Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Anna Schweda

AUTOR/IN:                                         Höntsch-Harendt, Ursula

TITEL                                                 Wir Flüchtlingskinder

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1985

Verlag                                                         Mitteldeutscher Verlag

Geburtsjahr Autor/in                                     1934

Geburtsort Autor/in                                      Frankenstein/Schlesien

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Marianne , weiblich

Familienmitglieder
Mutter, Schwester, Vater
 
Weitere wichtige Figuren
Lehrerin, Lehrer

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Liegnitz (heutiges Polen) und Emmendorf

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

1944-1950

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Das Buch besteht aus kurzen Tagebucheintragungen der jungen Erzählerin Marianne, die sich als Erwachsene an das Jahr 1945 und die folgende Zeit erinnert. Subjektive Sichtweisen und Bewertungen werden mit historischen Fakten und Angaben vermischt.

"Wir Flüchtlingskinder" behandelt die Geschichte der Familie Hönow, die auf Grund des Zweiten Weltkrieges vom Vater getrennt wird, da er dem deutschen Reich als Soldat dient. Als die bolschewistische Armee kurz davor steht in Liegnitz einzurücken, wird die Mutter mit ihren beiden Töchtern Marianne und Elsa zwangsevakuiert. Sie begeben sich auf den Weg nach Emmendorf, wo sie für eine Weile bei Verwandten unterkommen. Als sie in ihre Heimat zurückkehren ist nichts mehr so wie vorher. Sie finden weder ihren Hausrat vor, noch alte Nachbarn oder Freunde. Als es ihnen trotz allem gelingt sich wieder einzuleben und neue Bekanntschaften zu schließen, werden sie wieder fortgetrieben. Diesmal von den Polen, denn es wurden politische Entscheidungen getroffen, die auch die Hönows betreffen: Die Grenzen verlaufen jetzt an Oder und Neiße und somit gehört Liegnitz nun zu Polen.

Nach einer aufreibenden Reise, die ihre letzten Kräfte fordert, kommen die Hönows wieder in Emmendorf unter, doch diesmal soll es ein längerer Aufenthalt werden. Der zweite Teil von "Wir Flüchtlingskinder" handelt von der Eingliederung der vertriebenen Familie in den Alltag der sowjetischen Besatzungszone.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).

Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein

ZEIT

Die Erzählung verläuft anachronisch mit Analepsen.

 
DAUER

Die Erzählung ist weitgehend von Zeitsprüngen gekennzeichnet.

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft repetitiv (einmal ereignet, wiederholt erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Erlebte Gedankenrede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Abwesender Vater

Stufe 1: Zeitweilige väterliche Abwesenheit und beschränkte Lebensbedingungen

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

Flucht und/oder Vertreibung

 
ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Freundschaft & Verwandschaft

Helfer

Vorbilder

Erste Liebe

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Die Abwesenheit des Vaters kommt in dem Buch zwar kurzzeitig zum tragen, doch sie scheint keine allzu tragische Rolle zu spielen, da die Familie auch ohne den Vater den Umständen entsprechend gut zurechtkommt. Als Leser gewinnt man jedoch den Eindruck, dass die Autorin die Abwesenheit des Vaters beschönigt indem sie nur selten Situationen schildert, in denen die Mutter, die Schwester oder Marianne selbst den Vater vermissen. Die Vertreibung aus ihrer Heimat durch die Rote Armee trägt im Buch eine wesentlich stärkere Bedeutung, da die Familie aus ihrer Heimatstadt vertrieben wird und ihr Hab und Gut zurücklassen muss. Sie finden zwar Unterkunft in einem Dorf, doch die Sehnsucht nach der alten Heimat lässt vor allem die Eltern der Hauptfigur nicht los.

Die Familie Hönow erfährt jedoch auch viel menschliche Zuwendung, so dass die Belastungsfaktoren teilweise aufgehoben werden. Vor allem Marianne scheint sich nach dem Krieg gut von den negativen Erfahrungen, die ihr und ihrer Familie widerfahren sind, erholt zu haben. Sie gewinnt Freunde, verliebt sich zum ersten Mal und begegnet dem Lehrer Peter Andersen, der ihr Halt und Orientierung gibt. Im Gegensatz dazu scheint bei ihren Eltern keine Aussöhnung mit den Kriegserfahrungen und den daraus folgenden Konsequenzen stattgefunden zu haben. Zu groß ist der Schmerz ihre Heimat verloren zu haben.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Marianne macht ihrem Vater Vorwürfe, weil er in den Krieg gezogen ist. Sie möchte von ihm wissen, wieso er sich nicht gegen Hitler aufgelehnt hat. Der Vater ist empört, geht nicht genauer auf Mariannes Fragen ein und will mit ihr nicht weiter darüber reden, so dass nicht eindeutig klar wird, ob der Vater während des Krieges vom Nationalsozialismus überzeugt war oder nicht. Die Erzählerin spricht diese Auseinandersetzung auch nicht wieder an, was daran liegen könnte, dass in der Familie Hönow generell keine tiefgehenden politischen Diskussionen geführt wurden.

4.               AUTOR/IN

Geschlecht: weiblich
Die Erzählung hat eine autobiografische und selbsttherapeutische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1985

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 40 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an die Generation des Autors.

Der Text richtet sich auch an junge Erwachsene, jedoch nicht an Kinder.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Obwohl Marianne in dem Buch des öfteren ihre Mutter zitiert und dadurch die Position der Mutter zum Krieg deutlich werden lässt, wird keinerlei Kommunikation zwischen Mutter und Tochter geschildert, obwohl die beiden und die zweite Tochter Elsa die Kriegszeit gemeinsam verbringen.

Eine von der dreizehnjährigen Marianne ausgehende Zwei-Generationen-Kommunikation findet im zweiten Teil des Buches zwischen ihr und dem Vater statt.

Dabei spricht sie ihn darauf an, wieso er nichts gegen den Nationalsozialismus unternommen und im Krieg auf Unschuldige geschossen hat.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Da das Buch Tagebucheinträge der jungen Marianne und Passagen, in denen sie als Erwachsene über die Kriegszeit reflektiert, beinhaltet, wird die erlebte Zeit aus zwei Perspektiven dargestellt: Aus der eines heranwachsenden Mädchens und aus der Sicht der erwachsenen Frau, die ihre Erlebnisse aufarbeitet und bewertet.

Auf Passagen in denen die erwachsene Frau subjektiv von der erlebten Zeit erzählt, folgen meistens objektive und distanzierte Schilderungen der historischen Fakten und Zusammenhänge, wie sie auch aus einem Geschichtsbuch stammen könnten.

Die Tagebucheinträge sind als Lektüre für Kinder geeignet, da diese ja auch von einem jungen Mädchen verfasst worden sind. Die Erzählungen der erwachsenen Marianne dagegen sind nicht für Kinder aufbereitet und gehen über deren Verständnis  hinaus.

Vor allem durch das Einbeziehen der Tagebucheinträge in das Buch, geht die Autorin eine intergenerationelle Kommunikation mit der Folgegeneration ein. In den Tagebucheinträgen wirft das Mädchen Fragen auf, die sie unbeantwortet stehen lässt. Durch dieses Vorgehen werden die Leser in die Gedankenwelt der Erzählerin miteinbezogen und zum Nachdenken aufgefordert.

Die Autorin möchte die Thematik jedoch nicht nur der Folgegeneration zur Diskussion stellen, sondern ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen durch das Buch verarbeiten sowie Identifikationsfiguren für Menschen gleicher Generation schaffen, die einen ähnlichen Hintergrund haben. Darauf macht sie zu Beginn des Buches aufmerksam, indem sie schreibt, dass sich ein Krieg zwar überwinden, aber nicht vergessen lässt.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Arbeitsdienst

Ausfall Unterricht/Schule

Ernährungskrise

Erweiterte Verwandtschaft (Hilfe)

Familien-Trennungen/Rearrangieren

Flucht und Vertreibung

Gesundheitsprobleme der Kinder

Kriegsende

Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung

Mangelernährung

Migration von Familien und Kindern

Nachkriegszeit

Nationalsozialismus und Krieg

Neuarrangement Familienrollen (Heimkehr)

Rückkehr in die "Normalität"

Schule und Unterricht im Krieg

Tod andere Familienmitglieder

Übergänge Krieg-Frieden

Umzüge aufs Land (Bombardierung)

Vertriebene (Verlust Nachbarschaft)

Zweiter Weltkrieg