Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
Buchanalyse von Jessica Götz
Erstausgabe/Erscheinungsjahr 2002
Verlag Dressler Verlag
Geburtsjahr Autor/in 1944
Geburtsort Autor/in Sensburg/Ostpreußen
1. INHALT
FIGUREN
Hauptfigur
Jutta (8 Jahre), weiblich
Familienmitglieder
Mutter
Oma Eva, kommt aus Russland zu Besuch
Vater, ehemaliger Soldat, arbeitet jetzt für Besatzungsmacht England auf einem Fliegerhorst
Tante Anna, schwanger und nicht verheiratet
Weitere wichtige Figuren
Hansemann
Walter Holtkamp, sind mit Jutta befreundet, ein paar Jahre älter als sie
Barbara, Nachbarin, beste Freundin und Flüchtling
Ingelein, Jutta spielt nur mit ihr für eine Tasse Maggisuppe
RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG
Schauplatz / Ort
Gütersloh in Wsetfalen
Zeitangabe/Jahr(eszeit)
1951/ ein Jahr
KURZE INHALTSBESCHREIBUNG
Das Buch beginnt mit einem russischen Kinderlied, das die aus Russland kommende Oma Jutta später im Buch vorsingt. Auf den weiteren 206 Seiten und in 29 Kapiteln erzählt Dagmar Chidolue die Geschichte der 8 jährigen Jutta mit ihren unspektakulären Alltags- und Ferienerlebnissen der 50er Jahre. Als Flüchtlingskind in einer Kleinstadt bekommt Jutta als Einzige „Liebesgaben“ und Sachen von der Kleiderspende, weshalb die anderen Mädchen aus ihrer Schule nicht mit ihr reden und sie sich deshalb mit den Nachbarsjungen Hansemann und Walter Holkamp trifft und mit Ingelein nur, wenn sie Lust auf Maggisuppe hat. Dann zieht ein neues Mädchen, ebenfalls ein Flüchtlingskind, in das Nachbarhaus. Ihr Name ist Barbara. Sie und Jutta werden beste Freundinnen, bis ein Schicksalsschlag die beiden wieder entzweit. Juttas Eltern kämpfen immer noch mit den Folgen des Krieges. Ganz besonders die Mutter, die ihren Bruder im Krieg verloren hat. Der Vater, als ehemaliger Soldat, arbeitet nun für die britische Besatzungsmacht auf einem Fliegerhorst. Er hat den Krieg als „einen guten“ empfunden. Durch ihn ist er, wie er sagt, „viel rumgekommen“. Die Geschichte endet mit dem bevorstehenden Umzug in eine neue Wohnung bei einem Arbeitskollegen des Vaters. Eine Wohnung, die ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Wohnzimmer und sogar ein Kinderzimmer hat, sowie fließendes Wasser und eine funktionierende Toilette. Obwohl Jutta sich eigentlich darüber freuen soll, hat sie Angst vor der Zukunft, und was diese mit sich bringt.
2. FORMALANALYSE
ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE
Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.
Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler, personal / aktorial.
Intradiegetische Erzählinstanzen? Nein
ZEIT
Die Erzählung verläuft chronologisch.
3. THEMA KRIEGSKINDHEIT
BELASTUNGSFAKTOREN
Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:
(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)
Abwesender Vater
Stufe 1: Zeitweilige väterliche Abwesenheit und beschränkte Lebensbedingungen
Stufe 2: Lange Abwesenheit des Vaters, dauerhaft eingeschränkte Lebensbedingungen
Ständige Bombenangriffe
Trennung von Mutter und Geschwistern
Verlust des Vaters und/oder der Mutter
Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit
Flucht und/oder Vertreibung
Übergriffe von Besatzungssoldaten
Seelische Verrohung durch Nazi-Erziehung und Krieg
ENTLASTUNGSFAKTOREN
Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:
Freundschaft zu Walter Holtkamp und Hansemann, ihre beste Freundschaft Barbara, die Ferien in Cuxhaven, Maggisuppe trinken bei Ingelein, erste Erfahrungen mit Jungen, die weißen Kniestrümpfe, die sie sich solange wünscht und am Ende von ihrer Tante gestrickt und geschenkt bekommt.
BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN
Welche Faktoren stehen im Vordergrund?
Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?
Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?
Für das Flüchtlingsmädchen ist das Leben in Gütersloh 1951 nicht einfach. Der Krieg ist zwar seit 6 Jahren vorbei, doch noch immer hat das Flüchtlingsmädchen mit den Folgen zu kämpfen. Sie erfährt Hunger und Armut. Ihre Eltern müssen mit der neuen Situation zurechtkommen und sind – besonders der Vater- keine Hilfe für die heranwachsende Jutta und ihre Fragen. Von den Kindern in ihrer Schule wird sie gemieden und verliert ihre beste Freundin auf tragische Weise. Die Entlastungsfaktoren sind jedoch stark genug, um mit den Belastungsfaktoren fertig zu werden
Die Geschichte ist eine durchweg autobiographische, in der sogar die Namen authentisch sind. Die Autorin lässt Jutta ihre Welt genauso erleben, wie sie sie zu jener Zeit erfahren hat. Sie beschreibt alles aus der Sicht eines 8jährigen Mädchens, das nicht viel versteht von dem, was um sie herum geschieht. So erhalten die Leser einen realitätsnahen Einblick in das kleinbürgerliche Leben in Deutschland in den 50 er Jahren.
LÜCKEN UND TABUS:
Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?
Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?
Das Verhalten der Erwachsenen passt in das Kleinbürgertum der 50er Jahre.
Aufklärung, Sexualität, Krieg, Grund für die Vertreibung/Flucht und Tod sind Themen, die tabuisiert werden, für die neugierige Jutta ein Problem.
„Tante Anna bekommt ein Baby, wird heiraten und deshalb eine Wohnung bekommen. Mama erzählt mir die Geschichte in dieser Reihenfolge..., die eigentlich nur andersherum stimmt. ...Ich muss Mama was fragen. Ich habe nachgedacht....Was ich meine, ist, das ich nicht weiß, woher die Kinder kommen, das Baby von Tante Anna zum Beispiel.- Du weißt doch, dass man heiratet, wenn man groß ist. Und wenn man sich dann ein Kind wünscht, kann einem der leibe Gott diesen Wunsch erfüllen....- Aber Tante Anna ist ja noch gar nicht verheiratet, und trotzdem bekommt sie ein Baby. Warum ist der liebe Gott bei ihr so schnell gewesen? Solche Fragen stellt Jutta ihren Eltern und bekommt keine Antwort darauf. Die Erwachsenen haben eine solche Angst vor der Sexualität, dass sie sie bei unschuldigen Kinderspielen wittern und versuchen sie zu unterbinden
Auch der Tod wird tabuisiert. Zum einen verständlich, weil es sich bei Jutta um ein erst 8 jähriges Mädchen handelt, doch versteht sie diesbezüglich wahrscheinlich mehr als die Großen ihr zutrauen. Auf S. 20 sagt sie: „ Ich weiß nicht , warum man nicht aussprechend darf, dass jemand tot ist. Im Krieg werden die Leute meistens totgeschossen. Sie sterben nicht im Bett, sondern auf dem Feld. Feld kommt von Schlachtfeld. Und Schlacht kommt von schlachten. Ich schaue gerne hinter die Wörter.“ Jutta erzählt vom Tod auf eine sehr nüchterne Art und Weise ,die so gar nichts mit einer 8 Jährigen zu tun hat, sondern viel eher der Sichtweise einer Erwachsenen entspricht
Der Krieg und die Kriegsgeschehnisse werden in dieser Geschichte gänzlich ausgespart. Was der Krieg bei den einzelnen Familienmitgliedern ausgelöst hat, wird nur sehr oberflächlich und vor allem sehr kurz behandelt. Von der Mutter erfährt man nur, dass sie um ihren Bruder trauert, der im Krieg gefallen ist und dass sie früher auf einem Bauernhof gelebt hat, von dem sie mit ihrer Familie nach Gütersloh flüchten mussten.
Der Vater hat eine ganz andere Einstellung zum Krieg. Er empfindet den Krieg als einen guten, weil er durch ihn viel rumgekommen ist. Er hat ein Album mit Bildern, dass er gerne zeigt und das ihn in verschiedenen Ländern und mit anderen Frauen zeigt. Auch dass der Vater nur von den „ Engländern“ redet, für die er auf einem Fliegerhorst arbeitet, zeigt deutlich seine Einstellung.
Jutta erzählt diese Szene einfach so. Sie reflektiert nicht darüber. Sie macht sich in dem Buch auch keine Gedanken über die Rolle des Vaters als Soldat in der NS- Zeit.
Dies geschieht, weil Dagmar Chidolue in ihrem Buch einen anderen Schwerpunkt gesetzt hat. Nicht auf dem Krieg, sondern auf der Nachkriegszeit liegt ihr Augenmerk, zumal es sich bei Zuckerbrot und Maggisuppe um eine autobiographische Geschichte handelt. Die Autorin erst 1944 geboren. Folglich hat sie keine Erinnerungen an den Krieg.
4. ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN
Geschlecht: weiblich
Die Erzählung hat eine autobiografische und selbsttherapeutische Prägung.
5. LESEREBENE
Der Text richtet sich an die Generation des Autors.
Der Text wirkt auf erwachsene Leser ähnlich wie auf den Autor selbst.
Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.
Der Text ist dementsprechend aufbereitet.
6. KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES
Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?
Von welcher Altersstufe wird diese geführt?
Wer wird angesprochen?
Es findet eine Drei-Generationen-Kommunikation statt.
Ausgelöst wird diese von der jüngsten, die in Gesprächen mit der Mutter und Oma versucht Antworten auf ihre Fragen zu erhalten.
Es findet aber keine Auseinandersetzung der Protagonistin mit der Elterngeneration statt, da Jutta ihre Kindheit als gut und die Beziehung zu ihren Eltern als normal empfindet und auch so beschreibt.
Fragen nach dem Vater in der Rolle des Soldaten und seinem damit verbundenen Verhalten werden nicht gestellt, weil die Autorin es gar nicht will oder vielleicht auch, weil die Hauptfigur in ihrem Alter gar nicht dazu in der Lage ist.
Die Geschichte ist eine autobiographische und somit in erster Linie für die Autorin selbst geschrieben. Deshalb auch das russische Kinderlied zu Beginn der Geschichte. Dagmar Chidolue erzählt in einem Interview, dass sogar die Namen in ihrer Geschichte authentisch sind. Folglich ist anzunehmen,dass ihre eigene Oma ihr das Lied vorgesungen hat, als sie noch klein war.
Die Autorin versucht die erlebten Geschehnisse in ihrem Buch aufzuarbeiten.
Dabei ist sie keineswegs wertneutral, sondern berichtet aus einem Jahr in ihrem Leben, so wie sie erlebt und für sich aufgefasst hat. Von der Scham, die sie durchleben musste, weil sie Flüchtling war, von dem immer andauernden Hunger. Davon,dass ihr Vater immer das größte Stück Fleisch bekommen hat. Dass, sie selbst gerne in dieser Position gesteckt hätte und nicht immer nur mit den Resten hätte vorlieb nehmen müssen. Von ihrer Mutter, von der sie glaubt, dass sie schwanger ist, sich aber nicht zu fragen traut,
Von der Moral der Erwachsenen, die in die Kirche rennen und von der Sexualität flüchten.
7. KOMMENTAR
Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?
Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?
Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?
Dagmar Chidolue hat ihr Buch „ Zuckerbrot und Maggisuppe“ in einer kindlichen Sprache für Kinder geschrieben.
Ich denke, es ist gut geeignet für Kinder von 10-12 Jahren.
Das Leben in Deutschland in der Nachkriegszeit wird von der Autorin authentisch erzählt.
Aufgrund seiner Einteilung in kurze Kapitel und der einfachen Sprache ist die Geschichte gut geeignet für die Schule. Die Schüler erfahren relativ realitätsnah von dem Leben als Flüchtling zu einer Zeit in Deutschland, die so gar nichts mehr mit der gemein hat, in der die Kinder heute leben. Die Probleme, die eine Flucht mit sich bringt werden ehrlich geschildert, aber durch die Erzählweise der Protagonistin nicht schockierend dargestellt, so dass die Kinder sich mit dem Thema beschäftigen können.
Geschichtliche Hintergründe werden aber ausgelassen, so dass dies mit dem Lehrer aufgearbeitet werden müssen, um eine spätere Kommunikation zu ermöglichen.
Ich denke, dass das Buch auch für die heutige Generation interessant sein könnte, wenn man die Geschichte des Flüchtlingsmädchens der 50er Jahre in Deutschland auf die heutige Zeit überträgt.
Wahrscheinlich hat man Kinder in der Klasse, die ebenfalls durch Kriege in ihrem Land flüchten mussten und ähnliche Situationen erlebt haben.
Einziger Unterschied könnte die Frage nach der Sexualität sein, die Kinder von heute sind um ein weiteres aufgeklärter, als Jutta zu dieser Zeit.
ANHANG
Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch
Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)
Arbeitsdienst
Ausgebombte (Verlust Familienwohnung)
Brüche, Diskontinuitäten im Lebenslauf
Erlebnisse an Kriegsfront
Ernährungskrise
Erweiterte Verwandtschaft (Hilfe)
Ethnische Diskriminierung
Evakuierung von Kindern (Europa)
Familienarmut; Deprivation
Familien-Trennungen/Rearrangieren
Flucht und Vertreibung
Gesellschaft der Gleichaltrigen
Kleidungsprobleme
Kriegerwitwen
Kriegsbeginn
Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung
Migration von Familien und Kindern
Nationalsozialismus und Krieg
Neuarrangement Familienrollen (Heimkehr)
Notabschlüsse (Abitur)
Prägungen
Schule und Unterricht im Krieg
Strafrechtliche Verfolgung der Eltern
Wehrmacht
Zweiter Weltkrieg