Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Tanja Schmitz

AUTOR/IN:                                         Hegewisch, Helga

TITEL                                                 Lauf, Lilly, lauf

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                      1999

Verlag                                                        Cecile Dressler Verlag

Geburtsjahr Autor/in                                   1931

Geburtsort Autor/in                                     Hamburg

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Lilly , weiblich

Familienmitglieder
Mutter, Vater, Onkel, Oma, 2 Brüder, Schwester
 
Weitere wichtige Figuren
Isa (Freundin), Jim (Flüchtling), Dorothee (Isas Mutter) , Jeremy (Liebe), Jule (Freundin)

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Mecklenburg, Domäne Staaken (am Rande des Dorfes Galitz)

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

1940-1945

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Der Roman "Lauf, Lilly, lauf" von Helga Hegewisch erzählt von der Jugend und dem Erwachsenwerden des Mädchens Lilly während des 2. Weltkrieges. Lilly lebt mit ihrer Familie am Rande des Dorfes Galitz bei Mecklenburg in einem kleinen Haus, wo sie von den Geschehnissen der Krieges weitgehend verschont bleiben.

Dort lernt sie das Mädchen Isa kennen, mit der sie eine innige Freundschaft schließt. Beide haben sich einen Zufluchtsort gesucht, eine kleine Hütte im Wald, in der sie sich regelmäßig treffen und über den Krieg, ihre Familien und teilweise auch über die Abwesenheit ihrer Väter reden. Durch die Aufnahme eines Flüchtlings und Gespräche mit ihrem Onkel, für sie eine Art Vaterfigur, gerät ihr Weltbild ins Wanken. Sie ist hin- und hergerissen zwischen den alten nationalsozialistischen und neuen Idealen, die sie vorallem durch Isa kennenlernt und weiß lange nicht auf welche Seite sie gehört. Sie erleben gemeinsam die erste Liebe, Vertrauen und Verrat und wachsen zu zwei selbstständigen jungen Frauen heran , die am Ende getrennte Wege gehen. Lilly zieht voller neu gewonnener Lebensfreude und Optimismus mit ihrer Familie zurück nach Hamburg.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist heterodiegetisch (als Figur nicht beteiligt).

Die Erzählinstanz ist auktorial.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein

ZEIT

Die Erzählung verläuft anachronisch mit Analepsen.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitdeckend, aber von von Zeitsprüngen gekennzeichnet.

 
FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Direkte Rede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Abwesender Vater

Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen

Verlust des Vaters und/oder der Mutter

Flucht und/oder Vertreibung

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Freundschaft

Zufluchtsort

Verwandte

Liebe

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Die Abwesenheit des Vaters ist bedingt als Belastungsfaktor einzuordnen. Im Zuge des Krieges taucht er immer seltener auf, bis er schließlich vermisst gemeldet wird, was ein Teil der Familie zum Anlass nimmt, ihn für tot zu erklären. Da Lilly unter diesem Verhalten leidet, kritisiert sie es. Obwohl es hin und wieder angesprochen wird, unterbleibt eine ausführliche Thematisierung im Roman.

Diese Belastung wird durch eine Reihe von Entlastungsfaktoren kompensiert. In der Freundschaft zu Isa hat Lilly die Möglichkeit, über die Abwesenheit ihres Vaters und ihre Unsicherheiten zu sprechen. In einer kleinen Waldhütte finden die beiden einen Zufluchtsort, in dem sie, wenn es gewünscht ist, eine Distanz zu ihren Familien aufbauen können und Raum und Zeit gewinnen ihre Gedanken zur Sprache zu bringen.

Den Platz des Vaters in der Familie nimmt der Onkel ein, der aber erst im Laufe der Zeit für Lilly ein echter Vaterersatz wird. Die zunächst abwehrende Haltung gegen den Onkel in der Vaterrolle weicht nur langsam Akzeptanz. Diese wird durch Gespräche mit und über ihren Onkel bekräftigt.

Weitere Entlastung erfährt Lilly dank der Erfahrung einer ersten Liebe. Durch die Bekanntschaft mit einem jungen Mann erhält Lilly Hoffnung und Mut, auf die sie sich in ihren Gedanken stützen kann.

Belastend wirkt sich dagegen die Aufnahme eines Flüchtlings aus, dem sie zwangsläufig in ihrer Hütte Zuflucht gewährt. Sie empfindet dies als Einmischung in ihre Privatsphäre, pflegt den Flüchtling jedoch aufopferungsvoll, um ihren Glauben an Hitler wieder gut zu machen. Somit ist die Versorgung des Flüchtlings auch als Entlastung im Sinne einer Kompensation für begangene Fehler zu sehen.

Die Darstellung dieser Faktoren wird, meiner Meinung nach, sehr realistisch geschildert, die Gedankengänge des Mädchens sind in Anbetracht des Alters nachvollziehbar.

Die Tatsache, dass Lilly am Ende des Romans positiv gestimmt in ihre Zukunft blickt, legt den Schluss nahe, dass die Belastungsfaktoren keinesfalls überwiegen.

LÜCKEN UND TABUS

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Der Leser erfährt an einer Stelle, dass der Vater der Hauptfigur vermisst ist, jedoch wird dieser von dem größten Teil der Familie sofort als tot erklärt. Im weiteren Verlauf des Romans wird darauf nicht weiter eingegangen.

Des Weiteren werden geschichtliche Fakten des Zweiten Weltkriegs (Juden-verfolgung, Bombenangriffe etc.) nur oberflächlich angesprochen bzw. gar nicht behandelt, da diese nicht unbedingt im näheren Zusammenhang mit dem Roman stehen.

4.               AUTOR/IN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1931
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1999

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 59 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an die Generation des Autors.

Der Text richtet sich an Jugendliche und Erwachsene.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

In dem Roman findet an einer Stelle eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt, die von der, zu diesem Zeitpunkt, fünfzehnjährigen Hauptfigur Lilly ausgeht. Sie bittet die Mutter ihrer Freundin von dem Lager zu erzählen, in dem ihr Mann eingesperrt ist. Mit diesen Erkenntnissen wendet sie sich an ihren Onkel mit der Frage, ob alles stimmen würde. Sein Schweigen deutet sie als Bestätigung, was sie erschüttert. In ihrer Verzweiflung ändert sie ihre Meinung über Hitler und den Krieg, was sie auf ihr Verhältnis zu ihren Verwandten auswirkt. Darüber hinaus findet eine solche Kommunikation bzw. eine Drei-Generationen-Kommunikation nicht statt. Vielmehr steht die Interaktion der Hauptfigur mit einem Mädchen im gleichen Alter im Vordergrund des Romans.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Meiner Meinung nach regt dieses Buch dazu an, über die Thematik zu sprechen, was eine intergenerationelle Kommunikation einschließt. Vor allem die Diskussionen der beiden Freundinnen über ihre unterschiedlichen Ansichten bezüglich des Krieges könnten die Folgegeneration zum Nachdenken anregen.

Durch die Lektüre des Buches gewinnt der Leser einen Einblick in die Jugend während und die Beeinflussung durch den Nationalsozialismus. Das Buch wirft aber auch einige Fragen auf, die in Gesprächen mit Zeitzeugen zu klären sind. So würde es mich interessieren, inwieweit die Schilderungen Lillys der Realität entsprechen und ob es sich um generationstypische Erfahrungen handelt. Desweiteren wirft der Roman, genau wie viele andere Literatur zum Thema Nationalsozialismus, die Frage auf, welche Rolle einzelne erwachsene Personen in dieser Zeit gespielt haben. Hierzu hat es eine umfangreiche Diskussion gegeben, wobei ich jedoch nichts derartiges in Bezug auf das Buch in Erfahrung bringen konnte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Erzählung mit autobiographischen Zügen, da das Alter der Hauptfigur mit dem Alter der Autorin zur geschilderten Zeit übereinstimmt. 

Ich denke, die Autorin spricht mit ihrem Roman neben den Folgegenerationen ebenfalls ihre eigene Generation an, die sich teilweise in einigen Punkten mit den Figuren identifizieren kann. Doch für Kinder ist es nur bedingt empfehlenswert, da es nicht dementsprechend aufbereitet ist und viele Gedankengänge schwer nachzuvollziehen sind.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Ermordung Familienangehörige

Flucht und Vertreibung

Geburt von Kriegskindern (ohne Väter)

Kriegsbegeisterung Kinder/Jugendliche

Kriegsende

Nationalsozialismus und Krieg

Neuarrangement Familienrollen (Heimkehr)

Rückkehr in die "Normalität"

Tod andere Familienmitglieder

Tod des Vaters

Umbruch Werte + Normen

Umzüge aufs Land (Bombardierung)

Veränderte Persönlichkeit

Zweiter Weltkrieg