Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Anna Schweda

AUTOR/IN:                                         Friedrich , Joachim

TITEL                                                 Ana-Lauras Tango

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1993

Verlag                                                        Thienemann

Geburtsjahr Autor/in                                    1953

Geburtsort Autor/in                                      Oberhausen

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur

Ana Laura , weiblich

Familienmitglieder
Mutter, Großmutter, verstorbener Vater
Weitere wichtige Figuren
Peter (neuer Freund der Mutter) und sein Sohn Oliver

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Hamburg

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

90er Jahre

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

In einem vorbeifahrenden Taxi sieht Ana-Laura ihren Vater wieder, doch der ist seit zwei Jahren tot. Sie macht sich auf die Suche nach dem Doppelgänger und Oliver bietet ihr dafür seine Hilfe an. Später gewinnt sie auch ihre Mutter und ihren neuen Freund für die Suche. Dabei stoßen sie auf ein dunkles Kapitel Familiengeschichte und finden heraus, dass der mysteriöse Mann aus dem Taxi der Zwillingsbruder des verstorbenen Vaters ist. Ana-Lauras Oma hat die Zwillinge 1945 während des Zweiten Weltkriegs ohne Beisein des Vaters geboren. Der Vater, ein gut positionierter SS-Mann, nahm einen seiner Söhne zu sich, als sich seine Verlobte weigerte zu ihm nach Berlin zu kommen und ihn zu heiraten. Aus dem Sohn wurde ein bekannter Tangospieler. Der andere, Ana-Lauras Vater, blieb bei der Mutter, da diese ihrem Verlobten verschwiegen hat, dass sie Zwillinge geboren hat, so dass die Brüder nichts voneinander wußten.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung).

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitdeckend.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Direkte Rede

Autonome direkte Rede

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Verlust des Vaters und/oder der Mutter

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Unterstützung durch Freunde und Familie

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Ana-Laura war über den Tod ihres Vaters schon hinweg gekommen, als sie eines Tages meint ihn wiedergesehen zu haben. Das Bild des Mannes, der ihrem Vater zum verwechseln ähnlich sah, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf und der Gedanke, dass er doch noch leben könnte, lässt sie nicht mehr los. Ihre innere Unruhe wird für sie zu einer großen Belastung, so dass sie sich dazu entschließt den Doppelgänger zu suchen.

Da die Geschichte nicht während des Krieges, sondern in den 90er Jahren spielt, kommen Belastungsfaktoren wie Bombenangriffe, Vertreibung, Unterernährung und ähnliches gar nicht zum tragen. Die einzige Figur, die den Krieg selbst miterlebt hat, ist die Großmutter des Mädchens. Zwischen ihr und ihren Erlebnissen während des Krieges scheint aber nie eine Versöhnung statt gefunden zu haben, da sie Ana-Lauras Nachfragen abblockt und scheinbar etwas verschweigt.

Die Verschwiegenheit der Oma belastet das junge Mädchen, denn ihre Großmutter ist die einzige Person, die ihr über die Familiengeschichte ihres Vaters Auskunft geben kann. Diese weigert sich, wirft Ana-Laura und Oliver sogar aus ihrem Zimmer im Altenheim, als die beiden sie befragen wollen. Als zum Ende hin aufgeklärt wird, dass es sich bei dem Mann aus dem Taxi nicht um Ana-Lauras Vater handelt und sie nun definitiv weiß, dass dieser verstorben ist, findet eine Aussöhnung zwischen Ana-Laura und ihrer Ungewissheit statt.

Obwohl sie nun weiß, dass ihr Großvater bei der SS war und ihr Vater vor ihm geheim gehalten werden musste, ist sie froh all das erfahren zu haben, weil sie erst jetzt Ruhe finden kann. Das Wissen über die grausame Vergangenheit der Großmutter wird zu keinem großen Belsatungsfaktor, auch wenn sie viel Mitgefühl für das Schicksal ihrer Oma empfindet. Sie ist eher enttäuscht, dass die Großmutter ihr die Geschichte nicht selbst erzählt hat.

Die Tatsache, dass Ana-Laura bei ihrer Suche sehr viel Unterstützung und Hilfe von ihrer Mutter, Peter und Oliver erhalten hat und zwischen ihnen eine familiäre Atmosphäre entstanden ist, steht im Vordergrund und hebt die negativen Faktoren auf.

Die Darstellung wirkt vor allem dadurch sehr realistisch, dass Ana-Lauras Emotionen und auch die ihrer Mutter häufig sehr nachvollziehbar beschrieben werden, so dass sich der Leser leicht in die Figuren hinein versetzen kann.

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

Der Leser erhält in diesem Buch vergleichsweise wenig Informationen über den Zweiten Weltkrieg. Aspekte wie Konzentrationslager, Bombardierungen, Judenvernichtung u. a. werden nicht angesprochen, da sie für die restliche Rahmenhandlung nicht wichtig sind.  

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: männlich
Geburtsjahr: 1953
Die Erzählung hat keine autobiografische oder selbsttherapeutische Prägung.

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 48 Jahre

5.               LESEREBENE

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

Der Text ist dementsprechend aufbereitet.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

Es wird an einigen Stellen angedeutet, dass Ana-Lauras Großmutter früher oft vom Krieg und den Taten der Nazis gesprochen hat. Doch als es später um persönliche Details geht und Ana-Laura von ihrer Oma Informationen über ihren Vater benötigt, blockt sie schnell ab und reagiert sehr entsetzt . Durch alte Briefe, die sie bei ihrer Oma findet, gelingt es Ana-Laura trotzdem wichtige Auskünfte über ihren Vater und seine Familiengeschichte zu erlangen. So gerät sie an Herta, eine ältere Dame, die zur Kriegszeit mit ihrer Großmutter eng befreundet war. Herta lässt sich auf ein Gespräch über die damalige Zeit ein und gibt preis, dass der Mann, der Ana-Lauras Vater so verblüffend ähnlich sieht, nur sein Zwillingsbruder sein kann.

Die Kommunikation mit Herta ist Ana-Laura sehr wichtig

Des weiteren ist im Buch immer wieder eine Zwei-Generationen-Kommunikation zwischen Ana-Laura und ihrer Mutter zu finden. Anfangs reagiert die Mutter auf die Spekulationen des Mädchens, ihr Vater könnte noch am Leben sein, zwar eher abweisend und ungläubig, doch im Laufe der Geschichte unterstützt die Mutter sie immer mehr bei ihren Nachforschungen und die beiden führen tiefgründige Gespräche, in denen sie ihre Gefühle und Gedanken austauschen.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Bei dem Buch handelt es sich nicht um ein typisches Buch zum Thema Krieg oder Nachkriegszeit. Die Protagonistin Ana-Laura wächst in den 90er Jahren bei ihrer Mutter in einem guten sozialen Umfeld auf. Über den Tod des Vaters ist sie schon so gut wie hinweg, bis sie seinen "Doppelgänger" sieht, was sie emotional sehr aufwühlt und belastet. Durch die Nachforschungen, die das Mädchen anstellt, erfährt sie etwas über die Familiengeschichte des Vaters und kommt so zum ersten Mal eher zufällig mit dem Zweiten Weltkrieg in Berührung.

Die meisten Bücher, die sich dem Thema Krieg widmen und für Kinder und Jugendliche aufbereitet sind, handeln von jungen Menschen, die während des Krieges aufwachsen und deshalb äußerst eingeschränkt leben. Diese Einschränkungen und Belastungen treffen auf Ana-Laura nicht zu, denn das Thema Krieg ist in dem Buch in eine ganz andere Rahmenhandlung integriert. Das ist auch der Grund dafür, dass nur wenige Aspekte des Zweiten Weltkrieges Erwähnung finden, eben nur die, die auch für die Rahmenhandlung von Bedeutung sind.

Diese eher außergewöhnliche Form das Thema Krieg in eine Kinder- und Jugendlektüre zu verstauen, macht dieses Buch umso interessanter. Ana-Lauras Suche nach dem mysteriösen Mann aus dem Taxi fesselt den Leser und die miteinander versponnenen Fäden der Geschichte ergeben von Seite zu Seite ein immer vollständigeres Bild, so dass die Spannung bis zum Ende aufrecht erhalten bleibt.

Da Joachim Friedrich 1953 geboren wurde und ich nichts über seine familiären Hintergründe herausfinden konnte, lässt sich ausschließen, dass das Buch eine autobiografische Prägung hat und zu einem selbsttherapeutischen Zweck geschrieben wurde.

Für Kinder, die sich bisher noch in keiner Weise mit dem Thema auseinander gesetzt haben, eignet sich das Buch nicht als "Einstiegslektüre", da vorausgesetzt wird, dass Grundlegendes über den Zweiten Weltkrieg bekannt ist.

Es sollte also von Kindern und Jugendlichen gelesen werden, die bereits über ein basales Wissen zu dem Thema verfügen und sich darüber Zusammenhänge erschließen können.

Auch wenn das Thema Krieg hier eine Nebenrolle zugewiesen bekommt, da die Suche nach dem Vater eher im Vordergrund steht, glaube ich, dass der Autor Kinder und Jugendliche dazu bewegen möchte sich mit dem Zweiten Weltkrieg und vor allem mit dem Schicksalen von Menschen, die zu dieser Zeit gelebt haben, zu beschäftigen. Besonders die Briefe, die sich Ana-Lauras Großmutter und der Großvater 1944 geschrieben haben und die Erzählungen von Herta geben einen guten Eindruck davon, wie schwer diese Zeit auch für viele Deutsche gewesen ist.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Familien-Trennungen/Rearrangieren

Geburt von Kriegskindern (ohne Väter)

Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung

Tod des Vaters

Zweiter Weltkrieg