Prinzessin Mononoke

 

Phantastische Abenteuererzählung über das bei den Tieren des Waldes lebende Mädchen San und dessen Kampf für die Unversehrtheit der Natur. Der vierbändige Comic zum Film basiert auf dem bisher erfolgreichsten japanischen Animationsfilm Mononoke hime von Hayao Miyazaki aus dem Jahre 1997.

Ashitaka, ein Prinz des fast ausgestorbenen Volkes der Emishi im Norden Japans, erleidet bei der Verteidigung seines Dorfes eine tödliche Wunde durch einen Dämon und macht sich daraufhin auf die Suche nach einem sagenhaften Waldgott in Hirschgestalt. Den überlieferungen zufolge soll nur dieser in der Lage sein, Ashitakas Verwundung zu heilen. Die Suche führt ihn in einen Wald, in dem das Waisenmädchen San zusammen mit einem Rudel riesiger Wölfe lebt und sich gegen das Vordringen der Menschen zur Wehr setzt, die in der nahegelegen Stadt Tatara Ba eine Eisenhütte betreiben. Gegenspielerin des „Prinzessin Monoke“ genannten Wolfsmädchens ist Lady Eboshi, die als Chefin der Eisengießer den Wald für die Verhüttung roden und in der Erde nach Bodenschätzen graben lässt.  

Abb. 1: Das wilde Mädchen San alias Prinzessin Mononoke
 
Unter der Führung der strengen Herrin Eboshi liefern sich die Menschen, die das Eisen für ihre neuartigen Feuerwaffen benötigen, blutige Auseinandersetzungen mit den zornigen Wolfs- und Wildschweingöttern des angrenzenden Waldes. Ashitaka, der sich in San verliebt hat, versucht vergeblich zwischen den verfeindeten Parteien Frieden zu stiften, gerät zwischen die Fronten und erfährt, dass der Dämon, der ihn verletzt hat, auch ein selbst tödlich verwundeter Waldgott war.Als eine Armee von erzürnten Waldtieren einen letzten Großangriff auf die Menschen wagt und Ashitaka den mächtigen Waldgott endlich gefunden hat, tauchen kaiserliche Jäger auf, die den göttlichen Hirsch erlegen. Als lebensspendende Trophäe stehlen sie seinen Kopf. Der immer noch lebendige Rumpf des Waldherren zerstört daraufhin alles Leben im Wald, bis es Ashitaka und San gelingt, den geraubten Kopf zurück zu holen. Fast alle Waldgötter und Menschen sind tot, die Eisenstadt ist zerstört, doch der Hirschgott hat mit letzter Kraft Ashitakas Wunde geheilt. Die Eisengießer geloben von nun an in Frieden mit den Waldtieren zu leben, Ashitaka bleibt bei ihnen und San kehrt mit den letzten Wölfen in den Wald zurück. 

 

Abb. 2 Ashitaka und sein Reittier Yakkul (Bd.3, 78)
 
Sozialhistorische Hintergründe. Die Erzählung vom Kampf der Menschen gegen die wütenden Götter des Waldes ist in erster Linie eine Abenteuergeschichte mit vielen phantastischen Elementen. Dennoch enthält die Story auch Elemente, die auf historische Hintergründe verweisen. Historisch verbürgt ist beispielsweise die Existenz von Ashitakas Volk, den Emishi – ein mittlerweile ausgestorbener Stamm aus dem Norden der Inseln Honshu und Hokkaido. Bis heute streiten sich die Wissenschaftler, wie wichtig die Emishi für das heutige Japan wirklich waren. Angeblich handelt es sich um ein barbarisches Reitervolk mit ausgezeichneten Bogenschützen, das sich durch seine einfache Naturreligion, die auffällige Haarpracht und die eher kaukasisch anmutenden Gesichtszügen sehr von den übrigen Japanern unterschied.Der Begriff Emishi – der ursprünglich wohl „Mensch“ bedeutete – wurde zeitweise sogar als abwertendes Schimpfwort gebraucht. Ab dem 8. Jahrhundert und der Schlacht am Fluss Koromo wurden die Emishi trotz einzelner Erfolge immer weiter zurückgedrängt. Es ist bis heute ungeklärt, ob sie einfach in der normalen Landbevölkerung aufgegangen sind oder ganz verschwanden. Auch der Einsatz der ersten Feuerwaffen (jap. Ishibiya) auf die gezeigte Weise ist historisch durchaus glaubwürdig.Ishibiya (engl. Stone Fire Arrow) waren frühe Handkanonen, die entweder ab etwa 1543 durch portugiesische Händler nach Japan importiert wurden oder bereits vorher über China ins Land gelangt sind (vgl. Homepage des Filmstudios Ghibli http://www.nausicaa.net/miyazaki/mh/faq.html#gun).  
Abb 3.: Samurai überfallen die Stadt der Eisengießer (Bd. 3, 83)
 

Selbst der Name der Eisenhütte, Tatara Ba, leitet sich von einem alten japanischen Begriff für die Herstellung von Eisen aus dem Oku–Izumo-Distrikt ab. Tatara Ba bedeutet soviel wie „Der Platz, an dem Eisen gemacht wird“, wobei der Begriff Tatara den übergroßen Blasebalg bezeichnet, mit dem man das Feuer in den Hochöfen anheizte. Bei dieser Methode war eine große Menge an Brennholz nötig (vgl. http://www.nausicaa.net/miyazaki/mh/faq.html).Durch die bei der Gestaltung dieser Eisenhütte vorrangig verwendeten Farben Schwarz, Grau und Braun und der aus spitzen Holzpflöcken bebildeten Verteidigungsanlage wird die Menschen-Siedlung zusätzlich symbolisch aufgeladen. Die Stadt erscheint durch ihre Position am Berg wie ein bösartiges Geschwür, das sich in den für die Waldtiere heiligen Ort gräbt. Qualmende Schornsteine, Feuer, Rauch und Abfälle, die noch die Flüsse und Felder der Nachbarprovinzen verschmutzen, wirken wie Vorboten der industriellen Gesellschaft. Gleichzeitig aber stellt die Stadt einen Raum neuer bürgerlicher Freiheiten dar, in dem Verstoßene wie Prostituierte, Aussätzige und Kranke von Herrin Eboshi aufgenommen und gleichberechtigt behandelt werden. Ungeachtet ihrer Herkunft erhalten sie die Chance, sich als Mitglieder der modernen kleinen Gemeinschaft des Tatara-Clans zu bewähren. Trotz der Verweise auf historische Tatschen weist die Geschichte auch viele Elemente des Märchens auf. Neben den märchenhaften sprechenden Tieren und Phantasiewesen erinnern Anfang und Schluss ("Früher war das Land von tiefen Wäldern überzogen, in denen seit uralten Zeiten die Götter lebten ..."(Bd.1, 3)) zumindest entfernt an die Formel "Es war einmal". So mischt Miyazaki in seiner Geschichte Motive des Märchens und der Fantasy-Erzählung ebenso wie historische Tatsachen und Elemente der japanischen Mythologie. Im Vorwort des Buches zum Film meint er selbst dazu: "Wir wählten diese Schauplätze, um den Konventionen, vorgefassten Meinungen und Vorurteilen gewöhnlicher Historienfilme zu entfliehen und unsere Figuren freier darstellen zu können"(Mononoke - Buch zum Film, 2001, 12). Dazu siedelt er die Geschichte im Japan der Muromachi-Periode an (1392-1573), einer Zeit des Umbruchs, in der nicht nur die Eisengewinnung rapide zunahm, sondern auch die ersten Feuerwaffen ins Land kamen (http://www.nausicaa.net/miyazaki/mh/­faq.html). Die Wälder wurden vermehrt gerodet, Ackerbau mit neuen Eisenwerkzeugen erstmals in größerem Ausmaß betrieben. Die Menschen in Japan begannen mit der systematischen Erschließung der Natur und ihrer Ressourcen. Zudem waren die festen Klassen des Feudalsystems in dieser Zeit noch nicht voll ausgeprägt, der einzelne – Mann oder Frau – besaß mehr Freiheiten. Der Wald wurde nicht zuletzt als etwas Unheimliches, Unbegreifliches wahrgenommen, weil kaiserliche Truppen das Betreten der kostbaren Holzbestände unter hohe Strafen stellten.

Abb.4: Madame Eboshi, Herin der Hüttenstadt Tatara Ba, berichtet
Ashitaka über ihre Feindin, das Wolfsmädchen (Bd. 1, 137)
 

Handlung und Figuren Die hitzköpfigen Streithähne beider Parteien, die wilde Wolfsprinzessin San und die aufgeklärte aber harte Herrin Eboshi sind starke Frauenfiguren, die durch ihr kriegerisches Wesen mit als typisch männlich geltenden Attributen ausgestattet sind.

Der Name Mononoke bedeutet „das Geisterhafte“, das von den Waldgeistern aufgezogene Mädchen ist die „geisterhafte Prinzessin“(http://www.nausicaa.net/miyazaki/mh/faq.html). Viele der bei Mononoke eingesetzten Motive hat Hayao Miyazaki Motive schon in seinem früheren Werk Nausicaä aus dem Tal der Winde (jap. Kaze no Tani no Naushika – Nausicaä) verwendet. Auch hier gibt es mit der Häuptlingstochter Nausicaä eine weibliche Hauptfigur, der Wald taucht als eine Bedrohung für den Menschen auf, während der Krieg zwischen den Völkern Turomekia und Dorok zum Selbstzweck geworden ist (vgl. Epos, 2001, 42/43). Bei Mononoke ist es eine Gewehrkugel, die den Ursprung des übels zu Beginn der Handlung darstellt; eine Kugel, persönlich abgefeuert von Herrin Eboshi, die den Wildschweindämon tödlich verletzt – wie der Leser später erfährt,. Der Verwundete wird zu einem Monster, das schließlich das Unheil über Ashitaka und sein Volk bringt. Obgleich dies als Metapher für die Schattenseiten der Zivilisation zu deuten ist, stellt Eboshi keineswegs eine bloß negative Figur dar. Denn Ihr Plan, den Wald zu roden und die Waldgötter zu verjagen, hat das Ziel, eine für die Menschengemeinschaft erträglichere Umwelt zu schaffen. Schwarz-Weiß-Malerei wird in Prinzessin Mononoke strikt vermieden. Viele Figuren handeln aus einer tiefen überzeugung heraus, das Richtige zu tun, richten damit jedoch an anderer Stelle großen Schaden an. Die differenzierte Darstellung der Subjektivität von Wahrheit erhellt den Ursprung und die Schwierigkeit solcher nahezu unlösbarer Interessenkonflikte. Denn so wenig wie die Eisengießer auf das Abholzen der Bäume verzichten können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, so wenig können die erzürnten Tiere des Waldes diesen Prozess mit barbarischer Gewalt aufhalten. Es handelt sich bei den Tieren eben nicht um rein positiv gezeichnete Naturschützer. Tatsächlich ist die Waldgöttin Moro voller Hass auf die Menschen und weist Ashitakas Friedensbemühungen zurück (Bd.3, 30).Die harmlosen Affen, die nachts vergeblich versuchen, neue Bäume anzupflanzen, wiederum klagen Ashitaka und San an: "Nur wegen Euch geht der Wald zugrunde! Verschwindet!"(Miyazaki 2000, Bd.4, 123). Die Größe der archaischen Tiere ist als Symbol für ihren Ursprung zu verstehen. Denn je mehr die ehemals mythischen Waldtiere trotz ihrer Stärke den neuen Jagdtechniken der Menschen unterlegen (durch die Feuerwaffen, die aus dem neuen Eisen entstehen), desto mehr verlieren sie auch von ihrer sagenhafte Göttlichkeit. Folgerichtig schrumpft ihre Statur: die Nachkommen des Ebers Okkoto sind nur ein blasses Abbild seiner Gestalt und auch die Welpen der Wolfsgöttin Moro erreichen nicht mehr deren hünenhafte Gestalt. Trotzdem beherrschen einige von Ihnen noch die Sprache der Menschen. Die Verständigung über eine Art Telepathie verleiht den aussterbenden Wesen einen letzten Rest magischer Kraft. 
Abb. 5: San (Prinzessin Monoke) will Madame Eboshi im Zweikampf
töten (Bd. 2, 46)
 
Die Charakterzüge und Eigenschaften der Hauptfiguren spiegeln sich präzise in ihrer äußeren Erscheinung, Accessoires und Kleidung wieder. San, das wilde, unzivilisierte Mädchen, das bei den Wölfen großgezogen wurde und manchmal mit Kampfmaske auftritt, kleidet sich in weiße Tiefelle und trägt Knochenschmuck. In ihrer Figurengestaltung ist sie Mowgli aus dem Kiplings „Dschungelbuch“ durchaus ähnlich, doch durch ihre rauere und aggressivere Art ist sie noch eher vergleichbar mit dem Enfant Sauvage von Francois Truffaut. Im Gegensatz dazu tritt Lady Eboshi elegant und kultiviert auf, mit ihrer Frisur und dem starken Make-up fast selbst wie eine der Prostituierten wirkend, denen sie so barmherzig Unterschlupf gewährt. Die funktionale Reisekleidung andererseits entspricht ihrem Pragmatismus und der Fähigkeit hart zu kämpfen, die sich auch im gekonnten Umgang mit Feuerwaffen zeigt. Ashitaka hingegen trägt ein einfaches Reisewams, Kapuze und ein bescheidenes Regencape aus Stroh, was seine Herkunft aus einem vergessenen Volk von Jägern unterstreicht. Die einzige Hauptfigur die ihre Kleidung wechselt, ist bezeichnenderweise der intrigante Mönch Jiko. Wenn er seine luftige Reisekleidung mit Holzschuhen in eine raffinierte Tarnung aus Bärenpelz und Fellschuhen wechselt, so zeigt sich dadurch auch sein doppeltes Spiel. Er tritt zwar als gutmütiger Reisender auf, ist aber in Wirklichkeit ein geheimer Jäger des Kaisers, verschlagen und nur auf seinen eigenen Vorteil aus.

 

Erzählweise. Wenn in der Geschichte Rückblenden erfolgen, wird dies in der Mangaversion mit dem stilistischen Mittel verdeutlicht, die Hintergrundfarbe der Seiten zu ändern. Der Blick in die Vergangenheit erfolgt dann in Panels, die auf grüne oder rote Folien gedruckt sind, beispielsweise in der Erzählung der Eisengießer von ihrem Kampf gegen die Waldgötter (Bd.1, 107-110) oder in Ashitakas Bericht vom Kampf gegen den Dämon (Bd.2, 133-136). Diese Rückblenden werden mit deutlich weniger Panels pro Seite erzählt als die Hauptgeschichte, die Zeitsprünge zwischen den Panels sind wesentlich größer, was diese Szenen im Vergleich ungewohnt ruckartig und langsam wirken lässt – vergleichbar mit einem Zeitraffer beim Film. Anfang und Ende der Rückblenden werden dagegen mit treppenartig angeordneten Panels markiert (vgl. Bd.2, 133, 136). Als die Hauptfigur Ashitaka bewusstlos im Sterben liegt, werden seine schwindenden Sinne durch eine allmähliche Schwarzfärbung des Hintergrunds verdeutlicht. Die Rückblende nach seiner Heilung erfolgt behutsam von Schwarz ins gewohnte Weiß der Seite (vgl. Bd.2, 112-115). Die Texte sind mit Ausnahme der Stimmen und Geräusche im Background alle vom Film in die Sprechblasen des Manga übertragen: "Film Comics: [...] with the complete dialog for the film (sometimes minus an occasional background line) in the word balloons for the manga (as well as overlays of the usual manga sound effect words)."(Homepage des Filmstudios Ghibli http://www.nausicaa.net). Weiterhin kommen in den Action- und Kampfsequenzen wie auch solchen mit den wilden Tieren noch Onomatopöien zum Einsatz (vgl. Bd.3, 130). Häufig handelt es sich dabei jedoch um japanische Schriftzeichen, die den europäischen Leser nur vage erahnen lassen, welcher Laut hier gemeint ist (Bd.3, 126/127). Nur ganz selten steht Text außerhalb der Sprechblasen oder Panels, so wenn etwa die weise Schamanin aus Ashitakas Volk eine alte Prophezeiung rezitiert (Bd.1, 44).

 

Abb. 6: Rückblende: Ashitakas Kampf und Verwundung
(Bd.2, 136)
 
Zeichenstil. Im Gegensatz zum vorherrschenden Erscheinungsbild von Manga ist Prinzessin Mononoke vollständig coloriert. Die Zeichnungen der Hintergründe und Landschaften sind oft ausgesprochen detailliert, fast realistisch (z.B. Bd. 4, 84), wovon sich die Schlichtheit der Figuren deutlich abhebt. Die Hauptcharaktere sind sehr einfach gezeichnet: San, Ashitaka oder auch Eboshi tragen sogar alle vier Bände lang die gleiche Kleidung und sind dadurch ebenso leicht wiederzuerkennen wie die Tierfiguren. Jede Heftseite ist in durchschnittlich fünf Panels aufgeteilt und ist gemäß der japanischen Leserichtung von hinten nach vorne bzw. rechts nach links zu lesen. Prinzessin Mononoke ist nach Angaben des Regisseurs Hayao Miyazaki "ein Actionfilm" (Mononoke - Buch zum Film, 2001, 215) in der Tradition klassischer japanischer Regisseure wie Akira Kurosawa, der mit seinen Werken wie Die sieben Samurai, Ran etc. traditionell japanische Motive mit Elementen des Actionkinos und Dramas verbunden hat. In Miyazakis Mononoke finden sich tapfere Helden, schreckliche Dämonen, wilde Schwertkämpfe, wagemutige Verfolgungsjagden, zaubernde Tiergötter, und böse Samurai: also ein Film, der viele Elemente des Abenteuer-, Fantasy- und Actionkinos beinhaltet. Die Story wird auf Grund der bewußt einfachen Gestaltung der Figuren nicht auf dem ersten Blick als realistischer Manga empfunden. Ebensowenig wie schon in seinem Frühwerk Heidi wird hier gar kein photographisches Portraitieren der Figuren versucht. Dennoch kann man bei Prinzessin Mononoke aufgrund der detailgenauen Kampf- und Bewegungsszenen eher von einem realistischen Darstellungsstil sprechen. Ein Indiz dafür sind auch die Tiergestalten, die nicht als anthropomorphe ‚funny animal characters’, sondern bis auf kleine Abweichungen als mächtige und bedrohliche Wesen angelegt sind, aber dennoch ihren tierischen Vorbildern gleichen. Die Wolfsgöttin Moro besitzt zwar zwei Schweife und kann sprechen, läuft aber wie ihre Artgenossen auf vier Pfoten, rennt, knurrt, und kämpft wie ein echter Wolf. Ashitakas Reittier Yakkul, eine Fabelwesen aus Yak, Hirsch und Gemse, ist zwar eine Fantasieschöpfung, agiert aber stumm, einem realistischen Reittier entsprechend. Der Kampf der Menschen gegen die erzürnten Götter des Waldes resultiert in einer hohen Anzahl an Kampfsequenzen, die im Manga durch detailgetreue Phasenabläufe dargestellt werden. Ein Schwertkampf ist in der Regel in der Weise gegliedert, dass für Attacken und Paraden jeweils ein Panel reserviert ist, so dass der Ablauf mitunter den Illustrationen aus einem Handbuch der Kampfkunst gleicht (vgl. Bd. 2, 46-49). Auch Nahaufnahmen der Figuren werden gerne eingesetzt – eine dem Film entlehnte Technik. Generell wurde bei der übertragung des Films in den Comicband besonders darauf geachtet, Dynamik, Action und Stilmittel des Filmes beizubehalten. Szenen, in denen die Filmhandlung durch wechselnde Perspektiven umgesetzt wird, sind teilweise in sieben, seltener in acht Panels unterteilt. Beispiele hierfür erkennt man beim Gespräch Ashitakas mit den Männern und Frauen des Eisengießer-Clans (vgl. Bd.1, 2) oder bei dynamischen Szenen, in denen vor allem die Bewegung der Figuren im Mittelpunkt steht (so Bd.1, 25), wie bei Ashitakas kühnem Ritt vor dem wütenden Wildschweindämon.
Abb. 7: Nahaufnahme: Ashitaka im Kampf (Bd. 1, 54)
 
Insert–Panels stellen ein ganz wesentliches Mittel dar, um die schnellen Kamerafahrten und Schnitte des Filmes in die Mangaversion zu übersetzen: oft werden über ein oder zwei Panels auf der Heftseite kleinere Panels gesetzt, die die Panels im Hintergrund am Bildrand überlappen (Bd.2, 46-49 oder Bd.1, 25). Darin sind oft Detailvergrößerungen zu sehen, der Leser nähert sich also dem Geschehen, so wie es die Kamera im Film beim Zoom vormacht. Allerdings werden dadurch nicht immer vergrößerte Ausschnitte des vorhergehenden Panels gezeigt – hier erlaubt diese Art Zoom-Effekt den Blick auf die Filmhandlung, die schon wenige Sekundenbruchteile vorangeschritten ist. Es handelt sich also nicht um eine Wiederholung bereits gezeigter Motive, sondern um einen Blick in neue Details, die gleichzeitig durch die fortgeschrittene Zeit und die Anordnung der Panels die actionreiche Geschichte stetig vorantreiben (Bd. 2, 43, 125). In direktem Gegensatz dazu werden die Momente, in denen der Film innehält und dem Zuschauer mit ruhigen Naturbildern und Kameraschwenks in die detailliert dargestellte Landschaft einen Kontrast zu spannungsgeladenen Handlung bietet, auch im Manga als kurze Pausen zwischen den dramatischen Ereignissen eingesetzt. Dies erfolgt in ganz- oder sogar doppelseitigen Panels, vor allem mit Landschaftsbeobachtungen: Bilder von der friedlichen Lichtung des Hirschgottes (Bd.2, 91, 100), Panoramazeichnungen der Bergwelt (Bd. 2, 104f) oder des Höhlenversteckes von San und den Wolfsgöttern (Bd. 3, 28f). Ganz selten nur werden diese großen Panels in Action-Sequenzen verwendet (Bd. 3, 70f).

 

Traditionelle Einflüsse. Viele der in Prinzessin Mononoke vorzufindende Motive sind der japanischen Mythologie entlehnt. Bereits in den frühen mythischen Erzählungen, den Izumo–Mythen, deren erste schriftliche Niederlegung während der Yamato–Zeit, d.h. um 300-700 n.u.Z. erfolgte, ist von Naturgöttern die Rede, die angebetet wurden, z.B. Götter der Flüsse, des Donners und auch der Bäume. In alten japanischen Märchen ist oft die Rede von Drachen, Dämonen und Waldgeistern, eines der ältesten erwähnten Märchen erzählt sogar von einem wilden Mädchen, der sogenannten Bambusprinzessin. Auch für die Baumgeister in Prinzessin Mononoke gibt es Vorbilder: die Kodama (dt. ‚Echo’ oder ‚Kleiner Geist’) tauchen in unzähligen japanischen Volksmärchen auf, auch wenn die Darstellung als kleine bleiche Klappergeister von Miyazaki frei erfunden ist. Ein heiliger Ort im Herzen dichter Wälder ist ein ebenso häufig verwendetes Motiv wie der sogenannte Tatari, der Baumfluch, den man sich zuziehen kann, wenn man die Waldgeister verärgert. Trotzdem vermitteln japanische Märchen oft eine tiefe Verbundenheit der Menschen mit althergebrachten Sitten, Bräuchen und der Natur. Dem Presseheft des Verleihs zufolge finden sich große Tiere wie die Riesenwölfe auch in alten Legenden Japans (16), wenngleich mit dem Fenriswolf das bekannteste Wesen dieser Art der skandinavischen Mythologie entstammt.Wilde Berggeister wurden als Herrscher aller Tiere verehrt und auch der Didarabochi (bei Miyazaki der Nachtwandler und sagenhafte Hirschgott Shishigami, der am morgends und abends seine Gestalt wandelt), hat in diesen Sagen seinen Ursprung. Das durch ihn verkörperte Motiv des Sterbens und Wiedergeborenwerdens taucht dagegen weltweit in vielen Mythologien auf, angefangen mit dem Vogel Phoenix der Griechen über den Jahreszeitenzyklus bis hin zum Reinkarnationsglauben.Generell bietet die alte japanische Volksreligion des Shintoismus zahlreiche Anknüpfungspunkte für die in Mononoke hime dargestellten Vorgänge. Ein Kernpunkt des Shintoismus ist die Existenz des Göttlichen in allen Dingen, das sogenannte Kami. Genauso wie Sonne, Mond, Gewitter und Berge beispielsweise als beseelt empfunden werden, so haben auch Gegenstände, Tiere und Bäume diesem Glauben zufolge eine Seele. Vor diesem Hintergrund sind viele der Figuren in der Geschichte von Prinzessin Mononoke besser verständlich. Dass der geköpfte Waldgott ziellose Vernichtung mit sich bringt, ist im Land von Hiroshima und Nagasaki sicherlich nicht ohne Bedeutung. ähnlich wie die Kreaturen in den in Japan beliebten Godzilla-Filmen, die im Kontext der Verarbeitung postnuklearer Traumata stehen, bringt der Waldgott Didarabochi ohne Kopf – und dadurch ohne Seele – die Vernichtung des Landes mit sich. Diese Katastrophe kann nur durch einen Akt der Aussöhnung, d.h. durch das freiwillige Zurückgeben seines Hauptes am Ende der Geschichte beendet werden. 
Abb. 8: Ashitaka begegnet dem geheimnisvollen
Waldgott (Bd. 1, 87)
 
Trotzdem wird dem Guten am Ende nicht mit einer Universallösung zum Sieg verholfen, sondern mit einer Art unsicherem Kompromiss. Menschen und Waldtiere haben den Kampf mit hohen Verlusten hinter sich gebracht und nur der Ausblick auf versöhnlicheres Miteinanderleben birgt Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden. Und das bezeichnenderweise durch Ashitaka, den todgeweihten Prinzen eines todgeweihten Volkes, der als ruhender Pol während der gesamten Handlung versucht, die Kriegsparteien zur Räson zu bringen. Als Angehöriger der angeblich barbarischen Emishi agiert er aber zivilisierter als die `normalen´ Menschen und hält dadurch auch der heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor. Eine Rolle, die durch sein friedliches und von Vernunft geprägtes Auftreten eher eine klassisch weibliche Rolle wäre.  

 

Entstehungsgeschichte und Wirkung. Der Manga Prinzessin Mononoke bezieht seine Bildfolgen ausschließlich aus den farbigen Animationsfolien (Cels), die für den gleichnamigen Zeichentrickfilm hergestellt wurden. "These are basically colour manga made entirely of cel setups (i.e., there's no additional art beyond that in the film), [...] The volumes contain 143-144 pages each." (Homepage des Filmstudios Ghibli http://www.nausicaa.net/miyazaki/books/mh/#fc). Die Arbeiten am Animationsprojekt wurden im Jahre 1994 unter der Leitung von Hayao Miyazaki begonnen, der sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte. Miyazaki gilt als eine Art Walt Disney unter Japans Comiczeichnern und legt – im Gegensatz zur verbreiteten Fließbandproduktion anderer Anime-Studios – genau wie sein US-Pendant besonderen Wert auf die Qualität seiner Stoffe. Bekannt wurde er in Europa vor allem durch seine Arbeit an der Serie Heidi (1974). Seit 1985 selbständig, schuf Miyazaki mit seinem Team das Studio Ghibli, das bis heute zwölf Animes sowie eine Reihe von TV-Spots und Videoclips veröffentlicht hat. Seit dem Jahre 1989 verzeichnet es einen enormen kommerziellen Erfolg an den japanischen Kinokassen, durch Filme wie Tonari no Totoro (Mein Nachbar Totoro), oder Majo no Takkyubin (Kiki´s Liefer Service) (vgl. Studio Ghibli, 2001, 44/45). Bereits im Jahre 1980 entstanden erste Skizzen von Mononoke hime; das Grundthema vom Kampf Mensch-Natur ist allerdings ein Leitmotiv, das sich durch die meisten Werke Miyasakis hindurchzieht. Erst nach 15 Jahren entschloss er sich, Mononoke als eigenen Film zu produzieren. Knapp drei Jahre Arbeitszeit später, verbunden mit Kosten von rund 30 Millionen US-Dollar, über 144.000 Cel Setups (die Miyazaki größtenteils selbst bearbeitet hat) und dem erstmaligen Einsatz von Computergrafiken kam der Film 1997 in die Kinos.

Da der Mangaversion die Tonspur des Anime fehlt, entgeht dem Leser auch die atmosphärische Filmmusik von Joe Hisashi, der bisher vor allem als Komponist des Allroundkünstlers Takeshi Kitano aufgefallen ist. Der letztere ist hierzulande auch bekannt durch seine Kinofilme wie Hana-Bi oder die Fernsehshow Takeshis Castle, in Japan wird er im übrigen als Moderator, Maler, Musiker und Poet verehrt. Die Verfilmung hat bis heute alle kommerziellen Erwartungen weit übertroffen: mit über 14 Millionen Besuchern allein in Japan und einer Oscar-Nominierung hat das Werk Rekorde aufgestellt und gilt bis heute als erfolgreichster Film aller Zeiten in Japan. Dort hat er sogar Titanic und E.T. von den Spitzenplätzen der Zuschauerzahlen verdrängt.Auch international hat der Film auf zahlreichen Festivals und mit den Einspielergebnissen für Erfolge gesorgt, obwohl es zuerst danach aussah, als hätten sich die Disney-Studios mit den Weltrechten für diesen Anime lediglich einen unliebsamen Konkurrenten weggekauft. Erst nach hartnäckigen Anfragen der Fans kam der Film weltweit mit drei Jahren Verspätung in die Kinos. Möglicherweise ist der Erfolg u.a. auch ein Verdienst des bekannten englischen Comic-Autoren Neil Gaiman (Sandman, Death), der das Script für die amerikanische Version sehr gelungen angefertigt hat. Trotz mehrerer Anfragen seitens der Disney Studios wurde im übrigen keine Gewaltszene gekürzt, auch wenn dies öfters gefordert wurde.
Abb.9: Cover der deutschsprachigen
Buchausgabe (Bd.4)
 
 Es gibt außer den filmüblichen Merchandising-Produkten in Deutschland keine besonders nennenswerten Karten-, Computer-, Rollenspiele oder ähnliches von Mononoke hime. Es ist jedoch davon auszugehen, dass in Japan eine breitere Produktpalette an Mononoke-Artikeln erschienen ist. Die Zielgruppe für den Mononoke-Manga wie auch den Film lässt sich relativ leicht bestimmen. Die actionreiche Handlung, die Liebesgeschichte zwischen San und Ashitaka, die starken Frauenfiguren, die liebevoll gezeichneten Panoramalandschaften, die dramatischen Schlachten, die schlicht gezeichneten Figuren, die leicht verständliche Geschichte vom Menschen gegen die Natur, die aber gar nicht so einfach zu lösen ist, der Breitwand-Filmscore usw. - all das macht die Geschichte zu einer All-Ages-Story, einem spannenden Angebot für beide Geschlechter, für Kinder ab 12 Jahren bis hin zu Erwachsenen, die sich an der intelligenten Botschaft und Umsetzung der Story erfreuen. Wie Hayao Miyazaki selbst sagt: "Wir versuchen nicht mit diesem Film globale Probleme zu lösen. Der Kampf zwischen den wütenden Waldgöttern und den Menschen kann kein glückliches Ende nehmen. Aber selbst inmitten von Hass und Gewalt gibt es noch genug, wofür es sich zu leben lohnt. Wunderbare Begegnungen und schöne Dinge existieren weiter" (Mononoke -Buch zum Film, 2001, 12).

 

Tommy Stärker

 

 

Primärliteratur: Hayao Miyazaki: Prinzessin Mononoke - Der Comic zum Film. Aus dem Japanischen von Junko Iwamoto-Seebeck und Jürgen Seebeck. Band 1-4. Hamburg: Carlsen 2000 . - Jap. Original: Mononoke Hime, Vol.1-4, Tokuma Shoten, Tokyo 1997

 

Sekundärliteratur: Auf Irrwegen ans Ziel: Chihiro und Mononoke. In: Animania (2003), H. 11, 12f; Brockmann, Knut: Studio Ghibli. Teil 1-3. In: Mangaszene (2003), H. 13, 51-53, H. 14, 48-50, H. 15, 48f. Eder, Matthias: Geschichte der japanischen Religion, Bd.1: Die alte Landesreligion. Asian Folklore Studies Monojzraph No. 7, 1, Nagoya 1978; Ein Haus voller Ghibli. In: Animania (2003), 49, 86-88; Naumann, Nelly: Die einheimische Religion Japans. Teil 1: Bis zum Ende der Heian-Zeit. Handbuch der Orientalistik, Fünfte Abteilung: Japan. Hrsg. von Horst Hammitzsch. Leiden, New York, Kopenhagen, Köln: E. J. Brill 1988; M.H.: Studio Ghibli – alles andere als heiße Luft. In:  Animania, Jg. 8 (2001), H. 40, 44f; K.M.: Ein Epos über das Ende der Welt. In: Animania, Jg.8 (2001), H. 40, 42f; Prinzessin-Mononoke-Interview [mit der synchronsprecherin Stefanie Beeba]. In: MangaSzene (2001), H.4, 44-45. - Prinzessin Mononoke - Das Buch zum Film, Hamburg: Carlsen 2001 [Jap. Original: The Art Of Princess Mononoke, Studio Ghibli 1997]

 

Internetseiten

http://www.nausicaa.net

http://www.j-hero.net/mononoke/monk01.html

http://www.asahi-net.or.jp/~hn7y-mur/mononoke/

http://www.filmz.de/film_2001/prinzessin_mononoke/links.html

http://www.page-five.de/TENSHU/kaiser.html

http://www.isn.ne.jp/~suzutayu/MHJapan/WhosEmishi.html

http://www.isn.ne.jp/~suzutayu/MHJapan/Emishi.html

http://www.dai3gen.net/ems_who.htm