Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Heike Rittersberger

AUTOR/IN:                                Pausewang, Gudrun

TITEL                                        Die Verräterin

Erstausgabe/Erscheinungsjahr 1995

Verlag                                                   Ravensburger Buchverlag

Geburtsjahr Autor/in                              1928

Geburtsort Autor/in                                Wichstadt/Böhmen

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Anna, 15 Jahre alt, weiblich

Familienmitglieder
Mutter , Großmutter (Mutter der Mutter)

Felix, 13 Jahre alt

Seff, Alter unbekannt (an der Front) , Annas Brüder

Weitere wichtige Figuren
Gisela Beserka, Annas Zimmerwirtin,
Onkel Franz, Bürgermeister von Stiegnitz, der Russe Maxim

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Ein Gehöft mit Gasthaus in Stiegnitz, ländliche Gegend

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

Beginn: Adventszeit 1944

Ende: Ende des Zweiten Weltkrieges 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Anna ist 15 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Stiegnitz (Sudetenland), einem kleinen Dorf mit ihrem 13jährigen Bruder Felix, ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Ihr älterer Bruder Seff ist im Krieg. Ihre Mutter führt nach dem Selbstmord des Vaters 13 Jahre zuvor ihr Gasthaus allein weiter und hat kaum noch Zeit für etwas anderes. Anna geht in Schonberg, einer 50 km entfernten Stadt, auf das Gymnasium und kommt nur an Wochenenden nach Hause. Felix hilft seiner Mutter und geht zum „Dienst“. Er ist der einzige der Familie, der ein begeisterter Hitler-Anhänger ist.

Als Anna an einem Samstag vom Bahnhof durch den Wald nach Hause läuft, entdeckt sie Fußspuren, die durch den Fluss führen und an der Scheune auf ihrem Hof enden. Trotz ihrer Angst geht sie nachsehen und findet einen kranken, schlafenden Mann, den sie für einen Anstaltshäftling hält. Aus Mitleid gibt sie ihm etwas zu Essen und abgelegte Kleidung ihres Bruders Seff. Als sie später von Felix erfährt, dass ein Russe auf der Flucht ist, erschrickt sie. Sie hat einem Russen geholfen. Hilft sie ihm weiter, ist sie eine Verräterin, liefert sie ihn aus, ist sie eine Mörderin. Nach einer schlaflosen Nacht entscheidet sich Anna dafür, eine Verräterin zu sein und versteckt den Russen in einem stillgelegten Bunker. Mit der Zeit wird es immer schwerer für Anna das Versteck geheim zu halten und den Russen zu versorgen. Vor allem ihr Bruder Felix ist misstrauisch.

Endlich ist der Krieg zu Ende und Anna geht mit dem Russen ins Dorf, als seine Kameraden einrücken. Er verspricht ihre Familie zu schützen. Es kommt jedoch anders. Felix kann den Verrat seiner Schwester nicht verkraften und erschießt den Russen. Daraufhin schießen die Russen auf Felix und seine Großmutter, die ihn schützen wollte. Anna wird ohnmächtig, als sie aufwacht steht der Hof in Flammen.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

 

Die Erzählinstanz ist personal / aktorial.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Autonomer innerer Monolog

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Verlust des Vaters und/oder der Mutter

Flucht und/oder Vertreibung

Seelische Verrohung durch Nazi-Erziehung und Krieg

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Geborgenheit durch die Grossmutter

Spielen mit Freunden

Schule in Schonberg

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Annas Vater beging Selbstmord, als sie noch keine zwei Jahre alt war, also lange vor dem Krieg. Sie vermisst ihn trotzdem sehr, obwohl sie ihn nur aus Erzählungen kennt. Sie vermutet aber, dass er in ihrer Situation genauso gehandelt hätte und auch einen guten Einfluss auf Felix gehabt hätte, und er das nationalsozialistische System nicht kritiklos hingenommen hätte.

Trotzdem lebt Anna in einer stabilen familiären Situation und auch mit ihrer Zimmerwirtin Gisela versteht sie sich gut. Diese unterstützt Anna, indem sie sie mit Lebensmitteln, Kleidern ihres gefallenen Mannes, Seife und anderem versorgt und Anna so das Versorgen des Russen leichter macht. Außerdem macht sie ihr Mut und hilft ihr mit ihrer Situation als Verräterin umzugehen.

Seff ist im Krieg und fällt kurz vor Kriegsende. Anna denkt viel über ihn nach und irgendwann wird ihr klar, dass auch ihr Bruder am Töten beteiligt war. Es belastet Anna sehr, die Entwicklung ihres jüngeren Bruders mit ansehen zu müssen, da er alles glaubt, was ihm erzählt wird und fanatisch darauf hofft, auch in den Krieg ziehen zu können. Aus Angst vor ihm traut sich die Familie nicht mehr offen zu reden, da sie sich sicher sind, dass Felix sie anzeigen würde. Gegen Ende des Krieges kommen immer mehr Flüchtlinge in Stiegnitz an und Schonberg wird evakuiert. Anna weiß nicht, was aus ihrer Zimmerwirtin und ihren Klassenkameradinnen geworden ist.

Annas Angst vor dem Entdecktwerden wird immer größer und sie kann nicht mehr ruhig schlafen. Immer neue Lügen erfinden zu müssen fällt ihr schwer.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Der Selbstmord des Vaters wird nur kurz erwähnt, da er schon 13 Jahre zurückliegt. Was Annas Bruder Seff an der Front erlebt, wird dem Leser nicht mitgeteilt, da der Schwerpunkt des Buches auf Annas Verrat liegt.

4.               AUTOR/IN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1928

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1995

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 50 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes  Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Es findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt. Die Autorin schreibt für Jugendliche.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Das Ende des Buches ist offen und man weiß nicht, wie es mit Anna und ihrer Mutter weitergeht, nachdem die anderen Familienmitglieder tot sind. Die Verarbeitung des Erlebten und des Gelesenen bleibt dem Leser selbst überlassen.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Ausfall Unterricht/Schule

Ermordung Familienangehörige

Evakuierung von Kindern (Europa)

Familien-Trennungen/Rearrangieren

Kinderarbeit in der Familie

Kindermord

Kriegsbegeisterung Kinder/Jugendliche

Kriegsende

Lehren aus dem Krieg

Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)

Nationalismus der Kinder/Jugendlichen

Nationalsozialismus und Krieg

Opfer in Kriegshandlungen

Schule und Unterricht im Krieg

Tod andere Familienmitglieder

Tod des Vaters

Übergänge Krieg-Frieden

Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)

Umbruch Werte + Normen

Zweiter Weltkrieg