Seminar: Kriegskindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Buchanalyse von Christina Winkler

AUTOR/IN:                                         Bintig, Ilse

TITEL:                                                Trümmer und Träume

Erstausgabe/Erscheinungsjahr                       1995

Verlag                                                         Georg Bitter Verlag

Geburtsjahr Autor/in                                     1924

Geburtsort Autor/in                                       Hamm / NRW

1.   INHALT

 

FIGUREN

Hauptfigur:

Ilse (21 Jahre alt) , weiblich

Familienmitglieder
Vater (für einige Zeit verhaftet)
Mutter (52 Jahre alt, sozial engagiert, bes. für eine jüdische Familie, fürsorglich, mutig, wird verhaftet und in ein Besatzungslager unter der Aufsicht amerikanischer Soldaten gebracht und bewacht)
Weitere wichtige Figuren
Marga: Freundin von Ilse, mit ihr fährt sie zum Besatzungslager.
Frau Preuß: lebt als Flüchtlingsfrau mit ihrer kleinen Tochter in einem  Zimmer im Haus von Ilses Eltern.
Frau Bernhard: Freundin von Ilses Mutter, mit ihr spricht Ilse über ihre Sorgen.
Der Milchhändler: Ilse wird von ihm als Nachhilfelehrerin für seine Tochter eingestellt und mit Naturalien bezahlt.

Hr. Wiegand: ermutigt sie zu lernen und ihre beruflichen Zukunftsträume zu realisieren.

Bauer Hannes: Ilse arbeitet auf seinem Bauernhof, er würde sie gerne ehelichen.

Familie Kordemann: helfen Ilse ihre Mutter aus dem Besatzungslager zu "befreien", in dem sie Briefe an die zuständigen Ämter schicken.

Familie Lehnert: leben mit der ganzen Familie in einem kleinen Teil eines Stalles, durch sie beginnt der Vater von Ilse nach seiner Rückkehr aus der Gefangenenschaft sein Leben mit anderen Menschen zu teilen und über seine Gefühle während des Krieges offen zu sprechen.

Helene Wolters: Schickt Ilse Briefe über das Befinden ihrer Mutter im Besatzungslager.

 

RAUM / ANSIEDLUNG DER HANDLUNG

Schauplatz / Ort
Hauptschauplatz: Ruhrgebiet

Fluchtorte von Ilse: vom nördlichen Teutoburger Wald bis nach Osten

Gefangenenlager der Mutter: St.

Gefangenenlager des Vaters: wahrscheinlich Rheinberg

Zeitangabe/Jahr(eszeit)

Aprilmorgen im Jahr 1945 bis Frühling 1946

KURZE INHALTSBESCHREIBUNG

Die bewaffneten Auseinandersetzungen der Amerikaner mit den Deutschen führten 1945 dazu, dass zahlreiche Familien von einander getrennt wurden, viele Menschen während des Krieges gefallen oder verhungert sind, Häuser ganz oder zum Großteil zertrümmert wurden. Auch Ilse und Luise, ihre Freundin, wurden von zu Hause getrennt. Sie leben im April 1945, im 6. Kriegsjahr, in einem Schutzkeller in einem fremden Haus, einer fremden Stadt. Die Angst und Sorge um ihre Familie ist so groß, dass die beiden jungen Frauen an einem Aprilmorgen im Jahr 1945 beschließen zurück zu ihren Wurzeln zu fliehen. Auf der Flucht nach Hause müssen sie mit zahlreichen Widerständen und Problemen, wie z.B. Hunger, Befragungen und Verhaftungen durch  amerikanische Soldaten, Kälte, den immer wiederkehrenden, schrecklichen Bildern des Krieges, der Angst um ihr und das Leben ihrer Familie versuchen umzugehen. Die Wege von Luise und Ilse trennen sich. Ilse nimmt viele Gelegenheitstätigkeiten an, um eine Nacht in einem warmen Bett schlafen zu können oder eine Mahlzeit einnehmen zu können. Nach der langen und beschwerlichen Flucht erreicht sie endlich ihre Geburtsstadt, eine stark bebomte ehemalige Industriestadt. In ihrem Elternhaus fällt sie voller Freude ihrem Vater und ihrer Mutter in die Arme. Doch die scheinbar glückliche Zeit, vereint mit ihren Eltern, hält nicht lange an. Eines Tages wird ihr Vater wegen seiner Vergangenheit von Soldaten in Kriegsgefangenschaft gehalten. Nachdem der Krieg einige Tage nach der Festnahme des Vaters zu Ende geht, wird auch Ilses Mutter wegen ihrer beruflichen Tätigkeiten als Leiterin einer der beiden Gruppen der NS- Frauenschaft mehrmals verhört und später in ein Gefangenenlager gebracht. Ilse versucht verzweifelt ihre Mutter aus dem Gefangenenlager zu befreien, in dem sie zuständige Stellen besucht und Briefe schreibt. Ihre Bemühungen bleiben allerdings ergebnislos. Sie nimmt mehrere Tätigkeiten an, um sich mit Essen versorgen zu können. Geld hat sie keines mehr, die Soldaten haben das elterliche Konto und alle anderen Habseligkeiten beschlagnahmt. Eines Tages erfährt sie aus einem Brief, dass ihre Mutter an Ruhr schwer erkrankt aus dem Camp R in einem Krankenlager untergebracht worden ist. Ilse nimmt mehrmals den gefährlichen und weiten Weg zum Gefangenenlager auf, mit der Hoffnung, ihre Mutter sehen zu können und etwas über ihr Wohlergehen und die Umstände im Camp erfahren zu können. Doch trifft dies leider nie ein. Die Sorge um ihre Mutter wird von Tag zu Tag größer. Ilses Vater kehrt unverhofft eines Tages aus der Gefangenschaft  zurück, völlig abgemagert und von den Inhaftierungen stark mitgenommen. Ilse erfährt von Bekannten, dass ihre Mutter inzwischen  in ein Internierungslager gebracht wurde, sie nimmt erneut den schwerlichen und gefährlichen Weg zu ihrer Mutter auf. Auch diesmal tritt sie traurig und verzweifelt den Heimweg an. Im Herbst 1945 ist das gesundheitliche Wohlbefinden des Vaters wieder so gut, dass er seine alte Tätigkeit als Bergbauarbeiter und zahlreiche andere Tätigkeiten ausüben kann. Ilse ist nun sehr oft alleine zu Hause, die Angst um ihre Mutter und um ihre berufliche Zukunft wird von Tag zu Tag scheinbar aussichtsloser. Ihr großer Traum an einer Universität studieren zu können wird durch berufliche Vergangenheit ihrer Eltern unrealisierbar. Gespräche mit Freunden ermutigen sie dennoch nicht aufzugeben und für ihre Träume zu kämpfen. Im November 1945 will ihr ein fremder Mann helfen ihre Mutter nach Hause zu holen. Hr. Kordemann, ein ehemaliger Häftling aus einem KZ, welcher jetzt ein politisch verfolgter Nazi ist. Er verdankt Ilses Mutter sehr viel, sie hat der Familie Wäsche, Nahrung und Kleider gebracht und dies ohne das Wissen und der Zustimmung der eigenen Familie. Ilse nimmt trotz der Ablehnung und des Verbotes des Vaters die Hilfe von Herrn Kordemann, Briefe an die zuständigen Stellen zu schicken an. In der Weihnachtszeit schöpft Ilses Vater plötzlich neuen Lebensmut und bastelt kleine Holztiere für Anne, der Flüchtlingstochter von Frau Preuß und für Familie Lehnert, welche in einem kleinen Teil eines Stalles leben, zudem versorgt er sie mit Kohle, damit sie nicht im Winter frieren müssen. Er besucht Herrn Kordemann, um sich für die Hilfe zu bedanken. Er schöpft aus der Hilfe seiner Mitmenschen neuen Lebensmut und Kraft. Nach Silvester fährt Ilse zum Internierungslager nach St. mit der Bahn, sie trifft am Bahnhof die sehr abgemagerte Frau Heinrich und erfährt von dieser, dass ihre Mutter an einer Nierenentzündung erkrankt ist, da sie von einer Aufseherin in einen kalten Erdbunker geschickt wurde, da sie angeblich diese ausgelacht habe. Ilse fährt traurig und ängstlich nach Hause.

Im Frühling, ein Tag vor ihrem 22. Geburtstag ist der so sehr ersehnte Tag gekommen an dem die Mutter nach Hause kommt. Sie Liegen sich in den Armen, erzählen von ihren Erlebnissen und versuchen die entstandenen offenen Fragen zu beantworten. Nachdem Ilses Mutter wieder nach Hause gekommen ist scheint Ilses Leben einen positiven Weg einzuschlagen, sie wird an der Hochschule für Pädagogik aufgenommen und kann ihrer beruflichen und privaten Zukunft freudig entgegentreten.

2.               FORMALANALYSE

ERZÄHLINSTANZ / PERSPEKTIVE

Der Erzähler ist homodiegetisch (als Figur beteiligt) in der Rolle der Tochter.

 

Die Erzählinstanz ist Ich-Erzähler der eigenen Geschichte (Zentralstellung), personal / aktorial.

Intradiegetische Erzählinstanzen? Ja

ZEIT

Die Erzählung verläuft chronologisch.

DAUER

Die Erzählung ist weitgehend zeitraffend.

FREQUENZ

Die Erzählung verläuft singulativ (einmal ereignet, einmal erzählt).

MODUS / DISTANZ

Der Erzählstil ist eher dramatisch / szenisch / unmittelbar.

FIGURENREDE

In der Erzählung wird überwiegend folgende Figurenrede verwendet:

Wort und Gedankenrede

Direkte Rede           

Indirekte Rede

Erlebte Rede

Erzählte Rede/Gesprächsbericht

Indirekte Gedankenrede

Erlebte Gedankenrede

Erzählte Gedankenrede/ Bewusstseinsbericht

3.               THEMA KRIEGSKINDHEIT

BELASTUNGSFAKTOREN

Folgende Belastungsfaktoren stehen im Vordergrund:

(siehe auch erweiterte Liste im Anhang)

Abwesender Vater:

Stufe 1: Zeitweilige väterliche Abwesenheit und beschränkte Lebensbedingungen

Ständige Bombenangriffe

Trennung von Mutter und Geschwistern

Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit

Flucht und/oder Vertreibung

Übergriffe von Besatzungssoldaten

ENTLASTUNGSFAKTOREN

Folgende Entlastungsfaktoren kommen zum Zug:

Rückkehr zum Elternhaus

Rückkehr des Vaters

Rückkehr der Mutter

Verbesserung der sozialen Situation

Kriegsende

BEURTEILUNG ALLER FAKTOREN

Welche Faktoren stehen im Vordergrund?

Wirkt die Darstellung realistisch? Wird beschönigt?

Wiegen positive Faktoren die negativen auf, gibt es eine Versöhnung mit den Erfahrungen, die die Hauptfigur macht? Oder entsteht der Eindruck, dass die Belastungsfaktoren übermächtig waren/sind?

Vordergründig wird in dem Roman von Ilse Bintig von der dramatischen Trennung und den Geschehnissen der Mutter von Ilse und Ilse berichtet. Durch die Auswahl der Formulierungen erscheint das Geschehene sehr realistisch und für die spielende Zeit zutreffend. Die Belastungsfaktoren abwesender Vater, Hunger, Unterernährung, Verarmung, Krankheit, Übergriffe von Besatzungssoldaten und Bombenangriffe prägen und beeinflussen das Leben der beschriebenen Personen, werden aber dennoch nicht so detailliert und ausführlich wie die Gefangenschaft der Mutter und das Leben Ilses während der Abwesenheit  ihre Mutter beschrieben.

LÜCKEN UND TABUS:

Wovon wird in diesem Buch nicht berichtet? Was wird ausgelassen?

Welche Tatsachen werden verschwiegen? Warum?

In dem Roman wird nicht von der Erziehung unter der Beeinflussung des Nationalsozialismus berichtet. Zudem wird nicht detailliert und zeitdeckend über die Kriegsgeschehnisse und den andauernden Auseinandersetzungen zwischen der amerikanischen und deutschen Front erzählt. Interessant währe eine kurze Einleitung über das Leben der Protagonistin und ihrer Familie vor Kriegsbeginn.

4.               ANGABEN ZUM AUTOR / ZUR AUTORIN

Geschlecht: weiblich
Geburtsjahr: 1924
Die Erzählung hat eine autobiografische Prägung

Beginn der Aufarbeitung/Erscheinen des Buches: 1995

Zeitlicher Abstand zum ursprünglichen Geschehen: 50 Jahre

Es handelt sich um ein zeitlich spätes Aufarbeiten.

5.               LESEREBENE

Der Text wirkt auf erwachsene Leser ähnlich wie auf den Autor selbst.

Der Text richtet sich an Kinder und/oder Jugendliche.

6.               KOMMUNIKATIONSEBENE INNERHALB DES BUCHES

Findet eine Zwei- oder Drei-Generationen-Kommunikation statt?

Von welcher Altersstufe wird diese geführt?

Wer wird angesprochen?

In dem Roman findet eine Zwei- Generationen-Kommunikation zwischen Ilse und ihren Eltern, sowie Freunden und Bekannten, welche in dem Alter von Ilses Eltern sind statt. Ilse berichtet und erfährt von einem Elternteil, Nachbarn und Freunden über das Befinden der Mutter und anderen inhaftierten Personen.

7.               KOMMENTAR

Wie ist der Dialog mit der Folgegeneration zu beurteilen?

Trägt das Buch zu einer offenen intergenerationellen literarischen Kommunikation bei?

Wird diese Kommunikation durch Aussagen des Buches beeinflusst? Wenn ja, in welcher Richtung?

Meiner Meinung nach berichtet der Roman sehr zentriert und detailliert über die Inhaftierungen Ilses Mutter und das Schicksal dieser und des von Ilse nach 1945. Die Leser werden angeregt über das Geschehene nachzudenken und gegebenenfalls eine Drei-Generationen-Kommunikation aufzunehmen. Viele unserer Großeltern haben den Krieg und das Kriegsende erlebt und können über ähnliche Geschehnisse erzählen oder offene Fragen, welche beim Lesen, besonders jüngerer, formuliert werden versuchen zu beantworten.

Schade finde ich, dass nur sehr wenige oder keine Sätze über das Leben der Familie und Freunde vor Kriegsbeginn geschildert wurden. Die Abwesenheit des Vaters scheint meiner Meinung nach sehr ausgeblendet zu sein. Der Leser erfährt nur in wenigen Sätzen warum der Vater inhaftiert wurde und wie es ihm erging.

Ich finde das besonders jüngere Leser parallel zu diesen Roman Zusatzinformationen über die Geschehnisse und die Auswirkungen auf das Leben durch den zweiten Weltkrieg bekommen sollten, um den Inhalt und die geschichtlichen Zusammenhänge besser verstehen zu können.

ANHANG

Belastungsfaktoren, erweiterter Thesaurus, alphabetisch

Abwesenheit Vater (Front/Gefangenschaft)

Ausfall Unterricht/Schule

Beschaffungskriminalität durch Kinder

Bombardierung

Epidemien (Polio, Meningitis, Scharlach)

Familien-Trennungen/Rearrangieren

Flucht und Vertreibung

Flüchtlingslager

Fremdarbeit (Land, Bauern)

Gefängnisaufenthalt/Internierung Eltern

Gesundheitliche Langzeitfolgen

Kasernierung und Lagerleben

Kriegsende

Kriegsverletzung

Lagerarbeit

Lebensgeschichte: Folgen; Bewältigung

Mangelernährung

Neuarrangement Familienrollen (Heimkehr)

Rückkehr in die "Normalität"

Strafrechtliche Verfolgung der Eltern

Übergänge Krieg-Frieden

Übergriffe feindliche Soldaten (Besatzung)

Veränderte Persönlichkeit