Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Christine Lang
FIGUREN
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
Anfang Mai 1945 bis November 1945
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Sommer 1945. Der Krieg ist vorbei, aber der Frieden ist noch nicht so richtig eingekehrt. Die Menschen leiden große materielle Not , jedoch ist die Verwirrung in den Köpfen und Herzen größer. Wie geht es nach dem Tod Hitlers und dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus weiter? Was jahrelang hochgehalten und praktiziert wurde, hat von nun an allen Wert verloren. Die "Großen" sind auf einmal ganz unten, und die "Kleinen" tun erste zaghafte Schritte in Richtung Demokratie und Freiheit.
Maria erlebt diese unruhige und ungewisse Zeit mit ihrer Familie im Zillertal/ Österreich. Zwar sind sie von Bombenangriffen und Flucht verschont geblieben, doch Marias Vater befindet sich schon seit längerer Zeit im Krieg. "Bis der Herbst kommt", und der Vater da ist, wird sich - so hofft Maria - vieles geklärt haben.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).
Die Erzählinstanz ist personal / aktorial.
Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.
Die Erzählung verläuft repetitiv (einmal ereignet, wiederholt erzählt).
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Direkte Rede
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Abwesender Vater
Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen
Übergriffe von Besatzungssoldaten
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
die Heimkehr des Onkels aus dem Krieg
keine direkte Konfrontation mit dem Krieg (z.B. Bombenangriffe, Tod eines Elternteils, Flucht)
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Als Belastungsfaktor steht die Abwesenheit des Vaters im Vordergrund. Maria vermisst ihn sehr und hofft jeden Tag auf seine Rückkehr. Es wird aber nicht explizit gesagt, wie lange der Vater bereits im Krieg ist. Sein letzter Brief liegt zu Beginn der Erzählung schon sechs Monate zurück. Marias Mutter sowie ihre Großmutter müssen sich daher um alle Angelegenheiten selbst kümmern. Problematisch wird es vor allem, als der Familie nach Ende des Krieges das frühere Gehalt des Vaters gestrichen wird, und die Familie von nun an gezwungen ist, ohne eigenes Einkommen auszukommen. Daher muss sie sich nun mit den Lebensmitteln einschränken, Hunger leiden muss sie jedoch nicht. Maria setzt all ihre Hoffnung auf die Rückkehr ihres Vaters, da er dann, ihrer Meinung nach, alle Probleme lösen wird.
Ein weiterer Belastungsfaktor sind die Übergriffe von Besatzungssoldaten. Maria wird durch sie sehr verunsichert. Dies wird deutlich, als sie ihre Mutter fragt, ob sie im Krieg nun gesiegt haben oder besiegt worden sind.
Diese beiden primären Belastungsfaktoren stehen jedoch mehreren Entlastungsfaktoren gegenüber, die die Situation von Maria und ihrer Familie erleichtern. Zu den Entlastungsfaktoren zählt zunächst einmal die Tatsache, dass Maria nicht direkt mit dem Krieg konfrontiert wird, d.h. sie wird weder von Bombenangriffen bedroht, noch ist sie von Flucht und Vertreibung betroffen. Für Maria ist vor allem von Bedeutung, dass keines ihrer beiden Elternteile tot ist. Zwar ist sie von ihrem Vater getrennt und weiß nichts über dessen Schicksal, doch sie behält die Hoffnung, dass er wieder nach Hause zurückkehrt und die Familie wieder zusammenfindet.
Marias Freundin Toni hilft ihr diese unruhige Zeit zu verarbeiten. Durch sie wird Maria abgelenkt. Die beiden Freundinnen haben viel Spaß miteinander, dadurch setzen sie sich nicht ständig mit dem Krieg auseinander. Toni gibt Maria aber auch einen Einblick in die Kriegsgeschehnisse, da sie selbst von Bombenangriffen betroffen war und mit ihrer Mutter aus Wien fliehen musste. Auch der Zusammenhalt der Familie trägt dazu bei, dass Maria die Nachkriegszeit und die Abwesenheit des Vaters besser verkraftet. Dazu kommt, dass ihr Onkel aus dem Krieg heimkehrt. Dadurch behält Maria die Hoffnung, dass ihr Vater auch wieder heimkehren wird.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Entlastungsfaktoren die Belastungsfaktoren überwiegen. Maria verliert nicht die Hoffnung, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird. Die Erzählung wirkt realistisch, so dass sich der Leser ein Bild davon machen kann, wie möglicherweise die Verhältnisse während des Krieges auf dem Land waren.
LÜCKEN UND TABUS
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Die Erzählung spielt in einem ländlichen Gebiet, das von Zerstörung und Angriffen verschont bleibt. Der Leser erfährt nur etwas über die Probleme und Lebensumstände der Angehörigen des Soldaten nach dem Krieg, aber nichts über die Erlebnisse des Soldaten selbst. Auch wird nichts über die Ereignisse berichtet, die die Familie während des Krieges zu bewältigen hatte. Kriegsangriffe, Kampf und Flucht werden nicht detailliert beschrieben. Dies geht auch nicht aus den Erzählungen von Vater und Onkel hervor, die als Soldaten den Krieg unmittelbar miterlebt haben. Die Judenverfolgung und -vergasung wird überhaupt nicht thematisiert.
Die Erzählung hat andere Schwerpunkte: die Situation nach Kriegsende, die Reaktion der Menschen auf den Tod Hitlers und den Zusammenbruch des Nationalsozialismus, die Entnazifizierung, das Leben der Familie ohne den Vater.
4. AUTOR/IN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1991
Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 46 Jahre
Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es findet eine Drei-Generationen-Kommunikation statt. Es wird sowohl von der Großmutter, Marias Mutter, sowie Maria selbst und ihren Geschwistern berichtet und wie sie die Nachkriegszeit erleben.
Die Erzählung fokusiert sich auf Maria. Ihre Gefühle, Ängste und Gedanken werden beschrieben. Die Erzählung richtet sich also an Kinder, die etwa im gleichen Alter wie Maria sind, da diese sich besser mit einer Figur ihres Alters identifizieren können.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Die Erzählung geht auf die Nachkriegszeit in Österreich und die dort herrschenden Zustände ein. Der Nationalsozialismus wird also nicht aus der Sicht der Deutschen geschildert, wie dies sonst oft der Fall ist.
Es werden verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen politischen Positionen dargestellt. Darauf wird sehr detailliert eingegangen. Vor allem die Lehrerin spielt eine wichtige Rolle. Sie ist eine treue Anhängerin des Nationalsozialismus und eine Verehrerin Hitlers. Durch sie wird der Fanatismus für den Nationalsozialismus deutlich, den viele Deutsche und Österreicher zu Beginn der NS-Zeit teilten. Am Ende des Krieges, wo auch die Erzählung beginnt, haben jedoch viele Menschen ihre politische Meinung geändert, so dass die Anhänger des NS-Regimes oftmals alleine dastehen.
Marias Familie bildet den politischen Gegenpart. Sie sind froh, dass der Krieg vorbei ist und somit auch die Herrschaft des NS-Regimes. Sie freuen sich ebenfalls über den Tod Hilters. Vor allem durch Marias Meinungswechsel wird der Wandel in den Köpfen der Menschen deutlich. Früher vertrat sie ebenfalls die Ansicht, dass Neger, Russen und Zigeuner Untermenschen seien, doch seit sie den Russen Boris kennt, ändert sich dies. Sie steht öffentlich zu ihrer Meinung und verteidigt sie. Die Erzählung geht mit dieser Problematik, sowie mit den anderen Problemen dieses Zeitabschnitts sehr sachlich um, die Fakten werden nicht durch Emotionen verzerrt. Der Leser bekommt einen umfassenden Eindruck von der politischen Situation und den damit einhergehenden Folgen.
Durch die vielen erklärenden Elemente wird den jungen Lesern der Zugang zu diesem wichtigen und bis heute viel diskutierten und thematisierten Teil der deutschen und österreichischen Geschichte erleichert. Trotzdem wird die Erzählung bei vielen Kindern und Jugendlichen Fragen aufwerfen, bei deren Aufarbeitung sie Hilfe brauchen werden.
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)
Ausfall Unterricht/Schule
Entnazifizierung
Gesellschaft der Gleichaltrigen
Heizprobleme
Kriegsende
Nachkriegszeit
Rückkehr in die "Normalität"
Schule und Unterricht im Krieg
Sozialpolitik im Krieg
Übergänge Krieg-Frieden
Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)
Umbruch Werte + Normen
Zweiter Weltkrieg