Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Ruth Thielmann

AUTOR/IN:                                         Korschunow, Irina

TITEL                                                 Er hieß Jan

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1979

Verlag                                                         Benziger  Verlag, Zürich und Köln

Geburtsjahr Autor/in                                    1925

Geburtsort Autor/in                                     Stendal

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Regine Martens , weiblich

Familienmitglieder
Mutter, Vater (in Rußland vermisst)
Weitere wichtige Figuren
Jan (polnischer Zwangsarbeiter, in den sich Regine verliebt); Steffens (Gärtner in Steinbergen bei dem Jan arbeitet) die Bäuerin Frieda Henning und Tochter Gertrud (verstecken Regine auf ihrem Hof); Maurice (französischer Kriegsgefangener auf dem Hennningshof)

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Steinbergen, Gutwegen

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

Sommer 1944 - Frühling 1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Zwischen Regine, einer 17-jährigen überzeugten Nationalsozialistin, und dem polnischen Zwangsarbeiter Jan entwickelt sich im Herbst 1944 eine Liebe. Zuerst will Regine mit dem "Untermenschen" nichts zu tun haben, doch sie kann ihre Gefühle nicht verleugnen. Nachts treffen sie sich heimlich in einem Schuppen, doch die Liebe zwischen ihnen ist von einer ständigen Angst geprägt, entdeckt oder verraten zu werden. Regine erkennt durch die Liebe zu Jan die Sinnlosigkeit der Ideologie des Nationalsozialimus, an die sie geglaubt hatte, und ebenso die Sinnlosigkeit des Krieges. Regine und Jan werden jedoch entdeckt und an die Gestapo verraten und festgenommen. Bei einem Fliegeralarm kann Regine aus dem Gefängnis entkommen und flieht zum Henningshof, auf dem sie im Sommer als Erntehelferin geholfen hatte. Die alte Bäuerin versteckt sie in der Giebelkammer. Nun wartet Regine auf das Ende des Krieges und erzählt in Rückblenden von ihrer Liebe zu Jan bis hin zu ihrer Entdeckung.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Figur der Flüchtigen.

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft anachronisch mit Analepsen.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Direkte Rede

Erzählte Rede / Gesprächsbericht

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Ständige Bombenangriffe

Flucht und/oder Vertreibung

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Liebe zu Jan

Gespräche mit Gerturd und Maurice

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Im Vordergrund der Handlung steht einmal die verbotene Liebesgeschichte zwischen Regine und Jan, von der die Ich-Erzählerin in Rückblenden berichtet.  Ebenso spielt die Folge aus der entdeckten und verratenen Beziehung, nämlich die Flucht und das Verstecken Regines auf dem Henningshof eine übergeordnete Rolle.

Die Handlung ist in so weit realistisch, dass man sich vorstellen kann, dass es während der Zeit des Nationalsozialimus "verbotene" Liebesbeziehungen zwischen Deutschen und "Untermenschen" gegeben hat. In diesen Beziehungen muss auch die ständige Angst entdeckt und verraten zu werden und der Konflikt der Menschen zwischen Liebe und "Gehorsam" gegenüber den Ideologien der NS gegeben haben. Eine Versöhnung mit den Erfahrungen der Hauptfigur ist noch nicht gegeben, da am Ende der Handlung der Krieg noch nicht beendet ist und sich Regine immer noch verstecken und mit der ständigen Angst leben muss auf dem Henningshof entdeckt zu werden. Ebenso weiß sie noch nicht, ob Jan noch am Leben ist oder von der NS getötet worden ist. 

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

"Er hieß Jan" ist ein sehr offenes Buch, in dem viele politische und gesellschaftliche Ereignisse und Fakten des Zweiten Weltkrieges erzählt und beschrieben werden. Sehr genau herausgearbeitet werden zum Beispiel die Ideologien des Nationalsozialimus als Regine durch die Liebe zu Jan lernt an ihnen zu zweifeln und zu erkennen, dass sie falsch sind. Die Ermordung und Tötung der "Untermenschen" (Juden, Polen und Russen) und allen, die sich gegen das NS-Regime auflehnen, wird auch nicht verschwiegen.

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1925
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1979

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: ca. 35 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text wirkt auf erwachsene Leser ähnlich wie auf den Autor selbst.

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Es handelt sich bei der Geschichte um eine Zwei-Generationen-Kommunikation. Die Autorin Irina Korschunow erzählt Jugendlichen eine fiktive Handlung mit dem Hauptmotiv der Liebe, die sich während der letzten Kriegsmonate des Zweiten Weltkrieges abgespielt haben könnte.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Die Autorin Irina Korschunow, geboren 1925, ist als Kind einer deutschen Mutter und eines russischen Vaters während der Zeit des Nationalsozialimus in Sachsen aufgewachsen und erlebte als Tochter eines "Untermenschen" Gewalt und Diskrimminierung. Deswegen wurde sie schon in ihrer Jugend zu einer Außenseiterin.  Diese Erfahrungen versucht sie offen in ihrem Buch zu vermitteln und zu zeigen, wie sinnlos jeder Krieg ist. 

Die Handlung zeigt sehr anschaulich und offen, gerade auch für jüngere Leser, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt haben, warum Hitler an die Macht kommen konnte.  Nach der Zeit der Wirtschaftskrise hatten viele Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zeit. So glaubten auch Regines Eltern an "ihren Führer", der ihnen aus ihrer wirtschaftlichen Not geholfen hat und sind ihm "treu". Der Vater wird schon 1930 ein SA-Mann und Regine wächst mit der nationalsozialistischen Ideologie auf und ist ebenso wie ihre Eltern fest von ihr überzeugt. Durch ihre Ansichten vor der "Zeit mit Jan" werden diese Ideologien anschaulich dargestellt. Erst durch die Liebe zu Jan, die durch eine ständige Angst vor dem Entdecken geprägt ist, erkennt sie wie sinnlos die Ideale und der Krieg sind und ändert ihre Auffassung. Als sie ihre Mutter auf die Meldungen aus dem "Feindsender" der Alliierten anspricht, will und kann diese die Wahrheit über "den Führer" nicht wahr haben und hält sich die Ohren zu.

Ebenso wird aufgezeigt wie gefährlich es war, wenn man damals offen seine Meinung äußerte. Immer musste man aufpassen wo und was man sagt und negative Aussagen über den Nationalsozialimus und den Krieg konnten nur hinter verschlossenen Türen gemacht werden. Auch Regine kommt  in solche Situationen (Regine "muss es loswerden", S.111) und wird nur durch das Schweigen andere Menschen nicht verhaftet.

Die Handlung lässt hoffen, dass es während der Zeit des Nationalsozialismus noch mehr Menschen gab, die ihr eigenes Lebens auf Spiel gesetzt haben, um anderen zu helfen und den Mut gehabt haben, sie gegen das NS-Regime aufzulehnen.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Arbeitseinsätze in Schulen, Verbänden

Bombardierung

Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf

Ernteeinsätze

Ethnische Diskriminierung

Flucht und Vertreibung

Fremdarbeit (Land, Bauern)

Kriegsbegeisterung Kinder/Jugendliche

Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)

Nationalismus der Kinder/Jugendlichen

Nationalsozialismus und Krieg

Prägungen

Schule und Unterricht im Krieg

Umbruch Werte + Normen

Veränderte Persönlichkeit

Zweiter Weltkrieg