Nevali Çori - Die Frühe Bronzezeit
 

Dissertation von J. Becker, abgeschlossen Februar 2000

Ausgangspunkt der Untersuchung bildet der Fundort Nevali Çori, der in einem Seitental des türkischen mittleren Euphrats (Karababa-Becken), d.h. im stark gegliederten Relief des ober-mesopotamischen Taurusvorlands liegt, und eine Kleinsiedlung der Frühbronzezeit Ib darstellt. Das unterhalb einer steil abfallenden Kalksteinkuppe vorspringende Siedlungsplateau mißt ca. 90x40 m.
Zwischen den Jahren 1983-1991 wurden unter der Leitung von Prof. H. Hauptmann in Kooperation mit dem archäologischen Museum in Sanli Urfa insgesamt sieben Grabungskampagnen durchgeführt.
Abgesehen von der bedeutenden Besiedlung des Vorkeramischen Neolithikums (PPNB), die beide Talseiten umfaßte (Schicht I-V, Ende des 9. Jts. v. Chr.) und einer kleinen Siedlung der mittleren Halaf-Kultur (Schicht VI, ca. 5800-5600 v. Chr.), konnten auch die Reste einer frühbronzezeitlichen Siedlung (Schicht VIIa-c, ca. 2850 v. Chr.) im Bereich des zentralen Siedlungsareals freigelegt werden.
Die frühbronzezeitliche Besiedlung ist aufgrund der geringen Siedlungsgröße von 0,12 ha als Weiler anzusprechen und bestand ehemals wohl aus nicht mehr als 2-3 Hauseinheiten, die sich auf einem Siedlungsdurchmesser von ca. 40 m verteilen. Abgesehen von vereinzelten Mauerzügen ohne rekonstruierbaren architektonischen Zusammenhang konnte auf größerer Fläche ein terrassiertes Hanggebäude freigelegt werden, in dessen Umfeld zwei steinverkleidete Vorratsgruben eingetieft waren. Das nur in seinen Steinfundamenten erhaltene Gebäude wurde zweimal mit veränderter Orientierung erneuert, so daß die Besiedlung am Ort durch insgesamt drei Bauphasen (Schicht VIIa-c), d.h. wohl über drei Generationen repräsentiert wird. Architektonisch läßt es sich als Zweiraumhaus interpretieren, dessen Hauptraum in üblicher Weise mit zentraler Feuerstelle, Lehmbänken und weiteren Installationen ausgestattet ist.

Am Rand und außerhalb des Wohnbereichs fanden sich weit verstreut 145 Abfallgruben, aus denen ein Großteil der am Ort gefundenen frühbronzeitlichen Keramik stammt. Die Keramikanalyse aus dem Wohnbereich, aus den Gruben und vereinzelten Gräbern - typologisch sehr homogen - erlaubt eine Datierung an das Ende der Frühbronzezeit Ib um 2850 v. Chr. und gehört in den Kontext des late reserved slip-Horizontes. Neben den engen Parallelen vor allem zu Hassek Höyük 2-0, Kurban Höyük V B-A und Samsat c zeigen sich enge Verbindungen zu den Amuq-Stufen G und H sowie der Altinova und Malatya-Region, am Besten repräsentiert in den Stratigraphien von Norsuntepe 30-25 bzw. Arlsantepe VI B2. Trotz der insgesamt 56 verschiedenen Gefäßformen ist der keramische Formenschatz sehr standardisiert und beschränkt sich auf lediglich fünf Typen, die zusammen ca. 80 % der Formen betragen: Näpfe mit s-förmigem Wandungsverlauf, Wulstrand- und Kehlleistenrandschalen, Töpfe mit Wulstrand sowie Töpfe mit Trichterrand. In deutlich geringerer Quantität, aber für die Zeitstufe charakteristisch sind Vierösenpokale, Fußbecher und Kelche, rot engobierte Ständerschalen, cyma recta-Gefäße sowie einfache Flaschen und Tüllenflaschen.

Nordwestlich der frühbronzezeitlichen Besiedlung schließt sich ein kleines Gräberfeld an, während sich vereinzelte Bestattungen auch im Wohnbereich finden. In üblicher Weise wurden die Erwachsenen fast ausnahmslos in Steinkistengräbern, seltener auch in Erdgräbern im Gräberfeld bestattet, während man die Kleinkinder vielfach innerhalb des Wohnbereichs in Topfgräbern niederlegte.
Charakteristische Grablegung ist die linke oder rechte Hockerstellung, vereinzelt ist auch eine gestreckte Rückenlage feststellbar. Eine strenge Ordnung der Gräber oder eine einheitliche Ausrichtung des Grabes oder der Toten ist nicht erkennbar. Aus den Untersuchungen der Gräber und der Bescheidenheit der Siedlung läßt sich am ehesten auf eine Großfamilie mit engen verwandtschaftlichen Beziehungen schließen. Wie für einen Fundort dieser geringen Siedlungsgröße nicht anders zu erwarten, sind Anzeichen einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft kaum ausgeprägt. Die Grabfunde bestehen mehrheitlich aus Teilen der Trachtausstattung (vor allem Perlen aus Kalkstein und Bergkristall sowie Nadeln verschiedener Gestalt aus Kupfer oder Knochen). Vereinzelt fanden sich Beigaben in Form keramischer Produkte (hauptsächlich rotengobierte Ständerschalen und Vierösengefäße) sowie vereinzelte Mitgaben (z.B. Rollsiegel und Kupfermeißel).

Von Bedeutung ist der Nachweis einer metallurgischen Produktion am Ort. Aus einigen Abfallgruben stammen auch ca. 10 kg Kupferschlacke, Fragmente von Schmelztiegeln und Gußformen, die auf eine lokale Metallproduktion im Sinne einer cottage industry hinweisen.

Im zweiten Teil der Studie werden die Aspekte der Architektur und Siedlungssysteme, Bestattungssitte und Metallurgie am Übergang vom Spätchalkolithikum/Uruk-Zeit zur Frühbronzezeit untersucht, deren geographischer Schwerpunkt die Region der Südosttürkei (Obermesopotamien) bildet. Während seit längerem in der Forschung am mittleren türkischen und syrischen Euphrat vor allem die Epoche der Späten Uruk-Zeit (2. Hälfte des 4. Jts. v. Chr.) sowie die jüngeren, urbanen Abschnitte der Frühbronzezeit II-III (ca. 2600-2000 v. Chr.) klar zutage traten, wird nun zusehens einerseits die beginnende Frühbronzezeit als auch das lokale Spätchalkolithikum in diesen Gebieten deutlicher faßbar.
Zusammenfassend läßt sich die Frühbronzezeit I im südosttürkischen, ober- und nordmesopotamischen Raum als eine Periode der Umstrukturierung interpretieren. Untersuchungen zur Siedlungsstruktur und Architektur, der Bestattungssitte und Metallurgie zeigen, daß mit dem Ende des einst weit gespannten Austauschsystems der Uruk-Zeit in der nachfolgenden Frühbronzezeit I für den südosttürkischen und nordmesopotamischen Raum nicht etwa ein dramatischer, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Zusammenbruch zu verzeichnen ist. Vielmehr lassen sich im nord- und obermesopotamischen Euphrat- und Tigrisgebiet mit der late reserved slip-Gattung im Westen und der Ninive 5-Kultur im Osten zwei große Keramikregionen fassen. Diese Keramikregionen, in deren Verbreitungsgebiet sich zumindest vereinzelt vom Spätchalkolithikum bis in die beginnende Frühbronzezeit lokale Herrschaftseliten nachweisen lassen, knüpfen an lokal ältere Traditionen des Spätchalokithikums an. Stimuliert durch den Bedarf an Metallen und Erzen treten beide Regionen zusammen als auch mit den unter transkaukasischen Einfluß stehenden metallreichen Gebieten nördlich des Taurus in engeren wirtschaftlichen Kontakt. Gerade auch in der Metallproduktion manifestiert sich eine Anknüpfung an die Tradition des Spätchalkolithikums (z.B. Arslantepe VII, Hacinebi), die nicht nur an zentralen Orten wie Arslantepe oder Norsuntepe, sondern auch an kleineren Stationen wie Hassek Höyük oder Nevali Çori umfangreich betrieben wurde. Erst in der nachfolgenden Frühbronzezeit II, die durch eine Siedlungsexpansion und die Herausbildung drei- und vierstufiger Siedlungssysteme als urbane Phase der Frühbronzezeit gekennzeichnet ist, werden auch wieder weitgespannte Kontakte mit dem Süden fassbar.


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