Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Ruth Thielmann
FIGUREN
Frau Worlitzer (Lehrerin in der Volksschule )
"fremder Opa" (Großvater väterlicher Seite)
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Susanne, am Anfang der Handlung 5 Jahre alt, wohnt nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter und der Schwester Roswitha bei den Großeltern. Auf Grund eines Sehfehlers wird die Schwester "verhätschelt" und bevorzugt. Susanne muss sich gegen die Mutter und die Großeltern, vor allem gegen die strenge Großmutter, immer wieder durchsetzten um sich ihre Wünsche erfüllen zu können (z.B. zu Lesen anstatt zu Arbeiten oder Englisch zu lernen). Trotz der großen Familie um sie herum ist sie einsam. Dass ihr Vater tot ist, will sie nicht verstehen und sie träumt davon, dass er eines Tages wieder heimkommt. "Er hat sie nämlich lieb." Als Susanne aufs Gymnasium gehen möchte, ist die Großmutter dagegen. Susanne soll in die Fabrik arbeiten gehen. Da Susanne an den Widerständen gewachsen ist, weiß sie sich mit der Hilfe der Mutter gegen die Großmutter durchzusetzen. Sie zieht mit der Mutter zu ihrem "fremden Opa", mit dem sie vorher keinen Kontakt hatte, nach Essen und besucht dort die Handelsschule.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).
Die Erzählinstanz ist personal / aktorial.
Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Direkte Rede
Erzählte Rede / Gesprächsbericht
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Ständige Bombenangriffe
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Übergriffe von Besatzungssoldaten
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Das Spielen mit den Kindern der Siedlung
Die Heimkehr der sechs Onkel aus Krieg und Gefangenschaft
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Bei den Belastungsfaktoren steht der Tod von Susannes Vater im Vordergrund. Susanne wünscht sich immer wieder, dass er wieder nach Hause kommt, da er der Einzige ist, der sie verstehen würde. Genauso hofft sie, dass ihr Vater in den Himmel gekommen ist, damit er auf sie achten und ihr helfen kann.
Es kommen trotz der negativen Belastungsfaktoren immer wieder positive Faktoren (z.B. Besuch der Schule oder Theaterspiel) ins Spiel, die das Leben für Susanne „erträglich“ machen. Und zum Schluss der Handlung kann sich Susanne gegen ihre strenge Großmutter durchsetzen und erhält eine Lehrstelle in Essen.
Die Darstellung der Handlung wirkt realistisch, auch wenn genauere historisch-politische Ereignisse nicht erzählt werden. Vielleicht wird die Handlung dadurch ein wenig beschönigt, da wichtige Aspekte dieser Zeit fehlen. Dennoch ist das Leben von Susanne in der Nachkriegszeit für Kinder anschaulich beschrieben.
LÜCKEN UND TABUS
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Der Nationalsozialismus und das NS-Regime werden nur mit dem Namen "Hitler" erwähnt. Genauere politische Angaben und Erklärungen zu politischen Ereignissen des Krieges werden nur am Rande erwähnt, aber nie erklärt. Auch die Rolle des Vaters im Krieg bleibt ungeklärt.
4. AUTOR/IN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1985
Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: ca. 40 Jahre
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt. Die Autorin Ingeburg Kanstein erzählt Kindern (das Buch ist für Kinder ab 10 Jahren geeignet) aus der Zeit während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit auf dem Lande in Deutschland.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Das Buch beschreibt den Lesern Aspekte einer Kindheit im Zweiten Weltkrieg und während der Nachkriegszeit. Belastungsfaktoren, die diese Zeit ausgemacht haben, werden geschildert. Zum Beispiel wird von Bombenangriffen, Unterernährung und Hausbesetzungen durch Besatzungssoldaten erzählt. Dennoch fehlen Beschreibungen von politischen Ereignissen (“Schrecken” des NS-Regimes) um die Zeit des Dritten Reiches noch besser zu verstehen. Auch jüngeren Kindern sollte man dies nicht verschweigen, da es für die Zeit des Zweiten Weltkrieges bestimmend ist.
Eine offene, und auch erklärende Kommunikation mit den kindlichen Lesern findet statt. Der Erzähler beschreibt nicht nur eine Kindheit und Jugend Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern zeigt auch Unterschiede eines Haushaltes von damals und heute auf, und veranschaulicht zum Beispiel wie mühsam die Haushaltsführung ohne elektrische Geräte war (Seite 31).
Es bleiben dennoch Fragen offen, die den Verlauf der Handlung besser erklären würden. So bleibt offen, wie sich Susannes Mutter und der “fremde Opa” noch geeinigt haben und so auch über die Zukunft von Susanne entschieden haben. Es lässt den Schluss der Handlung unvollständig erscheinen.
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Banden
Bombardierung
Ernährungskrise
Ernteeinsätze
Erweiterte Verwandtschaft (Hilfe)
Familienarmut; Deprivation
Gesundheitsprobleme der Kinder
Heizprobleme
Kinderlager (Verschickung)
Kriegerwitwen
Kriegsende
Mangelernährung
Nachkriegszeit
Rückkehr in die "Normalität"
Schule und Unterricht im Krieg
Tod andere Familienmitglieder
Übergänge Krieg-Frieden
Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)
Zweiter Weltkrieg