Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Alena Staab

AUTOR/IN:                                         Pfeiffer, Otti

TITEL                                                 Nelly wartet auf den Frieden

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1984

Verlag                                                        Cecilie Dressler Verlag

Geburtsjahr Autor/in                                    1931

Geburtsort Autor/in                                      Wesel

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Nelly , weiblich

Familienmitglieder
Mutter, Vater, Tante Paula, Cousine Edda,
Onkel Albert, Opa, Tante Berta
Weitere wichtige Figuren
Theo, Frau Dietrich, Grete und Marlies, Opa und Oma Schrickel

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Essen, Ruhrgebiet

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

1939 - 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Das Buch handelt von Nellys Kriegserleben in der Zeit von 1939 bis 1945. Nelly lebt mit ihren Eltern in Berlin. Dort haben die Menschen schon sehr früh unter den Bombardements der Feinde zu leiden. Für Nelly sind die Stunden im Lusftschutzkeller immer wieder ein kleines Abenteuer, weil sie dort den Hitlerjungen Theo trifft, der ihr sehr imponiert. Als es in Berlin zu gefährlich wird, schicken viele Eltern ihre Kinder aufs Land. Auch Nelly muss schweren Herzens Berlin verlassen. Da sie in der Gastfamilie nicht glücklich wird, nimmt Frau Dietrich sie auf und schafft ihr ein behagliches Zuhause. Nelly kehrt nach Berlin zurück und beginnt sich im BDM zu engagieren. Kurz darauf wird das Haus ihrer Eltern völlig von den Bomben zerstört und die Familie flieht in die Heimatstadt der Mutter nach Wesel zu Opa und seiner Frau Tante Berta. Aber auch hier sind sie vor feindlichen Übergriffen nicht sicher.  Wieder muss die Familie fliehen. Erst nachdem der Krieg zu Ende ist, wird Nelly das ganze Ausmaß des Krieges bewusst.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).

 

Die Erzählinstanz ist personal / aktorial.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitdeckend.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

 
MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Direkte Rede

Erzählte Gedankenrede / Bewusstseinsbericht

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Ständige Bombenangriffe

Trennung von Mutter und Geschwistern

Flucht und/oder Vertreibung

Seelische Verrohung durch Nazi-Erziehung und Krieg

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Frau Dietrich

Opa und Oma Schrickel

Grete und Marlies

Tätigkeit im BDM

Theo

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Alle Belastungsfaktoren sind in irgendeiner Weise mit Entlastungsfaktoren verbunden, so dass die Belastung durch den Krieg, die das Kind zunächst erleiden muss, durch andere Faktoren fast aufgehoben zu werden scheint. Zumindest führen sie zu einer Erträglichkeit der Lage für das Kind. Das Empfinden ist ein anderes. Am prägnantesten werden im Buch die Bombardierungen beschrieben, die zunächst erst einmal Aufenthalte der Familie im Luftschutzkeller zur Folge haben. Dabei kommt eine potentielle Angst des Kindes kaum zur Sprache. Vielmehr ist es der Nachbarsjunge Theo, auf den sich Nelly bei diesen Gelegenheiten freut. Er fungiert hier also offenbar als Entlastungsfaktor. Später, als die Bombardierungen über Hand nehmen, ist es die Überlandverschickung, die Nelly erst einmal das Leben schwer macht. Die Gastmutter gefällt ihr nicht und sie sehnt sich nach Hause zu ihrer Mutter. Erst der Aufenthalt bei Frau Dietrich lässt sie wieder aufblühen. Fast vergisst sie ihr Stadtleben und fühlt sich sehr wohl. Beinahe fällt ihr der Abschied von Frau Dietrich schwer, als sie diese eines Tages verlassen muss, um in ihre Heimat zurückzukehren. Auch nach ihrer Rückkehr hören die Bombardements nicht auf. Nelly etabliert sich langsam im BDM und nimmt ihre Aufgabe sehr wichtig. Ihr diesbezügliches Pflichtbewusstsein hat Auswirkungen auf ihr gesamtes Verhalten. So versucht sie zum Beispiel ihre Tränen vor der Mutter zu verbergen, da ein BDM-Mädchen eben nicht weine. Auch blickt sie immer wieder zu älteren Mädchen wie zu Idolen auf und vergöttert diese geradezu. Diese zweite Welt, neben der Kriegsrealität hilft Nelly, sich von den Geschehnissen um sich herum abzugrenzen und eine eigene Rolle zu spielen. Als Nellys zu Hause eines Nachts völlig zerstört wird und die Familie sich zum Großvater aufs Land flüchtet, bedauert Nelly in erster Linie den Verlust ihrer BDM-Uniform. Das kindliche Verständnis von Hitlers Person und seinen Handlungen entsteht aus dem, was sie aus der Welt der Erwachsenen aufschnappt. Erst am Ende des Krieges fragt sie sich, warum die Erwachsenen nicht gesehen haben, was geschah.

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

-

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1931
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1984

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 40-45 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

"Nelly wartet auf den Frieden" ist ein Buch für Kinder, das über ein Kind im Krieg berichtet. Stellvertretend für Nelly führt die Erzählerin die Kommunikation zwischen den Generationen. Angesprochen sind sowohl die Kinder der Gegenwart, als auch die Menschen, die zwischen 1938 und 1945 selbst Kinder waren. Dem heutigen Kind wird ein Bild einer bestimmten Kriegskindheit vermittelt. Die Schrecken des Krieges, wie sie Nelly erlebt, werden nicht so wiedergegeben, wie sie ein Erwachsener empfinden würde. Vieles hat einen spielerischen Anklang und doch stellt sich am Ende heraus, dass Nelly zumindest am Schluss mehr versteht, als so mancher Erwachsene. Gerade die Szene, in der sie am Schluss einen Passanten mit dem Hitlergruß grüßt, weil sie diesen Mann als ehemaligen Anhänger Hitlers identifiziert und dieser rot im Gesicht und entrüstet Nelly zur neuen Ordnung ruft, ist sehr bezeichnend. Hier spätestens wird klar, dass die Kinder dieser Zeit, wie Kinder jeder Zeit den Erwachsenen nacheifern, das gut finden, was diese gut finden, sich anzupassen bereit sind und aufgeklärt werden müssen, wenn sich gewisse Gepflogenheiten verändern. Nelly wird durch dieses Vorkommnis sehr nachdenklich. Sie versteht jetzt, dass es falsch war, Hitler anzuhängen, dass er schlimme Dinge getan hat. Sie fragt sich, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen wie Muttel, Tante Paula und ihre Mutter nichts von dem mitbekommen haben sollen, was geschah. Indirekt werden also auch Erwachsene in Hinblick auf ihren Einfluss auf Kinder und auf ihre Verantwortlichkeit für diese angesprochen.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Das Buch wirkt zunächst verharmlosend und unkritisch. So dass man als erwachsener Leser erst einmal davon ausgeht, dass der kindliche Leser vor allzu realistischen Schilderungen verschont bleiben soll. Das ändert sich, als später die Belastungsfaktoren nachhaltiger wirken. Nelly als Hauptperson, wird über sieben Jahre hindurch begleitet, so dass der kindliche Leser leicht die Möglichkeit hat, sich mit irgendeiner Altersstufe Nellys zu identifizieren. Natürlich passieren ihr auch Dinge, die dem heutigen Kind passieren. Es wird schließlich versucht, das Gefühl Nellys am Ende zu vermitteln, das sich auf die Täuschung der Erwachsnenen bezieht. Wie fühlt sich Nelly, als sich herausstellt, dass sich fast alle Erwachsnenen mit denen sie zu tun hat einer existenziellen Täuschung unterlegen waren. Wir erfahren, dass Nelly fassungslos ist und die gleichen Fragen stellt, die wir heute an unsere Großväter und Großmütter stellen. "Ward ihr blind oder taub? Habt ihr gar keine Anzeichen für ein Unrecht gesehen, keine kleinen Hinweise?" Oft kommt dabei heraus, dass das Involviertsein in eine Ära, eine Situation, o.ä. dazu führt, den nötigen Weitblick aus den Augen zu verlieren. Am Ende, so zeigt sich, fällt es dann den Erwachsenen schwer, zu ihren Fehlern zu stehen, während Nelly konstruktiv mit diesem neuen Wissen umgeht. Es kann also ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass dieses Buch zu einer offenen intergenerationellen Kommunikation beiträgt.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Ausfall Unterricht/Schule

Ausgebombte (Verlust Familienwohnung)

Bombardierung

Euthanasie

Flucht und Vertreibung

Kinderlandverschickung (erweitert)

Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)

Nationalsozialismus und Krieg

Schule und Unterricht im Krieg

Umgang mit Behinderten

Umzüge aufs Land (Bombardierung)

Zweiter Weltkrieg