Card Captor Sakura

Zwölfbändige Magical-Girl-Erzählung des japanischen Autorinnen-Teams Clamp über die mit magischen Kräften begabte Schülerin Sakura Kinimoto, deren Aufgabe es ist, als „Fängerin“ die Zauberkarten des Buchs „The Clow“ aufzuspüren und unter ihre Kontrolle zu bringen. Card Captor Sakura (CCS) entstand 1996.

 

Die zehnjä;hrige Sakura lebt mit ihrem Vater Fujitaka, einem Universitä;tsprofessor, und ihrem ä;lteren Bruder Toya, der die Oberschule besucht, in Tokio. Als sie in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch mit dem Titel „The Clow“ zu öffnen versucht, entsteigt diesem ein niedliches orangefarbenes, plüschtierartiges Wesen, das sich als der „Wächter des Siegels“ mit Namen Kerberos vorstellt. Kero-Chan - wie Sakura ihn nennt - berichtet, dass der Magier Clow Lead 52 Zauberkarten (Clow Cards) in dem Buch eingeschlossen und versiegelt habe. „Wird das Siegel gebrochen, kommt Unheil über die Welt.“, lautet die Prophezeiung. Kero-Chan hat dies nicht verhindern können, ist aber bei der Suche nach einem hilfreichen Menschen mit magischen Fähigkeiten auf Sakura gestoßen, die er zur Card Captor ernennt und mit einem Zepter austattet, welches sie in die Lage versetzt, die Karten zu kontrollieren. Bevor diese Sakura aber gehorchen, muss sie sie im Kampf bezwingen, um sich als Meisterin der Karten zu behaupten. Die Geschichte hat einen gänzlich heiter-optimistischen Grundzug, alles ist leicht und freundlich gehalten. Nicht zufällig lautet Sakuras Beschwörungsformel: „Alles wird gut.“

 

 

Abb. 1:
Sakura bändigt die Clow-Cards. Aus:
Card Captor Sakura Bd.7, 182
 

Die Heldin und ihre Umgebung. Die surreale Welt der Geschichte ist eine Alltagsszenerie mit phantastischen Einschlägen, die nach bestimmten Regeln erfolgen. Man kann auch von einer heterogenen erzählten Welt sprechen, da reale Alltagsgeschehnisse wie z.B. die Tatsache, dass Sakura jeden morgen in die Schule geht, gleichermaßen neben ihre übernatürlichen Zauberkräfte gestellt werden. CCS ist ein Manga mit höchstem Kawaii-Faktor, bei dem aber auch der Humor nicht zu kurz kommt. Er ist perfekt auf die Zielgruppe der vorpubertären Mädchen abgestimmt.

An ihre Mutter, die als Model arbeitete, hat Sakura keinerlei Erinnerungen mehr, da sie früh gestorben ist. Der Vater hält ihre Erinnerung wach, in dem er immer neue Fotos von ihr in der Wohnung aufstellt. Toya verkörpert den typischen älteren Bruder, der seine Schwester einerseits ständig ärgert, sie aber andererseits mit Argusaugen beschützt, ohne dies je zuzugeben. Sein bester Freund und Klassenkamerad mit Namen Yukito Tsukishiro, ist Sakuras großer Schwarm. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass er der Gegenpart von Kero-Chan ist, da es zwei Hüter des Siegels gibt, denjenigen der Sonne (Kero-Chan/Kerberos) und denjenigen des Mondes (Yukito/Yue). Denn auch Yukito hat ein Alter Ego, Yue, ein typisch androgyner Bi-Shonen von melancholisch-launischer Art; im Unterschied zu Kero-Chan hat Yukito aber keine Ahnung von der Existenz seines Alter Egos.

Tomoyo Daidoji Ist Sakuras beste Freundin und Klassenkameradin. Sie weiß um Sakuras magisches Geheimnis und dass Kero-Chan nicht bloß ein Stofftier ist. Sie kommt aus einer sehr reichen Familie und ist daher immer mit den neusten technischen Geräten ausgestattet. Ihr Lieblingshobby ist es, für Sakura ausgefallene Kostüme für ihre Kämpfe zu kreieren und das ganze Geschehen mit der Videokamera zu filmen. Sie ist Sakuras größter Fan und empfindet ein bißchen mehr als schwesterliche Freundschaft für Sakura.

 

 
Abb. 2:
Sakura als Card Captor, ausgestattet
mit Zepter und Clow Card . Titel von
Card Captor Sakura, Bd. 7

Bald nach Beginn der Geschichte (in Bd.2) kommt Shaolan Li aus Hongkong in Sakuras Klasse. Er stellt sich als entfernter Verwandter Clow Leads heraus, der mit Hilfe eines magischen Kompasses die Clow-Cards aufspüren will. Er entdeckt Sakuras Geheimnis, vertraut ihr aber zunächst nicht. Mit der Zeit wird er aber zu ihrem Verbündeten, hilft ihr gelegentlich mit chinesischer Magie aus und sprcht ihr vor allem immer wieder Mut zu. Nach vielen anfänglichen Schwierigkeiten gestehen sich Sakura und Shaolan am Schluss ihre Liebe, wobei Tomoyo, die als Außenstehende die Gefühle der Anderen stets richtig zu deuten weiß, Hilfestellung leistet

Die Geschichte teilt sich in zwei Abschnitte: Der erste (Band 1-6) trägt den Titel „Die Clow-Cards“, der zweite (Band 7-12) ist „Die Sakura-Cards“ überschrieben. Insgesamt gibt es 52 Karten, von denen Sakura im Manga 18 im ersten Abschnitt fängt. Der zweite Abschnitt dient der Umwandlung der Clow-Cards in Sakura-Cards, da Sakura sich nicht nur der Magie Clows bedienen soll, sondern vielmehr ihre eigene Magie erschaffen soll. Die restlichen Karten spielen nur in der im Anschluß an den Manga produzierten Anime-Serie eine Rolle.

Alle Charaktere, die vorkommen, besitzen  eine - bisweilen nur kleine – aber doch entscheidende Rolle. So ergibt sich eine sehr homogene Geschichte, in der sich alle Komponenten am Schluss der jeweiligen Abschnitte zu einem Gesamtbild zusammenfügen. 

 

Erzählform und Zeichenstil. Wie die meisten Manga von Clamp wurde CCS von der Chefzeichnerin Mokona Apapa gezeichnet. Der Zeichenstil ist in der Hintergrundgestaltung und der Panelaufteilung an klassischen Shojo-Manga-Vorlagen orientiert. Im Gegensatz zu anderen Werken von Clamp fällt bei CCS besonders auf, dass die Zeichnungen weich und mit wenig Graustufen gestaltet sind. Mokona Apapa zeichnete mit sehr feinem Strich und gab den Figuren sehr große, stark betonte Augen. Die einzelnen Charaktere werden auch als Super deformed dargestellt, wenn ein außergewöhnlicher Gefühlszustand vorliegt. Als Beispiele seien hier Sakuras Angst vor Gespenstern oder die ständigen Streitereien zwischen Kero-Chan und Shaolan benannt. Das höchst variable Layout ist typisch für einen Shojo-Manga. Die Panels gehen vielfach ineinander über, bei ganzseitigen Bilder wird häufig mit Insert-Panels gearbeitet. Charakteristisch sind im übrigen die häufig als Momentaufnahmen angelegten Darstellungen der Gesichter wie auch Sakuras Auftritte in ihren unterschiedlichen Kampfkostümen, die sowohl kleinformatige Panels als auch ganze Seite ausfüllen können. Auch wenn Sakura kämpfen muss, um eine Karte wieder einzufangen, wirken diese Szenen nicht übertrieben aktionistisch, denn hier stehen Sakuras Gefühle weit mehr im Mittelpunkt als die kämpferische Pose.

Die Hintergründe sind von Mikku Nekoi gestaltet worden. Hier wird der hohe Kawaii-Faktor besonders deutlich: Dekorative Blumenmuster, die sich um die Figuren ranken, die unzähligen Herzchen, Spitzenmuster und dergl. sind oftmals die einzigen Dinge, die im Hintergrund zu sehen sind, während alltägliche Elemente wie Gebäude oder Einrichtungsgegenstände eher selten ins Bild treten. Dies ist eine Anlehnung an klassische Shojo-Manga, die schon Anfang der 60er jugendstilartige Blumenmuster einführten, die eine niedlich-verträumte, nach innen gekehrte Welt heraufbeschwören möchten, die an das Gefühlsleben weiblicher Teenager appelliert.

 

Abb. 3: Tomoyo. Aus: Artbook 2 (dt. 2001)
 

Die Geschichte, die trotz der vielen Figuren und der detailreichen Handlung unschwer zu verfolgen ist, stammt aus der Feder von Nanase Ohkawa. Sie beginnt mit einer Rückblende in Form eines von Tomoyo aufgenommenen Videos; eine weitere Rückblende schildert Sakuras Entdeckung des Clow-Buchs und ihre Erhebung zur Kartenfängerin durch Kero-Chan nachdem Sakura sich, ihre Familie und ihre wichtigsten Freunde vorgestellt hat. Der weitere Verlauf der Erzählung ist weitgehend linear. Weitere Rückblenden, jeweils am Ende der beiden Handlungsteile (Band 6 und Band 12) dienen der Aufklärung des Geheimnisses um die Karte während sich die Haupthandlung weitgehend linear entfaltet. Die Protagonistin tritt als Ich-Erzählerin auf, obwohl auch Kero-Chan sich gelegentlich mit Kommentaren an die Leserinnen wendet. Der übergang zum auktorialen Erzählen erfolgt immer dann, wenn es aus bestimmten Gründen notwendig wird, Sakuras Perspektive zu verlassen. So etwa wenn Tomoyo heimlich für Sakura schwärmt (Band 2, S. 72) und der Erzähler andeuten möchte, wie Tomoyo errötet.

 

Deutungen und Bedeutungen: Als eine ausgesprochen zielgruppenorientierte Geschichte inszeniert CCS typische Situationen und Probleme heranwachsender Mädchen wie etwa Sakuras Schwärmerei für Yuki, den besten Freund des großen Bruders oder den ärger, den sie immer mit Toya hat. Sakura verschläft fast jeden morgen und kommt immer nur ganz knapp pünktlich zum Unterricht. Dieser nicht ganz perfekte Charakterzug an ihr macht sie sympathisch und erhöht die Identifikationsmöglichkeit für die Leserinnen. Sakura ist oft unsicher und weiß nicht recht, ob sie wirklich die Richtige für die Aufgabe des Kartenfangens ist. Sie bekommt von Kero-Chan, Tomoyo und Shaolan aber immer wieder Mut zugesprochen. Da die magischen Fähigkeiten junger Mädchen im Shojo-Manga als Ausdruck ihrer erwachenden Weiblichkeit und Sexualität gelten, ist es nur nachvollziehbar, dass Sakura damit nicht immer etwas anzufangen weiß und sich häufig überfordert fühlt. Junge Mädchen können sich daher in diesen Vorstellungen symbolisch wiederfinden und Bewältigungsmuster für die eigene Entwicklung durchspielen.

Dieses Moment steht in engem Zusammenhang mit der spezifisch japanischen Kultur und Lebensweise. Eines der wichtigsten Elemente des Shintoismus, der japanischen Staatsreligion, ist der aus dem chinesischen Konfuzianismus übernommene Ahnenkult, der ausnahmslos von den Männern betrieben wird. Hat eine Familie keinen Sohn, kann dieser Kult auch nicht weiter betrieben werden, so dass den Eltern die Heilserlangung verwehrt bleibt. Hieraus ergibt sich auch die traditionell untergeordnete Rolle der japanischen Frau. In dieser stark ritualisierten Welt, die sehr an ihren Traditionen hängt, stellte für die meisten Mädchen das Aufblühen ihrer Körperlichkeit eher eine Einschränkung als eine Befreiung dar. Da die magischen Kräfte in Magical Girl Mangas oft als Metapher für erwachende Weiblichkeit stehen, werden in vielen dieser Mangas der ersten Phase die übernatürlichen Kräfte als eine (Lebens-) Bedrohung dargestellt. Das Motiv des ewig kindlichen Mädchens ist eine bewusste Ablehnung der Erwachsenenwelt.

Auch CCS spielt mit dem Motiv des reinen, kindlichen Mädchens, jedoch in einer wesentlich unbeschwerteren Form, als dies die Genrevorläuferinnen getan haben. Sakura hat zwar manchmal Angst vor dem, was ihre Kräfte ihr bescheren, geht aber eher spielerisch mit ihren magischen Fähigkeiten um. So z.B. wenn sie die Karte „The Jump“ einsetzt, um über eine Mauer zu schauen, hinter der sich ihr angebeteter Yukito befindet. Die Bürde der Erwachsenwerdens scheint für japanische Mädchen also im Laufe der Jahre leichter geworden zu sein. Zwar stellt dieser Aufbruch zu neuen Ufern immer noch eine beängstigende Situation dar, er ist aber bei weitem keine lebensbedrohliche Veränderung mehr. Sakura muss auch nicht in der ewig kindlichen Gestalt verharren. Am Ende der Geschichte steht ein Zeitsprung, der sie als Mittelschülerin und Teenager darstellt.

 

 

Abb. 4: Schülerin Sakura wacht auf. Aus: Card Captor Sakura, Band 1, S. 16 und 17

Insgesamt ist zu sagen, dass die Problematik des Erwachsenwerdens von einer gesellschaftlichen auf eine individuelle Ebene gehoben wird. Sakura hat viele typisch weibliche Eigenschaften wie Passivität, ihre liebevolle und gutmütige Art und jegliches Fehlen von Aggressivität, die als positiv und erstrebenswert dargestellt werden. CCS bietet also keine echten Reibungspunkte und ist auch in dieser Hinsicht vollständig kawaii.

Der Vater wird als Sakuras strahlender Held dargestellt, der nicht nur einen tollen Beruf hat und sehr gut kochen und backen kann, sondern auch in einer gewissen asexuellen Art die verstorbene Frau und Mutter immer noch liebt und verehrt. Nie würde er auf die Idee kommen, nach einer neuen Frau Ausschau zu halten. In Anlehnung an die Psychoanalyse dürfte darin eine ödipale Beziehung zwischen Tochter und Vater zu sehen sein. Die Mutter ist auf eine völlig idealisierte Ebene enthoben, obwohl sie auch immer wieder neu präsent ist, in Form der ständig wechselnden Fotografien. Auch sonst tritt sie mehrfach als Engel auf, um nach dem Rechten zu sehen, so am Ende des ersten Bandes, wo Toya, der auch über schwache magische Kräfte verfügt, sie zum ersten Mal seit seiner Kindheit wiedersieht. In Japan nehmen die Mütter traditionellerweise bei der Kindererziehung eine sehr dominante Rolle ein, besonders bei der Erziehung der Mädchen. Es ist ein typisches Mittel des Shojo-Manga, die Mütter auf die eine oder andere Weise in den Hintergrund treten zu lassen, um den Mädchen dadurch einen größeren Freiraum in der Handlung zu ermöglichen. In der Rolle des Engels kann Sakuras Mutter einerseits nicht aktiv in die Erziehung des Mädchens eingreifen, andererseits hat sie aber die perfekte Position, um sie zu beschützen und zu bewachen.

Die Beziehung zwischen Toya und Yukito ist eine typische Shonen-Ai-Beziehung, wie sie in vielen Shojo-Manga vorkommt. Sie sind die besten Freunde und würden alles füreinander tun. Durch seine magischen Kräfte durchschaut Toya bald, dass Kero-Chan kein Plüschtier und Yukito kein Mensch ist. Er begreift aber auch, dass Yukito selbst davon nichts weiß und sucht nach dem richtigen Zeitpunkt, um es ihm zu sagen. Die Situation eskaliert, als Sakura nicht mehr über genügend magische Kraft verfügt, um Yukito am Leben zu erhalten. Als Meisterin der Clow-Karten und des Buches sind auch die Leben von Kero-Chan/Kerberos und Yukito/Yue an sie gebunden. So opfert sich Toya, um Yukito das Leben zu retten und überträgt ihm seine magischen Fähigkeiten. Dies bindet er allerdings an die Forderung an Yue, dass dieser sich nun um die Sicherheit Sakuras kümmern muss, da er selbst nicht mehr länger in der Lage sein wird, zu erkennen, ob Sakura seine Hilfe benötigt. Er überträgt ihm also die Bruderrolle. Die homoerotischen Anspielungen auf ihre Beziehung sind eher schwach ausgeprägt, jedoch geht die Sorge, die beide füreinander empfinden, über eine normale Freundschaft zweier heranwachsender Jungen hinaus.

Das Motiv derartiger Jungenfreundschaften ist bis zu den frühesten Shojo-Manga zurück zu verfolgen. Das älteste Beispiel hierfür ist wohl Oscar aus Die Rose von Versaille (Berusaiyu no bara) von Riyoko Ikeda, erschienen 1972. Hier ist es zwar noch eine Frau, die in Männerkostüme gesteckt wird, jedoch öffnete dieser Charakter die Tür für neue Spielarten. Die oftmals tragisch-romantischen Beziehungen sind wohl nicht als Portrait der japanischen Gesellschaft oder homosexueller Liebe als solcher zu sehen, sondern vielmehr als symbolische Repräsentation für eine Art von Liebe, die es sonst in dem von Traditionen stark geprägten japanischen Alltag in der Form nicht geben könnte. Mädchen soll es auf diese Weise erleichtert werden althergebrachte Konventionen geschlechtlich festgelegter Rollen zu durchbrechen.

Weitaus spannender ist dagegen die Freundschaft zwischen Sakura und Tomoyo. Tomoyo, die  ihre Freundin regelrecht zu vergöttern scheint, findet Sakura wunderschön und sagt ihr dies auch zu jeder Gelegenheit. Ausgesprochen intertextuelle Qualitäten finden sich in Sakuras Kostümierung durch Tomoyo. Es handelt sich dabei um parodistische Anspielungen auf die Verwandlungen anderer Magical Girls, bei denen der Kostümwechsel meist mit der Beschwörung der magischen Kräfte einhergeht. Bei Sailor Moon u.a. beeinhaltet der Kostümwechsel den übergang von Alltags- zur Zauberidentät der Protagonistin, ist bisweilen auch eine Tarnung. Im Falle Sakuras tritt diese funktionale Rolle der Kostümierung völlig in den Hintergrund, denn diese dient einzig der Befriedigung Tomoyos. In Notfällen wendet Sakura ihre Fähigkeiten natürlich auch ohne Kostüm an und sie hat (im Gegensatz zu Sailor Moon) keine Gegner, vor denen sie ihre wahre Identität verbergen müsste.

Im zweiten Band stellt sich heraus, dass Tomoyos Mutter  Sonomi die Cousine der verstorbenen Nadeshiko, Sakuras Mutter, ist. Die beiden verband eine tiefe Mädchenfreundschaft und als sich Sakuras Vater als Lehrer in seine Schülerin Nadeshiko verliebte und sie heiratete, fühlte sich Sonomi betrogen und ihrer Freundin beraubt. Sie ist der überzeugung, dass Sakuras Vater für den frühen Tod Nadeshikos verantwortlich ist. Sie mag zwar Sakura, weil sie in ihr ihre verlorene Freundin wiedererkennt, kann aber immer noch keinen Frieden mit dem Vater schließen. Ihr größter Schatz ist der Brautstrauß Nadeshikos, so wie Tomoyos größter Schatz ein Radiergummi ist, den Sakura ihr an ihrem ersten gemeinsamen Schultag geschenkt hat. Sie hat also eine sehr ähnliche Freundschaft mit Sakura, wie ihre Mutter sie mit Nadeshiko hatte. Der Unterschied besteht darin, dass Tomoyo nicht fordert. Als Sakura sie fragt, was sie denn glücklich machen würde, antwortet Tomoyo: „Aber für mich bedeutet Glück, wenn die Person, die ich liebe, glücklich ist.“ (Band 7, S.164). Im Gegensatz zu ihrer Mutter weiß sie, dass Sakura ihre Liebe nicht in der gleichen Art erwidert, gibt sich aber mit der freundschaftlichen Liebe zufrieden. Sie hat jedoch immer noch Hoffnung für die Zukunft. In Band zwei sagen sich Sakura und Tomoyo, dass sie sich sehr mögen. Tomoyo sagt darauf: “Ich bin mir sicher, dass es anders ist, wenn ich sage, dass ich dich mag, Sakura.“ (Band 2, S.70). Sakura versteht diese Anspielung nicht und Tomoyo vertröstet sie auf eine spätere Erklärung. In gewisser Weise schwärmt Tomoyo für Toya, aber auch nur, weil er Sakura so ähnelt (Band 2, S. 72). Mit dieser idealisierten Mädchenliebe wird die Wunschvorstellung der ewig währenden Kinderfreundschaft heranwachsender Mädchen dargestellt.

 

 

Abb. 5:
Valentinstag – Sakura schenkt „Yuki“
ein Kuscheltier. Aus: Card Captor
Sakura, Bd. 8, 43

Ein weiterer - recht typisch japanischer - Mädchentraum darf auch nicht fehlen: Die Liebe zwischen Lehrer und Schülerin. Sakuras Mitschülerin Lika, die als besonders reif und erwachsen dargestellt wird, ist in den Klassenlehrer Yoshiyuki Terada verliebt. Auch er hegt Gefühle für sie. Beiden ist aber klar, dass der Zeitpunkt für eine gemeinsame Beziehung noch nicht gekommen ist. So schenkt der Lehrer Lika einen Verlobungsring und verspricht ihr, auf sie zu warten. Auch hier wird eine stark idealisierte Art der Liebe dargestellt, die den Mädchen Raum zum Träumen gibt, ohne bedrohlich zu werden.

Eine eher parodistische (Liebes-)Beziehung ist in der Zuneigung Shaolans zu Yukito zu finden. Als Shaolan in Sakuras Klasse kommt und Yukito kennen lernt, entwickelt er ähnliche Gefühle für ihn, wie sie Sakura empfindet. Er wird in seiner Gegenwart rot und bekommt kein Wort heraus. So ist die anfängliche Konkurrenz zwischen Sakura und Shaolan nicht nur auf das Kartenfangen beschränkt, sondern auch auf das Buhlen um Yukitos Gunst bezogen. Diese meist komischen Szenen beziehen ihren Witz jedoch eher aus dem rivalisierendem Verhalten der beiden, als aus der Tatsache, dass Shaolan einem Jungen Gefühle entgegen bringt. In Japan wird der Valentinstag so gefeiert, dass ein Mädchen ihrem Angebeteten (und nicht umgekehrt) selbstgemachte Schokolade schenkt. Shaolan, der aus Hongkong stammt, weiß dies nicht und bekommt von einem Klassenkameraden erklärt, dass ‚man’ etwas verschenkt, ohne zu erfahren, dass es ausnahmslos die Mädchen sind, die die Jungen beschenken. So kommt ein harter Kampf zwischen Shaolan und Sakura auf, wer zuerst das Valentinsgeschenk bei Yukito abgibt. Das Missverstehen der einschlägigen Bräuche und der Rollenwechsel von Shaolan bilden hier die Basis der komischen Situation.

Es ist eine übergreifende Lehre der Geschichte von CCS, dass die Liebe in verschiedenen Erscheinungsformen auftritt und man lernen muss, diese zu unterscheiden. Yukito ähnelt optisch und von den Charakterzügen her stark Sakuras Vater. Sakura muss erkennen, dass die Schwärmerei für ihren Yuki keine erotische Liebe ist, sondern vielmehr familiärer Liebe ähnelt. Sie muss herausfinden, dass Shaolan, der ihr optisch, vom Alter und vom Charakter her sehr ähnelt, der wahre Erwählte ihres Herzens ist. Eine weitere wichtige Botschaft ist, dass man nur ganz fest an sich selbst glauben müsse, immer versuchen solle, ein guter Mensch zu sein, um zum Erfolg zu gelangen. Auch dies zielt deutlich auf die Zielgruppe der vorpubertären Mädchen, die oft von Angst erfüllt sind aufgrund einer neuen Gefühlswelt, die sich vor ihnen auftut.

Clow Lead wird als Magier vorgeführt, dessen Vater aus England und dessen Mutter aus China stammen. So hat er eine Magie von neuer Qualität erschaffen, die in synkretistischer Weise den europäischen Mythos des Tarot, chinesische Magie und buddhistische Weisheiten vereint. Sakura kann mit den Karten die Zukunft vorhersagen, wie man es mit Tarot-Karten tut. Gleichzeitig sind die Karten an das chinesische Prinzip der fünf Pfeiler gebunden. „Im alten China vertraten wir das Gesetz des Universums, das von fünf Stützen getragen wurde.“ (Kerberos in Band 6, S.83) Jede Karte ist einem der Elemente Holz, Feuer, Metall, Erde und Wasser zugeordnet. Sie stehen jeweils in bestimmter Wechselbeziehung zueinander: so besiegt z.B. Holz Erde, so wie ein Baum die Erde aufbricht. Diese Art der Vermischung unterschiedlicher Traditionen oder auch Religionen ist typische für die Stoffe der neueren japanischen Comics, denn Manga werden oft als Experimentierflächen genutzt, da sie genügend Raum für synkretistische Spekulationen bieten.

 

 

Abb. 6: Eriol zaubert. Aus: Card Captor Sakura, Bd. 8, 163

Da bei CCS nicht der traditionelle Kampf zwischen Gut und Böse in den Vordergrund tritt, kommen auch, bis auf die Karten, keine Gegner in diesem Sinne vor. Zwar tauchen im Laufe der Geschichte einige neue Charaktere auf, die meist am Ende eines neuen Kapitels/Bandes oder zu Beginn eines neuen erscheinen. Dies dient aber v.a. dem Erhalt des Spannungsbogens. Die Figuren stellen sich in der Regel als mittelbare oder unmittelbare Helfer und Helferinnen Sakuras heraus, so z.B. die neue Lehrerin Kaho Mizuki, die am Ende des zweiten Bandes zum ersten Mal erscheint. Das gleiche gilt für Eriol, der ab Band 7 auftritt und bis zum Schluss eine geheimnisvolle Rolle spielt.

 

Verbreitung und Wirkung. CCS erschien erstmals im November 1996 in der monatlichen Shojo- Manga- Anthologie Nakayoshi. Im Anschluß sind alle Kapitel in zwölf Taschenbüchern erschienen. In Deutschland sind die zwölf Bände ab August 2000 zweimonatig erschienen. Die Bände werden vom Verlag Egmont Manga & Anime (Berlin) herausgegeben und sind aus dem Französischen übersetzt, wobei die Seiten der japanischen Originalfassung spiegelverkehrt in die Form der europäischen Leserichtung gebracht wurden. Jedem Band ist ein Lesezeichen in Form einer Clow- bzw. Sakura-Card beigefügt, auf der eine Figur des Mangas abgebildet ist. Dies entspricht der japanischen Vorlage.

CCS ist von Clamp als kommerzielles Manga konzipiert worden und zielt auf den Massenmarkt der  jungen Leserinnen. Zusätzlich ist der Verkauf von Postern, Plüschtieren u. ä. unter jungen Menschen natürlich wesentlich höher, als unter Erwachsenen. Mit CCS gelang Clamp ein Riesenerfolg; selten hat ein Manga eine solche Welle an Merchandising-Produkten nach sich gezogen. Das Anime lief über zwei Staffeln, vergleichbar mit den Abschnitten des Manga, in insgesamt 70 Folgen; es folgten zwei OVA und zwei Artbooks.

Mechthild Wiesner

 

Primärliteratur: Clamp: Card Captor Sakura, Bd. 1-12, (1. Das Clow Buch; 2. Fami­lienbande; 3. Die neue Lehrerin; 4. Die Mutprobe; 5. Die Theateraufführung; 6. Die letzte Karte; 7. Eine neue Herausforderung; 8. Der Valentinstag; 9. Sakuras Großvater; 10. Liebeskummer; 11. Eriol & Fujitaka; 12. Große Gefühle ).- Berlin: Egmont Manga & Anime Berlin, 2000-2002; Clamp: Card Captor Sakura Artbook. Bd. 1-2. Berlin: Egmont Manga & Anime 2001

 

Sekundärliteratur: Berndt, Jaqueline: Liebesträume, Die Gattung des Mädchenmanga, in: Berndt, Jaqueline: Phänomen Manga. Comickultur in Japan. Berlin 1995. S. 95-125; Berndt, Jaqueline: Shojo Manga/ Mädchen-Comics in Japan. In: Lexikon der Comics. 35. Ergänzungslieferung, September 2000, 32 S.; Fischer-Schreiber, Ingrid u.a. (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Zen. Bern, 1995; Napier, Susan J.: Vampires, Psychic Grils, Flying Women and Sailor Scouts. Four Faces of the Young Female in Japanese Popular Culture. In: Martinez, Dolores P. (Hg.): The Worlds of Japanese Popular Culture. Gender, Shifting Boundaries and Global Cultures. Cambridge: University Press 1998, S. 91-109;  „nk“: Jägerin der verlorenen Karten. In: Animania Nr. 40, Ausgabe 2/2001, 8. Jahrgang, Juli/August 2001: Ophüls-Kashima, Reinhold: Comics für Mädchen (Shojo Manga) und Mädchenliteratur als Phänomene der modernen Massenkultur. Eine übersicht über neuere Publikationen. In: Japanstudien. Jg. 5 (1993), S. 535-554;

 

Internetseiten:

http://www.belldandy.net/sakura/  - 10.06.02 - . http://www.comic.de/neues/jki_manga.html; - 13.06.02 -

http://www.manganet.funonline.de/ ; - 06.06.02 -

http://www.tokyoland.de/mgdef/html ; - 10.06.02 -