Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Anja Fietzek

AUTOR/IN:                                         Recheis, Käthe

TITEL                                                 Geh heim und vergiss alles

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       ( 1964 unter dem Titel "Das Schattennetz" )

                                                                        1981

Verlag                                                           Herder

Geburtsjahr Autor/in                                       1928

Geburtsort Autor/in                                        Engelhartszell

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Christine, weiblich

Familienmitglieder
Vater, Mutter
 
Weitere wichtige Figuren
Der Soldat Penny, die Kranken Michael, Jari, Imre und Lajos, Krankenschwester Lucy, der Arzt Dr. Mamor und der amerikanische Kommandant

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Das Notspital (Barackenlager)
Das Elternhaus von Christine

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

Kurz nach Ende des Krieges, im Frühling 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Die siebzehnjährige Christine arbeitet als Krankenschwester in einem von ihrem Vater errichteten provisorischen Notspital für befreite ungarische Juden. Sie, ihr Vater, drei weitere Ärzte aus Budapest und Freiwillige aus dem Dorf pflegen dort die halb verhungerten Kranken mit den wenigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Christines anfängliche Angst vor den Baracken und den mageren Kranken schwindet, als sie anfängt Freundschaften zu ihnen aufzubauen. Durch mangelnde Hygiene und fehlende Medikamente bricht jedoch das Fleckfieber im Lager aus, an dem auch ihr Vater erkrankt und stirbt. Sie jedoch überwindet diese Krankheit, muss jedoch bald darauf Abschied nehmen von den neu gewonnen Freunden, die zurück in ihre Heimat gebracht werden.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend.

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Erlebte Gedankenrede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Verlust des Vaters und/oder der Mutter

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

die Beziehung zu ihrem Vater

die Beziehung zu ihrer Mutter, nach dem tod ihres Vaters

die Freundschaften zu den Patienten im Notspital

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Die Nachfolgen des Krieges stehen in diesem Buch im Vordergrund. Käthe Recheis schildert sehr realistisch z.B. den schlechten Gesundheitszustand der befreiten Kriegsgefangenen um die sich Christine im Notspital kümmert. In diesem Zusammenhang spielt zusätzlich die schlechten Versorgungsmöglichkeiten der unterernährten Patienten eine große Rolle. Dieser Belastungsfaktor wird jedoch durch die Hilfe des Kommandanten entlastet. Wichtig jedoch scheint auch der Opfer- Täter Konflikt und der Umgang mit dem Tod.

Käthe Recheis beschreibt die Folgen der Nachkriegszeit des grausamen Krieges und die unmenschliche Behandlung der Kriegsgefangenen  sehr realistisch, ohne zu beschönigen und trotzdem gewinnt der Leser nicht den Eindruck, dass Belastungsfaktoren übermächtig werden.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Welche Beziehung hatten Dr. Mamor und die Mutter von Christine zueinander? Diese Beziehung bleibt unklar und wird nur kurz angesprochen.

Weiterhin wird nicht näher auf die Konzentrationslager eingegangen. Die Patienten erzählen nicht, was ihnen in der Zeit der Gefangenschaft widerfahren ist.

4.               AUTOR/IN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1928
Die Erzählung hat eine autobiografische und selbsttherapeutische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1964

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 19 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Es findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt zwischen den Jugendlichen - hier Christine, die 1945 siebzehn Jahre alt ist - und ihren Eltern. Der Schwerpunkt dieses Buches sind nicht die Kriegsjahre, sondern die Nachkriegszeit. Somit werden hauptsächlich die Personen angesprochen, die die Nachkriegszeit bewusst miterlebt haben.Wie gehen die beiden Generationen mit der Last des Krieges um? 

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Der Dialog mit der Folgegeneration spielt meiner Meinung nach in diesem Buch insofern eine wichtige Rolle, wenn es um die Frage geht, wie die Nichtjuden mit der Nachkriegszeit umgegangen sind. Wie haben sich Menschen, die von den Konzentrationslagern wussten, nach dem Krieg verhalten. Christine erzählt z.B. dass der Grund für ihre Arbeit in dem Notspital eine Begegnung mit einem Juden aus einem KZ ist, dem sie nicht geholfen hat. Hier wird deutlich, dass auch ein schlechtes Gewissen der Grund für ihre Hilfe ist. Das Buch spricht nicht die Problematik der Kriegsjahre an, so wird z.B. nicht von den Geschehnissen in den KZ erzählt, es geht vielmehr um die Verarbeitung der Kriegs- und Nachkriegszeit. Dieses Buch könnte meiner Meinung nach zu einer Kommunikation über das Verhallten der Menschen nach den Krieg beitragen. Wie sind sie mit der Last des Krieges und ihren Wissen über die Grausamkeiten umgegangen?

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Arbeitseinsätze in Schulen, Verbänden

Epidemien (Polio, Meningitis, Scharlach)

Ernährungskrise

Heizprobleme

Kleidungsprobleme

Nachkriegszeit

Rückkehr in die "Normalität"

Tod des Vaters

Übergänge Krieg-Frieden