Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Anja Fietzek
FIGUREN
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
Kurz nach Ende des Krieges, im Frühling 1945
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Die siebzehnjährige Christine arbeitet als Krankenschwester in einem von ihrem Vater errichteten provisorischen Notspital für befreite ungarische Juden. Sie, ihr Vater, drei weitere Ärzte aus Budapest und Freiwillige aus dem Dorf pflegen dort die halb verhungerten Kranken mit den wenigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Christines anfängliche Angst vor den Baracken und den mageren Kranken schwindet, als sie anfängt Freundschaften zu ihnen aufzubauen. Durch mangelnde Hygiene und fehlende Medikamente bricht jedoch das Fleckfieber im Lager aus, an dem auch ihr Vater erkrankt und stirbt. Sie jedoch überwindet diese Krankheit, muss jedoch bald darauf Abschied nehmen von den neu gewonnen Freunden, die zurück in ihre Heimat gebracht werden.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.
Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler.
Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend.
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).
Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Erlebte Gedankenrede
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
die Beziehung zu ihrem Vater
die Beziehung zu ihrer Mutter, nach dem tod ihres Vaters
die Freundschaften zu den Patienten im Notspital
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Die Nachfolgen des Krieges stehen in diesem Buch im Vordergrund. Käthe Recheis schildert sehr realistisch z.B. den schlechten Gesundheitszustand der befreiten Kriegsgefangenen um die sich Christine im Notspital kümmert. In diesem Zusammenhang spielt zusätzlich die schlechten Versorgungsmöglichkeiten der unterernährten Patienten eine große Rolle. Dieser Belastungsfaktor wird jedoch durch die Hilfe des Kommandanten entlastet. Wichtig jedoch scheint auch der Opfer- Täter Konflikt und der Umgang mit dem Tod.
Käthe Recheis beschreibt die Folgen der Nachkriegszeit des grausamen Krieges und die unmenschliche Behandlung der Kriegsgefangenen sehr realistisch, ohne zu beschönigen und trotzdem gewinnt der Leser nicht den Eindruck, dass Belastungsfaktoren übermächtig werden.
LÜCKEN UND TABUS
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Welche Beziehung hatten Dr. Mamor und die Mutter von Christine zueinander? Diese Beziehung bleibt unklar und wird nur kurz angesprochen.
Weiterhin wird nicht näher auf die Konzentrationslager eingegangen. Die Patienten erzählen nicht, was ihnen in der Zeit der Gefangenschaft widerfahren ist.
4. AUTOR/IN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1964
Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 19 Jahre
Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt zwischen den Jugendlichen - hier Christine, die 1945 siebzehn Jahre alt ist - und ihren Eltern. Der Schwerpunkt dieses Buches sind nicht die Kriegsjahre, sondern die Nachkriegszeit. Somit werden hauptsächlich die Personen angesprochen, die die Nachkriegszeit bewusst miterlebt haben.Wie gehen die beiden Generationen mit der Last des Krieges um?
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Der Dialog mit der Folgegeneration spielt meiner Meinung nach in diesem Buch insofern eine wichtige Rolle, wenn es um die Frage geht, wie die Nichtjuden mit der Nachkriegszeit umgegangen sind. Wie haben sich Menschen, die von den Konzentrationslagern wussten, nach dem Krieg verhalten. Christine erzählt z.B. dass der Grund für ihre Arbeit in dem Notspital eine Begegnung mit einem Juden aus einem KZ ist, dem sie nicht geholfen hat. Hier wird deutlich, dass auch ein schlechtes Gewissen der Grund für ihre Hilfe ist. Das Buch spricht nicht die Problematik der Kriegsjahre an, so wird z.B. nicht von den Geschehnissen in den KZ erzählt, es geht vielmehr um die Verarbeitung der Kriegs- und Nachkriegszeit. Dieses Buch könnte meiner Meinung nach zu einer Kommunikation über das Verhallten der Menschen nach den Krieg beitragen. Wie sind sie mit der Last des Krieges und ihren Wissen über die Grausamkeiten umgegangen?
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Arbeitseinsätze in Schulen, Verbänden
Epidemien (Polio, Meningitis, Scharlach)
Ernährungskrise
Heizprobleme
Kleidungsprobleme
Nachkriegszeit
Rückkehr in die "Normalität"
Tod des Vaters
Übergänge Krieg-Frieden