SED- und späteren Stasi-Jargon bis 1989 Urteile über
politische Zuverlässigkeit. Noch
1999 heißt es in einem MDR-»Tatort«-Krimi über
einen
ehemaligen Volkspolizei-Angehörigen, er habe über seine
Kollegen »Einschätzungen geschrieben«, d.h. er habe
Berichte an die Stasi geliefert.
(II/2001)
»Endsieg« - nicht nur ein Naziwort
Im Streit um das Entstehungsdatum des posthum veröffentlichten
Buchs von Sebastian Haffner »Geschichte eines Deutschen«
(2001) spielte auch der Gebrauch des Wortes »Endsieg« eine
Rolle. Behauptet wurde,
dass dieses Wort erst durch die Goebbels'sche Propaganda aufgekommen
wäre.
Das ist schlicht falsch. Auch in Emigrantenkreisen wurde das Wort schon
gebraucht,
bevor es von der NS-Propaganda mit eingeschränkter Bedeutung
benutzt
wurde, etwa belegt in Lionel Feuchtwangers Romantrilogie »Der
Wartesaal«
(abgeschlossen 1940): Es bezeichnete auch hier die Hoffnung auf einen
Sieg
trotz vorläufiger Niederlagen - allerdings einen Sieg über
die
NS-Diktatur.
(XI/2001)
»Fax« schon seit 1947 im Deutschen
In einem ansonsten nicht besonders sorgfältig gemachten
»Lexikon zeitnaher Publizistik« mit dem Titel
»Griff«, 1947 herausgegeben von Willi Sahler,
Gelsenkirchen-Buer, findet sich auf Seite 59 bereits das Stichwort
»Fax«, allerdings noch als Zitatwort und in
Anführungszeichen, mit der Erklärung: »neue Art der
Zeitungsbelieferung u. der drahtlosen Zeitungsübertragung in
Amerika«.
(VII/99)
»Größenordnungen« - eine leere
Größe
Während die offizielle DDR wirtschaftliche Erfolge gern mit
übergenauen Zahlen feierte (die Produktionszahlen des
Getränkekombinats Berlin am besonders heißen 4.8.1986 etwa
wurden in der »Aktuellen Kamera« exakt mit »47.399
Kästen alkoholfreie Getränke und 45.446 Kästen
Bier« angegeben), blieben manche Ergebnisse, die offenbar weniger
lobenswert waren, im Nebel einer Formulierung, die noch heute manchem
DDR-Sozialisierten anhaftet, etwa »Das wurde in
Größenordnungen erarbeitet.« - wofür ein
Westdeutscher beispielsweise sagen würde: »Das wurde in
erheblichem Umfang erarbeitet.«. Die feste Wendung in
»Größenordnungen« bezeichnet letzlich eine
»leere Größe«.
»Größenordnung« kam und kommt dagegen im
bundesdeutschen Sprachgebrauch nur im Singular vor und wurde/wird stets
mit einer Zahlenangabe verbunden, etwa »in einer
Größenordnung von zwei Millionen«.
(II/2001)
»Hirntod« - ein dehnbarer Begriff?
»Hirntod« als Definition des endgültigen Lebensendes
durch irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen (engl. »brain
death«) ist durch das Transplantationsgesetz von 1997 auch
rechtsgültig zum »Entnahmekriterium«
für die Explantation von Organen bei Sterbenden geworden.
Darüber,
dass in diesem Zusammenhang nicht von »Versagen« (vgl.
»Herz-/Lungen-/Nieren-versagen«), sondern apodiktisch von
»Tod« gesprochen wird, wunderten sich in der
Bundestagsberatung des Transplantationsgesetzes sogar einzelne
Parlamentarier. Nun wird die Sicherheit der Mediziner über die
Endgültigkeit dieses »Todes«, der zugleich als Ende
personalen Lebens gelten soll, zumindest sprachlich wieder zweifelhaft,
da Fachleute durchaus schon mit begrifflichen
Differenzierungen operieren:
»Hirnstamm-/Hirnrinden-/Ganzhirn-/Teilhirn-tod«.
(X/99)
»Kanaken«
Die inzwischen mit Recht diskreditierte Bezeichnung von Ausländern
als »Kanaken« (die in der polynesischen Herkunftssprache
immerhin svw. »Menschen« bedeutete, also eigentlich ein
Ehrentitel sein könnte) scheint in den zwanziger Jahren noch eine
nicht aggressiv gemeinte Grußformel von Jugendlichen gewesen zu
sein; wenn man einer entsprechenden Begrüßung von Berliner
Jungen in Erich Kästners »Emil und die Detektive«
glauben darf.
(II/2001)
»Konferenz« nach wie vor statt
»Tagung«
Wissenschaftliche Zusammenkünfte, die im Westen Deutschlands
gemeinhin »Tagung«, »Symposium« oder
»Kolloquium« genannt werden, tragen in den östlichen
Bundesländern, alter DDR-Tradition gemäß, immer noch
sehr oft den Titel »Konferenz«. Ostdeutschen
Veranstaltern von wissenschaftlichen »Konferenzen« ist -
wie
Stichproben beweisen - dieser »Regionalismus« meist gar
nicht
bewusst.
(III/2000)
»Kreditkarte« seit 1890 in der deutschen Sprache
Rund acht Jahrzehnte bevor in den USA die elektronisch funktionierende
»credit card« eingeführt wurde, hat der amerikanische
Science-Fiction-Autor Edwar Bellamy in seinem Roman »Looking
backward 2000-1887« (1887) eine »credit card« zur
bargeldlosen Zahlung vorgestellt, von der
man allerdings einzelne Wertsektoren wie bei Lebensmittelkarten
vergangener Notzeiten mittels Schere abschneiden musste. Bereits 1890
wurde der Roman und damit auch die »credit card« ins
Deutsche übersetzt. Und vier deutsche Fortsetzungen des Romans von
Bellamy zwischen 1891 und 1893
sicherten dieser sprachlichen Erfindung eine gleichsam
prä-elektronische Existenz.
(XI/2001)
»Losung« vs. »Parole«
Ein auffälliger Ost-West-Benennungsunterschied - zumindest in der
»Wende«- und unmittelbaren »Nachwendezeit«,
aber auch in einschlägigen Publikationen - war, dass DDR-Deutsche
ihre »Parolen« oft »Losungen« nannten. Zu
vermuten ist für den Gebrauch des Wortes »Losung« ein
kirchlicher Hintergrund, der für die Formierung der DDR-Opposition
insgesamt von hoher Bedeutung war (vgl. Herrnhuter Losungen).
Allerdings hatte
»Losung« in seiner gesamtdeutschen Gebrauchsgeschichte
durchaus
auch schon einen nichtreligiösen Charakter: als militärisches
Erkennungszeichen
(gleichbedeutend mit »Parole«). Bezieht man diesen Aspekt
mit
ein, wäre das ein weiterer Beleg dafür, dass auf dem Boden
der
DDR altes deutsches Wortgut länger als in Westdeutschland erhalten
blieb.
(III/2000)
»Luftschläge« - eine ältere
Lehnübersetzung
Die Umschreibung von Bombardements und Raketenangriffen im aktuellen
»Jugoslawien-(»Kosovo«-)krieg durch
»Luftschläge« ist eine Lehnübersetzung von engl.
»air strikes«, das die Amerikaner bereits im Vietnamkrieg
für Angriffe aus der Luft verwendet haben. Entfernt erinnert die
Verwendung von »Schlag« auch an die Illusion der
Österreicher, die 1914 »einen kurzen harten Schlag«
gegen Serbien führen wollten.
(VII/99)
»Macht«
Das in der DDR sehr gebräuchliche, in der Bundesrepubkik aber
verpönte Wort »Macht« für Staatsorgane hatte
einst eine durchaus gesamtdeutsche
und eigentlich unverfängliche Tradition, wie sein Gebrauch bei
Heinrich
Mann und Kurt Tucholsky beweist. Auch die Weimarer Verfassung benutzte
den
Terminus, etwa in Art. 48, der sogar von der »bewaffneten
Macht«
(d.s. Sicherheitskräfte) sprach.
(II/2001)
»Menschenmaterial« nicht erst im Ersten
Weltkrieg erfunden
Der Nestor der schwedischen Germanistik, Gustav Korlén , hat
bereits 1984, allerdings auf Schwedisch und darum hierzulande kaum
beachtet, darauf aufmerksam gemacht, daß schon Karl Marx und sein
ideologischer Antipode Paul de Lagarde das Wort
»Menschenmaterial« verwendet haben (»Om ordet
'material' som beteckning för människor«, in:
Språkvård 2/1984, S. 13 ff., hier: S.14).
(IV/99)
»Menschenmaterial« bei Fontane und heutzutage
Roman Paul, Verfasser von »Fontanes Wortkunst« (Peter Lang
Verlag, Frankfurt a.M. 1998), macht darauf aufmerksam, dass Fontane
bereits 1854 das
Wort »Menschenmaterial« in einem militärischen Kontext
verwendet:
»Der englische Soldat, als rohes Menschenmaterial noch
immer
unvergleichlich, entbehrt völlig des Geschicks und der Bewaffnung,
wodurch
sich die Armeen des Kontinents [...] mehr denn je auszeichnen.«
(Th.
Fontane, Ein Sommer in London).
Weitere (ironisch gemeinte) Komposita mit »-material« bei
Fontane sind »Tanzmaterial« (für Tanzpartner; in:
Quitt, Kap. 12) und »Professorenmaterial« (Brief an die
Tochter Mete, 18.8.1895).
Einem Gespräch mit dem Leiter einer Berliner Ballettschule war am
21.1.2000 abzulauschen: »Und wie ist diesmal dein Material?«
(gemeint waren Ballettschülerinnen).
(III/2000)
»Nazi« - ein Schmähwort ?
Stud. phil. D. Bänsch hat einen Katalog eines
»Nazi-Sporthauses Arendt« in Sulzbach/Oberpfalz von 1932
ausgegraben, in dem für NS-Uniformen und sonstiges Zubehör
von SA, HJ und SS geworben wurde. Außer in der Selbstbezeichnung
des »Aeltesten Spezialgeschäfts«, dessen Inhaber sich
rühmt, »seit 1922 aktiver Pg.« zu sein, werden mit dem
gemeinhin nur als Schmähwort gedeuteten Kürzel
»Nazi« auch Artikel wie »Nazi-Bauern Abzeichen«
und »Nazi-Lampions« (»blutrot«, mit Hakenkreuz)
bezeichnet.
(IV/99)
»Peanuts«
Es gibt die Vermutung, dass die Übertragung von
»peanuts« auf (kleine) Geldbeträge durch polnische
Landarbeiter auf amerikanischen Erdnussfarmen erfolgt ist, und zwar
durch die Klangähnlichkeit von »peanuts« und poln.
»pieniadze« "Geld" (dt. Entlehnung: Penunzen).
(II/2001)
»Rundtischgespräch«
An Stelle von »Podiums«- oder gar
»Panel«-Diskussionen hält sich in den östlichen
Bundesländern bis in die Gegenwart eine Lehnübersetzung von
»Round table« in der Benennung einer
bestimmten Präsentationsform von wissenschaftlichen und
politischen Meinungen:
das »Rundtischgespräch«. Einen Teil seiner
Attraktivität bezieht dieser »Ost-Regionalismus«
sicherlich aus der hohen politischen (demokratischen) Bedeutung, die
»Runde Tische« während des Umbruchs in der DDR (wie
schon zuvor in Polen) hatten.
(III/2000)
»Schienenersatzverkehr«
Hartnäckig halten DDR-sozialisierte Sprachinteressierte daran
fest, dass der Terminus Schienenersatzverkehr ein DDR-spezifischer
Bürokratismus gewesen sei (zuletzt: Birgit Wolf, Sprache in der
DDR. Ein Wörterbuch, Berlin 2000, S. 196). Alle Altbundesdeutschen
wissen jedoch, dass ersatzweise fahrende Busse auch im Westen mit
diesem Imponierwort belegt wurden (und werden).
Bürokraten dachten und sprachen immer schon
»gesamtdeutsch«!
(II/2001)
»Totaler Krieg - kürzester Krieg«
Interpretationen der berüchtigten Sportpalastrede von Goebbels am
18.2.1943, bei der ihm vom Publikum auf die Frage »Wollt ihr den
totalen Krieg?« begeistert zugejubelt wurde, gehen oft nicht
darauf ein, daß hinter dem Redner (wie Filmaufnahmen zeigen) auf
einem riesigen Transparent der Slogan
»Totaler Krieg - kürzester Krieg« zu lesen war. Zwar
kann
diese Beobachtung die Perfidie der Rede nicht relativieren, zumal auch
dieser
Slogan der Manipulation der Massen diente, aber die Hoffnung auf eine
Abkürzung
der alltäglichen Kriegsleiden, mit welcher der Slogan spielte, war
ganz
gewiss ein nicht zu unterschätzendes Motiv für die
frenetische
Zustimmung zur »totalen Mobilmachung«.
(IV/99)
»Wer zu spät kommt...« - eine falsche
Übersetzung
Was Michail Gorbatschow anlässlich des 40. Jahrestags der
Gründung der DDR 1989 vor einer Menschenmenge in Ost-Berlin
äußerte und was - sicher zu Recht - als Kritik an der
verkalkten SED-Führung verstanden wurde, läuft seitdem in
einer deutschen »Übersetzung« als geflügeltes
Wort um und wird auch auf höchst Unpolitisches angewandt:
»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Zweifel
an
der übersetzerischen Richtigkeit dieser deutschen Formulierung
sind
schon früher aufgekommen. Eine sehr genaue Erinnerung an
Gorbatschows Äußerung auf Russisch hat u.a. noch der Augen-
und Ohrenzeuge jener
Szene in Ost Berlin, Prof. Dr. Jens Reich, Molekularbiologe, seinerzeit
DDR-Bürgerrechtler
und später sogar Kandidat für das Bundespräsidentenamt.
Jens
Reich verbürgt sich für das russische Original:
»Trudnosti podsteregajut tech, kto ne reagirujet na shisn.«
Das kann nach Reich nur heißen: »Schwierigkeiten lauern
auf/erreichen diejenigen, die nicht auf das Leben reagieren.«
(vgl. auch Reichs Beitrag in DIE ZEIT vom 24.6.1999). Nach wie vor
bleibt es eine interessante Frage, wie es
zur (möglicherweise gewollten) Verschärfung dieses Satzes im
Deutschen
gekommen ist. Dass »das Leben« jemanden
»bestraft«, der »zu spät kommt«, ist zwar
inzwischen durch den Zusammenbruch des SED-Regimes erwiesen; ganz so
sicher, wie es die falsche Wiedergabe im Deutschen nahelegt, scheint
sich Gorbatschow in der zweiten Oktoberwoche 1989
aber noch nicht gewesen zu sein.
(X/99; auch: DER SPRACHDIENST 5/99)
»Wir sind das Volk« - eine DDR-Parole nach
Büchner?
Martin Spieles M.A. (Verf. des Buchs »Ausländer in der
deutschen Sprache«, 1993) hat darauf aufmerksam gemacht, dass
bereits Georg
Büchner in »Dantons Tod« die Parole »Wir sind
das
Volk« in einer der DDR-Wendesituation sehr vergleichbaren
Situation
formuliert hat (1.Akt, 2.Aufzug): Die institutionalisierte Pariser
Revolution
(vgl. SED) fordert Ruhe und Ordnung, das Volk dagegen Brot. Und zur
Bekräftigung ihrer Ansprüche schleudert die aufgebrachte
Menge ihre Parole »Wir sind das Volk!« Robespierre entgegen
(vgl. Muttersprache 103, 1993, S. 219). Angesichts der Vertrautheit
vieler DDR-Deutscher mit Büchner ist eine solche Anregung für
die Wende-Parole wahrscheinlicher als eine andere Erwägung, etwa
dass die amerikanische Verfassung mit ihrem »We the people«
Pate gestanden habe.
(IV/99)
»Wirtschaftswunder« - schon in der Weimarer Zeit
gebraucht
Der traditionelle Schlüsselbegriff für den ökonomischen
Aufschwung Westdeutschlands nach der Währungsreform von 1948
brauchte seinerzeit nicht neu geprägt zu werden. Bereits 1926
veröffentlichte der Soziologe Julius Hirsch ein Buch zur
US-Wirtschaftsentwicklung, das den Titel »Das amerikanische
Wirtschaftswunder« trug. Sogar Tucholsky erwähnt dieses Buch
in einer seiner Sprachglossen und belegt damit, als Nichtökonom
ein unverdächtiger Zeuge, dass das titelgebende Wort
»Wirtschaftswunder« auch außerhalb von Fachkreisen
auf Resonanz gestoßen war.
(XI/2001)
Weitere Funde folgen.
Ausgewählte Seminararbeiten zur Sprache des 20. Jahrhunderts:
»"Ich muss Ihnen leider
mitteilen..." Eine kommunikationswissenschaftliche Untersuchung zur
Mitteilung plötzlicher Todesfälle«
Examensarbeit von Clarissa Wolter/2003
»Neue Rechtschreibregeln
im Spiegel von Wörterbüchern«
Examensarbeit von Esmeralda Bosch/2002
»Kommunikation
und Sprache in Deutschland nach 1989, dargestellt an ausgewählten
Forschungsprojekten«
Magisterarbeit von Ulrike Achtnich/2000
»Die Währungsunion
von BRD und DDR vom 1.7.1990. Kommentierung in den DDR-Medien«
Hauptseminararbeit von Stefanie König/SS 1999 (Word 97-Dokument)