Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Ruth Thielmann
FIGUREN
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Julia wohnt mit ihren Eltern, die einen Lebensmittelladen führen, und den Geschwistern Renate und Stefan in Münster. Da die Eltern keine Zeit haben, wird sie von einem Kindermädchen erzogen und lebt ein recht sorgenfreies Leben. Zu ihrem 6. Geburtstag bekommt Julia eine Puppe namens Emma geschenkt, die sie "nie mehr hergeben" möchte. Doch dann bricht der Zweite Weltkrieg aus und in Julias Leben kommen Unruhe und Veränderungen. Da Münster bombardiert wird, flüchtet die Mutter mit den Kindern erst nach Wiedenbrück. Ende 1941 werden die Kinder in ein Heim nach Hinterzarten geschickt. Ostern 1943 kommen Julia und Stefan zu "Tante" Jusch, die Kinder aus der Stadt aufnimmt. Ab September 1943 lebt Julia mit ihrer Mutter und Stefan in dem thüringischem Dorf Dingelstädt. Und immer ist die Puppe Emma dabei. Der Vater, der am Anfang des Krieges auf Grund eines verkrüppelten Armes als kriegsuntauglich erklärt wurde, bleibt die ganze Zeit in Münster. Erst zum Ende des Krieges wird er doch noch zur Flakabwehr nach Halle eingezogen. Kurz nach Kriegsende fliehen die Mutter, Julia und Stefan aus der sowjetischen Besatzungszone in die britische Zone und dabei verliert Julia ihre geliebte Puppe Emma.
2. FORMALANALYSE
Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.
Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).
Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja
Die Erzählung verläuft chronologisch.
Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend.
Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).
Der Erzählstil ist eher narrativ / berichtend / mittelbar.
In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:
Direkte Rede
Erzählte Rede/Gesprächsbericht
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Abwesender Vater
Stufe 1: Zeitweilige väterliche Abwesenheit und beschränkte Lebensbedingungen
Ständige Bombenangriffe
Trennung von Mutter und Geschwistern
Flucht und/oder Vertreibung
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Das Leben auf dem Land (keine Bombenangriffe wie in Münster)
Julia findet immer wieder sehr schnell Freunde in den neuen Umgebungen
Zeit in Littenweiler bei "Tante" Jusch (ein fast sorgenfreies Leben)
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Von den Belastungsfaktoren steht vor allem die Bombardierungen auf Münster im Vordergrund. Am Anfang der Handlung wird erzählt, wie Julia die Bombardierungen Münsters erlebt und wie sich bei den nächtlichen Gängen zum Luftschutzkeller ein gewisser Automatismus beim Anziehen der Kleidung entwickelt (S. 78). Auch nachdem Julia schon aufs Land gezogen ist, erfährt sie (z.B. über die Mutter) und somit auch der Leser immer wieder wie es in Münster gerade aussieht und was passiert ist. Ebenso ist die Trennung vom Vater, und zeitweilig auch von der Mutter und der Schwester Renate, die in ein Internat in Bayern geht, "damit aus ihr, obwohl Krieg ist, noch etwas Gutes wird" (S.87), ein wichtiger Belastungsfaktor. An Weihnachten 1944 kommt dies zum Zuge.
Die gesamte Darstellung der Handlung ist sehr anschaulich und realistisch beschrieben. Man bekommt einen Einblick in das alltägliche harte Leben während des Krieges (z.B. Lebensmittelkarten, Bezugsscheine, Stricken für die Soldaten an der Front) Trotz den Einschränkungen erlebt Julia auch immer wieder schöne Ereignisse (z.B. Pilze sammeln mit "Großmutter" Ehrenfeld), die versöhnlich stimmen.
LÜCKEN UND TABUS:
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Es wird in dem Buch erzählt, dass Juden in Lager kommen, aber es wird nicht genauer darauf eingegangen, was sie dort erwartet. Dies kann man vielleicht damit erklären, dass viele Deutsche von den Konzentrationslagern nichts genaueres gewußt haben, auch nichts wissen wollten und so die Ich-Erzählerin ebenfalls nichts davon wissen konnte.
4. ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN
Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1979
Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: ca. 35 Jahre
Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es findet eine Zwei-Generationen-Kommunikation statt. Die Autorin Ursula Fuchs erzält jungen Lesern kindgerecht und anschaulich ein Kinderschicksal während der Zeit des Zweiten Weltkriegs, das autobiographisch geprägt ist.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Die Autorin Ursula Fuchs bringt das schwierige Thema des Krieges jungen Lesern nahe. Es wird anschaulich von den alltäglichen Schwierigkeiten während des Zweiten Weltkrieges berichtet. Unter anderem wird die Situation mit Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen erklärt, aber auch die Zuweisungen in fremde Familien bei Evakuierungen und die Einnahme der Häuser durch Besatzungssoldaten.
Durch Julias Fragen an die Eltern und deren Antworten werden Begriffe, wie NSDAP (S.39) und Gegebenheiten, wie die Teilung Deutschlands in die Besatzungszonen (S.160) auch für kindliche Leser anschaulich erklärt.
Aufgezeigt werden ebenso der Konflikt mancher Menschen zwischen der Hoffnung auf einen deutschen Sieg, aber auch die Angst gegenüber dem Nationalsozialimus. Julias Vater ist am Anfang sehr kritisch gegenüber Hitler und dem Krieg eingestellt, und weiß nicht genau, was er denken soll. Das er am Kriegsanfang als kriegsuntauglich eingestuft wird ist für ihn erfreulich. Andere Figuren der Handlung (z.B. Freund von Hausmädchen Sophie) freuen sich hingegen in den Krieg ziehen zu dürfen.
Leider endet die Handlung während der Flucht Julias, der Mutter und Stefans in die britische Besatzungszonen und dem schmerzlichen Verlust der Puppe Emma. So erfährt der Leser nicht, ob die Flucht gelingt oder ob Julias Vater und ihre Schwester noch leben, denn seit Anfang 1945 haben sie durch den Zusammenbruch der deutschen Post keine Nachrichten mehr von ihnen erhalten.
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Bombardierung
Ernährungskrise
Familien-Trennungen/Rearrangieren
Flakhelfer
Fremdarbeit (Land, Bauern)
Kinderlandverschickung (erweitert)
Kriegsbeginn
Kriegsende
Migration von Familien und Kindern
Nationalsozialismus und Krieg
Sammlungen
Schule und Unterricht im Krieg
Übergänge Krieg-Frieden
Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)
Umzüge aufs Land (Bombardierung)
Vorkriegszeit
Zweiter Weltkrieg