Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Ruth Thielmann
FIGUREN
Anna Chochowas (russische Zwangsarbeiterin in Bredenbrock, Ännchen freundet sich mit ihr an)
Sergej (russischer Zwangsarbeiter, Ännchen flieht mit ihm)
Dr. John Blackwood (britischer Militärarzt, sorgt sich am Kriegsende um Ännchen und Sergej)
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Die 14-jährige Ännchen Schwalbe lebt mit ihren Eltern während der Zeit des Nationalsozialismus in Lüneburg. Der Vater hat eine Buchhandlung und wird im Herbst 1943 von der SS abgeholt, nachdem er im Schaufenster seines Ladens verbotene Bücher jüdischer Autoren mit einem gelben Judenstern hervorgehoben hat. Die Mutter macht sich auf die Suche nach ihm und kommt bei einem Bombenangriff auf Hamburg ums Leben. Der Bruder Christian ist Soldat und wird als in Russland vermisst gemeldet. Ännchen wird von der Bauerfamilie Fritsche aus Bredenbock aufgenommen und sie fühlt sich dort sehr wohl. Unter anderem lernt sie Anna Chochowas, eine russische Zwangsarbeiterin, kennen und freundet sich mit ihr an. Auf Annas Hof arbeitet auch Sergej, ein 17-jähriger russischer Zwangsarbeiter, als Schafhirte.
Als Ännchen erfährt, dass die SS alle männlichen Zwangsarbeiter aus dem Dorf abholen will, beschließt sie Sergej bei der Flucht zu helfen. Es ist ein kalter Winter und zusammen kämpfen sie ums Überleben. Sie müssen über ihr eigenes Gewissen hinwegschauen und um Essen betteln, stehlen und auch Morden und schlafen in Heuschobern und Waldhütten. Alle Erlebnisse und Ereignisse nehmen sie wahr und verdrängen sie doch zugleich und kämpfen sich weiter - von Tag zu Tag.
Nach Kriegsende und 62 Tagen Flucht werden Ännchen und Sergej fast verhungert und völlig entkräftet von dem britischen Militärarzt Dr. John Blackwood aufgegriffen. Er sorgt sich um die Beiden und bringt sie wieder zu Kräften. Sergej geht in ein russisches Lager um endlich wieder in sein Heimatland zu kommen und Ännchen findet in Lüneburg ihren Vater wieder, der kurz zuvor aus dem Lager gekommen ist.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).
Die Erzählinstanz ist personal / aktorial .
Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja Nein
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Direkte Rede
Erlebte Rede
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Flucht und/oder Vertreibung
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Kameradschaft zwischen Ännchen und Sergej
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Das Buch handelt hauptsächlich von der Flucht Ännchens und Sergejs und den Entbehrungen (Hunger, Unterernährung, Krankheit) und tragischen Erlebnissen der Beiden während dieser Flucht. Die Flucht wird für den Leser vom dem Autor Hermann Schulz sehr anschaulich beschrieben. Ohne Beschönigungen beschreibt Hermann Schulz die Verwahrlosung und die Erlebnisse der Beiden und die Kameradschaft zwischen Ännchen und Sergej. Am Ende der Handlung kommt es für Ännchen zu einer teilweisen Versöhnung, da sie in Lüneburg ihren Vater wieder trifft. Aber in wie weit man sich von solch einer harten Flucht seelisch und körperlich versöhnen und erholen kann, ist fraglich.
LÜCKEN UND TABUS:
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Von genauen politischen Ereignissen und Gegebenheiten, z.B. dem Ende des Krieges und dem Sieg der Alliierten, wird in der Handlung nicht berichtet. Nur an den Geschehnissen (z.B. "Totenhaus" in dem sich deutsche Wehrmachtsoffiziere selber vergiftet haben, Treffen auf Dr. Blackwood) ist die Niederlage Deutschlands zu erkennen. Dies kommt daher, dass Ännchen und Sergej während ihrer Flucht über politische Ereignisse nichts Genaueres mitbekommen.
4. ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 2002
Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: ca. 57 Jahre
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es handelt sich um eine 2-Generationen-Kommunikation. Der Autor Hermann Schulz erzählt Jugendlichen von der Flucht zweier Jugendlicher kurz vor Kriegsende des Zweiten Weltkrieges.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Der Autor Hermann Schulz beschreibt anschaulich und ohne Ausschweifungen oder Beschönigungen die harte Flucht von Ännchen und Sergej. Für die Generation der Leser, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat, ist es erschütternd und erschreckend, dass solche Ereignisse während der nationalsozialistischen Macht und des Zweiten Weltkrieges, die erst vor ca. 55 Jahre endeten, geschehen sind. Es ist für den Leser schwer vorstellbar, wie Ännchen und Sergej 62 Tage im Winter auf der Flucht überlebt haben und nicht entdeckt worden sind.
Die Situationen und Empfindungen, die Ännchen und Sergej bei ihrer Flucht durchmachen, sind von dem Autor klar und schlicht beschrieben und rührend dargestellt. Der Mut Ännchens und Sergejs wird aufgezeigt und wie sie immer wieder an ihre Grenzen stoßen und doch um zu Überleben weiterkämpfen. Dennoch gibt es auch immer wieder Augenblicke, die beide zum Lachen bringen.
Unklar bleiben der überraschende Entschluss und die Beweggründe Ännchens, die Flucht zu organisieren und mit Sergej, den sie vorher kaum kannte, zu fliehen. Sie flieht nicht mit Sergej, sondern für ihn, denn obwohl es für Ännchen keinen Grund zur Flucht gibt, rettet sie Sergej damit das Leben und bringt ihr eigenes in Gefahr. "Auch viel später hätte sie [Ännchen] nicht erklären können, warum sie nicht einfach auf den Fritsche-Hof zurückgekehrt war. Es wäre einfach gewesen" (S.87).
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Beschaffungskriminalität durch Kinder
Bombardierung
Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf
Ernährungskrise
Ethnische Diskriminierung
Flucht und Vertreibung
Fremdarbeit (Land, Bauern)
Gefängnisaufenthalt/Internierung Eltern
Gesellschaft der Gleichaltrigen
gesundheitliche Langzeitfolgen
Gesundheitsprobleme der Kinder
Kindervergewaltigung
Kleidungsprobleme
Mangelernährung
Nationalsozialismus und Krieg
Tod der Mutter
Veränderte Persönlichkeit
Zweiter Weltkrieg