Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Dorota Nowicka
Erstausgabe/Erscheinungsjahr Juli 2003 Muenchen
Verlag C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag
Geburtsort Autor/in
FIGUREN
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Nele lernt bei einer Reise nach Danzig die ältere Polin Ewa Hofmeister kennen. Ewa erzaehlt Nele's Clique ihre Lebensgeschichte.
Ewa wuchs in einer harmonischen, polnischen Familie in Danzig auf.Sie war mit ihrer deutschen Nachbarin, Marianne, befreundet und in Mariannes Bruder,Horst, verliebt. Ab 1933 änderten sich die Verhältnisse .Die Machtzunahme der NSDAP unter ihrem Führer Forster brachte Juden und Polen in Danzig immer mehr in Bedrängnis. Ewa erlebte mit ihren Eltern und Geschwistern Diskriminierungen und Bedrohungen. Sie schloss sich den polnischen Pfadfindern an, um den Provokationen von HJ und BDM nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Am 1.September 1939, dem Tag des Kriegsbeginns, wurde Ewas patriotischer Vater verhaftet und ein halbes Jahr spaeter im KZ Stutthof nahe Danzig ermordet. Letzte Sicherheit über den Tod des Vaters erfuhr Ewa allerdings erst 1945. Die Familie wurde aus Danzig ausgewiesen, lebte vorübergehend nahe der russischen Grenze und schlug sich 1941 nach Warschau durch. Hier trat Ewa der geheimen polnischen Heitmatarmee bei und kämpfte im Untergrund gegen die Nazis. Sie schrieb Flugblaetter und Artikel für den "Klabautermann", nahm an Sabotageaktionen teil. Im Oktober wird der Widerstand gebrochen. Ewa und ihre Schwester werden vom Rest der Familie getrennt und deportiert. Doch die Schwestern entkommen und flüchten nach Danzig. In Luftschutzkellern und Bunkern erlebt Ewa den Sieg den Allierten über die Deutschen. Auch nach der Befreiung erfährt sie Hunger und Elend, muss mit vielen Todesnachrichten umgehen. Oft hing ihr Leben an einem seidenen Faden. Doch Ewa bleibt integer und kämpft weiter gegen Unrecht. 1983 schliesst sie sich der "Solidarnosc" an.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt).
Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).
Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitdehnend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Direkte Rede
Autonomer innerer Monolog
Erlebte Gedankenrede
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Abwesender Vater
Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen
Ständige Bombenangriffe
Trennung von Mutter und Geschwistern
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Flucht und/oder Vertreibung
Übergriffe von Besatzungssoldaten
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Die kulturellen Veranstaltungen, polnische Feiertage als ein Ventil,um die widrigsten Umstaende auszuhalten und allen durchzustehen ("Trotz der widrigsten Umstaende wollten wir nicht auf Kultur verzichten, und natuerlich waren die kulturellen Veranstaltungen ein Ventil, um das alles ueberhaupt auszuhalten und durchzustehen. Nicht zuletzt wollten wir uns amuesieren. wir veranstalteten Tanzbaelle, spielten Platten mit Swing und Jazz, eine Musik, die die Nazis als "Neggermusik " diffamierten (...)"
Die unerwarteten Begegnungen mit alten Freunden , die sich als "Schutzengel "erweisen
Glaube an den allmaechtigen Gott und das Gefuehl des Vertrauens zu ihm ,ungebrochene Vaterlandstreue/ Liebe und revolutionaere Begeisterung , der alles andere unterordnet wurde
Einsatz in der AK ( Heimatarmee) ("Der Einsatz in der AK verwandelte mich in ein frohes , unternehmungslustiges Maedchen.Ich schob alles Negative einfach yur Seite. Meine Sache war der Kampf gegen die Nazis und und die Ueberzeugung , dass es nicht einfach sein wird und ich zaehe Geduld brauche"(...) )
Die Liebe zu Jan und Umgang mit Freunden und Familie (u.a.Pater Mikos, der die Beichte in Polnisch abhielt, ein alter Freund der Familie war und der Ewa den Vater ersetzte -" er war vier Jahre juenger als Papa und spielte ebenfalls Geige. In der letzten Zeit kam er immer oefter zu uns , um mit uns zu musizieren , zu feiern oder auch nur ien Schwaetzchen zu halten (...) )
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Ewa Hofmeister erlebte eine schreckliche Zeit. Es war eine Zeit , in der Freude und Schmerz dicht beieinander lagen.Obwohl die Belastungsfaktoren im Vordergrund stehen und die Lebensumstände beherrschen, wiegen positive Geschehnisse , Gefühle , Zufälle negative auf. "Es war unglaublich, wie häufig das Leben damals von irgendwelchen Zufällen oder glücklichen , beziehungsweise unglücklichen Umstaenden abhing".
Die Erfahrungen, denen Ewa ausgesetzt war, haben aus ihr keinen gebrochenen, sondern einen starken, widerstandsfähigen Menschen gemacht .Die Entlastungsfaktoren waren für sie eine Quelle der Motivation, Freude , Begeisterung, gaben ihr stets einen Schuss des neuen Lebenswillens. Auf diese Weise konnte sie sich wieder regenerieren und ihr Leben weiter leben . Die Darstellung wirkt realistisch auf den Leser und es scheint nichts beschoenigt zu sein.
Obwohl die furchtbaren Erfahrungen in Ewas Gedächtnis haftenbleiben, erweckt sie den Eindruck, sich mit dem Schicksal abgefunden zu haben. "Für mich war das alles furchtbar. Der Krieg war zwar vorbei und die Nazis waren veschwunden, aber Jan und mein Papa lebten nicht mehr und auch mein Grossvater war tot. Andererseits traf uns die Bestätigung der Todesfälle nicht unvorbereitet, wir mussten uns damit abfinden."
"Nele registrierte wie Ewas Hofmeisters Augen strahlten. Sie dachte bewundernd, dass Frau Hofmeister achzig Jahre alt war, aber nie aufgehört hatte, sich zu engagieren."
LÜCKEN UND TABUS:
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
4. ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 2003
Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an die Generation des Autors.
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Das Buch ist geschrieben nicht nur fuer Jugendliche, sondern auch fuer Erwachsene und die Geschichte ist dementsprechend aufgearbeitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Im Buch findet eine Drei-Generationen-Kommunikation, wie auch eine Art deutsch-polnische Kommunikation statt. Nele und ihren Freunden, die die heutige, junge Generation repräsentieren, wird eine Geschichte erzählt, die in grossen Zügen der Biografie einer heute achtzigjährigen Polin folgt (Das Buch folgt der Biografie von Frau Buzimira Wojtalewicz-Winke, die dem Autor ausführlich ihre Lebensgeschichte erzählte). Das Buch beginnt zunächst wie ein Allerwelts-Jugendroman von heute, und entpuppt sich weiter als spannend aufgearbeitete Geschichte, die mit historischen Hintergründen und Fakten gewürzt wird. Durch die verschiedenen Erzählebenen - die der Rahmenhandlung und die der Ich -Erzählung, gelang es dem Autor Dieter Schenk, spannend und dabei authentisch über ein Stück deutscher und polnischer Vergangenheit zu berichten. Das Buch spricht den jungen Menschen von heute an, der sich zum Beispiel mit der deutsch-polnischen Geschichte befasst (der Bogen in die jüngste, polnische Geschichte ist glaubwürdig gespannt und gibt der Lebensgeschichte von Ewa eine Kontinuität, ein "Kleines Wörterbuch schwieriger Begriffe" am Ende des Buches trägt zum besseren Verständnis der beschriebenen Ereignisse bei.
Weiterhin kann man in der Erzählung die Absicht des Autors sehen, an einem Einzelschicksal dem heutigen Menschen, der es mit dem normalen Verstand nicht begreifen kann, deutlich zu machen, wie es möglich war, dass die Schergen von SS und Gestapo in drei Monaten des Herbstes 1939 im Rahmen ihres Programms zur Vernichtung der polnischen Intelligenz allein in der Region Danzig 60 000 Menschen ermordeten. Die Mitglieder der älteren Generation schliesslich, die möglicherweise in den beschriebenen Ereignissen ihre eigene Lebensgeschichte berichtet finden , fühlen sich sicherlich auch angesprochen .
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Der Dialog mit der Folgegeneration ist sehr positiv zu beurteilen. Die jungen Menschen zeigen ein grosses Interesse, Neugier und Begeisterung fuer die Vergangenheit (sie stellen Ewa Hofmeister viele Fragen und bedrängen sie foermlich weiterzuerzählen ). Es ist tatsächlich "heftig", was zu dieser Zeit passiert ist und was dort alles "abgegangen ist" auf den Strassen.
Das Buch trägt auch in gewisser Hinsicht zu der deutsch -polnischen Verständigung bei. ("Das war kurz vor Weihnachten 1985. Zwei Jahre später habe ich geheiratet.
"Mann!", rief Basti dazwischen, "einen Deutschen"? Frau Hofmeister sah ihn lächelnd an. "Ich habe mich oft gefragt: was würde mein Vater dazu sagen, dass ich einen Deutschen geheiratet habe, wo er doch durch die Deutschen soviel gelitten hat und von den Nazis ermordet wurde.Ich glaube, er würde einen Unterschied machen zwischen den Verbrechern damals und den Menschen heute (...)" )
Man kann auch dem Buch ein paar pädagogische Ideen fuer spannenden Geschichteunterricht entnehmen ( Ausflüge zu den Plätzen , die geschichtlich wichtig sind, Einladungen von Zeitzeugen etc.)
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)
Familien-Trennungen/Rearrangieren
Flucht und Vertreibung
Fremdarbeit (Land, Bauern)
Gefängnisaufenthalt/Internierung Eltern
Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung
Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)
Nachkriegszeit
Rückkehr in die "Normalität"
Tod des Vaters
Zweiter Weltkrieg