Tell Chuera - ein urbanes Zentrum in Nordsyrien

 


Plan des Tell Chuera, Stand 2000

Tell Chuera in Nordsyrien - dieser Name ist für die Fachwelt verbunden mit Max Freiherr von Oppenheim (1860-1946), einem der ersten Entdecker und Erforscher altorientalischer Kulturen in Syrien. Durch dessen ausgedehnte Reisen im nordsyrischen Steppengebiet ist auch der Ruinenhügel Tell Chuera bereits seit dem Anfang unseres Jahrhunderts bekannt. Von Oppenheim machte als erster auf eine Reihe von Siedlungshügeln aufmerksam, die mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen: Sie bestehen alle aus einer erhöhten Oberstadt über einer Unterstadt, die sich nahezu kreisförmig um sie herum legt und ihrerseits von wallartigen Erhebungen eingefaßt wird. Aufgrund dieser besonderen Anlage werden sie als "Kranzhügel" bezeichnet.


Tellansicht von Nordwest

Das Verbreitungsgebiet derartiger Ruinenhügel ist auf die Steppengebiete zwischen dem Oberlauf der Flüsse Khabur und Balikh, den beiden einzigen Nebenflüssen des Euphrats, und auf das Gebiet südlich des Djebel Abd al-Aziz in Syrien beschränkt. Alle weisen eine monumentale Steinarchitektur auf und anhand der aufgelesenen Keramik kann die vorwiegende Besiedlungszeit dieser Orte in einen klar begrenzbaren Zeit- und Kulturhorizont der zweiten Hälfte des 3. Jts. v.Chr. zugewiesen werden. Der Tell Chuera ist flächenmäßig die größte Anlage unter diesen "Kranzhügeln".

Von Oppenheims Familie ist es zu verdanken, daß nach dem zweiten Weltkrieg die ursprünglich bereits vom Baron selbst gegründete Stiftung von der Kölner Privatbank Oppenheim wieder eingerichtet wurde. So findet auch heute noch das Lebenswerk in der Ausgrabung des "Kranzhügels" Tell Chuera - und neuerdings auch in Kharab Sayyar -, seine Fortsetzung.

Im Herbst 1958 wurde unter Leitung von Professor Dr. Anton Moortgat mit den ersten systematischen Untersuchungen in Tell Chuera begonnen und, mit größeren Unterbrechungen, bis zu seinem Tod im Jahre 1977 fortgeführt. Erst 1982 wurden die Grabungen wieder aufgenommen, zunächst von seiner Frau, Dr. Ursula Moortgat-Correns (Berlin) in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Winfried Orthmann (Saarbrücken/Halle), seit 1986 unter Orthmanns alleiniger Verantwortung. Seit 1996, der 19. Grabungskampagne auf dem Tell Chuera, ist auch die Goethe-Universität Frankfurt beteiligt und seit 1998 liegt die Leitung vollständig in den Händen von Professor Jan-Waalke Meyer (Frankfurt/M.). Neben der Oppenheim-Stiftung ist es vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt finanziell unterstützt.


Grabungshaus

Der Tell Chuera liegt unmittelbar südlich der türkischen Grenze in der Mitte zwischen Khabur und Balikh in einer ebenen Steppenlandschaft, die durch weite, flache Täler (Wadis) gegliedert ist. In diesem Gebiet ist die jährliche Niederschlagsmenge ausreichend für Regenfeldbau, einer Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung. Heute ebenso wie im Altertum spielen Landwirtschaft und Viehzucht für die Bewohner eine wichtige Rolle. Während der Wachstumsperiode werden die Herden bis südlich des Gebirges getrieben, z.T. sogar bis ins Gebiet südlich des Euphrat (Transhumanz); erste Untersuchungsergebnisse zeigen, daß diese Verhältnisse auch auf das Altertum zu übertragen sind.

Vor diesem Hintergrund ist die Besiedlungsgeschichte des Tell Chuera zu sehen. Die bisherigen Grabungen haben gezeigt, daß zwei Hauptbesiedlungsperioden unterschieden werden können:

Tell Chuera I: eine ausgedehnte Besiedlung der gesamten Ruine während der Frühsyrischen Zeit (3. Jt. v.Chr.)

Tell Chuera II: eine wesentlich kleinere Anlage aus der Mitanni- und Mittelsyrischen Zeit (Mitte bis Ende des 2. Jt. v.Chr.)

Zeit (v.Chr.)
Perioden in Mesopotamien
Perioden in Nordsyrien
Tell Chuera
3300
Frühsumerische Zeit
Spätchalkolithikum
 
3000
Frühdynastische Zeit I
Frühbronzezeit I
IA
 
Frühdynastische Zeit II
    Frühbronzezeit II
IB
 2500
    
 
Frühdynastische Zeit III
Frühbronzezeit III
IC
2400
 
 
 
Akkade- / Neusumerische Zeit
 
Frühbronzezeit IVA
 
Frühbronzezeit IVB

 ID

IE

2100
Altbabylonische Zeit
Mittelbronzezeit
1600
Kassitische/ Mitanni/ Mittelassyrische Zeit
Spätbronzezeit
II A
II B
1000
Neuassyrische Zeit
Eisenzeit
610


Zum Tell des 2. Jahrtausends