AUTOR/IN:                        Hartig, Monika

TITEL                                 Ein Fremder saß am Tisch

                                           Jugendroman

Erstausgabe/Erscheinungsjahr         1991

Verlag                                            Arena, Würzburg

Geburtsjahr Autor/in                          1936

Geburtsort Autor/in                           Leipzig

 

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur                              Anna (13 Jahre)

weiblich

Familienmitglieder         Mutter
                                             Onkel Erich
Weitere wichtige Figuren         Lisbeth und Bruno Waldeck

Berta Waldeck

Franek, der Pole

Dietrich, der SS-Mann

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort                     Ein mehrstöckiges Wohnhaus in der Stadt
                                             Ein Bauernhof im Erzgebirge

Zeitangabe/Jahr(eszeit)           Januar 1944 bis März/April 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Die Geschichte beginnt in einer nicht näher bezeichneten Stadt im Februar 1944 und endet mit Kriegsende im Jahr 1945 am gleichen Ort. Dazwischen spielt sie auf einem Bauernhof im Erzgebirge.

Die Protagonistin heißt Anna und ist 13 Jahre alt. Sie lebt bei ihrer Mutter, der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter hat (so vermutet Anna) einen neuen Partner in Onkel Erich gefunden, den sie nicht leiden kann. Annas Beziehung zu ihrer Mutter ist nicht sehr gut, denn Anna ist bei den Jungmädels engagiert und glaubt an den deutschen Endsieg. Sie verehrt den Führer. Böse registriert sie, dass immer mehr Menschen, darunter auch ihre eigene Mutter, der nationalsozialistischen Ideologie kritisch gegenüber stehen.

Als Anna wegen der Bombardierungen auf den Bauernhof von Bekannten im Erzgebirge geschickt wird, ist sie zuerst auch dort ablehnend und verschlossen gegenüber der nicht nazitreuen, sehr mutig und menschlich handelnden Bauersfamilie Waldeck. Sie glaubt, nur dem SS-Mann Dietrich trauen zu können und ist völlig entsetzt, als sie feststellt, dass sie auf dem Waldeck-Hof gezwungen ist, mit einem polnischen Fremdarbeiter an einem Tisch zu essen. Laut Nazi-Ideologie sind ausländische Fremdarbeiter Untermenschen, mit ihnen an einem Tisch zu essen, widersprach den herrschenden Gesetzen und konnte schwer bestraft werden.

Innerhalb eines Jahres, in dem vieles geschieht, ändert sich Annas Gesinnung allmählich. Sie erkennt, dass Franek, der Pole, als Mensch wie jeder andere zu respektieren ist (sie verliebt sich sogar in ihn) und dass Dietrich, der SS-Mann grausam und ungerecht handelt. Sie beobachtet genau - hier ist sehr detailliert nachgezeichnet, was in ihr vorgeht – und erkennt, dass sie getäuscht wurde, dass Hitler und seine Leute kein Vorbild sind und dass die Deutschen viele Fehler machen und gemacht haben. Die Waldecks helfen ihr durch diese Entwicklung, indem sie sie nicht mit Gewalt zu bekehren versuchen, sondern sie diesen Weg der Erkenntnis gehen lassen und sie dabei liebevoll unterstützen.

Am Ende kehrt Anna zurück in ihre Heimatstadt, die völlig zerstört ist, und findet dort ihre Mutter wieder.

Das Buch verfügt am Ende über 6 Seiten mit Sacherklärungen für Wörter, die im Text mit Stern gekennzeichnet sind. Es schließt mit einem Nachwort von Hans-Georg Noack.

 

2.               FORMALANALYSE

(Bewertung der Erzählung als Ganzes, nicht passagenbezogen!)

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist                                   heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt)

 

Die Erzählinstanz ist                                     auktorial

(Außenperspektive / Null-Fokalisierung /

       Wahrnehmungshorizont der Figuren wird überschritten.)

ZEIT

Die Erzählung verläuft                         chronologisch           

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend               zeitraffend

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft                         singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt)

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist                                  eher narrativ / berichtend / mittelbar

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

 Wort                                    Gedanke

 direkte Rede                                

 erlebte Gedankenrede

 erzählte Gedankenrede

 

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

 Ständige Bombenangriffe

 Verlust des Vaters und/oder der Mutter

 Übergriffe von Besatzungssoldaten

 Seelische Verrohung durch Nazi-Erziehung und Krieg

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

  Die Liebe zu Franek

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Das Buch wirkt auf mich realistisch. Es beschönigt nicht, sondern stellt die Verhältnisse dar, wie sie wohl wirklich waren: die zerstörten Städte, die Toten, die Zustände in den Luftschutzkellern. Auch die Übergriffe von SS-Männern auf Kriegsgefangene und unliebsame Deutsche sind nicht heruntergespielt. Ich denke, dieses Buch ist ein ehrliches Buch, das ein unangenehmes Thema aufgreift.

Schwerpunktthema ist die Verführung Jugendlicher durch die Nazi-Ideologie und die innere Entwicklung aus diesem Gefangen-Sein. Hier wird eine psychologische Seite in den Vordergrund gestellt, indem die inneren Spannungen und Kämpfe Annas mit ihrer Umwelt ausgetragen werden. Annas innere Welt wird deutlich herausgearbeitet. Anna ist ein typisches Beispiel für ein Mädchen, das nationalsozialistisch erzogen und von der Ideologie verführt wurde. Sie steht deshalb unter großen Spannungen und im Konflikt mit ihrer Umwelt, in der es fast niemanden gibt, der ihre Gläubigkeit teilt. Sowohl ihre Mutter als auch die Familie Waldeck stehen den Nationalsozialisten kritisch-ablehnend und verachtend gegenüber. Niemand glaubt an einen Endsieg außer Anna. Annas Probleme lösen sich, als sie sich auf die Erkenntnis einlässt, dass auch Fremde (in diesem Fall der Pole Franek), die von Hitler als Untermenschen definiert wurden, Menschen sind und dass auch SS-Männer, die sie als Vorbild betrachtet, unmenschlich handeln. Anna verändert sich und befreit sich von ihrer ideologischen Einbindung in ein unmenschliches System.

Entlastend wirkt, dass Anna sich in Franek verliebt, sich dadurch anderen Menschen gegenüber öffnet und andere Meinungen und Ideen an sich heranlassen kann. Entlastend wirkt das liberale Milieu auf dem Bauernhof und der Mut der Bauersfamilie. Ein ganz starker Entlastungsfaktor ist ebenfalls Annas eigene Stärke und Intelligenz, die Fähigkeit, Fehler zu erkennen und zu korrigieren.

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

In diesem Buch wird nichts ausgelassen und verschwiegen. Es ist ein ehrliches Buch, das sachlich und klar aufzeichnet, wie der Weg eines Mädchens in der damaligen Zeit verlaufen konnte, ohne Schuld zuzuweisen.

 

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht                                      weiblich
Geburtsjahr                                    1936
Die Erzählung hat eine                selbsttherapeutische Ebene

Erscheinen des Buches                  1991

Zeitlicher Abstand zum

ursprünglichen Geschehen              46 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich          spätes        Aufarbeiten.

 

5.               LESEREBENE

 Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

  Der Text richtet sich an Jugendliche (Untertitel: Jugendroman)

 

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Im Buch gibt es drei Generationen, die auf dem Waldeck-Hof zusammenleben. Besonders die älteste Generation (Oma Waldeck) nimmt kein Blatt vor den Mund. In der zweiten Generation (Berta Waldeck) ist man vorsichtiger, spricht aber auch offen mit Anna. Als diese sich später öffnen kann, hat man eine Drei-Generationen-Kommunikation.

 

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Dieses Buch trägt sehr zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei. Es zeigt auf, dass Menschen sowohl menschlich als auch unmenschlich handeln können, dass besonders Jugendliche beeinflussbar sind und die für sie verantwortlichen Erwachsenen einer solchen Beeinflussung durch ein politisches System unter Umständen hilflos gegenüber stehen. Man erfährt viel über den Konflikt, dem Anna ausgesetzt ist, und darüber, wie das nationalsozialistische System funktionieren konnte. Das Buch fordert geradezu zur Kommunikation mit der älteren Generation, die noch lebt und im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland jugendlich war, auf. Es greift ein Thema auf, das normalerweise nicht angesprochen wir. Denn nach dem Krieg sollte schnell vergessen werden, niemand wollte in der Partei oder bei der Hitlerjugend gewesen sein. Eine Generation, die sich evtl. für ihre Gutgläubigkeit schämt, erhält hier die Gelegenheit zu sagen: "Ja, so war das, und ich war auch dabei." Andere werden sich heftig wehren. Noack schreibt denn auch in seinem Nachwort "Um dieses Buch wird es Streit geben. Hoffentlich."

Das Buch trägt den Untertitel „Jugendroman“. Es ist für Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen und – meine ich – auch geeignet, da es die Frage nach dem „Wie konnte das passieren? Wie konntet ihr Hitler gut finden?“ beantworten kann. Aber auch für Erwachsene, die sich mit ihrer Jugend unter Hitler beschäftigen möchten, würde ich es empfehlen. Da es keine Schuld zuweist, bietet es die Möglichkeit zur Aufarbeitung.

( Sibylle Nagel )

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

   Ausgebombte (Verlust Familienwohnung)

   Bombardierung

   Entnazifizierung

   Ethnische Diskriminierung

   Fremdarbeit (Land, Bauern)

   Kriegsbegeisterung Kinder/Jugendliche

   Kriegsende

   Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)

   Nationalismus der Kinder/Jugendlichen

   Nationalsozialismus und Krieg

   Prägungen

   Tod des Vaters

   Umbruch Werte + Normen

   Umzüge aufs Land (Bombardierung)

   Zweiter Weltkrieg