Wedding Peach

Magical Girl-Story von Sukehiro Tomita (Szenario) und Nao Yazawa (Zeichnung) in sechs Bänden.

 

Die Welt der Engel liegt im Krieg mit Dämonen. Während einer Schlacht zwischen beiden Parteien verschlägt es „die zauberhaften Vier“, von denen die Engel ihre hauptsächliche Macht beziehen, in die Welt der Menschen. Momoko Hanasaki (alias Wedding Peach) und die Wiedergeburten der anderen „Liebesengel“ Lily, Daisy und Salvia machen sich auf der Erde daran, die zauberhaften Vier zu suchen und vor Dämonen zu schützen. Aber dies ist nicht der einzige Kampf der vier jungen Mädchen. Auch die erste große Liebe zu einem Jungen bestimmt ihr Leben. Vor allem die oftmals quengelige und sehr kindliche Momoko bekommt Probleme wegen ihrer verbotenen Liebe zu Yosuke Fuuma, der zum Dämon Viendo wird .

 

 

Abb. 1:
Aphrodite und die drei ersten „Liebesengel“Lily, Daisy
und Wedding Peach (Bd. 1, 71)
 

Wedding Peach und die drei Liebesengel. Wedding Peach, die jüngste der Liebesengel, ist ein rein von den Gefühlen gesteuertes Mädchen. Sie trifft nur mit ihrem Herz Entscheidungen, die mit denen der anderen Liebesengel oft nicht konform gehen, sich zum Schluss aber immer als die richtigen herausstellen. So rettet sie gegen den Willen der anderen dem Störgeist Jamapi das Leben (vgl. Bd.2), was dazu führt, dass der ehemals böse Geist aus Dankbarkeit zu ihrem ständigen Begleiter wird, der allen Liebesengeln in mancher Situation hilfreich zur Seite steht. Momoko lebt mit ihrem Vater zusammen, der ihr anfangs zu verheimlichen sucht, dass ihre Mutter die Familie verlassen hat. Momoko verehrt ihre Mutter trotzdem, da diese ihrer Meinung nach einen wichtigen Grund für den Weggang gehabt haben muss. Hier zeigt sich ihre unerschütterlich optimistisches Weltbild: Sie kann nicht glauben, dass jemand von Grund auf böse ist oder böses tut. Selbst bei den Dämonen, die ihr nach dem Leben trachten, sucht sie nach einem guten Kern, meistert mit Herz und Gefühl die gefährlichsten Situationen und ist stets bestrebt, die Liebe auch in die dunkelsten Herzen wieder einkehren zu lassen. Momoko ist im übrigen ein wenig verträumt und linkisch, verschläft morgens, kommt zu spät zu Schule usw. Dies führt gelegentlich zu komischen Verwicklungen, so etwa wenn Momoko den von ihr verehrten Yosuke besuchen möchte und mit der nach der Türklingel ausgestreckten Hand den gerade herauskommenden Yosuke ins Gesicht schlägt. Auch verliert sie in Alltagssituationen schnell die Nerven, bricht in Tränen aus und weiß nicht mehr ein noch aus.

 

 

Hianagiku Tamano ist die Wiedergeburt des „Engels der Wahrheit“, Daisy. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist eine Freundin von schnellen Entscheidungen und kann es nicht leiden, wenn etwas hinausgezögert wird. So ermuntert sie Momoko und auch Yosuke immer wieder, sich endlich gegenseitig ihre Liebe zu gestehen und schreit Momoko sogar an, damit diese um Yosuke kämpft. Hinagiku benimmt sich oft wie ein Junge und lässt sich nichts gefallen, da sprechen auch manchmal ihre Fäuste, z.B. als sich der Mitschüler Takuro sich abfällig über Momokos Schulleistungen äußert (Bd.5). Hinagiku schlägt ihn daraufhin nieder. Sie liebt ihre Freundinnen und ist immer bereit, sich für sie einzusetzen: „Freunde helfen sich in der Not!“ ist ihr Grundsatz, den sie u.a. unter Beweis stellt, als der von Dämonen entführte Yosuke aus dem „Haus des Loches“ befreit werden muß (Bd. 3).

Abb. 2: Momoko in Bedrängnis (Bd. 2, 139)
 

Yuri Tamina verwandelt sich in den „Engel der Reinheit“, Lily. Sie ist mit ihren langen Haaren und ihrer wohlerzogenen Art diejenige der 4 Mädchen, die einschlägigen Weiblichkeitsklischees wohl am nächsten kommt. Außerdem ist sie besonnener als die anderen, d. h. ihr fällt in der Gruppe auch die Rolle der Strategin zu. Nicht zufällig ist es Yuri, die zuerst einmal in Denkerpose verfällt, wenn es einen Kampf zu bestehen gibt, etwa gegen eine von einem „Störgeist“ besessene Frau, während die spontaneistische Wedding Peach bereits in Aktion getreten ist und die aktionistische Hinagiku sich mit kämpferischer Miene und geballten Fäusten anschickt, ihr zu folgen (Bd.1).

Scarlett O’Hara, benannt nach der Heldin aus Vom Winde verweht, verwandelt sich wiederum in Salvia, den „Engel der Leidenschaft“. Sie ist ein verbittertes Mädchen, dessen Hass auf Dämonen ihr ganzes Leben bestimmt. Im Gegensatz zu Momoko sind Verzeihen und Vertrauen Fremdworte für sie und sogar den anderen drei Mädchen steht sie lange Zeit in gespannter Haltung gegenüber, weil sie traut ihnen nicht zutraut, gegen die Dämonen bestehen zu können. überhaupt hält sich Salvia für die überlegene und äußert dies auch in arroganter Weise: „Ich wollte euer Können begutachten, aber da kann man ja nicht hingucken!“ (Bd. 5). Sie stellt ihr eigenes Können und Wissen über dasjenige der anderen: „Ich kenne die Dämonen viel besser als ihr“(Bd.5). Sie kann und will das Mitleid und die Gefühle, welche die anderen den Dämonen entgegenbringen, nicht verstehen und kennt keine Gnade im Kampf gegen sie.

 

Erzählform und Zeichenstil. Das Szenario stammt aus der Feder von Sukehiro Tomita, der bereits an Sailor Moon mitgewirkt hatte, die plots der Geschichten werden allerdings gemeinsam mit der Zeichnerin Nao Yazawa und den Herausgebern entwickelt. An der graphischen Ausarbeitung sind darüber hinaus eine Reihe von Assisten beteiligt.

Neben der Hauptstory, die pro Band zwischen 137 und 184 Seiten umfasst, findet man – mit Ausnahme des dritten - in allen Bänden noch eine selbständige, abgeschlossene Kurzgeschichte humoristischer Prägung. Seit dem zweiten Band kommen jeweils mehrere Gag strips hinzu, die ebenfalls ein Gegengewicht zur sentimentalen Hauptgeschichte bilden.

Die Hauptgeschichten enden jeweils in einem Cliffhanger oder deuten auf künftige Konflikte hin. So stellt sich beispielsweise am Ende des vierten Bandes die neue Schülerin Hiromi Kawanami, die der aufmerksame Leser als die wenige Seiten zuvor auftretende Dämonin Potamos, die Wedding Peach vernichten will, identifiziert.

 

 

Abb. 3: Deutsche Ausgabe, Bd.4, Cover
 

Nao Yazawas Zeichenstil ist bekannt für seine relativ einheitlichen niedlichen und kindlich runden Gesichter. Alle Figuren haben die gleiche Schädelkonturen, die Unterschiede werden erst an der Augenpartie erkennbar. Während alle halbwüchsigen Mädchen - egal ob Dämonin, Liebesengel oder Mensch - große, weit aufgerissene Augen mit riesigen Pupillen aufweisen, sind die Augen der Frauen zwar ebenfalls mit großen Pupillen ausgestattet, jedoch zu einem Teil mit dem Oberlid bedeckt. Die weiblichen erwachsenen Dämonen zeigen ihre Augen, genau wie alle männlichen Dämonen, sogar regelrecht zusammengekniffen. Die halbwüchsigen Jungen sind ebenfalls mit ausgeprägt großen Augen versehen, aber ihre Pupillen sind bedeutend kleiner als die der Mädchen und Frauen. Eine Ausnahme stellt Kazuya Yanagiba (alias „Erzengel Limone“), dessen verführerisch und geheimnisvoll wirkende Augen denen der erwachsenen Frauen gleichen und ihm ihm eine weibliche Note verleihen. Nao Yazawa beherrscht im übrigen ganz vorzüglich die Kunst, die Empfindungen der Figuren durch Variationen der Augenpartien auszudrücken. Ohne dass verbale Zeichen benötigt würden, läßt sich an der Mimik der Figuren deren Gefühlsverfassung, man kann diese geradezu an den Augen ablesen.

Die sprachliche Gestaltung ist ebenso einfach wie markant zu nennen. Kaum einer der kurzen, hypotaktisch gebauten Sätze in den Sprechblasen endet ohne Ausrufezeichen, abgesehen von Fragen natürlich. Den Figuren wird in der Regel nicht mehr als ein Satz pro Panel zugestanden. Weitaus größere Anforderungen an den Leser stellt demgegenüber die Anordnung der Panels. Es gibt kaum zwei Seiten in einem Band, die das gleiche Layout aufweisen. Montagen sich überschneidender Bildkästen sind ein ebenso beliebtes Stilmittel in Wedding Peach wie die Verwendung schräger Randlinien und randloser Panels, die sich, die bisweilen über mehr als eine halbe Seite erstrecken können. Miniatur- und Insert-Panels, die manchmal bis zur Unkenntlichkeit gezoomte Detailansichten bieten, erwecken die besondere Aufmerksamkeit des Lesers und bieten im Hinblick auf die erzählte Zeit spektakuläre Momentaufnahmen. Für die übergroßen Panels gilt in der Regel, dass simultane Handlungen oder solche von besonderer Tragweite, wie etwa die erstmalige Verwandlung Momokos in Wedding Peach (Bd.1, 29), dargestellt werden.

 

Deutungen und Bedeutungen. Sukehiro Tomita hat bei einigen Namen seiner Figuren und bei einigen Zaubersprüchen der „Liebesengel“ mit verschiedenen Sprachen gespielt. Gezielt wählt er Namen, die dem jeweiligen Figurentypus entsprechen; so spielt etwa Momoko Hanasaki einerseits auf das japanische Wort für Pfirsich bzw. Pfirsichblüte (momo) an, während die Endung „ko“ eine Koseform anzeigt. „Hana“ wiederum bedeutet im Japanischen  Blume und „saki“ das Verb blühen.

Ein andere Beispiel wäre Yousuke Fuuma: „fuu“ bedeutet Wind und „ma“ so viel wie Dämon. Hinagiku wiederum heißt „Gänseblümchen“ und steht so in ironischem Gegensatz zum Charakter der stets schlagfertigen und kämperischen Protagonistin, während und Yuri (dt.: Lilie) eine im Hinblick auf das Wesen der Figur analogisierende Namensgebung darstellt. Dem vierten Mädchen schließlich hat der Szenarist einen Namen gegeben, den man zwar nicht übersetzen kann, der aber trotzdem bedeutungsvoll scheint: Scarlett O’Hara. Sie trägt den Namen der weiblichen Hauptperson des Romans von Margaret Mitchell Vom Winde verweht (1936), einer nicht zuletzt durch ihre Verfilmung weltberühmt gewordene Liebesgeschichte, die der Autor Tomita angeblich sehr schätzt.

 

 

Abb. 4: Momoko – „superdeformed“
 

Jeder der Liebesengel hat ihre eigenen Inaugurationssprüche und Beschwörungsformeln, die sie mit ihren spezifischen Zauberutensilien aufsagen. Hier hat Tomita sich für Dinge entschieden, von denen er annimmt, daß kleine Mädchen sie mögen, wie z.B.: Spiegel, Lippenstift etc. Wenn man sich diese Sprüche genauer ansieht, erkennt man, dass Tomita an einigen Stellen das Französische als Signum einer Art Sprache der Liebe verwendet hat. So spricht zum Beispiel Daisy die Worte „Saint Pendule Daisy Blizzard“. Ein anderes Beispiel ist der Name einer Dämonin „Reine Devila“, was soviel wie für Teufelskönigin bedeuten mag.

Jedes der Mädchen hat von Tomita und Yazawa einen eigenen Charakter bekommen. Dieser drückt sich durch das, was und wie die Figuren es sagen und durch das Mienenspiel aus. Außerdem bekommt der Leser durch die Extraseiten zusätzliche Einblicke in das Leben und die Eigenschaften der Mädchen, z.B. erfährt man welche Blutgruppe jede einzelne von ihnen hat. Dieses Detail, das im europäischen Kontext eine rein medizinische Bedeutung besitzt, hat in der japanischen Kultur einen anderen Stellenwert: In Japan werden jeder Blutgruppe bestimmte symbolische Eigenschaften zugeschrieben und sogar Blutgruppenhoroskope erstellt.

 

 

 

Abb. 5:
Ende der Extra-Story Engel Lilys erste Liebe (Bd. 5)

Wirkung und Verbreitung. Wedding Peach erschien erstmals 1995 in dem japanischen Shojo–Manga–Magazin Ciao des Verlags Shogakukan. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Sailor–Moon – Fieber auf seinem ersten Höhepunkt.

Zeitgleich mit dem Erscheinen des Comic strahlte TV Tokyo die Anime – Serie Ai Tenshi Desentsu Wedding Peach (Die Legende vom Engel der Liebe Wedding Peach) aus.

Bei WP handelt es sich um einen kommerziellen Manga. Momoko und ihre Freunde sollten zur Konkurrenz für Sailor Moon werden und sind es auch heute noch neben „Magic Knight Rayearth“ und „Card Captor Sakura“. Nach dem Erfolg der Fortsetzungsgeschichten im Mädchen–Magazin erschien eine abgeschlossene sechsbändige Taschenbuchausgabe. Im Jahr 2000 bekamen endlich auch die deutschen Fans von WP die Chance, den Manga in ihrer Sprache zu lesen. In diesem Jahr erschien die deutsche Ausgabe in der übersetzung von Ute Jun Maaz bei Egmont in japanischer Leserichtung zu betrachten.

Dem Vernehmen nach hat WP hat, wie schon Sailor Moon, ein wahres Fieber ausgelöst. Tausende junger Mädchen sind von den Abenteuern der „Liebesengel“ begeistert. Dies hat u.a. zu einem reichen Angebot an Merchandising-Artikeln wie Artbooks, Zepter, Schmuckstücken der „Liebesengel“, Karten und Figuren, CDs mit den Songs aus der TV-Serie u.v.m. geführt. Des weiteren wurden vier „WP Delux“-Folgen veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um vier OVAs, die zeitlich nach der TV Serie spielen. Jede der vier Liebesengel spielt in einem der Teile die Hauptrolle und natürlich tobt wieder ein Kampf zwischen Gut und Böse.

Anika Bratzke

 

 

Primärliteratur: Sukehiro Tomita (Szenario), Nao Yazawa (Zeichnung): Wedding Peach . Bd. 1-6. (1. Der Engel der Liebe; 2. Die zauberhaften Vier; 3. Das Tor zur Dämonenwelt. 4. Ein neuer Freund; 5. Der vierte Liebesengel; 6. Last Wedding). Berlin: Egmont Manga & Anime 2000-2001. – Jap. Erstausgabe : Wedding Peach Vol. 1-6. 1994-1996

 

Sekundärliteratur: Napier, Susan J.: Vampires, Psychic Girls, Flying Women and Sailor Scouts. Four Faces of the Young Female in Japanese Popular Culture. Gender, Shifting Boundaries and Global Cultures. Cambridge: University Press 1998, 91-109.- - Berndt, Jaqeline: Phänomen Manga. Comic-Kultur in Japan. Berlin 1995. Ophüls-Kashima, Reinold: Comics für Mädchen (Shojo Manga) und Mädchenliteratur als Phänomene der modernen Massenkultur. Eine übersicht über neuere Publikationen. In: Japanstudien. Jg. 5 (1993), 535-554

 

Internetseiten

www.germanotaku.net/manga/wp.html; 26.07.2002

www.manganet.funonline.de; 26.07.2002

www.wedding-peach-world.de; 28.07.2002

www.members.tripod.com/~momoko_/info.html; 29.07.2002

www.tokyoland.de/magical-girls.html; 05.08.2002

www.momokos-fanpage.de.vu; 10.08.2002

www.chiharu.nu/aitenshi/information/interview.html; 27.08.2002