AUTOR/IN:                          Schwarz, Annelies

TITEL                                 Wir werden uns wiederfinden.

SUBTITEL                          Die Vertreibung einer Familie.

Erstausgabe/Erscheinungsjahr         1981 (Erstausgabe)

Verlag                                                 dtv, München

Geburtsjahr Autor/in                           1938

Geburtsort Autor/in                             Trautenau, Böhmen

 

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur                              Liese (6 Jahre)

 weiblich

Familienmitglieder                   Mutter, Großmutter, Christl (Schwester, 7 Jahre)
                                             Wolfgang (Bruder, 3 Jahre), Vater (Soldat, abwesend)
Weitere wichtige Figuren         Pavelka (tschechischer Bauer)

Mariechen (Haushaltshilfe, 14 Jahre)

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort                      Das Dorf Oberprausnitz in Böhmen, 25 km südlich
                                             von Trautenau, und der Ort Gößnitz in Thüringen

Zeitangabe/Jahr(eszeit)           Herbst 1944 bis Sommer 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Das Buch beginnt mit einem Vorwort auf zwei Seiten, das historisch-politisches Hintergrundwissen zur Republik Tschechoslowakei, zur Beziehung der deutschen und tschechischen Bevölkerung und zur Vertreibung der Deutschen im Jahre 1945 für kindliche Leser zusammenfasst. Das Vorwort weist bereits auf die "wahre Geschichte" der Hauptfigur "Liese" der nachfolgenden Erzählung hin und bietet zur Verfolgung des Fluchtweges der Familie und zum Verständnis der Entwicklung der Ländergrenzen von 1918 bis 1945 vier gezeichnete Landkarten an.

In der auf 99 Seiten folgenden Erzählung wird in 25 Abschnitten die Geschichte von Liese und ihrer Familie in den Jahren 1944 und 1945 erzählt: vom Leben im Dorf gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, von den Flüchtlingszügen, die aus Schlesien kommen und durch das Dorf ziehen, dem Einmarsch der Russen, der Diskriminierung der Deutschen, der Vertreibung von Lieses Familie aus ihrer Heimat. Liese ist die Erzählerin ihrer Dorfkindheit, ihrer Eindrücke und Erfahrungen während der Vertreibung und ihres Wartens auf den Vater, der Soldat ist. Einen großen Teil von Lieses Erzählung nimmt die Beschreibung des Dorfes, in dem Tschechen und Deutsche konfliktfrei und sogar freundschaftlich zusammenleben, ein. Das Leben vor der Vertreibung wird weitgehend unproblematisch dargestellt, die Menschen als gut und hilfsbereit gesehen, die Vertreibung als einschneidendes Ereignis, das weder von den Deutschen noch von den mit ihnen befreundeten Tschechen gewollt ist. Die Zeit der Flucht bis zur Ankunft in Thüringen ist schwer und von Hunger, Krankheit, Angst und Heimweh geprägt. Der Text endet mit der Ankunft des Vaters ("nun war alles gut") und dem Ausblick auf eine Zukunft in einem eigenen Zuhause.

Auf der letzten Seite wird kurz auf die Gegenwart Bezug genommen und darauf hingewiesen, dass auch heute noch in vielen Krisengebieten der Erde Flüchtlingsströme unterwegs sind und dass darunter Kinder sind, die auf Hilfe warten. Der Text erhebt hier den Anspruch, aufzuklären und zu mahnen, dass alle Menschen friedlich zusammenleben sollten.

 

2.               FORMALANALYSE

(Bewertung der Erzählung als Ganzes, nicht passagenbezogen!)

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist                                   homodiegetisch (als Figur beteiligt)

in der Rolle der

 der Tochter

 weiblich

 

Die Erzählinstanz ist                                   Ich-Erzähler

 der eigenen Geschichte (Zentralstellung)

 personal / aktorial

( Innenperspektive/ Interne

Fokalisierung / Wahrnehmungshorizont der Figur(en) bleibt

gewahrt.)

Intradiegetische Erzählinstanzen?        Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft                         chronologisch           

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend               zeitraffend

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft                         singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt)

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist                                  eher narrativ / berichtend / mittelbar

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

 Wort

 direkte Rede

 

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

 Abwesender Vater

 Stufe 1: Zeitweilige väterliche Abwesenheit und beschränkte Lebensbedingungen

 Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

 Flucht und/oder Vertreibung

 Übergriffe von Besatzungssoldaten

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

  Starke Mutter und Großmutter , Zusammenhalt der Frauen innerhalb der Familie

 Liebevoller, offener Umgang der Erwachsenen mit den Kindern

  Gutes Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen im Dorf Prausnitz

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Für das Mädchen Liese beginnt mit der Vertreibung eine schlimme Zeit. Sie erfährt Krankheit, Hunger und Heimatlosigkeit am eigenen Leib. Die Entlastungsfaktoren sind jedoch so stark, dass Liese alle Belastungen relativ gut verkraftet. Die Einbindung in eine positive, funktionierende Familie und Gemeinschaft bildet hier ein starkes Fundament, auf dem das Mädchen stehen und trotz aller Schrecken sich wieder erholen kann. Liese erzählt sachlich und in keinster Weise negativ von Erfahrungen und Menschen. Selbst wenn es sich um bittere Eindrücke handelt, gibt sie sich Mühe, nicht negativ zu berichten und Verständnis zu entwickeln.

Da der Text autobiografische Bezüge aufweist, kann durchaus sein, dass Liese ihre Welt so erlebt hat, wie sie sie darstellt. Diese Erfahrung jedoch auf die Beziehung zwischen Tschechen und Deutschen im allgemeinen zu übertragen, dürfte als beschönigende Darstellung angesehen werden. Der sehnsüchtige Blick auf die Heimat ist verklärend und bietet eine idyllische Welt, in der es nur gute, verständige Menschen gibt. Diese Darstellung ist zwar schön und lässt die schlimmen Erfahrungen verblassen, indem starke Entlastungsfaktoren angeboten werden, jedoch ist höchst unwahrscheinlich, dass sie der Realität entspricht.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Es wird erzählt, warum die Probleme zwischen Tschechen und Deutschen bestanden, über die Hintergründe der Vertreibung der Sudetendeutschen aufgeklärt und ab und zu erwähnt, wie die Erwachsenen die Nazis sehen. Deren Einstellung ist durchaus kritisch, ihr Verhalten jedoch wird als angepasst beschrieben und nicht hinterfragt. Der Grund für die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen wird hier nur zurückgeführt auf lange Jahrzehnte vorangegangener historischer Entwicklung. Immerhin wird angedeutet, dass sowohl von deutscher als auch von tschechischer Seite verschiedentlich Macht ausgenutzt wurde. Dass aber speziell das Verhalten der deutschen Soldaten und der Nationalsozialisten und der Holocaust für die Vertreibung eine Begründung lieferte, wird nicht herausgearbeitet und nicht einmal erwähnt. Die Gräueltaten der Nazis und Deutschen im Lande nach der Machtübernahme werden dadurch heruntergespielt. Es heißt auf Seite 5 lediglich: "In den letzten Jahrzehnten hatten sich die Spannungen verschärft und zu politischen Entscheidungen geführt, die ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben der Tschechen und Deutschen auf das Äußerste gefährdeten." Liese macht sich auch keine Gedanken darüber, was der Vater im Krieg tut, was angesichts der Tatsache, dass sie zu allen anderen Themen sehr viele Fragen stellt und dass im allgemeinen in der Familie andere Menschen sehr sensibel wahrgenommen werden, verwundert. Dass der Vater als Soldat Mitverantwortung für die Geschehnisse trägt, ist nicht Thema. Man könnte annehmen, dass Liese nichts über dessen Taten und die NS-Zeit erzählt, weil sie mit 6 Jahren noch zu jung ist und diese Zeit nicht bewusst erlebt hat. Dem ist entgegenzuhalten, dass in den Bericht des Mädchens sehr viele andere Tatsachen einfließen, die eine Sechsjährige wohl kaum wahrgenommen haben dürfte, und dass dieser Themenkreis anscheinend bewusst ausgespart wird.

Warum, ist nicht leicht zu beantworten, da zu prüfen ist, ob eine Auseinandersetzung mit dem NS-Thema grundsätzlich vermieden werden soll. Meiner Meinung nach ist das nicht der Fall. Der Text ist nicht ideologisch gefärbt und lässt weder eine antitschechische Haltung noch Unversöhnlichkeit und Haß erkennen, enthält auch nicht die Forderung nach Wiederherstellung früherer Verhältnisse. Man kann deshalb davon ausgehen, dass der Schwerpunkt anders gesetzt werden sollte. Das thematische Gewicht liegt auf den Erfahrungen eines Kindes während der Vertreibung in der Nachkriegszeit und auf dem Bedauern der fehlenden Möglichkeit friedlichen Miteinanders.

 

4.               AUTOR/IN

Geschlecht                                      weiblich
Geburtsjahr                                    1938
Die Erzählung hat eine                     autobiografische Prägung

Beginn der Aufarbeitung/

Erscheinen des Buches                  1981

Zeitlicher Abstand zum

ursprünglichen Geschehen              36 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich          spätes        Aufarbeiten.

 

5.               LESEREBENE

 Der Text richtet sich an Kinder.

 Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

 

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Die Autorin Annelies Schwarz hat drei Kinder, denen sie dieses Buch gewidmet hat. Hier wird also eine Zwei-Generationen-Kommunikation von der älteren Generation in Angriff genommen oder zumindest angedeutet. Das Vorwort und die letzte Seite sind ebenfalls als erklärende Textteile zur Einleitung einer Kommunikation mit der Nachfolgegeneration zu verstehen. Die älteste Generation bleibt ausgenommen: Eine Auseinandersetzung der Hauptfigur und Erzählerin Liese mit der Elterngeneration findet deswegen nicht statt, da die Beziehung zu diesen im Text als nicht problematisch beschrieben wird bzw. die Erwachsenen als schuldlos geschildert werden. Vielmehr sind die Familienangehörigen "gute" Menschen, die sich dem Mädchen Liese nicht konfliktreich darstellen und die genauso Opfer sind wie sie selbst. Die Frage nach den Taten des Vaters, der Soldat war, wird nicht gestellt, der Text bricht an der Stelle der Rückkehr des Vaters ab. Die Kommunikation Lieses mit der Mutter wird allerdings als offen beschrieben. Die Familie und Freunde geben auf Fragen des Kindes nach den Nazis Antworten, die als kindgerecht angesehen werden können (S. 21/22).

Der Text ist als Aufklärungstext für die eigenen und andere Kinder gedacht, deshalb auch das einführende Vorwort mit historischen Hinweisen und Landkarten. Es geht der Autorin offensichtlich darum, möglichst wertneutral darzustellen, was vor und während der Vertreibung passiert ist und auf welche Weise sowohl Deutsche als auch Tschechen schuldig geworden sind. Den Deutschen wird damit die unmittelbare Schuld der damaligen Zeit abgenommen. Die Erzählung bietet bezüglich der tschechischen Bevölkerung einen eher versöhnlichen Unterton an und formuliert nicht die Auseinandersetzung mit verbliebenen Konflikten.

 

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Annelies Schwarz hat ihr Buch "Wir werden uns wiederfinden" in behutsam erklärender Sprache für Kinder geschrieben. Wohl auch deshalb findet man darin eher die weichen und versöhnenden Töne. Meiner Meinung nach ist das Buch sehr gut dafür geeignet, Kinder von etwa 8 bis 12 Jahren in die Problematik einzuführen, da es wertneutral bleibt, nicht dramatisiert und nur den Gedanken des Friedens übertragen will. Die problematische Erfahrung der Vertreibung wird hier von einer Autorin geschildert, die sich offensichtlich bereits mit der Vergangenheit versöhnt hat und nicht von Haß und Rachegefühlen getrieben wird. Das Buch ist wegen der einzeln lesbaren Abschnitte ein gutes "Vorlesebuch" (auch für die Schule) und bietet die Möglichkeit zu einem anschließenden Gespräch zwischen Eltern (oder Lehrern) und Kindern. Die Probleme der Vertreibung werden ehrlich angesprochen (Beispiel: Verfrachtung in Waggons), jedoch die Umstände nicht ganz so drastisch dargestellt, wie sie tatsächlich waren (z.B. Toilettensituation). Kinder können sich deshalb ohne die Gefahr eines Schocks mit dem Thema beschäftigen und werden nicht unnötig mit geschichtlichen Hintergründen belastet. Diese sollten jedoch in der Kommunikation, die sich anschließt, auf Dauer nicht ausgelassen werden.

Ob das Buch für heutige Jugendliche (erschienen 1981 in dtv junior: die Reihe für junge Menschen, die mitdenken wollen) attraktiv ist, wage ich anzuzweifeln. Die Sprache des Buches ist eher erklärend in didaktischer Absicht, stellenweise wird sie heute sicherlich moralisierend und verklärend auf Jugendliche wirken und keinen Dialog auf gleicher Ebene einleiten. Sie fordert auch nicht ausdrücklich zur politischen und kritischen Diskussion auf, spricht keine Kanten und Ecken an, sondern glättet. Sie zeichnet ein idyllisches Familienbild, das vor dem Hintergrund der harten Erfahrungen im Jahr 1945 und aufgrund des heutigen Wissens um die Geschehnisse auf Jugendliche unrealistisch und fragwürdig wirken muss. In einer Rezension Heinrich Pletichas von 1982 wird die Figur des Pavelka als Identifikationsfigur für Jugendliche bezeichnet: er mache Mut. Doch die Frauen um Liese und das Verhältnis der Familie untereinander sind derart positiv dargestellt, dass viele Jugendliche dem gezeichneten Bild widersprechen dürften. Die gezeichnete Klarsichtigkeit in Richtung der Nazis und die deutliche Formulierung der Einstellung innerhalb der Familie lässt angesichts der sich einordnenden Haltung zumindest die zweifelnde Frage entstehen: War das wirklich alles so? Wir wissen heute, dass nach dem Krieg plötzlich niemand mehr für die Nazis gewesen sein wollte. Wir wissen auch, dass besonders im böhmischen Raum die Nazis geradezu als Befreier angesehen und bejubelt wurden.

Dennoch: gerade die hier entstehenden Fragen regen zu einer Diskussion an. Das Buch trägt deshalb meiner Meinung nach zu einer Kommunikation zwischen Nachkriegs- und Folgegeneration bezüglich der damaligen Erlebnisse bei.

(Sibylle Nagel)

SEKUNDÄRLITERATUR

·         Pleticha, Heinrich: A. Schwarz: Wir werden uns wiederfinden. In: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 27.3.1982.

·         Leykan, Ellen: Die Vertreibung einer Familie. In: WESER-KURIER vom 30. Juni 1982.

·         Fragen zum Jugendbuch: "Wir werden uns wiederfinden". Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 und 8. In: Ausschreibungsheft des Schülerwettbewerbs 1990/91 des Landes Hessen: Aufbruch in ein neues Europa. Deutsche, Tschechen und Slowaken". Wiesbaden 1990, S. 11.

·         Preisausschreiben: Grundlage: A. Schwarz, Wir werden uns wiederfinden. In: Schülerwettbewerb 1987/88 des Landes Nordrhein-Westfalen "Vertreibung in Mittel- und Osteuropa". Unna 1987, S. 15-16.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

   Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

   Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf

   Familien-Trennungen/Rearrangieren

   Flucht und Vertreibung

   Gesundheitsprobleme der Kinder

   Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung

   Lehren aus dem Krieg

   Migration von Familien und Kindern

   Nachkriegszeit

   Rückkehr in die "Normalität"

   Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)

   Vertriebene (Verlust Nachbarschaft)