FIGUREN
Pavel
Schwester Mara
Bruder Martin
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit) Januar 1942 bis Kriegsende
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Nach zwei sachlichen Einführungstexten zur Geschichte der Slowakei und zur Aussprache slowakischer Namen sowie einem Prolog in 5 Sätzen folgt die eigentliche Erzählung in 19 Kapiteln. Das Buch endet mit einem Epilog und einer Danksagung.
Die Erzählung berichtet vom Leben des neun Jahre alten Mädchens Katarína im Zeitraum zwischen Januar 1942 und Kriegsende. Katarína lebt nach dem Tode ihrer Eltern bei Tante Lena. Sie ist ein jüdisches Mädchen, jedoch nicht in jüdischem Glauben und jüdischer Tradition erzogen. Deshalb versteht sie auch nicht, warum sie als Jüdin anders sein soll als ihre Freundinnen. Katarína erlebt die Ausgrenzung, als ihre Freundin Eva nicht mehr mit ihr spielen darf und ihr nicht auf Briefe antwortet, die sie ihr aus dem neuen Wohnort, wo sie mit Tante Lena und deren Ehemann Onkel Teo lebt, schreibt. Katarína sucht sich andere Freunde. Sie spricht mit dem Hausmädchen Anka über die katholische Religion und lernt Gebete und biblische Zusammenhänge. Sie entwickelt eine besondere Beziehung zur Jungfrau Maria und zu den katholischen Heiligen. Außerdem verliebt sie sich in Pavel, den Sohn von Onkel Teo, der jedoch für das kleine Mädchen keine Augen hat. Katarína trägt den Davidstern nicht und erfährt nicht in vollem Ausmaß, wie dramatisch sich die Lebensumstände für Juden verschlechtern. Als Tante Lena und Onkel Teo sich entschließen, falsche Papiere für eine Flucht zu besorgen, wollen sie Katarína für eine Weile auf dem Land unterbringen, belügen sie jedoch und behaupten, die Tante müsse ins Krankenhaus. Tante Lena kommt nicht, wie versprochen, nach 14 Tagen, um Katarína abzuholen. Für Katarína beginnt die lange Zeit des Wartens. Mariska, bei der sie wohnt, hat Geld erhalten und sorgt für sie. Im Dorf gibt es Schwierigkeiten, Katarína wird wegen ihrer roten Haare verdächtigt, für Unheil verantwortlich zu sein, und als Hexe bezeichnet. Als herauskommt, dass sie Jüdin ist, verlangen die Dorfbewohner, sie im Hauptquartier den Deutschen auszuliefern. Mariska bringt das nicht fertig und versteckt Katarína in der Vorratskammer, solange es geht.
Dann wird Katarína doch weggeschickt und muss alleine auf Wanderschaft gehen. Sie findet keine Hilfe und Unterstützung, leidet Hunger und macht den Menschen, denen sie begegnet, Angst. Ein deutscher Soldat gibt ihr etwas zu essen, ein slowakischer Schornsteinfeger verrät sie fast, eine Familie nimmt sie mit zu einer Hochzeitsfeier und rettet sie dadurch vor dem Verrat. Bei Ankas Familie, die sie aufsucht, darf sie nicht bleiben. Anka bringt sie mit neuen Papieren zu einem protestantischen Waisenhaus, wo sie Zuflucht findet. Schwester Johanna, Schwester Mara und Bruder Martin wissen, dass sie Jüdin ist, die anderen Kinder nicht. Sie findet Freunde und lebt geschützt im Waisenhaus, bis der Krieg zu Ende ist. Dann macht sie sich mit einem Offizier auf den Heimweg, um Tante Lena zu finden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, und die Erzählung endet mit der Vorstellung, wieder zuhause zu sein in einem Haus, in dem sie mit Tante Lena und Anka leben wird wie vor dem Krieg.
Im Epilog erfährt man, dass das Dorf von den Deutschen zerstört worden ist, dass lediglich Fräulein Sipková da war, um Katarína willkommen zu heißen, dass Tante Lena in Auschwitz an Typhus gestorben ist und das Kind, das im Buch Katarína genannt wird, heute in Kalifornien lebt.
2. FORMALANALYSE
(Bewertung der Erzählung als Ganzes, nicht passagenbezogen!)
Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt)
in der Rolle der
Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler
der eigenen Geschichte (Zentralstellung)
( Innenperspektive/ Interne
Fokalisierung / Wahrnehmungshorizont der Figur(en) bleibt
gewahrt.)
Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja
Die Erzählung verläuft anachronisch
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend
von Zeitsprüngen gekennzeichnet
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt)
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Flucht und/oder Vertreibung, Verfolgung
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Abgeschirmte Kindheit bei Tante Lena trotz der Erfahrung der Ausgrenzung von Juden
Unterstützung durch Schwester Mara und Bruder Martin
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Das Mädchen Katarína wirkt sehr erwachsen, dennoch: Die Darstellung von Katarína wirkt realistisch. Sowohl ihre positiven als auch negativen Erfahrungen entsprechen kindlichen Ängsten und Erlebnissen. Katarína, die ihre Eltern verloren hat, findet bei Tante Lena ein neues behütetes Zuhause. Diese schafft es weitgehend, die Repressionen, denen Juden in der damaligen Zeit ausgesetzt sind, von Katarína fernzuhalten. Eine sehr schwere Zeit erlebt Katarína dann nach der Ausgrenzung in dem Bergdorf, als sie sich alleine und hungrig auf den Weg machen muss. Ankas Unterstützung hilft ihr, in einem Waisenhaus zu überleben, wo sie Freunde findet.
Viele Entlastungsfaktoren machen Katarínas Leben in diesen letzten Kriegsjahren trotz aller schlimmen Erfahrungen erträglich. Die Angst wird nicht übermächtig dargestellt, der Glaube an die Jungfrau Maria und an die katholischen Heiligen gibt dem Mädchen Kraft, ebenso die sehr zuverlässigen Menschen, die sie verstecken.
Der Verlust der Hauptbezugsperson, Tante Lena, ist jedoch durch die Entlastungsfaktoren letztendlich nicht aufzuwiegen. Katarínas Hoffnung, die Tante nach dem Krieg wiederzufinden, wird nicht erfüllt. Ihre Einsamkeit bleibt bestehen.
Die Erzählung vermittelt die Erfahrungen eines neunjährigen Mädchens, die sich zwar auf dem Hintergrund der jüdischen Rassen- oder Religionszugehörigkeit entfalten, jedoch bezüglich der Erfahrung von Einsamkeit, Verlorenheit, Hunger und Verwahrlosung auch auf andere Kinder der damaligen Zeit übertragbar sind. In dem Waisenhaus finden sich Kinder verschiedenster Art zusammen, z.B. lebt dort auch ein Zigeunerjunge und ein Junge, dessen Onkel in der Hlinka-Garde ist. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie ihre Eltern verloren haben. Rassen-, Volks- und politische Zugehörigkeit zählt dabei erst einmal nicht.
LÜCKEN UND TABUS:
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Meiner Meinung nach wird in diesem Buch nichts ausgelassen. Nichts wird beschönigt, aber auch nichts wird hochgespielt und dramatisiert. Es ist, wie es ist. Das Mädchen Katarína wirkt sehr verständig und muss sich mit neun Jahren bereits mit Themen wie Partisanenkrieg, Politik und Krieg auskennen. Bruder Martin spricht mit ihr ganz offen über die Kriegsgeschehnisse, das Hitlerattentat und die politischen Verhältnisse.
4. ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN
Beginn der Aufarbeitung/
Erscheinen des Buches 1998 in New York
Übersetzung ins Deutsche: 2000
Zeitlicher Abstand zum
ursprünglichen Geschehen 55 Jahre
Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an die Generation des Autors.
Der Text wirkt auf erwachsene Leser ähnlich wie auf den Autor selbst.
Der Text richtet sich nicht an Kinder, sondern eher an Jugendliche.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Zwischen Katarína und ihren wichtigsten Bezugspersonen herrscht eine sehr oder weitgehend offene Kommunikation vor. Tante Lena spricht mit ihr über die Judenverfolgung und ihre Gedanken darüber, wie man eine Jüdin überhaupt definieren soll. Sind sie beide Jüdinnen, obwohl sie "Speck essen" und nicht die Feiertage einhalten? Es handelt sich - ausgehend von der Tante - um eine Zwei-Generationen-Kommunikation. Tante Lena verheimlicht jedoch, um sich und das Kind nicht in Gefahr zu bringen, was sie vorhat (Flucht, falsche Papiere besorgen). Sie sorgt trotz weitgehend offener Kommunikation dafür, Katarína nicht zu belasten. Katarína macht Erfahrungen (Enttäuschung durch Eva, Liebe zu Pavel, heimliche Gebete mit Anka) mit sich alleine ab und spricht die Tante nicht darauf an. Ihre kindliche Erfahrungswelt fließt kaum in die Kommunikation mit Tante Lena ein, sie öffnet sich diesbezüglich aber Anka und äußert bei ihr Sorgen und Ängste.
Bruder Martin dagegen, der im Waisenhaus zusammen mit Schwester Mara zu einer wichtigen Bezugsperson wird, spricht mit Katarína ganz offen, als wäre sie eine Erwachsene. Katarína wirkt hier nicht mehr wie ein Kind, es handelt sich nicht um eine Kommunikationssituation zwischen einem erwachsenen Mann und einem Mädchen. Vielmehr verschieben sich die Altersgrenzen bis hin zur Ebenbürtigkeit. Diese Kommunikationsform kann nicht mehr als intergenerationell bezeichnet werden.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Das Buch vermittelt authentische Erfahrungen der Autorin, die als jüdisches Kind in der Slowakei geboren wurde und überlebt hat. Sie lebt heute in Kalifornien. Das Buch enthält Erinnerungen, die sowohl autobiografisch als auch ansatzweise selbsttherapeutisch zu sehen sind, wenn man das Erinnern an sich bereits als Therapie versteht. Auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann das Buch ebenso wirken.
Da das Buch sehr komplexe innere und äußere Erfahrungen des Mädchens Katarína enthält, ist es für Kinder nicht gut geeignet, für Jugendliche und Erwachsene aber empfehlenswert. Es macht betroffen und leitet einen gedanklichen Prozess ein, der in die Kommunikation mit den heute lebenden und damals als Kind verfolgten jüdischen Menschen führen kann. Das Buch geht nicht auf die tatsächliche Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands in den Konzentrationslagern ein, es legt den Schwerpunkt auf die Erfahrungen eines Kindes, das sich "von Gott und der Welt verlassen" durchschlagen muss und das auch nach Kriegsende die bittere Erfahrung machen muss, als Letzte der Familie am Leben zu sein. Es führt deshalb auch zu der Frage, wie Kinder jeder Glaubensrichtung und Rassenzugehörigkeit das Verlassen-Sein und den Verlust der Eltern und Familie während des Zweiten Weltkrieges erleben und verarbeiten konnten und können?
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Arisierung von Kindern
Ausfall Unterricht/Schule
Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf
Ethnische Diskriminierung
Gesellschaft der Gleichaltrigen
Holocaust
Kriegsende
Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung
Nachkriegszeit
Parentifizierung von Kindern
Rückkehr in die "Normalität"
Tod andere Familienmitglieder
Tod der Mutter
Tod des Vaters
Übergänge Krieg-Frieden
Zweiter Weltkrieg