Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Kirsten Gottwald

AUTOR/IN:                                         Nöstlinger, Christine

TITEL                                                 Zwei Wochen im Mai

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1981

Verlag                                                         Beltz Verlag

Geburtsjahr Autor/in                                     1936

Geburtsort Autor/in                                       Wien

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Christine , weiblich

Familienmitglieder
Vater, Mutter, Schwester, Großvater, Großmutter, 
 
Weitere wichtige Figuren
Hansi, Waschak-Rudi, Ribich-Eva

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
 Wien der Nachkriegszeit

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

1948/Sommer

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

In "Zwei Wochen im Mai"erzählt Christine Nöstlinger von ihrer eigenen Jugend im Wien der Nachkriegszeit. Diese ist allerdings ganz anders , als sie sie sich zu Kriegszeiten vorgestellt hat. Statt der Welt, die sie aus den amerikanischen Filmen und Illustrierten kennt, statt Schnitzel, schicken Kleidern und Dauerwellen, erwartet sie eine Stadt, die weitgehend in Trümmern liegt und eine Bevölkerung, die gar nicht das Geld hat, um sich all diese Dinge zu leisten. Christines Alltag sieht daher eher einfach aus. Sie bekommt Klavierunterricht, den sie allerdings nur widerwillig besucht, weil die Mutter findet, dass so etwas zu einer guten Erziehung gehört, erträgt eine eigentlich unerträgliche, bessergestellte Mitschülerin , um hin und wieder ein Eis oder eine Einladung zum Schnitzel-Essen von dieser zu ergattern und heckt mit dem Waschak-Rudi, der im Viertel als beschränkt, gefährlich und asozial gilt, den Plan aus, die alte Russ umzubringen, um an deren vieles, durch den Schleichhandel verdientes Geld, zu kommen. Als diese dann eines Tages wirklich tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, bekommt Christine Angst, dass Rudi den Mord verübt haben könnte. In dieser Situation lernt sie den Hansi kennen, der sie nicht nur vor dem Rudi beschützt, sondern mit dem Christine auch die erste Liebe erlebt. Doch ausgerechnet ihr Vater, zu dem Christine innerhalb der Familie das vertrauteste Verhältnis hat, macht ihr diese Liebe kaputt, indem er Hansi's Mutter bittet, den Sohn mit der Kinderverschickung in die Schweiz zu senden, was dann auch so geschieht.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitdeckend.

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Gedankenrede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Erleben der ersten Liebe

Christine träumt von einem Frieden, der in der Realität aber ganz anders aussieht. Durch das Erleben der ersten Liebe wird die Nachkriegszeit für Christine doch auch schön, für diese Liebe nimmt sie alles in Kauf. Um so schlimmer ist es, dass ihr der Vater diese Liebe kaputt macht. 

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

In „Zwei Wochen Im Mai“, stehen, im Gegensatz zu vielen anderen Büchern, die von der Nachkriegszeit erzählen, relativ wenige der oben genannten Belastungsfaktoren im Vordergrund.

Abwesender Vater: Der Vater ist in dieser Geschichte nicht abwesend, auch wenn man davon ausgehen kann, dass er während des Krieges zeitweilig abwesend gewesen ist (Zumindest hat er  während dem Krieg eine Kriegsverletzung erlitten). Und auch sonst wird der Vater nicht gerade als typische Vaterfigur dieser Zeit dargestellt. Er ist sehr sanft und verständnisvoll, zudem ist er oft alleine in seinem Zimmer und kränkelt.

Ständige Bombenangriffe: Auch hier wird relativ wenig berichtet. Man erfährt lediglich, dass viele Teile der Stadt in Trümmern liegen, jedoch hat wohl Christine selbst keine Traumatisierung erfahren. Eine Traumatisierung diesbezüglich wird dann aber in der Person des Hansi deutlich, da dieser mehrere Tage unter den Trümmern verschüttet war. So hat er auch Angst um Christine, als diese vorschlägt in den Trümmern seines Hauses nach „Schätzen“ zu suchen, denn er möchte diese Erfahrung auf keinen Fall noch einmal machen und will auch nicht, dass Christine etwas derartiges zustößt.  

Trennung/Verlust von Mutter und Geschwistern: Eine Trennung oder einen Verlust von Vater, Mutter und Schwester gibt es nicht.

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Vertreibung : Auch diese können nur bedingt festgestellt werden. Die Familie hat zwar sehr wenig Platz und auch nicht gerade viel Geld, dennoch kann Christine Klavierstunden nehmen und es ist immer genügend Essen vorhanden. Nur für teurere Lebensmittel, wie z.B. Fleisch, reicht das Geld nicht aus, weshalb Christine auch oft eine Schulkameradin erträgt, die reicher ist, und ihr ab und zu ein Eis ausgibt oder sie zum Essen zu sich nach Hause mitnimmt. Allgemein kann man aber sagen, dass die Situation der Familie schon normal ist für diese Zeit. Die Krankheit spielt auch keine große Rolle, nur der Vater wird des öfteren krank dargestellt ( z.B. Kriegsverletzung, Zahnschmerzen).

Flucht und Vertreibung spielen ebenso wenig eine Rolle, wie die Übergriffe von Besatzungssoldaten und die seelische Verrohung durch die Nazi-Erziehung und den Krieg.

Meiner Meinung nach steht vor allem die Liebe und der Gegensatz Traum vom wunderschönen Frieden, mit vielen Veränderungen, und eine Realität, die ganz anders aussieht, im Vordergrund. Die Darstellung wirkt sehr realistisch und wird auch nicht beschönigt. Meiner Meinung nach wiegen auch die positiven Faktoren die negativen auf. Die Probleme, die Christine hat, sind nämlich oft auch Probleme, die jedes normale Kind hat, wie z.B. Streit mit der Mutter, Probleme in der Schule usw., nur dass die Geschichte eben in der Nachkriegszeit spielt, was einige Begleiterscheinungen mit sich bringt bzw. die Umstände einfach manchmal anders sind als heute. Durch die Liebe und teilweise auch die Freundschaft geraten vorhandene Schwierigkeiten in den Hintergrund. Was meiner Meinung nach daher die Hauptfigur nachhaltig belastet, ist, dass ihr die größte Vertrauensperson, nämlich der Vater, diese Sicherheit nimmt, indem er die Liebe zerstört. Dies scheint die Protagonistin auch nach vielen Jahren nicht vergessen und auch nicht verstanden zu haben, denn immerhin ist es der zentrale Punkt in ihrer Geschichte.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Obwohl einige Auswirkungen des Krieges beschrieben werden (z.B. Trümmer), wird vom Krieg selbst nichts erzählt. Man erfährt weder von Bombenangriffen, noch von anderen Belastungsfaktoren während des Krieges. Das Einzige, was vom Krieg erzählt wird, ist, dass der Vater eine Kriegsverletzung erlitten hat (ihm wurde in die Beine geschossen), auf die auch zurückgeführt wird, dass der Vater nach dem Krieg keine berufliche Perspektive mehr vor sich hatte.

Dass man vom Krieg an sich nicht viel erfährt, liegt wohl vor allem daran, dass der Krieg von Christine Nöstlinger nicht so problematisch empfunden wurde wie der Frieden. So sagt sie: "Den Krieg hatte ich gut gekannt, im Krieg hatte ich mich ausgekannt. Den Frieden mußte ich erst lernen, und ich war keine gute Schülerin im Frieden-Lernen, denn was ich da lernen sollte, hatte so gar nichts mit dem zu tun, was sich mein Kriegs-Kinder -Glaube unter 'Frieden' vorgestellt hatte. Und die Erwachsenen waren keine sehr ehrlichen Lehrer. Weil sie das heute oft auch nicht sind, ist meine alte Geschichte vielleicht immer noch passend."

Dies erklärt auch, warum es in Nöstlingers Geschichte eigentlich keine oder nur sehr wenige Tabuthemen gibt. So geht sie z.B. insbesondere mit dem Thema Sexualität sehr offen um, aber es wird auch alles andere genau so dargestellt, wie Christine Nöstlinger es wahrscheinlich selbst auch erlebt hat.

4.               AUTOR/IN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1936
 
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1981

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 33 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

In "Zwei Wochen im Mai" findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt (obwohl mehrere Generationen im Buch vorkommen). Erzählt wird die Geschichte von Christine Nöstlinger selbst. Die Ereignisse werden aus der Sicht des Kindes erzählt und bieten so für den kindlichen Leser eine gute Identifikationsmöglichkeit. In erster Linie ist der Text daher auch an Kinder adressiert. 

Das Buch erzählt eine wahre Geschichte, die Geschichte einer Nachkriegskindheit. Deshalb stehen sowohl geschichtliche Ereignisse, wie auch die Kindheit allgemein im Vordergrund. Es werden viele Faktoren behandelt, die jedes Kind, auch heute noch, erlebt, wie der Streit mit einem Familienmitglied, ein Hobby, das keinen Spaß mehr macht, Schwierigkeiten in der Schule, sowie Liebe und Freundschaft.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Der Dialog mit der Folgegeneration ist in diesem Fall sehr ehrlich. Es findet eine offene intergenerationelle Kommunikation statt. Gerade durch das schon beschriebene Vorwort (s. oben) wird auch noch einmal herausgestellt, dass dies Christine Nöstlinger auch sehr wichtig ist. Sie will ihre Geschichte genau so erzählen, wie sie passiert ist und was sie dabei empfunden hat. 

Auf den Leser wirkt das Buch sehr ehrlich und natürlich, so dass es nicht schwer fällt, sich in die Protagonistin hinein zu versetzen. Es werden viele Bereiche des kindlichen Lebens aufgegriffen, was die Geschichte für ein Kind sicherlich sehr interessant macht. Man kann sich sehr leicht mit der Protagonistin identifizieren, sich mit ihr freuen oder mitleiden.

Meiner Meinung nach ist das Buch sehr empfehlenswert. Ich finde, dass die Geschichte sehr glaubhaft erzählt wird, der historische Hintergrund interessant dargestellt wird und kindliche Probleme gut getroffen sind und vor allem ernst genommen werden. Auch ich selbst habe „Zwei Wochen im Mai“ als Kind gelesen und es gehörte definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Ein Buch zum mitfühlen, mitlachen und manchmal auch zum mitweinen. 

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Kinderlandverschickung (erweitert)

Kleidungsprobleme

Nachkriegszeit