X/1999

Auf 22 Bände angelegte phantastische Erzählung des japanischen Autorinnen-Teams CLAMP um den 15jährige Kamui, den das Schicksal in den Mittelpunkt einer von magisch-mythisch Mächten geführten Auseinandersetzung um Bewahrung oder Zerstörung der Welt stellt. X/1999 wird in Japan seit 1992 publiziert.

 

Nach sechsjähriger Abwesenheit kehrt Kamui Shiro, der 15-jährige Protagonist des Werkes, nach Tokio zurück, wo er die Freunde seiner Kindheit, Fuma und Kotori Monou, wiedersieht. Seine Mutter hat ihn kurz vor ihrem mysteriösen Tod mit dunklen Vorahnungen seines Schicksals konfrontiert. Da Kamui – ohne Genaues zu wissen - spürt, dass er denen, die ihm nahe stehen, Schmerz und Unglück bringen könnte, bewahrt er Abstand zu Kotori und Fuma, die sein scheinbar abweisendes Verhalten nicht verstehen.

 

 

Abb. 1: Ein Bündnis für die Erde: Kamui und die Himmelsdrachen

Als sich in Tokio menschliche Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten versammeln – die „Sieben Himmelsdrachen“ („Sieben Siegel“), angeführt von der Traumseherin Hinoto, und die „Sieben Erddrachen“ („Sieben Boten“), angeführt von deren Schwester Kanoe -, die beide versuchen, Kamui als Verbündeten zu gewinnen, wird klar, dass das Schicksal der Erde in seinen Händen liegt: Während die „Sieben Himmelsdrachen“ die Menschen erhalten und schützen wollen, trachten die „Sieben Erddrachen“ danach, die Menschheit zu vernichten, um so die Erde vor weiteren Misshandlungen durch sie zu bewahren. Kamui trägt als „der Auserwählte“ die Macht des Himmels und der Erde in sich; die Seite, für die er sich entscheidet, wird im Kampf um das Schicksal der Welt im Vorteil sein. Zunächst lehnt er es jedoch ab für eine der beiden Seiten zu kämpfen, denn für ihn zählt nur Kotoris und Fumas Sicherheit. Als die drei jedoch mehr und mehr in die Kämpfe zwischen den Himmels- und den Erddrachen verwickelt werden, entscheidet sich Kamui schließlich für die Himmelsdrachen - nicht aus Sorge um die Menschheit, sondern um Kotori und Fuma ein sicheres Leben zu ermöglichen.

Infolge dieser Entscheidung wird sein einstmals bester Freund Fuma zum Erddrachen, denn er ist – wie sich herausstellt - Kamuis „Zwillingsstern“, d.h. dazu geboren, stets den Platz der Gegenseite der Wahl Kamuis einzunehmen. Fumas Geist wird nun vollkommen von der dunklen Seite vereinnahmt und er ist nicht mehr länger die Person, die Kamui einst liebte. In einem dramatischen Kampf tötet der zum „bösen Kamui“ gewordene Fuma seine Schwester Kotori vor Kamuis Augen. Doch anstatt zu resignieren, entschließt letzterer sich, den Geist des „wahren Fuma“ zu retten, woraufhin der Kampf zwischen den „Sieben Himmels“- und den „Sieben Erddrachen“ um das Schicksal der Erde beginnt!

 

Zeichenstil und Erzählform: Bei X/1999 handelt es sich um einen Fantasy-Manga, in dem okkulte, religiöse und mythologische Motive bzw. Elemente zu einem intertextuellen Konglomerat verwoben werden. Mit Blick auf die Adressaten gehört X/1999 in den Bereich des Shojo-Manga, denn sowohl die angewandten grafischen wie textuellen Strategien (in Bezug auf Design, Figuren etc.) sind für dieses Genre typisch. Wie auch die anderen Mangas von CLAMP zeichnet sich X/1999 durch grafische Eleganz und droße Detailfreude aus (vgl. www.carlsen.de/cgi-bin/w3-msql/db/edit/author.html?view=Clamp), und zwar sowohl im Hinblick auf die Hintergrundgestaltung (Stadtgeschehen in Tokio etc.) als auf die Figuren (detailliert gezeichnete Kleidung einer jeden Figur, ob traditionell oder modern).

Die Handlung von X/1999 bietet kampf- und aktionsbetonte sowie mythische Komponenten; hinzu kommen, v.a. mit der angedeuteten Liebe zwischen Kamui und Kotori, romantische Einschläge, wie sie sowohl im Shojo- als auch im Shonen (Jungen-)Manga auftreten. In dieser ungewöhnlichen Mischung liegt mit X/1999 eine für das Werk von CLAMP typische Arbeit vor.

 

 

Abb. 2: Dynamisches Layout mit überblendungen und fragmentari-
sierten Objekten: Der Schrecken Kamuis im Angesicht von Kotoris
Ermordung (Bd. 8)

Auch in Bezug auf Bildgestaltung und Panelanordnung steht X/1999 in der Tradition der Shojo-Mangas: Im Unterschied zum Shonen(Jungen-)Manga, „der seinen Erzählwillen vorrangig über die konservative, in der Waagrechten und Senkrechten bleibende Anordnung der Panels auf der Seite realisiert“ (Berndt 1995, 115), wird hier mit lang gestreckten, oft schrägen Panelformen sowie mit Bildverschiebungen und –überlagerungen gearbeitet. Diese Techniken haben bei Japans Manga-Zeichnerinnen bereits vor CLAMP Tradition (vgl. ebd.).

Beim Aufbau der vielen Kampf- und Actionszenen bedient man sich verschiedener Filmtechniken – ein Mittel, das auf Osamu Tezuka zurückgeht, der als Begründer des modernen Manga gilt (vgl. Maderdonner, 1986, S. 29). So werden u.a. Zoom-Effekte (Nahaufnahmen) und Perspektivänderungen (vor allem in den Kämpfen) verwendet sowie Veränderungen des Gesichtsausdrucks über mehrere Bilder verteilt gezeigt. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist etwa die mimische Darstellung der Reaktion Kamuis auf Kotoris Tod in X/1999, Bd. 8. Im übrigen werden Handlungen der Figuren nicht selten in Form von split panels in einzelne Phasen zerlegt, wie etwa in diversen Kämpfen, die Kamui zu bestehen hat (Bd. 1, S. 96, 99.). Auch wenn die Grundstimmung in X/1999 – abweichend von den üblichen Mustern des japanischen Mädchen-Comic – eher düster und von Gewalt geprägt ist, zeigen die verwendeten Techniken doch, dass dieses Werk bildgestalterisch durchaus in das Genre des Shojo-Manga passt.

Durch die bereits angesprochene überlagerung der Bildelemente und die abstrahierende Sparsamkeit der Linien wird die Quantität der Assoziationen, die beim Leser hervorgerufen werden, gesteigert. Die häufig variable Kombination von Bild- und Textelementen steigert die Attraktivität dieses Manga in einem hohen Maße, weil sie dem Leser größere Freiheiten einräumt und für dessen Kombinationsgabe vielerlei Anreize liefert. Auch hat die in X/1999 vorgenommene Verlagerung des Schwerpunkts vom Einzelbild auf das Seitenlayout zur Folge, dass Textstellen den jeweiligen Sprechern bzw. Traumhandlungen nicht immer eindeutig zuzuordnen sind und sich die Lektüre vielfach zum Lese-Puzzle entwickelt. Wie Jaqeline Berndt meint, wird der Rezipient gerade mit Hilfe dieses Prinzips der Bild-Text-Montage in den Bann der Geschichte gezogen (vgl. Berndt 1998, 24)

Allgemein dienen viele der in X/1999 verwendeten Bildtechniken und Variationen des verbalen Codes (Panelüberschneidungen, Texte außerhalb der Sprechblasen etc.) dem „literarischen Ausdruck des Inneren“ (Manga Zone Nr. 2. 03/2001, S. 37). Trotz vieler Kampfszenen steht eigentlich Kamuis innere Zerrissenheit, Kotoris Liebe zu Kamui, Subarus und Seishiros alte Fehde, mithin das Innenleben der Figuren, im Mittelpunkt der Geschichte.

Trotz vieler Actionsequenzen ist in X/1999 der Dialog ein zentrales Element, und das nicht zuletzt wegen der Menge an Figuren, die in der Geschichte eine Rolle spielen. In den bisher in Japan erschienenen siebzehn Bänden treten nicht weniger als 18 Figuren auf, die einen wesentlichen Anteil an der Handlung besitzen. Jeder dieser Protagonisten hat seine eigene Geschichte und steht in einer bestimmten Beziehung zu den anderen Figuren im komplexen Gefüge der Handlung. In diesem Kontext fungiert der Dialog als Schlüssel zur Entwicklung der Geschichte und zur erzählerischen Markierung der Figuren bzw. deren Beziehungen untereinander. Das Verfahren, den Dialog – ergänzt durch Geräuschzeichen und Onomatopöien - als das hauptsächliche regulierende Element der Erzählung einzusetzen ist zwar typisch für den Shonen-Manga. Doch sind die in X/1999 häufig verwendeten Texte außerhalb der Sprechblasen, die innere Stimmen darstellen und sich mit den konventionellen Dialogen überschneiden wiederum der Shojo-Manga-Tradition zuzuordnen (vgl. J. Berndt: 1995, 118).

Auffällig sind in X/1999 außerdem die zahlreichen Traumsequenzen und Rückblenden. Sie eröffnen dem Rezipienten zum einen das Innenleben der Figuren, zum anderen erfährt er Wichtiges über die Vergangenheit einiger von ihnen, so z.B. die Umstände des Todes von Kamuis Mutter (Flashback, X/1999, Bd. 1.). Dabei wird der übergang von der normalen Erzählebene zu den Träumen bzw. Flashbacks durch schwarze Bildhintergründe und Symbolzeichen wie Federn oder Glasscherben angezeigt. Dadurch wird einmal mehr deutlich, dass X/1999 in den Bereich des Shojo-Manga gehört, in dem, im Gegensatz zum Aktionismus des Jungen- und Jugendmanga, Innerlichkeit und Psychologisierung von zentraler Bedeutung sind (vgl. J. Berndt, 1998, 38.).

 

Figuren: Wie bereits angedeutet, sind für die Handlung von X/1999 18 Figuren, darunter die Traumseherin Hinoto, ihre Schwester Kanoe sowie die „Himmelsdrachen“ mit Namen Arashi Kishu, Sorata Arisugawa, Subaru Sumeragi, Yuzuhira Nekoi, Karen Kasumi und Seiichiro Aoki und die „Erddrachen“ Satsuki Yatouji, Seishiro Sakurazuka, Kusanagi Shiyu, Yuto Kigai, Nataku und Kakyou Kuduki von mehr oder minder großer Bedeutung. Die Helden dieses Werks sind jedoch neben Kamui Shiro die Geschwister Fuma und Kotori Monou.

Rein äußerlich entspricht der Protagonist Kamui Shiro mit seinen großen Augen, seinen androgynen Zügen und seiner schlanken Figur dem Bild des typischen Shojo-Helden. (Vgl. www.ex.org/1.x/17-X1999.html). Sein Inneres offenbart allerdings sehr unterschiedliche Stimmungslagen: Nach außen ernst und manchmal sogar kalt wirkend, ist er doch auch einfühlsam und aufopferungsbereit denen gegenüber, die er liebt. So wird beispielsweise in einer Rückblende in Band 5 gezeigt, wie er als Kind die von einem Baum fallende Kotori rettet.

 

 

Abb. 3: Fuma und Kamui als Jugendfreunde (Bd. 6)

Kotori Monou selbst, ein kränkliches, aber sehr attraktives Mädchen, welches traumseherische Talente besitzt, liebt seit frühester Kindheit Kamui. Obwohl sie im Kampf um die Erde keine bedeutende aktive Rolle spielt, ist sie das Bindeglied zwischen ihrem „Geliebten“ Kamui und dem Bruder Fuma, der sich zum Erddrachen wandelt und durch dessen Hand sie schließlich umkommt. Fuma Monou, einst Kamuis bester Freund, ist die zweite Schlüsselfigur und dessen böses alter ego, der sog. „Zwillingsstern“. Ironischerweise ist Fuma einer der wenigen Menschen, die Kamui überhaupt etwas bedeuten. Obgleich er nach dem Mord an Kotori Kamuis schlimmster Feind wird, ist jener doch entschlossen, Fumas Seele zu retten und ihn wieder in den Menschen zurückzuverwandeln, der er einmal war.

Mit wie viel Bedacht CLAMP diese Figuren entwickelt hat, wird bereits daran deutlich, dass die Namen der drei zentralen Figuren symbolische Bedeutung besitzen und auf die Eigenschaften bzw. Persönlichkeiten ihrer Träger verweisen. So bedeutet der Name des Protagonisten Kamui Shiro-kun „Kraft“, „Majestät der Götter“ (CLAMP: X; Bd. 3. Carlsen 2001.) und steht ferner für „Gottes Macht vertreten“, aber auch „Gottes Macht jagen“ (vgl. http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x-charas.htm.). Diese Bedeutungen weisen zum Einen auf seine Schlüsselposition im Kampf um das Schicksal der Erde hin, zum anderen stehen sie für Kamuis Freiheit, sich für die Himmels- („Gottes Macht vertreten“) oder die Erddrachen („Gottes Macht jagen“) zu entscheiden. Auch die grafische Darstellung Kamuis spiegelt seine Emotionalität und Nachdenklichkeit wider: Sein feinsinniges Gesicht, die elegant geschwungene spitze Nase und vor allem die Augen, die fast ganz Pupille sind, spiegeln Gefühle (vgl. Berndt 1995, 111).

Der Name Fuma bedeutet „Versiegelte Wahrheit“ (CLAMP: X, Bd. 3. Carlsen 2001) und verweist auf sein Dasein als Kamuis „Zwillingsstern“: Seit seiner Geburt ist Fuma dieses Schicksal vorherbestimmt, ruht gleichsam versiegelt in seinem Innern bis zum Zeitpunkt der  Entscheidung Kamuis. Nun bricht der Neid auf Kamui bzw. dessen Rolle als Auserwählter hervor, und er sucht ihn mit allen Mitteln zu vernichten. Der Kampf der Himmels- gegen die Erddrachen dient somit als Hintergrund für den Kampf zwischen Kamui und Fuma: Kamui versucht zu schützen, was er kann; paralysiert von der Liebe zu Kotori und ihrem Bruder fällt es ihm jedoch schwer zu handeln.

Der Name Kotori bedeutet „Kleiner Vogel“ (CLAMP: X, Bd. 3. Carlsen 2001) und verweist auf sie als Symbol für Unschuld und die Erde selbst (vgl. http://www.ex.org/2.4/04-x1.html) Im Kampf um das Schicksal der Welt ist Kotori das Band zwischen ihrem Bruder (Fuma) und ihrer Liebe (Kamui), der Mensch, den die beiden Kontrahenten am meisten lieben. Gewandelt zum Erddrachen ist es Fumas Ziel, Kamui das zu nehmen, was er am meisten liebt und wofür er in den Kampf gezogen ist: Kotori. Aufgrund seiner gewandelten Persönlichkeit sieht Fuma in ihr nun nicht mehr seine Schwester; ihm ist nur daran gelegen, Kamui psychisch wie physisch zu zerstören.

Das äußere der männlichen Figuren orientiert sich am Muster des „schönen Jungen“ (jap. bi-shonen), d.h. an einem androgynen Grundzug. Der bi-shonen gilt im Manga als „Verkörperung des Unbewussten junger Mädchen“ (R. Ophüls-Kashima 1993, 548). Die Sehnsucht der Mädchen nach dem Anderen, dem „Zwilling“ in sich selbst, werde auf die weiblich wirkenden Jünglinge projiziert. Diese Strategie dient der Gestaltung innerer Konflikte, die gerade im pubertären Alter eine wichtige Rolle spielen, wie die Entdeckung der eigenen Sexualität etc. Die androgyne Figur des bi-shonen besitzt dabei bereits Vorläufer in der Kultur der Edo-Zeit (17./18. Jahrhundert) und ist somit Teil der japanischen Geschichte (vgl. ebd.).

 

Spiritistische Motive und Themen: Eine Mixtur aus unterschiedlichen Komponenten sorgt dafür, daß X/1999 trotz des Settings in Japan multikulturelle Züge trägt. Sowohl östliche als auch westliche Kulturkreise finden Motive aus ihrer Geschichte in dem Werk wieder. So steht , CLAMP zufolge, das „X“ im Titel sowohl für Kreuzigung (Kotoris Tod) als auch für unbekannte Größen (wie in der Mathematik) als auch für ein Narkotikum (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html). Besondere Bedeutung besitzen in X/1999 einige religiöse bzw. okkulte Motive wobei das Tarot als das hauptsächliche Ordnungsprinzip fungiert. So enthält z.B. jeder Band des Werkes eine Tarot-Karte und der auf 22 Bände angelegte Gesamtumfang des Werks ist in Analogie zum 22 Karten umfassenden Tarot-Set hin konzipiert worden. Mit dem Tarot hängt auch der in X/1999 (Bd. 7) erwähnte „Sephiroth“ zusammen; es handelt sich um die aus der hebräischen Tradition stammende Lehre von den zehn Stufen, beginnend mit der Stufe der Erschaffung und endend im Zustand der Ganzheit einer physischen Existenz (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html).

 

Abb. 4: Tarot –Karte „The Emperor“ (Bd.4)

Ein weiteres religiös besetztes Motiv bzw. Symbol ist das „Heilige Schwert“ (jap.: Shinken) Kamuis, auf dessen Klinge in hebräischer Schrift ein traditionelles jüdisches Festtagsgebet eingraviert ist („Gepriesen seihst du, Herr unser Gott, König des Universums, durch dessen Wort alle Dinge entstehen.“[in Englisch ebd.]). Daneben werden auch der christlichen Religion entstammende Topoi integriert. So ist etwa die neutestamentliche Vorstellung von Opfer und Erlösung, d.h. des stellvertretenden Leidens und Sterbens für andere Lebewesen, das Vorbild für die Rolle von Kamuis Mutter als „Kagenie“, die die Leiden der Erde auf sich nimmt und dabei stirbt („Kagenie“ = als Schatten eines Lebewesens das Opfer zu sein, das all dessen Leid erträgt; Kamuis Mutter ist der Kagenie der Erde (X/1999, Band 10.). ähnliches gilt für die Kreuzigung Kotoris in X/1999, Bd. 8. und nicht zuletzt besitzt die Gestalt Kamuis ausgesprägt messianische Züge.

Eine erhebliche Rolle unter den okkulten Motiven spielen Geisterbeschwörung und Pentagramm, welches in X/1999 jedoch ausschließlich als Schutzsymbol fungiert: Der CLAMP-Campus ist, zum Schutz vor den Erddrachen, in Form eines Pentagramms angelegt. Solcherart Magie symbolisiert zum einen das Bedürfnis der Rezipienten, die Welt aktiv zu ihren Gunsten beeinflussen zu wollen und zum anderen den Wunsch, sich mit der eigenen Identität und der Beziehung zur Umwelt auseinander zu setzen, wie die Figuren in X/1999 es tun (Vgl. Ophüls-Kashima 1993, 546).

 

Darüber hinaus finden sich in diesem Werk Elemente der japanischen Tradition. So handelt es sich beispielsweise - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bei den erwähnten religiösen Sekten und Tempeln, wie Onmyouji-Magier, Kouyasan-Schrein, Ise-Schrein, Mitsumine-Schrein, um real existierende religiöse Gemeinschaften (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html). Der japanischen Mythologie entstammen auch die Drachen, die hier als Symbole zweier rivalisierender Mächte verwendet werden.

 

Von überragender Bedeutung ist jedoch das Tarot. Die 22 Tarotkarten sind als symbolische Pfade zu verschiedenen Bewusstseinsstufen (10 Stufen der Kabbala) zu verstehen und sind somit eine Darstellung der Bilder des mystischen Bewusstseins (vgl. http://www.hexenwelt.de/tarot.htm). Die Tarotkarten werden als Wege in das Unbewusste genutzt. Jede einzelne Karte kann man sich als einen Eingang vorstellen, durch den der Kartenleger in seiner Vorstellung hindurchschreitet und dann Zugang zu Visionen vom imaginierten Baum des Lebens erhält (vgl. ebd.). Jede Karte im Tarot bezieht sich auf einen bestimmten Bereich der Psyche; die Karten sind Bilder einer Art Mythologie des Geistes und verkörpern verschiedene Facetten der Persönlichkeit (vgl. www.hexenwelt.de/tarot.htm). In der Geschichte wird jeder Figur, je nach Persönlichkeit, eine bestimmte Karte zugewiesen.

Den einzelnen Figuren sind die Karten wie folgt zugeordnet: Saya Monou/ Der Narr (0), Kamui Shiro/ Der Magier (Bd. 1), Hinoto/ Die Hohepriesterin (Bd. 2), Kanoe/ Die Herrscherin (Bd. 3), Kyougo Monou/ Der Herrscher (Bd. 4), Seiichiro Aoki/ Der Hohepriester (Bd. 5), Kotori Monou/ Die Liebenden (Bd. 6), Sorata Arisugawa/ Der Wagen (Bd. 7), Yuzuriha Nekoi/ Die Gerechtigkeit (Bd. 8), Satsuki Yatouji/ Der Eremit (Bd. 9), Kakyou Kuduki/ Das Schicksalsrad (Bd. 10), Karen Kasumi/ Die Stärke (Bd. 11), Subaru Sumeragi/ Der Gehenkte (Bd. 12), Seishiro Sakurazuka/ Der Tod (Bd. 13), Arashi Kishu/ Die Mäßigkeit (Bd. 14), Yuto Kigai/ Der Teufel (Bd. 15), Tohru und Tokiko Magami/ Der Turm (Bd. 16), Kusanagi Shiyu/ Der Stern (Bd. 17), Nataku/ Der Mond (Bd. 18). Die noch unbesetzten Karten sind Die Sonne (19), Das Gericht (20) und Die Welt (21), wobei bereits sicher ist, daß Fuma die Karte des Gerichts (Bd. 20) zugeordnet werden wird.

 

 

Abb. 5: Schwert, Magie und Kreuzsymbol: Kotoris Tod (Bd. 8)

Exemplarisch seien hier die Tarot-Assoziationen der zentralen Figuren hervorgehoben:

·        Kamui Shiro: „Der Magier“ symbolisiert im Tarot den Willen. Er steht außerdem für den Beginn von etwas Neuem und gilt als Führer und Schützer der Menschen. Im Gegensatz dazu besitzt er aber auch eine unheilvolle, boshafte Natur; die umgekehrte Karte steht für Täuschung, Treulosigkeit und den Missbrauch von Macht zu zerstörerischen Zwecken. Die normale wie auch die verkehrte Karte passen zu Kamui: Er leitet etwas Neues ein, den Anfang vom Ende der Welt, und ist ein Führer der Menschen (sowohl für die Himmels- als auch die Erddrachen). Die umgekehrte Karte repräsentiert den Kamui zu Beginn der Serie, als er sich um nichts und niemanden zu kümmern scheint und seine Kräfte nach eigener Laune einsetzt (X/1999, Bd. 1).

·        Kotori Monou: „Die Liebenden“ symbolisieren im Tarot die Verwirrungen der Liebe und stehen auch für einen Konflikt der Reize sowie die Verantwortung eine schwierige Entscheidung zwischen ihnen zu treffen. Die umgekehrte Karte besagt, dass das Ergebnis dieser Entscheidung negative Folgen haben bzw. dass jede amouröse Situation ein unglückliches Ende nehmen wird. Auch hier passen beide Karten zu der zugeordneten Figur: Kotori ist verwirrt in ihrer Liebe zu Kamui, der die Entscheidung zu treffen hat, auf welcher Seite er kämpfen will. In Zusammenhang mit der umgekehrten Karte mündet Kamuis Entscheidung für die Himmelsdrachen, die nur aus Liebe zu Kotori und Fuma getroffen wurde, in einer tragischen Situation (Kotori wird von Fuma getötet; Fuma wird zu Kamuis Feind).

·        Fuma Monou: Er wird erst auf dem Cover von X/1999, Bd. 20 erscheinen, doch eine kurze Analyse sei hier gegeben: Die „Karte des Gerichts“ symbolisiert das Wachsen des Bewusstseins, eine Bewegung hin zu einem großen Ziel. Sie deutet auf eine neue und wichtige Stufe in der Entwicklung einer Figur hin und zeigt, dass die letzte Schwelle zu Weisheit und Erkenntnis bald überschritten wird. Außerdem symbolisiert sie Erneuerung. All diese Deutungen passen zu Fumas Figur und Position innerhalb der Geschichte: Er bewegt sich auf ein Ziel hin, die Zerstörung der Menschheit und Bewahrung der Erde. Die Wandlung zum Erddrachen stellt eine bedeutende Stufe in seiner Entwicklung dar, die ihn zu der Auffassung führt, dass die Erde nur überleben kann, wenn die Menschen vernichtet werden. Dieses Ziel ist die angestrebte Erneuerung, von Fuma als „Reform“ bezeichnet.

 

Eine durchgängig spiritistische Ausrichtung ist in X/1999 nicht zuletzt  dem Topos der Gewalt eigen, der in der Handlung extensiv ausgebreitet wird. Als Zerstörung des Bestehenden und der Verwandlung in einen anderen Zustand ist Gewalt relevant für die persönliche Entwicklung des Menschen, „die von körperlichen Veränderungen und dem Erwerb einer kritischen Haltung gegenüber seiner Umwelt und deren Werten gekennzeichnet ist“ (MangaZone. 03/2001, S. 36). Die jugendlichen Figuren in X/1999 befinden sich in der adoleszenten Entwicklungsphase und sehen sich mit einer gewissermaßen im Sterben liegenden Welt konfrontiert. Die Fraktion der „Erddrachen“ nimmt das Problem, daß die Menschen achtlos die Erde verschmutzen zum Anlaß für eine radikalökologische Politik der Ausrottung der Menschheit, während die Gegenseite, die „Himmelsdrachen“, weiterhin den Glauben an das Gute in den Menschen und dessen schliesslicher Durchsetzung aufrechterhalten. Die universale, gewaltsame Auseinandersetzung der beiden polaren Mächte besitzt vor allem eine symbolische Funktion als Ausdruck radikaler Veränderungen mit Bezug auf das Schicksal der Erde und das Sterben der Natur.

 

Einflüsse, Verbreitung und Wirkung X/1999 besticht als Gesamtwerk sowohl durch seine grafische Eleganz als auch durch die komplexe, aber spannende Geschichte. CLAMP gelingt es, mit Hilfe der beschriebenen und analysierten Bild- und Texttechniken, eine düstere, jedoch reizvolle Atmosphäre zu kreieren, die den Rezipienten zu fesseln vermag und ihn in eine Welt entführt, die trotz realer Schauplätze etwas Mystisches, ja Surreales hat.

Der Hang der vier jungen Manga-Künstlerinnen zu Mystik und Phantastik lässt sich aus den sehr unterschiedlichen Quellen und Vorbildern erklären, die ihnen als Inspiration dienen: Nach eigenen Angaben zählen dazu sowohl die japanischen Animations-Künstler Go Nagai und Osamu Tezuka, als auch westliche Größen wie Alfred Hitchcock, sowie die Filme „Das Schweigen der Lämmer“ (1990) und „12 Monkeys“ (1996) (vgl. www.manga.com/xx/xproduction.html). Die Offenheit CLAMPs gegenüber nicht-asiatischen Kultureinflüssen hat sicher auch dazu geführt, dass dieses Werk in Bezug auf Motive und Themen multikulturell orientiert ist.

Die Grundidee, auf der die Story von X/1999 basiert, hatte die Szenaristin Nanase Ohkawa dem Vernehmen nach bereits in der Grundschule, als sich in Japan gerade die „Gaia-Theorie“, d.h. die Vorstellung, daß die Erde selbst ein lebendiger Organismus sei, zu verbreiten begann. Bereits kurz nach der Gründung von CLAMP begann Nanase Ohkawa mit ihren drei Kolleginnen die Story zu X/1999 auszuarbeiten, um sie möglichst schnell bei einem Verleger unterbringen zu können, da ihnen daran gelegen war, diese Geschichte den Menschen nahe zu bringen (vgl. www.manga.com/xx/xproduction.html).

1992 erschien in Japan der erste Band von X/1999 bei ASUKA Comics. Seither erscheint jeder weitere Band in dem monatlichen Shojo-Manga-Magazin „ASUKA“ im Verlag Kadokawa Shoten. In Japan sind bisher 17 Bände erschienen, Band 18 erscheint in Kürze.

Der große Erfolg des Werkes in Japan hat dazu geführt, dass X/1999 auch international publiziert wurde und mittlerweile eine große Fangemeinde besitzt. übersetzungen in Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Chinesisch, Thailändisch, Bahasa Indonesia und Koreanisch liegen bereits vor. In den USA wurde der ursprünglich in Japan schlicht „X“ betitelte Comic in X/1999 (erschienen bei Animerica) umbenannt, da der amerikanische Verlag Dark Horse bereits eine Serie mit dem Titel „X“ im Programm führt. Erhältlich ist die US-Ausgabe bei Viz-Comics in bisher sieben Großbänden (seit 1996 ein Band pro Jahr). In Deutschland erscheint X/1999 seit Anfang 2001 bei Carlsen Comics in 2-monatlichem Abstand; bisher sind 13 Bände des Werkes erhältlich.

Der große Erfolg des Manga hat außerdem zu Umsetzungen in andere Medien geführt: So existiert ein 90-minütiger Anime („X- The Destiny War“, Bandai Visual, 1996, auch in Englisch), eine Zeichentrickserie („X- The Series“) mit zugehörigem Soundtrack, die seit 2001 im japanischen Fernsehen gezeigt wird sowie ein Artbook („X Zero“).

 

Magnus Matern

 

Primärliteratur: CLAMP: X/1999. Band 1-13 (1. Kamui Shiro; 2. Honoto; 3. Kanoe; 4. Kyougo Monou; 5. Seiichiro Aoki; 6. Kotori Monou; 7. Sorata Arisugawa; 8. Yuzuriha Nekoi; 9. Satsuki Yatouji; 10. Kakyo; 11. Karen Kasumi; 12. Subaru Sumeragi; 13. Seishiro Sakurazuka). - Aus dem Japanischen von Antje Bockel Hamburg: Carlsen 2001-2002..(jap. Original: X1 – X13. Tokio: Kadokawa Shoten. Tokio: 1992-1999)

 

Sekundärliteratur: Berndt, Jaqeline: Phänomen Manga. Comic-Kultur in Japan. Berlin 1995.

Berndt, Jaqeline: Comics in Japan. In: Lexikon der Comics. 26. Ergänzungslieferung, Juni 1998. 75 S.; Berndt, Jaqeline: Shojo Manga/ Mädchen-Comics in Japan. In: Lexikon der Comics. 35. Ergänzungslieferung, September 2000. 32 S.; Maderdonner, Megumi: Kinder-Comics als Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung Japans. In: Beiträge zur Japanologie der Universität Wien. 21 (1986), 1-94; Manga Zone. 03/2001, S. 36/37; Ophüls-Kashima, Reinold: Comics für Mädchen (Shojo Manga) und Mädchenliteratur als Phänomene der modernen Massenkultur. Eine übersicht über neuere Publikationen. In: Japanstudien. Jg. 5 (1993), S. 535-554.

 

Internetseiten

 

Zu Manga allgemein:

www.anipike.com

www.animetric.com

www.carlsencomics.de

 

Zu „X/1999“:

http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x.htm

http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html

http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x-charas.htm

http://www.ex.org/2.4/04-x1.html

http://novacaine.net/Kamui/profile/main.html

http://www.geocities.com/rabbit_tomb/tarot.html

www.manga.com/x_x/x_production.html

www.ex.org/1.x/17-x1999.html

www.geocities.com/Tokio/Temple/6773/xmanga.html

 

Zu CLAMP:

www.carlsen.de/cgi-bin/w3-msql/db/edit/author.html?view=Clamp

http://www.animeonline.de/mangaka/clamp/index.html

www.clamp.com

 

Zum Tarot:

www.hexenwelt.de/tarot.htm