Nach
sechsjähriger Abwesenheit kehrt Kamui Shiro, der 15-jährige Protagonist des
Werkes, nach Tokio zurück, wo er die Freunde seiner Kindheit, Fuma und Kotori
Monou, wiedersieht. Seine Mutter hat ihn kurz vor ihrem mysteriösen Tod mit
dunklen Vorahnungen seines Schicksals konfrontiert. Da Kamui – ohne Genaues zu
wissen - spürt, dass er denen, die ihm nahe stehen, Schmerz und Unglück bringen
könnte, bewahrt er Abstand zu Kotori und Fuma, die sein scheinbar abweisendes
Verhalten nicht verstehen.
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| Abb. 1: Ein Bündnis für die Erde: Kamui und die Himmelsdrachen |
Als
sich in Tokio menschliche Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten versammeln –
die „Sieben Himmelsdrachen“ („Sieben Siegel“), angeführt von der Traumseherin
Hinoto, und die „Sieben Erddrachen“ („Sieben Boten“), angeführt von deren
Schwester Kanoe -, die beide versuchen, Kamui als Verbündeten zu gewinnen, wird
klar, dass das Schicksal der Erde in seinen Händen liegt: Während die „Sieben
Himmelsdrachen“ die Menschen erhalten und schützen wollen, trachten die „Sieben
Erddrachen“ danach, die Menschheit zu vernichten, um so die Erde vor weiteren
Misshandlungen durch sie zu bewahren. Kamui trägt als „der Auserwählte“ die
Macht des Himmels und der Erde in sich; die Seite, für die er sich entscheidet,
wird im Kampf um das Schicksal der Welt im Vorteil sein. Zunächst lehnt er es
jedoch ab für eine der beiden Seiten zu kämpfen, denn für ihn zählt nur Kotoris
und Fumas Sicherheit. Als die drei jedoch mehr und mehr in die Kämpfe zwischen
den Himmels- und den Erddrachen verwickelt werden, entscheidet sich Kamui
schließlich für die Himmelsdrachen - nicht aus Sorge um die Menschheit, sondern
um Kotori und Fuma ein sicheres Leben zu ermöglichen.
Infolge
dieser Entscheidung wird sein einstmals bester Freund Fuma zum Erddrachen, denn
er ist – wie sich herausstellt - Kamuis „Zwillingsstern“, d.h. dazu geboren,
stets den Platz der Gegenseite der Wahl Kamuis einzunehmen. Fumas Geist wird
nun vollkommen von der dunklen Seite vereinnahmt und er ist nicht mehr länger
die Person, die Kamui einst liebte. In einem dramatischen Kampf tötet der zum
„bösen Kamui“ gewordene Fuma seine Schwester Kotori vor Kamuis Augen. Doch
anstatt zu resignieren, entschließt letzterer sich, den Geist des „wahren Fuma“
zu retten, woraufhin der Kampf zwischen den „Sieben Himmels“- und den „Sieben
Erddrachen“ um das Schicksal der Erde beginnt!
Zeichenstil und Erzählform: Bei X/1999 handelt es sich um
einen Fantasy-Manga, in dem okkulte, religiöse und mythologische Motive bzw.
Elemente zu einem intertextuellen Konglomerat verwoben werden. Mit Blick
auf die Adressaten gehört X/1999 in den Bereich des Shojo-Manga,
denn sowohl die angewandten grafischen wie textuellen Strategien (in Bezug auf
Design, Figuren etc.) sind für dieses Genre typisch. Wie auch die anderen Mangas
von CLAMP zeichnet sich X/1999 durch grafische Eleganz und droße
Detailfreude aus (vgl. www.carlsen.de/cgi-bin/w3-msql/db/edit/author.html?view=Clamp), und zwar sowohl im Hinblick auf die
Hintergrundgestaltung (Stadtgeschehen in Tokio etc.) als auf die Figuren
(detailliert gezeichnete Kleidung einer jeden Figur, ob traditionell oder
modern).
Die
Handlung von X/1999 bietet kampf- und aktionsbetonte sowie mythische Komponenten;
hinzu kommen, v.a. mit der angedeuteten Liebe zwischen Kamui und Kotori,
romantische Einschläge, wie sie sowohl im Shojo- als auch im Shonen
(Jungen-)Manga auftreten. In dieser ungewöhnlichen Mischung liegt mit X/1999
eine für das Werk von CLAMP typische Arbeit vor.
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| Abb.
2: Dynamisches Layout mit überblendungen und fragmentari- sierten Objekten: Der Schrecken Kamuis im Angesicht von Kotoris Ermordung (Bd. 8) |
Auch
in Bezug auf Bildgestaltung und Panelanordnung steht X/1999 in der
Tradition der Shojo-Mangas: Im Unterschied zum Shonen(Jungen-)Manga, „der
seinen Erzählwillen vorrangig über die konservative, in der Waagrechten und
Senkrechten bleibende Anordnung der Panels auf der Seite realisiert“ (Berndt
1995, 115), wird hier mit lang gestreckten, oft schrägen Panelformen sowie mit
Bildverschiebungen und –überlagerungen gearbeitet. Diese Techniken haben bei
Japans Manga-Zeichnerinnen bereits vor CLAMP Tradition (vgl. ebd.).
Beim
Aufbau der vielen Kampf- und Actionszenen bedient man sich verschiedener
Filmtechniken – ein Mittel, das auf Osamu Tezuka zurückgeht, der als Begründer
des modernen Manga gilt (vgl. Maderdonner, 1986, S. 29). So werden u.a.
Zoom-Effekte (Nahaufnahmen) und Perspektivänderungen (vor allem in den Kämpfen)
verwendet sowie Veränderungen des Gesichtsausdrucks über mehrere Bilder
verteilt gezeigt. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist etwa die mimische
Darstellung der Reaktion Kamuis auf Kotoris Tod in X/1999, Bd. 8. Im
übrigen werden Handlungen der Figuren nicht selten in Form von split panels in
einzelne Phasen zerlegt, wie etwa in diversen Kämpfen, die Kamui zu bestehen
hat (Bd. 1, S. 96, 99.). Auch wenn die Grundstimmung in X/1999 –
abweichend von den üblichen Mustern des japanischen Mädchen-Comic – eher düster
und von Gewalt geprägt ist, zeigen die verwendeten Techniken doch, dass dieses
Werk bildgestalterisch durchaus in das Genre des Shojo-Manga passt.
Durch
die bereits angesprochene überlagerung der Bildelemente und die abstrahierende
Sparsamkeit der Linien wird die Quantität der Assoziationen, die beim Leser
hervorgerufen werden, gesteigert. Die häufig variable Kombination von Bild- und
Textelementen steigert die Attraktivität dieses Manga in einem hohen Maße, weil
sie dem Leser größere Freiheiten einräumt und für dessen Kombinationsgabe
vielerlei Anreize liefert. Auch hat die in X/1999 vorgenommene
Verlagerung des Schwerpunkts vom Einzelbild auf das Seitenlayout zur Folge,
dass Textstellen den jeweiligen Sprechern bzw. Traumhandlungen nicht immer
eindeutig zuzuordnen sind und sich die Lektüre vielfach zum Lese-Puzzle
entwickelt. Wie Jaqeline Berndt meint, wird der Rezipient gerade mit Hilfe
dieses Prinzips der Bild-Text-Montage in den Bann der Geschichte gezogen (vgl.
Berndt 1998, 24)
Allgemein
dienen viele der in X/1999 verwendeten Bildtechniken und Variationen des
verbalen Codes (Panelüberschneidungen, Texte außerhalb der Sprechblasen etc.)
dem „literarischen Ausdruck des Inneren“ (Manga Zone Nr. 2. 03/2001, S. 37). Trotz vieler Kampfszenen steht
eigentlich Kamuis innere Zerrissenheit, Kotoris Liebe zu Kamui, Subarus und
Seishiros alte Fehde, mithin das Innenleben der Figuren, im Mittelpunkt der
Geschichte.
Trotz
vieler Actionsequenzen ist in X/1999 der Dialog ein zentrales
Element, und das nicht zuletzt wegen der Menge an Figuren, die in der
Geschichte eine Rolle spielen. In den bisher in Japan erschienenen siebzehn
Bänden treten nicht weniger als 18 Figuren auf, die einen wesentlichen Anteil
an der Handlung besitzen. Jeder dieser Protagonisten hat seine eigene
Geschichte und steht in einer bestimmten Beziehung zu den anderen Figuren im
komplexen Gefüge der Handlung. In diesem Kontext fungiert der Dialog als Schlüssel
zur Entwicklung der Geschichte und zur erzählerischen Markierung der Figuren
bzw. deren Beziehungen untereinander. Das Verfahren, den Dialog – ergänzt durch
Geräuschzeichen und Onomatopöien - als das hauptsächliche regulierende Element
der Erzählung einzusetzen ist zwar typisch für den Shonen-Manga. Doch
sind die in X/1999 häufig verwendeten Texte außerhalb der Sprechblasen,
die innere Stimmen darstellen und sich mit den konventionellen Dialogen
überschneiden wiederum der Shojo-Manga-Tradition zuzuordnen (vgl. J. Berndt:
1995, 118).
Auffällig
sind in X/1999 außerdem die zahlreichen Traumsequenzen und
Rückblenden. Sie eröffnen dem Rezipienten zum einen das Innenleben der Figuren,
zum anderen erfährt er Wichtiges über die Vergangenheit einiger von ihnen, so
z.B. die Umstände des Todes von Kamuis Mutter (Flashback, X/1999, Bd.
1.). Dabei wird der übergang von der normalen Erzählebene zu den Träumen bzw.
Flashbacks durch schwarze Bildhintergründe und Symbolzeichen wie Federn oder
Glasscherben angezeigt. Dadurch wird einmal mehr deutlich, dass X/1999
in den Bereich des Shojo-Manga gehört, in dem, im Gegensatz zum
Aktionismus des Jungen- und Jugendmanga, Innerlichkeit und Psychologisierung
von zentraler Bedeutung sind (vgl. J. Berndt, 1998, 38.).
Figuren: Wie
bereits angedeutet, sind für die Handlung von X/1999 18 Figuren,
darunter die Traumseherin Hinoto, ihre Schwester Kanoe sowie die
„Himmelsdrachen“ mit Namen Arashi Kishu, Sorata Arisugawa, Subaru Sumeragi,
Yuzuhira Nekoi, Karen Kasumi und Seiichiro Aoki und die „Erddrachen“ Satsuki
Yatouji, Seishiro Sakurazuka, Kusanagi Shiyu, Yuto Kigai, Nataku und Kakyou
Kuduki von mehr oder minder großer Bedeutung. Die Helden dieses Werks sind
jedoch neben Kamui Shiro die Geschwister Fuma und Kotori Monou.
Rein
äußerlich entspricht der Protagonist Kamui Shiro mit seinen großen Augen,
seinen androgynen Zügen und seiner schlanken Figur dem Bild des typischen
Shojo-Helden. (Vgl. www.ex.org/1.x/17-X1999.html).
Sein Inneres offenbart allerdings sehr unterschiedliche Stimmungslagen:
Nach außen ernst und manchmal sogar kalt wirkend, ist er doch auch einfühlsam
und aufopferungsbereit denen gegenüber, die er liebt. So wird beispielsweise in
einer Rückblende in Band 5 gezeigt, wie er als Kind die von einem Baum fallende
Kotori rettet.
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| Abb. 3: Fuma und Kamui als Jugendfreunde (Bd. 6) |
Kotori
Monou selbst, ein kränkliches, aber sehr attraktives Mädchen, welches
traumseherische Talente besitzt, liebt seit frühester Kindheit Kamui. Obwohl
sie im Kampf um die Erde keine bedeutende aktive Rolle spielt, ist sie das
Bindeglied zwischen ihrem „Geliebten“ Kamui und dem Bruder Fuma, der sich zum
Erddrachen wandelt und durch dessen Hand sie schließlich umkommt. Fuma Monou,
einst Kamuis bester Freund, ist die zweite Schlüsselfigur und dessen böses
alter ego, der sog. „Zwillingsstern“. Ironischerweise ist Fuma einer der
wenigen Menschen, die Kamui überhaupt etwas bedeuten. Obgleich er nach dem Mord
an Kotori Kamuis schlimmster Feind wird, ist jener doch entschlossen, Fumas
Seele zu retten und ihn wieder in den Menschen zurückzuverwandeln, der er
einmal war.
Mit wie viel Bedacht CLAMP
diese Figuren entwickelt hat, wird bereits daran deutlich, dass die Namen der
drei zentralen Figuren symbolische Bedeutung besitzen und auf die Eigenschaften
bzw. Persönlichkeiten ihrer Träger verweisen. So bedeutet der Name des
Protagonisten Kamui Shiro-kun „Kraft“, „Majestät der Götter“ (CLAMP: X;
Bd. 3. Carlsen 2001.) und steht ferner für „Gottes Macht vertreten“, aber auch
„Gottes Macht jagen“ (vgl. http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x-charas.htm.).
Diese Bedeutungen weisen zum Einen auf seine Schlüsselposition im Kampf um das
Schicksal der Erde hin, zum anderen stehen sie für Kamuis Freiheit, sich für
die Himmels- („Gottes Macht vertreten“) oder die Erddrachen („Gottes Macht
jagen“) zu entscheiden. Auch die grafische Darstellung Kamuis spiegelt seine
Emotionalität und Nachdenklichkeit wider: Sein feinsinniges Gesicht, die
elegant geschwungene spitze Nase und vor allem die Augen, die fast ganz Pupille
sind, spiegeln Gefühle (vgl. Berndt 1995, 111).
Der
Name Fuma bedeutet „Versiegelte Wahrheit“ (CLAMP: X, Bd. 3. Carlsen
2001) und verweist auf sein
Dasein als Kamuis „Zwillingsstern“: Seit seiner Geburt ist Fuma dieses
Schicksal vorherbestimmt, ruht gleichsam versiegelt in seinem Innern bis zum
Zeitpunkt der Entscheidung Kamuis. Nun
bricht der Neid auf Kamui bzw. dessen Rolle als Auserwählter hervor, und er
sucht ihn mit allen Mitteln zu vernichten. Der Kampf der Himmels- gegen die
Erddrachen dient somit als Hintergrund für den Kampf zwischen Kamui und Fuma:
Kamui versucht zu schützen, was er kann; paralysiert von der Liebe zu Kotori
und ihrem Bruder fällt es ihm jedoch schwer zu handeln.
Der
Name Kotori bedeutet „Kleiner Vogel“ (CLAMP: X, Bd. 3. Carlsen 2001) und
verweist auf sie als Symbol für Unschuld und die Erde selbst (vgl. http://www.ex.org/2.4/04-x1.html) Im
Kampf um das Schicksal der Welt ist Kotori das Band zwischen ihrem Bruder
(Fuma) und ihrer Liebe (Kamui), der Mensch, den die beiden Kontrahenten am
meisten lieben. Gewandelt zum Erddrachen ist es Fumas Ziel, Kamui das zu
nehmen, was er am meisten liebt und wofür er in den Kampf gezogen ist: Kotori.
Aufgrund seiner gewandelten Persönlichkeit sieht Fuma in ihr nun nicht mehr
seine Schwester; ihm ist nur daran gelegen, Kamui psychisch wie physisch zu
zerstören.
Das
äußere der männlichen Figuren orientiert sich am Muster des „schönen Jungen“
(jap. bi-shonen), d.h. an einem androgynen Grundzug. Der bi-shonen gilt
im Manga als „Verkörperung des Unbewussten junger Mädchen“ (R. Ophüls-Kashima
1993, 548). Die Sehnsucht der Mädchen nach dem Anderen, dem „Zwilling“ in sich
selbst, werde auf die weiblich wirkenden Jünglinge projiziert. Diese Strategie
dient der Gestaltung innerer Konflikte, die gerade im pubertären Alter eine
wichtige Rolle spielen, wie die Entdeckung der eigenen Sexualität etc. Die
androgyne Figur des bi-shonen besitzt dabei bereits Vorläufer in der Kultur der
Edo-Zeit (17./18. Jahrhundert) und ist somit Teil der japanischen Geschichte
(vgl. ebd.).
Spiritistische
Motive und Themen: Eine Mixtur aus unterschiedlichen
Komponenten sorgt dafür, daß X/1999 trotz des Settings in Japan
multikulturelle Züge trägt. Sowohl östliche als auch westliche Kulturkreise
finden Motive aus ihrer Geschichte in dem Werk wieder. So steht , CLAMP
zufolge, das „X“ im Titel sowohl für Kreuzigung (Kotoris Tod) als auch für
unbekannte Größen (wie in der Mathematik) als auch für ein Narkotikum (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html). Besondere Bedeutung besitzen in X/1999
einige religiöse bzw. okkulte Motive wobei das Tarot als das hauptsächliche
Ordnungsprinzip fungiert. So enthält z.B. jeder Band des Werkes eine
Tarot-Karte und der auf 22 Bände angelegte Gesamtumfang des Werks ist in
Analogie zum 22 Karten umfassenden Tarot-Set hin konzipiert worden. Mit dem
Tarot hängt auch der in X/1999 (Bd. 7) erwähnte
„Sephiroth“ zusammen; es handelt sich um die aus der hebräischen Tradition
stammende Lehre von den zehn Stufen, beginnend mit der Stufe der Erschaffung
und endend im Zustand der Ganzheit einer physischen Existenz (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html).
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| Abb. 4: Tarot –Karte „The Emperor“ (Bd.4) |
Ein weiteres religiös besetztes Motiv bzw. Symbol ist
das „Heilige Schwert“ (jap.: Shinken) Kamuis, auf dessen Klinge in hebräischer
Schrift ein traditionelles jüdisches Festtagsgebet eingraviert ist („Gepriesen
seihst du, Herr unser Gott, König des Universums, durch dessen Wort alle Dinge
entstehen.“[in Englisch ebd.]). Daneben werden auch der christlichen Religion
entstammende Topoi integriert. So ist etwa die neutestamentliche Vorstellung
von Opfer und Erlösung, d.h. des stellvertretenden Leidens und Sterbens für
andere Lebewesen, das Vorbild für die Rolle von Kamuis Mutter als „Kagenie“,
die die Leiden der Erde auf sich nimmt und dabei stirbt („Kagenie“ = als Schatten
eines Lebewesens das Opfer zu sein, das all dessen Leid erträgt; Kamuis Mutter
ist der Kagenie der Erde (X/1999, Band 10.). ähnliches gilt für die
Kreuzigung Kotoris in X/1999, Bd. 8. und nicht zuletzt besitzt
die Gestalt Kamuis ausgesprägt messianische Züge.
Eine
erhebliche Rolle unter den okkulten Motiven spielen Geisterbeschwörung und
Pentagramm, welches in X/1999 jedoch ausschließlich als
Schutzsymbol fungiert: Der CLAMP-Campus ist, zum Schutz vor den Erddrachen, in
Form eines Pentagramms angelegt. Solcherart Magie symbolisiert zum einen das
Bedürfnis der Rezipienten, die Welt aktiv zu ihren Gunsten beeinflussen zu
wollen und zum anderen den Wunsch, sich mit der eigenen Identität und der
Beziehung zur Umwelt auseinander zu setzen, wie die Figuren in X/1999 es
tun (Vgl. Ophüls-Kashima 1993, 546).
Darüber
hinaus finden sich in diesem Werk Elemente der japanischen Tradition. So
handelt es sich beispielsweise - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bei den
erwähnten religiösen Sekten und Tempeln, wie Onmyouji-Magier, Kouyasan-Schrein,
Ise-Schrein, Mitsumine-Schrein, um real existierende religiöse Gemeinschaften (vgl. http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html). Der japanischen Mythologie entstammen
auch die Drachen, die hier als Symbole zweier rivalisierender Mächte verwendet
werden.
Von
überragender Bedeutung ist jedoch das Tarot. Die 22 Tarotkarten sind als
symbolische Pfade zu verschiedenen Bewusstseinsstufen (10 Stufen der Kabbala)
zu verstehen und sind somit eine Darstellung der Bilder des mystischen
Bewusstseins (vgl. http://www.hexenwelt.de/tarot.htm).
Die Tarotkarten werden als Wege in das Unbewusste genutzt. Jede einzelne Karte
kann man sich als einen Eingang vorstellen, durch den der Kartenleger in seiner
Vorstellung hindurchschreitet und dann Zugang zu Visionen vom imaginierten Baum
des Lebens erhält (vgl. ebd.). Jede Karte im Tarot bezieht sich auf einen
bestimmten Bereich der Psyche; die Karten sind Bilder einer Art Mythologie des
Geistes und verkörpern verschiedene Facetten der Persönlichkeit (vgl. www.hexenwelt.de/tarot.htm). In der Geschichte wird
jeder Figur, je nach Persönlichkeit, eine
bestimmte Karte zugewiesen.
Den
einzelnen Figuren sind die Karten wie folgt zugeordnet: Saya Monou/ Der Narr
(0), Kamui Shiro/ Der Magier (Bd. 1), Hinoto/ Die Hohepriesterin (Bd. 2),
Kanoe/ Die Herrscherin (Bd. 3), Kyougo Monou/ Der Herrscher (Bd. 4), Seiichiro Aoki/
Der Hohepriester (Bd. 5), Kotori Monou/ Die Liebenden (Bd. 6), Sorata
Arisugawa/ Der Wagen (Bd. 7), Yuzuriha Nekoi/ Die Gerechtigkeit (Bd. 8),
Satsuki Yatouji/ Der Eremit (Bd. 9), Kakyou Kuduki/ Das Schicksalsrad (Bd. 10),
Karen Kasumi/ Die Stärke (Bd. 11), Subaru Sumeragi/ Der Gehenkte (Bd. 12),
Seishiro Sakurazuka/ Der Tod (Bd. 13), Arashi Kishu/ Die Mäßigkeit (Bd. 14),
Yuto Kigai/ Der Teufel (Bd. 15), Tohru und Tokiko Magami/ Der Turm (Bd. 16),
Kusanagi Shiyu/ Der Stern (Bd. 17), Nataku/ Der Mond (Bd. 18). Die noch
unbesetzten Karten sind Die Sonne (19), Das Gericht (20) und Die Welt (21),
wobei bereits sicher ist, daß Fuma die Karte des Gerichts (Bd. 20) zugeordnet
werden wird.
|
| Abb. 5: Schwert, Magie und Kreuzsymbol: Kotoris Tod (Bd. 8) |
Exemplarisch
seien hier die Tarot-Assoziationen der zentralen Figuren hervorgehoben:
·
Kamui
Shiro: „Der Magier“
symbolisiert im Tarot den Willen. Er steht außerdem für den Beginn von etwas
Neuem und gilt als Führer und Schützer der Menschen. Im Gegensatz dazu besitzt
er aber auch eine unheilvolle, boshafte Natur; die umgekehrte Karte steht für
Täuschung, Treulosigkeit und den Missbrauch von Macht zu zerstörerischen
Zwecken. Die normale wie auch die verkehrte Karte passen zu Kamui: Er leitet
etwas Neues ein, den Anfang vom Ende der Welt, und ist ein Führer der Menschen (sowohl
für die Himmels- als auch die Erddrachen). Die umgekehrte Karte repräsentiert
den Kamui zu Beginn der Serie, als er sich um nichts und niemanden zu kümmern
scheint und seine Kräfte nach eigener Laune einsetzt (X/1999, Bd. 1).
·
Kotori
Monou: „Die Liebenden“
symbolisieren im Tarot die Verwirrungen der Liebe und stehen auch für einen
Konflikt der Reize sowie die Verantwortung eine schwierige Entscheidung
zwischen ihnen zu treffen. Die umgekehrte Karte besagt, dass das Ergebnis
dieser Entscheidung negative Folgen haben bzw. dass jede amouröse Situation ein
unglückliches Ende nehmen wird. Auch hier passen beide Karten zu der
zugeordneten Figur: Kotori ist verwirrt in ihrer Liebe zu Kamui, der die
Entscheidung zu treffen hat, auf welcher Seite er kämpfen will. In Zusammenhang
mit der umgekehrten Karte mündet Kamuis Entscheidung für die Himmelsdrachen,
die nur aus Liebe zu Kotori und Fuma getroffen wurde, in einer tragischen
Situation (Kotori wird von Fuma getötet; Fuma wird zu Kamuis Feind).
·
Fuma Monou:
Er wird erst auf dem Cover von X/1999, Bd. 20 erscheinen, doch eine
kurze Analyse sei hier gegeben: Die „Karte des Gerichts“ symbolisiert das
Wachsen des Bewusstseins, eine Bewegung hin zu einem großen Ziel. Sie deutet
auf eine neue und wichtige Stufe in der Entwicklung einer Figur hin und zeigt,
dass die letzte Schwelle zu Weisheit und Erkenntnis bald überschritten wird.
Außerdem symbolisiert sie Erneuerung. All diese Deutungen passen zu Fumas Figur
und Position innerhalb der Geschichte: Er bewegt sich auf ein Ziel hin, die
Zerstörung der Menschheit und Bewahrung der Erde. Die Wandlung zum Erddrachen
stellt eine bedeutende Stufe in seiner Entwicklung dar, die ihn zu der
Auffassung führt, dass die Erde nur überleben kann, wenn die Menschen
vernichtet werden. Dieses Ziel ist die angestrebte Erneuerung, von Fuma als
„Reform“ bezeichnet.
Eine
durchgängig spiritistische Ausrichtung ist in X/1999 nicht zuletzt dem Topos der Gewalt eigen, der in der
Handlung extensiv ausgebreitet wird. Als Zerstörung des Bestehenden und der
Verwandlung in einen anderen Zustand ist Gewalt relevant für die persönliche
Entwicklung des Menschen, „die von körperlichen Veränderungen und dem Erwerb
einer kritischen Haltung gegenüber seiner Umwelt und deren Werten
gekennzeichnet ist“ (MangaZone. 03/2001, S. 36). Die jugendlichen Figuren in X/1999
befinden sich in der adoleszenten Entwicklungsphase und sehen sich mit einer
gewissermaßen im Sterben liegenden Welt konfrontiert. Die Fraktion der
„Erddrachen“ nimmt das Problem, daß die Menschen achtlos die Erde verschmutzen
zum Anlaß für eine radikalökologische Politik der Ausrottung der Menschheit,
während die Gegenseite, die „Himmelsdrachen“, weiterhin den Glauben an das Gute
in den Menschen und dessen schliesslicher Durchsetzung aufrechterhalten. Die
universale, gewaltsame Auseinandersetzung der beiden polaren Mächte besitzt vor
allem eine symbolische Funktion als Ausdruck radikaler Veränderungen mit Bezug
auf das Schicksal der Erde und das Sterben der Natur.
Einflüsse, Verbreitung und Wirkung X/1999 besticht als Gesamtwerk sowohl durch seine grafische
Eleganz als auch durch die komplexe, aber spannende Geschichte. CLAMP gelingt
es, mit Hilfe der beschriebenen und analysierten Bild- und Texttechniken, eine
düstere, jedoch reizvolle Atmosphäre zu kreieren, die den Rezipienten zu
fesseln vermag und ihn in eine Welt entführt, die trotz realer Schauplätze
etwas Mystisches, ja Surreales hat.
Der
Hang der vier jungen Manga-Künstlerinnen zu Mystik und Phantastik lässt sich
aus den sehr unterschiedlichen Quellen und Vorbildern erklären, die ihnen als
Inspiration dienen: Nach eigenen Angaben zählen dazu sowohl die japanischen
Animations-Künstler Go Nagai und Osamu Tezuka, als auch westliche Größen wie
Alfred Hitchcock, sowie die Filme „Das Schweigen der Lämmer“ (1990) und „12
Monkeys“ (1996) (vgl. www.manga.com/xx/xproduction.html).
Die Offenheit CLAMPs gegenüber nicht-asiatischen Kultureinflüssen hat
sicher auch dazu geführt, dass dieses Werk in Bezug auf Motive und Themen
multikulturell orientiert ist.
Die Grundidee, auf der die Story von X/1999 basiert, hatte die Szenaristin Nanase Ohkawa dem Vernehmen nach bereits in der Grundschule, als sich in Japan gerade die „Gaia-Theorie“, d.h. die Vorstellung, daß die Erde selbst ein lebendiger Organismus sei, zu verbreiten begann. Bereits kurz nach der Gründung von CLAMP begann Nanase Ohkawa mit ihren drei Kolleginnen die Story zu X/1999 auszuarbeiten, um sie möglichst schnell bei einem Verleger unterbringen zu können, da ihnen daran gelegen war, diese Geschichte den Menschen nahe zu bringen (vgl. www.manga.com/xx/xproduction.html).
1992 erschien in Japan der erste Band von X/1999 bei ASUKA Comics. Seither erscheint jeder weitere Band in dem monatlichen Shojo-Manga-Magazin „ASUKA“ im Verlag Kadokawa Shoten. In Japan sind bisher 17 Bände erschienen, Band 18 erscheint in Kürze.
Der
große Erfolg des Werkes in Japan hat dazu geführt, dass X/1999 auch
international publiziert wurde und mittlerweile eine große Fangemeinde besitzt.
übersetzungen in Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Chinesisch,
Thailändisch, Bahasa Indonesia und Koreanisch liegen bereits vor. In den USA
wurde der ursprünglich in Japan schlicht „X“ betitelte Comic in X/1999
(erschienen bei Animerica) umbenannt, da der amerikanische Verlag Dark Horse
bereits eine Serie mit dem Titel „X“ im Programm führt. Erhältlich ist
die US-Ausgabe bei Viz-Comics in bisher sieben Großbänden (seit 1996 ein Band
pro Jahr). In Deutschland erscheint X/1999 seit Anfang 2001 bei Carlsen
Comics in 2-monatlichem Abstand; bisher sind 13 Bände des Werkes erhältlich.
Der
große Erfolg des Manga hat außerdem zu Umsetzungen in andere Medien geführt: So
existiert ein 90-minütiger Anime („X- The Destiny War“, Bandai Visual,
1996, auch in Englisch), eine Zeichentrickserie („X- The Series“) mit
zugehörigem Soundtrack, die seit 2001 im japanischen Fernsehen gezeigt wird
sowie ein Artbook („X Zero“).
Magnus Matern
Primärliteratur: CLAMP: X/1999. Band
1-13 (1. Kamui Shiro; 2. Honoto; 3. Kanoe; 4. Kyougo Monou; 5.
Seiichiro Aoki; 6. Kotori Monou; 7. Sorata Arisugawa; 8. Yuzuriha Nekoi; 9. Satsuki Yatouji; 10. Kakyo; 11. Karen
Kasumi; 12. Subaru Sumeragi; 13. Seishiro Sakurazuka). - Aus dem Japanischen von Antje Bockel
Hamburg: Carlsen 2001-2002..(jap. Original: X1 – X13. Tokio:
Kadokawa Shoten. Tokio:
1992-1999)
Sekundärliteratur: Berndt, Jaqeline: Phänomen Manga. Comic-Kultur in Japan. Berlin 1995.
Berndt,
Jaqeline: Comics in Japan. In: Lexikon der Comics. 26. Ergänzungslieferung,
Juni 1998. 75 S.; Berndt, Jaqeline: Shojo Manga/ Mädchen-Comics in Japan. In:
Lexikon der Comics. 35. Ergänzungslieferung, September 2000. 32 S.;
Maderdonner, Megumi: Kinder-Comics als Spiegel der gesellschaftlichen
Entwicklung Japans. In: Beiträge zur Japanologie der Universität Wien. 21
(1986), 1-94; Manga Zone. 03/2001, S. 36/37; Ophüls-Kashima, Reinold: Comics
für Mädchen (Shojo Manga) und Mädchenliteratur als Phänomene der modernen
Massenkultur. Eine übersicht über neuere Publikationen. In: Japanstudien. Jg. 5
(1993), S. 535-554.
Zu Manga allgemein:
Zu „X/1999“:
http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x.htm
http://oldcrows.net/~rabi/X/facts.html
http://users.animanga.com/LikeADream/ri-chan_x-charas.htm
http://www.ex.org/2.4/04-x1.html
http://novacaine.net/Kamui/profile/main.html
http://www.geocities.com/rabbit_tomb/tarot.html
www.manga.com/x_x/x_production.html
www.geocities.com/Tokio/Temple/6773/xmanga.html
Zu CLAMP:
www.carlsen.de/cgi-bin/w3-msql/db/edit/author.html?view=Clamp
http://www.animeonline.de/mangaka/clamp/index.html
Zum Tarot: