Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Christine Lang

AUTOR/IN:                                         Gehrts, Barbara

TITEL                                                 Nie wieder ein Wort davon?

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                      1978

Verlag                                                       dtv junior

Geburtsjahr Autor/in                                   1927

Geburtsort Autor/in                                     wahrscheinlich Berlin

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Hanna Singelmann (13 Jahre) , weiblich

Familienmitglieder
Bruder Hannes, Vater Franz, Mutter,
Onkel Oskar, Tante Lore, Cousins Erik und Wolfgang,  
Cousinen Ursula und Lisabeth
Weitere wichtige Figuren
Familie Schmidtke, besonders Freundin Ruth Schmidtke

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Berlin (Lichtenrade)

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

September 1940 bis November 1943

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Hanna ist 13 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Zunächst scheinen es nur die Entbehrungen und  Belastungen zu sein, die der Krieg mit sich bringt, die die Familie bedrücken. Geprägt von der politischen Haltung des Vaters gegen das Regime Hitlers, wird der Familie die gefährliche Staats- und Kriegsführung immer deutlicher. Ab September 1941 müssen alle Juden den gelben Stern tragen. Aus Angst vor der Zukunft und um dem stärker werdenen Hass zu entgehen, begeht Hannas jüdische Freundin Ruth mit ihrer Familie Selbstmord. Die Nazis hatten zuvor einen Galgen vor deren Haus aufgestellt. Im Sommer 1942 fällt Hannas Freund Erik an der Front.

Obwohl Hannas Vater Offizier im Reichsluftfahrtsministerium ist, ist er ohne Wissen der Familie als Widerstandkämpfer gegen Hitler tätig. Im Oktober 1942 wird er von der Gestapo wegen staatsfeindlicher Haltung verhaftet und im Januar 1943 zum Tode verurteilt. Im Februar wird er schließlich hingerichtet. Die Familie durchlebt in diesen schweren Wochen die ganze Macht des Regimes. Das Haus wird durchsucht und Hannas Mutter wird verhört. Die Reichsanwaltschaft beim Reichskriegsgericht schickt eine Kostenrechnung für Prozess und Hinrichtung. Hannas Bruder wird schließlich im Sommer 1943 eingezogen und stirbt wenige Wochen später.

Im November 1943 wird in Berlin ihr Elternhaus durch eine Bombe zerstört. Da sie nun ohne Heimat sind, geht Hanna mit ihrer Mutter nach Schleswig-Holstein.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft  anachronisch mit Analepsen und Prolepsen.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend erzählt und von Zeitsprüngen gekennzeichnet.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft repetitiv (einmal ereignet, wiederholt erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Gedankenrede: autonomer innerer Monolog

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Abwesender Vater

Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen

Ständige Bombenangriffe

Verlust des Vaters und/oder der Mutter

Seelische Verrohung durch Nazi-Erziehung und Krieg

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Anfangs die berufliche Stellung des Vaters, denn dadurch bekam die Familie größere    Essensvorräte

Der Feldanbau, so wurde das Essen nicht knapp

Der Zusammenhalt der Familie

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Bei den Belastungsfaktoren überwiegt die Abwesenheit des Vaters. Zu Beginn der Erzählung scheint alles in bester Ordnung zu sein. Hannas Vater ist Offizier im Reichsluftfahrtsministerium. Doch es wird von Anfang an deutlich, dass er mit der Kriegsführung Hitlers nicht einverstanden ist. Doch um die Familie nicht zu gefährden, hält er sich mit seinen Äußerungen zurück. Die Gefahr, von der Gestapo verhaftet zu werden, ist deutlich zu spüren. Eines nachts wird Hannas Vater jedoch verhaftet, da er als Wiederstandskämpfer gegen Hitler tätig ist. Ab diesem Zeitpunkt sieht sich die Familie der Macht der SS gegenüber. Die Mutter wird verhört und das Haus durchsucht. Der Kampf um die Freilassung des Vaters bestimmt von nun an das Leben der Familie, doch dieser ist vergebens.

Weiterer Belastungsfaktor ist der Tod von Hannas Bruder und ihrem Freund an der Front. Dadurch verliert Hanna ihren letzten Halt. Ihre Mutter geht viel arbeiten und kann Hanna das Gefühl der Einsamkeit und des Verlusts nicht nehmen. Ihre beste Freundin, die Jüdin Ruth, hatte sich schon zuvor mit ihrer Familie das Leben genommen, um nicht weiter dem Judenhass ausgesetzt zu sein.

Auch die immer häufiger werdenden Bombenangriffe beeinflussen das Leben von Hanna und ihrer Familie sehr. Oft verbringen sie die halbe Nacht im Schutzkeller, so dass alle am nächsten Tag unausgeschlafen sind. Am Ende der Erzählung wird Hannas Elternhaus von einer Bombe fast völlig zerstört. Die Familie hat vor allem mit der Einstellung der breiten Öffentlichkeit zu kämpfen, denn sie selbst vertreten weder die Meinung, dass Juden minderwertig sind, noch sind sie mit der Kriegsführung einverstanden.

Als Entlastungsfaktor ist zunächst die berufliche Stellung des Vaters zu nennen. Diese verschafft der Familie eine Sonderstellung. Sie sind zunächst nicht auf die Essensmarken angewiesen und müssen sich nicht einschränken. Doch dieses Privileg endet, als der Vater verhaftet wird.

Außerdem hat die Familie die Möglichkeit auf einem Acker Kartoffeln und Gemüse anzubauen, wodurch genügend Tauschware vorhanden ist. Zu jedem Zeitpunkt der Erzählung hält die Familie eng zusammen. Dazu gehört auch Hannas Tante und Onkel, die jederzeit hilfsbereit sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Belastungsfaktoren die Entlastungsfaktoren eindeutig überwiegen. Dabei entsteht der Eindruck, dass Hanna den Boden unter den Füßen verliert, da die Belastungsfaktoren zu übermächtig sind und sie beinahe erdrücken. Die Darstellung wirkt sehr realistisch. Es handelt sich um eine autobiographische Erzählung.

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Es wird nicht berichtet, unter welchen Umständen Hannas Vater in Gefangenschaft leben muss und wie er schließlich hingerichtet wird. Auch wird nichts über seine Wiederstandsaktivitäten bekannt. Es wird lediglich erwähnt, dass diese stattfinden.

Diese Tatsachen werden nicht berichtet, da es sich um eine Ich-Erzählung handelt und Hanna bei den genannten Ereignissen nicht anwesend ist.

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1927
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung.

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1978

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 35 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Es handelt sich um eine Zwei-Generationen-Kommunikation. Die Erzählung wird von Hanna geführt, da sie die Ereignisse aus ihrer Sicht als Ich-Erzähler berichtet. Der Leser erfährt ihre Gefühle, Ängste und Gedanken und nicht die der anderen Personen.

Die Erzählung richtet sich an Kinder in Hannas Alter. Diese können aufgrund ihres ähnlichen Alters mit Hanna mitfühlen und sich mit ihr identifizieren. Doch auch Erwachsene leiden mit Hanna mit, da die Erzählung so ergreifend vermittelt wird.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Es wird das Schicksal von Hanna und ihrer Familie beschrieben. Dabei bekommt der Leser einen Eindruck davon, unter welchen Bedingungen die Menschen im 2.Weltkrieg lebten und welches Leid sie ertragen mußten. Angehörige starben an der Front oder wurden hingerichtet. Die Essensvorräte wurden immer knapper. Bombenangriffe und nächtliche Alarme beeinträchtigten und bedrohten das tägliche Leben. Juden mussten den gelben Stern tragen und wurden abtransportiert.

Junge Leser erhalten einen umfassenden Eindruck von den Verhältnissen und dem Schmerz der Bevölkerung.

Auch die politische Situation wird beschrieben. Welche kriegstaktischen Schritte Hitler als nächstes vornehmen wollte und welche bereits schon durchgeführt wurden. Doch dies wird alles aus der Sicht von Hannas Vater und ihrer restlichen Familie geschildert, so dass nur die konträre Meinung deutlich wird. Dabei wird vernachlässigt, dass viele Menschen hinter Hitler standen und ihn unterstützten. Der Bericht von der NS-Politik ist jedoch oft aus dem Zusammenhang gerissen, so dass Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben werden, alles zu begreifen. Ein Vorwissen ist sehr hilfreich.

Das Buch verdeutlicht, dass keiner bei dem Krieg verschont blieb, ob er nun der Politik zustimmte oder nicht.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Ausgebombte (Verlust Familienwohnung)

Bombardierung

Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf

Erlebnisse an Kriegsfront

Ermordung Familienangehörige

Ernteeinsätze

Erweiterte Verwandtschaft (Hilfe)

Gefängnisaufenthalt/Internierung Eltern

Gesundheitsprobleme der Kinder

Kindersoldaten

Kriegerwitwen

Kriegsarbeit Mütter (Schlüsselkinder)

Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung

Mitgliedschaften (Hitlerjugend, BDMff)

Nationalsozialismus und Krieg

Opfer in Kriegshandlungen

Sozialpolitik im Krieg

Strafrechtliche Verfolgung der Eltern

Tod andere Familienmitglieder

Tod des Vaters

Veränderte Persönlichkeit

Zweiter Weltkrieg