Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Katarina Kraft

AUTOR/IN:                                         Pausewang, Gudrun

TITEL                                                 Reise im August

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1992

Verlag                                                         Ravensburger Buchverlag    

Geburtsjahr Autor/in                                     1928   

Geburtsort Autor/in                                       Wichstadt/ Ostböhmen  

1.               INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Alice , weiblich

Familienmitglieder

Großvater

Weitere wichtige Figuren
Mitreisende wie Ruth, Rebecca, Paul und einige andere Insassen im Waggon

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Ein Waggon, der durch Fulda, Bad Hersfeld, Eisenach, Gotha, Dresden, Oppeln fährt und in Auschwitz zum Halten kommt
 

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

August

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Das Buch "Reise im August" von Gudrun Pausewang handelt von einem jüdischen Mädchen namens Alice, das über Nacht mit ihrem Großvater und ihrer Großmutter in einen Zugwaggon, der in den Osten fährt, verfrachtet wird. Da die Großmutter nicht so gut laufen kann, wird sie von einem Krankentransport zum Bahnhof gefahren. Sie kommt aber nie dort an. Alice und ihr Großvater müssen also allein auf die Reise gehen. Im Laufe der Reise wird Alice mit schrecklichen Dingen konfrontiert: Eine Kloecke wird eingerichtet, die fast den gesammten Waggon überschwemmt, Insassen werden verrückt und der Großvater stirbt. Alice verbringt viele Tage im Waggon neben der Leiche ihres Großvaters. Auch andere Insassen sterben. Die Leichen liegen im Waggon zwischen den anderen Insassen. Es gibt nur wenig Wasser und kaum etwas zu essen. Auf der Reise wird aber auch ein Kind geboren. Alice wird von Ruth und ihren Kindern aufgenommen. In Auschwitz angekommen, sollen die Männer, Frauen und Kinder erst einmal geduscht werden. Die Frauen und Kinder werden von den Männern getrennt, um dann nackt in einem Raum wieder zusammen gefercht zu werden. Alice erwartet mit offenen Armen das kühle Nass.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).

 

Die Erzählinstanz ist personal / aktorial.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein

ZEIT

Die Erzählung verläuft anachronisch mit Analepsen.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitdeckend.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

                                                                        repetitiv (einmal ereignet, wiederholt erzählt)

                                                                        iterativ (wiederholt ereignet, einmal erzählt)

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Direkte Rede

Indirekte Gedankenrede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Abwesender Vater

Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen

Trennung von Mutter und Geschwistern

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

Flucht und/oder Vertreibung

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Großvater ist zu Beginn der Reise anwesend, stirbt dann aber

wird von einer anderen Familie aufgenommen  

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Da das Buch von der Vertreibung in den Osten erzählt, steht dieser Belastungsfaktor natürlich auch im Vordergrund. Ebenso belastend sind Probleme wie Hunger und Durst. Alice geht beachtlich erwachsen und souverän mit dem Tod ihres Großvaters um. Über die Abwesenheit ihrer Mutter und ihres Vaters wird nur selten gesprochen. Alice wurde erzählt, dass ihre Eltern in einer Zahnklinik wären, doch auf der Reise erfährt sie allmählich, dass Juden keine "normalen" Menschen sind und nicht von zahnärztlichen Kliniken behandelt werden. Also klammert Alice sich an den Gedanken, dass ihre Eltern bereits dort sind, wo sie jetzt hin gelangt. Kleine Alltagsprobleme, wie Aufklärung, und dass Alice ihre erste Periode bekommt, spielen nur eine unwichtige Nebenrolle.

Die Darstellung wirkt äusserst realistisch. Die Geschichte wird auf keinen Fall beschönigt. Die Belastungsfaktoren nehmen eindeutig den grösseren Teil der Geschichte ein. Es ist schwer zu sagen, dass eine Versöhnung mit den Erfahrungen eintritt, da wir alle wissen, was Alice im Konzentrationslager erwartet.    

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Das Buch ist sehr offen und realistisch erzählt. Ich denke es werden alle Tabus gebrochen, und die Autorin erspart einem nicht ein einziges Detail. Ebenso wie der Tod des Großvaters wird auch die Geburt sehr detailliert erzählt.

Das einzige, was nicht erwähnt wird, ist das, was die Menschen im Konzentrationslager erwartet. Da das Buch aber aus Sicht von Alice erzählt ist, und diese das nicht wissen kann, wird es nicht erwähnt. Es wird lediglich angesprochen, dass sie nach Auschwitz in ein Arbeitslager fahren.    

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1928
Die Erzählung hat eine selbsttherapeutische Ebene:

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1992

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen:  ca.48 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

In der Geschichte "Reise im August" von Gudrun Pausewang findet eine Kommunikation zwischen der Großeltern, sowie der Elterngeneration mit den Kindern statt. Vieles erfährt Alice allerdings auch von ihrer eigenen Generation. So lernt sie auf der Reise Rebecca, ein etwa gleichaltriges Mädchen, kennen, die ihr erst einmal die Augen über das Judensein öffnet.

Mit dem Buch werden Kinder angesprochen. Aber ich bin der Meinung, dass das Buch ebenso für Erwachsene geeignet ist, da Gudrun Pausewang nichts beschönigt. Selbst ich wusste nicht, dass es wirklich so grausam abgelaufen ist!    

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Das Buch "Reise im August" von Gudrun Pausewang ist jedem, egal ob Kind oder Erwachsener, zu empfehlen. Ich wusste zwar wirklich viel über die Kriegszeit und die Judenvertreibung, aber das Buch hat mich geschockt. Es ist sehr detailliert geschrieben und lässt nichts aus. Alle Tabus werden in diesem Buch gebrochen.

Der Tod Alices Großvaters ist ein sehr zentrales Thema. Alice beschimpft ihren Großvater, weil er ihr soviel vom Krieg und dem Judentum verschwiegen hat. Er wollte Alice all die Jahre beschützen, doch Alice ist enttäuscht, dass alle anderen Kinder im Waggon mehr wissen als sie. Als Alice ihn stösst und anschreit sackt der Großvater auf seiner Reisetasche zusammen und ist tot!

Die Geschichte ist, obwohl sie sehr narrativ erzählt ist, sehr mitreissend. Ich musste das Buch einige Male weglegen, da ich es zu grausam fand. Dennoch ist das Buch absolut lesenswert! 

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Ausfall Unterricht/Schule

Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf

Entnazifizierung

Ernährungskrise

Familien-Trennungen/Rearrangieren

Flucht und Vertreibung

Flüchtlingslager

Geburt von Kriegskindern (ohne Väter)

Heizprobleme

Konzentrationslager (Kinderlager)

Tod andere Familienmitglieder

Zweiter Weltkrieg