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Prof. Dr. Birgit Richard

Net: Art/ Activism; Geniekult vs. Kollektiv

Seminar II HS

Referat zum Thema:

Kollektive Strategien im Netz am Beispiel des Electronic Disturbance Theater (EDT)

Referentin: Hayriye Gürler

In meinem folgenden Referat versuche ich einen Überblick über kollektive Strategien im Netz zu ermöglichen, wobei ich mich hauptsächlich auf das Electronic Disturbance Theater beziehen werde. Da es in meinem Referat um kollektive Strategien geht, werde ich nicht näher auf die einzelnen beteiligten Personen eingehen. Ich denke, das dies auch im Sinne des EDT ist, da es sich auf der Homepage als Gruppe präsentiert und Informationen über die beteiligten Personen nur über Links auf deren Websites zu erhalten sind. Da sich das EDT klar politisch positioniert, werde ich in meiner Arbeit hauptsächlich auf kollektive Strategien des linken Widerstandes eingehen.

Zu Anfang beschreibe ich auf welche Weise das Internet als Kommunikations- und Koordinationsmedium genutzt wird um dann zu Aktionsformen im Netz überzugehen.

Die politische Nutzung des Internet

Auf politischer Ebene werden durch den virtuellen Raum des Internet, dem sogenannten Cyberspace, die territorialen Grenzen des Nationalstaates in Frage gestellt. Es entsteht ein sozialer Raum, der nicht mehr auf geographischen Begebenheiten beruht, sondern auf Interessenkonstellationen.

Der Cyberspace hat gleichzeitig auch die Qualität einer politischen Öffentlichkeit, die den BenutzerInnen neue Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet. So gibt es beispielsweise mehrere Ansätze, das Internet als Werkzeug der Basisdemokratie zu nutzen. Es werden Diskussionen zu politischen Fragen geführt oder Petitionen via Email verbreitet und bei den jeweiligen Behörden eingereicht ( beispielsweise.über E-The People  http://www.e-thepeople.org ).

Es gibt außerdem Ansätze, über das Internet eine Befragung der Öffentlichkeit durchzuführen, was vorher in dem Umfang gar nicht realisierbar gewesen wäre. So führte beispielsweise die Zapatista- Befreiungsbewegung eine Art Volksentscheid über in der Realwelt verteilte und über das Internet verschickte Stimmzettel aus. Gefragt wurde im virtuellen Volksentscheid etwa, ob Chiapas demilitarisiert werden soll, ob die Indigenas am Wohlstand des Landes teilhaben und ob sie besondere Verfassungsrechte erhalten sollen. Die Volksbefragung diente natürlich auch dazu, den Forderungen der Zapatistas nach mehr Autonomie und nach einer Demilitarisierung von Chiapas wieder eine größere Popularität zu verschaffen und auf sich aufmerksam zu machen.

Das Internet als Medium für eine Gegenöffentlichkeit

Im Rahmen der politischen Nutzung des Internet sind auch die Ansätze zu betrachten, das Internet als ein Medium für eine Gegenöffentlichkeit zu nutzen. Es gibt hier viele Möglichkeiten, über Websites direkte Informationen oder persönliche Berichte zu erhalten und somit die Informationspolitik der Regierungen zu unterlaufen. So gibt es neben den etablierten Massenmedien im Netz eine Reihe von alternativen Informationsquellen. Als ein wichtiges Beispiel dafür sind die Independent Media Center (IMC) zu nennen.

Das erste IMC war im Rahmen der Proteste gegen die WTO-Konferenz im November 1999 in Seattle entstanden. Der Ansatz dabei war, das Internet mit seinen Multimedia- Möglichkeiten zu nutzen und der Mainstream-Berichterstattung über die Proteste einen Blick von unten hinzuzufügen. So wurden aus Seattle beispielsweise gefilmte und fotografierte Übergriffe der Polizei über das Internet veröffentlicht oder direkt Live Übertragungen in die Welt hinaus gesendet. Seitdem hat sich ein ganzes Netzwerk von dezentral organisierten Medienkollektiven gebildet, das heute aus ungefähr 50 lokalen IMCs in der ganzen Welt besteht. Mittlerweile geht es bei den IMCs jedoch nicht mehr nur um eine Ergänzung der etablierten Berichterstattung, sondern auch um den Transport von grundlegenden politischen Informationen und Inhalten.

Der emanzipatorische Mediengebrauch der IMCs wird auf der deutschen Homepage ( http://de.indymedia.org )unter folgenden Merkmalen beschrieben:

· Die Organisation der jeweiligen Zentren ist dezentral und autonom, die Arbeitsweisen und Inhalte werden von den ProduzentInnen selbst bestimmt.

· Es gibt keine Hierarchie zwischen Sender und Empfänger, die Informationen werden von den Menschen vor Ort produziert. Dadurch soll u.a. das Informationsmonopol der bürgerlichen Massenmedien gebrochen werden.

· KonsumentInnen sollen zu AktivistInnen und ProduzentInnen werden.

· Die Nachrichten werden nicht aufgrund von modischen oder kommerziellen Kriterien ausgewählt.

Als ein Beispiel für eine alternative Informations- und Kommunikationsplattform in der BRD ist die Website von nadir ( http://www.nadir.org ) zu nennen, welches als die bekannteste Internetquelle für linke Nachrichten bezeichnet werden kann. Hier werden Voraussetzungen für eine Kommunikation über Email, Mailing- Listen und Newsgroups zur Verfügung gestellt. Außerdem gibt es ein Informationssystem, welches Äußerungen unterschiedlicher Protest- und Widerstandsformen über das Netz zugänglich macht. Außer aktuellen Infos und elektronischen Kopien linker Periodika, finden sich hier auch ein umfangreiches Archiv, Selbstdarstellungen von linken Gruppen und Projekten und Links zu anderen linken Websites.Nadir ist nach eigenen Angaben ein Zusammenschluß von linken Gruppen und Einzelpersonen, die das Informationssystem für ihre politische Arbeit nutzen (o.V. http://www.nadir.org/nadir/selbst/selbst.html). Für die Nutzung des Internet als ein Informations- und Kommunikationsmedium werden folgende Vorzüge genannt:

· Informationen können mit großer Schnelligkeit verbreitet werden

· Informationen sind unabhängig von Zeit und Ort verfügbar (vorausgesetzt es besteht ein Internetzugang)

· Durch Suchmaschinen kann die elektronische Informationssammlung einfacher durchsucht und ausgewertet werden

· Vervielfältigung, Lagerung und Transport der digital gespeicherten Informationen ist vergleichsweise billiger und weniger aufwendig als bei Printmedien

Neben diesen Vorzügen stellt sich jedoch auch die Frage, inwieweit diese alternativen Informationsquellen im Netz von Personen genutzt werden bzw. diese erreichen, die sich nicht innerhalb der linken Strukturen befinden oder ein explizites Interesse an linken Informationen haben.Für die Untersuchung dieser Frage könnte die Tatsache, daß Interessierte laut nadir „nicht die Hemmschwelle linksradikaler Öffentlichkeiten“ in der Realwelt überwinden müssen, ein wichtiger Aspekt sein. Die Verweise von anderen Websites über Links können hier eine wichtige Funktion erfüllen, wobei es auch im Netz nach außen relativ geschlossene Interessensbereiche und bestimmte Knotenpunkte gibt.

Koordination von Protestaktionen

Das Internet wird außer als Medium für eine Gegenöffentlichkeit auch für die Mobilisierung und Koordinierung von Offline Protestaktionen benutzt. Es werden beispielsweise weltweite, simultane Aktionstage oder Großdemonstrationen über das Netz dezentral organisiert. Anläßlich der WTO Proteste im November `99 in Seattle wurde das erste Mal das Netz dazu benutzt, eine lokale Demonstration global zu organisieren. Damals entstand über das Internet ein weltweites Netz an meist linken Gruppierungen, Organisationen und AktivistInnen, die sich gegen transnationale Unternehmen und Organisationen zur Wehr setzen wollen. Die Proteste fanden ohne eine zentrale Organisation statt, das Netzwerk bestand aus unabhängigen Gruppen, die jeweils ihre eigenen Aktionen durchführten. Durch Websites und Emails wurde schon im Vorfeld der Protest vorbereitet, um eine antihierarchische und dezentrale Bewegung zu schaffen, die punktuell gemeinsame Aktionstage organisiert, welche gleichzeitig auf der ganzen Welt stattfinden: „May our resistance be as transnational as capital“. So fanden sich auf der für die Proteste eingerichteten Website in verschiedene Sprachen übersetzte Aufrufe, Diskussionsbeiträge und Links zu anderen Gruppen.

Durch die weitgestreuten Protestkampagnen wurde das öffentliche Interesse auf bisher vernachlässigte Aspekte, wie beispielsweise die gleichmäßige Verteilung des Reichtums oder den Umweltschutz gelenkt und dadurch die Debatte über die jeweiligen Themen angeregt.

Protestaktionen im Cyberspace

Der Cyberspace ist ein weiterer öffentlicher Raum, in dem nicht nur Geschäftsbeziehungen stattfinden, sondern auch soziale und politische Konflikte ausgetragen werden. In diesem Sinne wird er auch direkt als Ort für politische Protestaktionen benutzt. Bürgerproteste, die in Form von Versammlungen oder Demonstrationen zu den Grundrechten in demokratischen Staaten gehören, finden mittlerweile auch im virtuellen Raum des Cyberspace eine Umsetzung. Diese politischen Protestaktionen reichen vom massenhaften Verschicken von Protest Emails (Spamming) bis zu virtuellen Blockadeaktionen.

Bei klassischen Sit-ins werden beispielsweise die Zugänge zu Gebäuden oder Straßen blockiert um das Anliegen durch eine spürbare Präsenz etwa in einem Stadtraum, der Öffentlichkeit bekannt zu geben und die Aufmerksamkeit der Massenmedien zu erregen. Beim virtuellen Sit-in wird das selbe auf digitaler Ebene vollzogen. Hier wird der Zugriff auf bestimmte Websites blockiert. Im Gegensatz zur klassischen Blockade jedoch, können die Beteiligten an den virtuellen Blockaden von zu Hause, von der Arbeit, von der Universität oder von anderen Orten mit Netzzugang aus teilnehmen.

Bei einem virtuellen Sit-in wird eine bestimmte Website von unterschiedlichen Terminals aus gleichzeitig und massenhaft aufgerufen. Dieses erfolgt mehrere Male hintereinander, wobei auch Programme benutzt werden, die das Aufrufen der Website automatisieren und beschleunigen. Der Server bekommt permanent die Rückmeldung, daß die Seite nicht mehr gebraucht wird und gleichzeitig die neue Aufforderung zum Aufbau. Ab einer gewissen Menge von Anfragen wird der Server überlastet und immer langsamer.

Das Zapatista FloodNet Programm ( http://www.nyu.edu/projects/wray/ZapTactFlood.html )

Anfang 1998 wurde das erste Mal ein Programm entwickelt, welches den Vorgang des Aufrufens einer bestimmten Website, in der Absicht diese zu blockieren, automatisiert. Die Blockade der Website geschieht durch massenhafte Aufforderung zum Aufbau, verschicken von Protest Emails oder die Anfrage beim host Server nach „bad“ URLs. Dabei wird beim Server eine nicht existente Adresse, mit selbst formuliertem Namen angefordert, z.B. „human rights“ für die URL: „http://www.xxx.gb.mx/human_rights“. Ist diese Seite nicht vorhanden, kommt eine negative Rückmeldung, beispielsweise in diesem Fall: „human-rights not found on this server“.

Das FloodNet Programm soll zu einer aktivistischen und künstlerischen Beteiligung auffordern und auf performative Weise die Existenz eines breiten Protestes zeigen.

Zur Vorgeschichte: Der Auslöser für die Entwicklung des FloodNet war das Massaker von Acteal/ Chiapas im Dezember 1997, bei dem 45 Indigenas von mexikanischen Paramilitärs mit US- amerikanischen Waffen ermordet wurden. Die Nachricht über dieses Massaker verbreitete sich in Windeseile über die globalen, pro- zapatistischen Netzwerke im Internet. Innerhalb von Tagen folgten Proteste und Aktionen bei mexikanischen Konsulaten und Botschaften auf der ganzen Welt. Ricardo Dominguez, damals noch Mitglied des Critical Art Ensemble und seit 1994 Mitglied der New Yorker Zapatistas, bekam eine Email von der Anonymous Digital Coalition, einer italienischen NetzaktivistInnen- Gruppe. Diese riefen dazu auf, aus Protest die Websites von fünf mexikanischen Banken durch breites und massenhaftes Aufrufen zu blockieren. Ricardo Dominguez schickte diesen Aufruf weiter und bekam eine Antwort von Brett Stalbaum, der behauptete, er könnte ein Programm entwickeln, welches dieses mehrmalige Aufrufen automatisieren könne.

Er und Carmin Karasic entwickelten daraufhin das FloodNet Programm, ein sogenanntes „Applet“ in der Sprache Java, das wiederholt Kommandos zum Neuladen eines Browsers sendet. Dieses Programm wurde das erste Mal aus Solidarität für den Kampf der Zapatistas eingesetzt. An dieser ersten Aktion nahmen angeblich mehr als 8000 Menschen teil. Damals entstand aus den NetzaktivistInnen und -künstlerInnen Carmin Karasic, Ricardo Dominguez, Brett Stalbaum )und Stefan Wray, die im Netz agierende Gruppe Electronic Disturbance Theater. Man fing nun verstärkt an, das Internet nicht nur als Kommunikationsmedium, sondern auch als Medium für direkte politische Aktionen anzusehen.


Der elektronische zivile Ungehorsam (Electronic Civil Disobedience)

Die Anwendung des FloodNet Programm ist den Methoden des elektronischen zivilen Ungehorsams zuzuordnen.Der elektronische zivile Ungehorsam ist die Ausweitung des zivilen Widerstandes auf das Medium Internet. So wie der traditionelle zivile Ungehorsam ist auch der elektronische zivile Ungehorsam eine gewaltfreie Aktion, die niemals physische Konfrontation mit dem Gegner sucht. Es werden keine Angriffe auf Personen verübt oder wichtige Daten beschädigt oder zerstört.

In den USA wird diese Weiterentwicklung des zivilen Widerstandes als eine logische Konsequenz der Entwicklung des Kapitalismus zum Informationszeitalter gesehen und diskutiert. Einen wichtigen Anteil an der Diskussion und Entwicklung des Konzeptes des elektronischen zivilen Ungehorsams hat unter anderem das Critical Art Ensemble ( http://www.critical-art.net. ). Das Critical Art Ensemble (CAE) erforscht die Zusammenhänge zwischen Kunst, Technologie, radikaler Politik und kritischen Theorien.

In unterschiedlichen Texten aus den Jahren 1994 und 1996 entwickelte das CAE eine Theorie des elektronischen zivilen Ungehorsams. Die intellektuellen Wurzeln dieser Theorie liegen in dem Text „T.A.Z. The Temporary Autonomous Zone“ von Hakim Bey. Das CAE vertritt in diesen Texten die Ansicht, das die Macht im Spätkapitalismus stark dezentralisiert auftritt und ständig in Bewegung ist. Um dieser Macht entgegenzuwirken, muß der Widerstand die selbe Form annehmen und dezentrale Mittel einsetzen. Durch die Organisierung in autonomen, anarchistischen Zellen hat der Widerstand die Möglichkeit, viele und unterschiedliche Ausgangspunkte zu nehmen. Diese Zellen sollen aus Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeit zusammengestellt sein, die durch eine gemeinsame politische Perspektive miteinander verbunden sind.

Nach Ansicht des CAE ist die neue Form der Macht nicht mehr an statischen, äußeren und realen Orten auszumachen, sondern befindet sich innerhalb der computerisierten Verwaltung des Wissens und der Information. Daher sind die traditionellen Formen des zivilen Ungehorsams in der Realwelt nicht mehr effektiv, sondern es muß eine elektronische Form des Widerstandes realisiert werden. In der Unterbrechung des Zugriffs auf Informationen sehen das CAE eines der wirkungsvollsten Mittel, um Institutionen, die Teil militärischer, ziviler, privater oder staatlicher Unternehmen sind, zu lähmen.

(Siehe dazu auch das Referat über das CAE von Monika Aniol-Kowalska)

Das Electronic Disturbance Theater (EDT) http://www.thing.net/%7Erdom/ecd/ecd.html

Das Electronic Disturbance Theater ist eine kleine Gruppe von NetzaktivistInnen und NetzkünstlerInnen, die am Kreuzungspunkt von radikaler Politik, Performance und Software Design arbeitet. Es engagiert sich in der Entwicklung der Theorie und der Praxis des elektronischen zivilen Ungehorsams, wobei es sich auf die Theorien des CAE bezieht. Das Konzept des EDT ist die Zusammenführung eines allgemeinen Widerstandes. Es sollen nicht mehr nur isolierte Einzelaktionen stattfinden, sondern ein globaler, massiver und kollektiver Widerstand, der von vielen Orten aus gleichzeitig stattfindet. Das Internet soll hierbei nicht nur als Medium für Kommunikation, sondern auch als Ort für direkte Aktionen angesehen werden. Als Werkzeug für den Widerstand sollen unterschiedliche Methoden des elektronischen zivilen Ungehorsams entwickelt und genutzt werden.

 „Obwohl das Electronic Disturbance Theater momentan ein Katalysator für die Fortentwicklung von Taktiken des zivilen elektronischen Widerstands ist, hoffen wir, uns bald im Hintergrund halten zu können und eine von vielen kleinen autonomen Gruppen zu werden, die Wege und Ziele des computerisierten Widerstands hoch halten und fort entwickeln“ (Dominguez im Interview mit Krempl, in: http://www.heise.de/tp 18.02.2000)

Das EDT solidarisiert sich in seinen Aktionen mit dem Kampf der Zapatistas in Chiapas, der sich seit 1994 gegen die mexikanische Regierung wendet. Bei diesem Konflikt geht es um die neoliberalen Interessen der mexikanischen Regierung, die ohne Rücksicht auf die grundlegenden Menschenrechte der dort ansässigen indigenen Bevölkerung eine Praxis der Unterdrückung und Ausbeutung betreibt. Mittlerweile ist der Zapatismus eine weltweite Bewegung, die sich gegen den Neoliberalismus und für eine radikale Demokratie einsetzt. 

Die Zapatisten haben schon sehr früh angefangen, das Internet als Informations- und Aktionsmedium zu nutzen. Schon kurze Zeit nach ihrem Aufstand im Jahr 1994 entstand ein weltweites Netzwerk, über das eine internationale Öffentlichkeit geschaffen und verschiedene Kampagnen organisiert und durchgeführt werden. Als im Dezember 1994 die mexikanische Armee bekannt gab, sie hätte 12.000 Rebellen umstellt, erfolgte eine Desinformationskampagne der Zapatistas, welche verbreiteten, sie hätten Dutzende von Dörfern gewonnen. Diese Nachricht war unwahr, bewirkte jedoch genug Konfusion, um der finanziellen Krise in Mexiko neuen Nachschub zu geben.

Im Jahr 1996 riefen die Zapatistas zum „Ersten Interkontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus“ auf. Internationale oppositionelle Kräfte wurden aufgefordert, mit den eigenen Mitteln zu kämpfen und in einen Dialog miteinander zu treten. Laut Ricardo Dominguez „...waren es die Zapatisten, die als erste zu einer neuen Ebene des politischen Aktivismus aufriefen.“ (Dominguez im Interview mit Lang, in: http://www.heise.de/tp 16.06.2001)

Aus dem ursprünglichen Plan einer bewaffneten Rebellion mit dem Ziel des Sturzes der Regierung wurde (basierend auf dem Vermächtnis der Mayas) die Strategie, die Macht der Worte und der Poesie für den Kampf zu nutzen.

Die Aktionen des EDT haben das Ziel, den Kampf der Zapatistas zu unterstützen, indem die Präsenz eines massenhaften Protestes die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Konflikt lenkt und dadurch die mexikanische Regierung unter Druck gesetzt wird. Durch die virtuellen Sit-in Aktionen soll eine Art soziales Drama in Gang gebracht werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Offenheit der Namen zu betrachten, da dadurch der reale Körper mit dem Virtuellen Körper verbunden und die Aktion dadurch zu einer sozialen Performance wird. Die Aktionen sind eine Art Störtheater, bei dem die angeblich objektive Darstellung einer Realität durchkreuzt wird.

Damit die Aktionen in einem politischen Rahmen wahrgenommen und nicht als cyberterroristische Anschläge abgetan werden, geht es dabei nicht um die Zerstörung der anvisierten Ziele. Bezugnehmend auf Maya- Strategien geht es dabei mehr um symbolische Aktionen, die einen neuen undefinierten Raum schaffen, in dem sich unbewaffnete Utopien entwickeln können. Die Maßnahmen der AktivistInnen sollen Situationen Simulieren, in denen die Spiegel der Macht durchbrochen werden und dadurch eine Diskussion in Gang gesetzt wird..

Laut Ricardo Dominguez geht es darum, „eine performative Matrix zu entwerfen, die dafür sorgt, dass die Mächtigen stürzen. So dass die gesamte Welt sehen kann, was passiert.“ .(Dominguez im Interview mit Lang, in: http://www.heise.de/tp 16.06.2001)

Das vom EDT entwickelte FloodNet Programm soll möglichst nur eins von vielen Werkzeugen sein, welches von NetzaktivistInnen und NetzkünstlerInnen in ihren Protesten im Netz benutzt wird.

Laut Ricardo Dominguez gibt es mittlerweile eine ganze Reihe neuer Tools, die von Hacktivists entwickelt werden, wie beispielsweise drahtlose Technologien, die eine Koordination auf Demonstrationen in der Realwelt erleichtern. Ein anderes Projekt ist die Entwicklung eines drahtlosen Streaming Video, mit dem Übergriffe von Polizisten direkt gefilmt und automatisch auf Websites von nicht staatlichen Organisationen oder AktivistInnen weitergeleitet werden können. So kann die Öffentlichkeit direkt informiert und mobilisiert werden. Diese Technologien bilden praktisch Gegenüberwachungssysteme, nach dem Motto: “Little Sister is watching Big Brother“. Eine solarbetriebene Version dieses drahtlosen Streaming Video soll die Benutzung durch wireless communities ermöglichen.

Das EDT betrachtet das Internet als ein Werkzeug, welches sie momentan im Kampf gegen den Neoliberalismus nutzen. Das wichtige der Protestaktionen sei der Inhalt und nicht die dabei benutzten Mittel.

„Jede Technologie ist immer nur so gut wie der politische Inhalt, den sie vermitteln will.“ (Dominguez im Interview mit Lang, in: http://www.telepolis.de/tp 16.06.2001)

Im Gegensatz zu den Theorien des CAE propagiert das EDT Aktionen des elektronischen zivilen Ungehorsams immer gemeinsam mit Aktionen in der Realwelt. Die online Aktionen sollen nicht als Ersatz von offline Aktionen betrachtet werden, sondern als ein weiteres Mittel, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Probleme zu lenken. Ebenso könne die Kommunikation über das Netz die Kommunikation in der Realwelt nicht ersetzen.

Die Website des EDT

Die Website scheint mehr einer Information über die Praktiken und die Theorien des elektronischen zivilen Ungehorsams, als einer Selbstdarstellung der Gruppe zu dienen. Dementsprechend ist die Website mit „Electronic Civil Disobedience“ überschrieben.

Direkt über die Eingangsseite kann über Links zu Beschreibungen von in der Vergangenheit ausgeführten und aktuellen Protestaktionen gelangt werden. Diese umfassen sowohl solche, die direkt vom EDT oder von anderen NetzaktivistInnen und -künstlerInnen initiiert werden. Links führen hier direkt auf deren Websites. Außerdem finden sich auf der Eingangsseite Links zu eigenen Texten oder fremden Websites, die sich auf theoretischer Ebene mit elektronischem zivilen Ungehorsam oder Hacktivismus außeinandersetzen.

Über die Eingangsseite kann auch zu den einzelnen Hauptbereichen gelangt werden:

· FloodNet: Beschreibung der FloodNet Funktionsweise und des künstlerischen, theoretischen und  philosophischen Hintergrundes.

· Actions: Timeline der FloodNet Attacken (darstellung wie Akte eines Theaters), virtuelle Sit-in Aktionen vor FloodNet, Texte der Zapatistas.

· Archives: Texte über das EDT, den elektronischen zivilen Ungehorsam, die        Kritik an elektronischem zivilen Ungehorsam und Presseberichte

· Links zu: Diskussionslisten ( the thing), tools, information warfare, Texte zu elektronischem zivilen Ungehorsam, Zapatisten, Hacktivism, Tactical Media, Net-art

· Us: Submissions, ECD distribution list, Links zu den Websites von Ricardo Dominguez, Carmin Karasic, Brett Stalbaum und Stefan Wray

Über die Website können auch die URLs zur öffentlichen Version des Disturbance Developer Kit und des Zapatista Tribal Port Scan heruntergeladen werden.

Hacker und Hacktivists

Das EDT wird von den Medien als Hacktivists Bezeichnet, das ist ein Zusammengesetzter Begriff aus den Worten Hacker und Aktivist, bezeichnet also die Verschmelzung des technisch versierten Hackers mit dem politisch motivierten Activist.

Hacker ist eine Bezeichnung für Leute, die durch geschicktes Ausprobieren und Anwenden von verschiedenen Programmen in andere Computersysteme eindringen. Dabei gibt es entweder solche, die aus ökonomischen Gründen oder aus Geltungsbedarf in fremde Rechner eindringen und dort Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen. Es gibt jedoch auch politisch motivierte Hacker- Aktionen. So werden beispielsweise fremde Websites geknackt und diesen eigene politische Botschaften hinzugefügt. Auch die frühen Versuche von Hackern, den unbeschränkten Informationszugang durchzusetzen, haben eine politische Komponente.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den meisten politisch motivierten Hacker-Angriffen und dem elektronischen zivilen Ungehorsam ist die Tatsache, daß Hacker meistens als Einzelgänger agieren und anonym bleiben. Ihre Angriffe sind illegal.

Die Aktionen der Hacktivisten hingegen werden gleichzeitig von vielen Personen ausgeführt und sind transparent: die Akteure handeln unter eigenem Namen, es wird eine ausführliche Begründung der Aktion geliefert und der Quellcode der eingesetzten Skripte wird offengelegt. Den Hacktivisten geht es um angekündigte, symbolische Protestaktionen mit begrenzter Dauer. Dabei werden keine Websites zerstört oder wichtige Daten gecrackt. Im Mittelpunkt steht die Weckung von Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Anliegen.

„ `Hacktivism is an open- source implosion. It takes the best of hacking culture, and the imperatives of the quantum community, and fuses a solution` “(Oxblood Ruffin, in:: http://thehacktivist.com/ecd.html)

Es wird oft versucht die Aktionen der Hacktivisten als Distributed Denial of Service Attacken (DDoS) zu kriminalisieren.

Die Gruppe Electrohippies ( http://www.gn.apc.org/pmhp/ehippies ) unterscheiden zwischen Aktionen, die von einer bzw. wenigen Personen durchgeführt werden (server side DDoS) und solchen, für deren Erfolg viele teilnehmende Menschen nötig sind (client side DDoS). Der Unterschied zwischen beiden bestehe darin, daß bei der „server side“ Aktion die beteiligten Computer meistens Großrechner sind und deren Besitzer nichts von der Aktion wissen. Bei „client side“ Aktionen müssen viele Menschen vor einem PC sitzen und mitmachen, um die Aktion zu einem Erfolg werden zu lassen.

Das virtuelle Sit-in ist nach dieser Definition den client side ddos zuzuordnen. Stefan Wray vom Electronic Disturbance Theater sagt, sie wollten nicht mit Crackern, Cyberterrorismus und Informationwarfare in Verbindung gebracht werden:

 Das sind alles vom Staat erfundene Begriffe, um die neuen Formen des zivilen Widerstands zu dämonisieren.“ (Wray: in: http://www.heise.de/tp 30.03.1999)

               

Ein kurzer Exkurs zu Elektrohippies: Die Elektrohippies sind ein im Rahmen der WTO- Proteste gegründetes Kollektiv in Großbritannien. Die meisten MitarbeiterInnen bleiben anonym. Die Elektrohippies propagieren die gleichzeitige Nutzung der Straße und des Internet für politische Protestaktionen. Ihre Arbeit besteht in der Weiterentwicklung und Durchführung von legitimen demokratischen Protestformen im Internet, um einer Dominanz der Regierungen und der Unternehmen im öffentlichen Raum des Cyberspace entgegenzuwirken. Über ihre Website sind Berichte, Stellungnahmen und Informationen zu elektronischem Aktivismus zu erhalten.


Formen digitalen Ungehorsams

Im Folgenden nenne ich Beispiele für Aktionen, in denen sich NetzkünstlerInnen und -aktivistInnen zu „task force communities“ (Richard, Birgit) zusammenschließen, welche punktuell zusammenarbeiten. Diese elektronischen Protestaktionen übertragen den Konflikt in der Realwelt in die virtuelle Welt des Cyberspace, dabei dient das Internet als Werkzeug nicht- physischer Konfliktbearbeitung.

Die infrastrukturellen Aktionen basieren auf den Mechanismen des Netzes: Masse der BenutzerInnen, Tempo des Informationsflusses und Vernetzung von Individuen. Bei sämtlichen Aktionen sind Organisation und Beweggründe transparent. Der Erfolg hängt nicht von einem technischen Knowhow, sondern von einer massenhaften Beteiligung der Protestierenden ab. Sämtliche Aktionen sind angekündigt und zeitlich befristet und haben keine Zerstörung zum Ziel. Die Absicht der Aktionen ist die Weckung der öffentlichen Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Anliegen. Daher ist ein gutes Marketing über eine Vernetzung mit Printmedien von großer Wichtigkeit.

Die erste dokumentierte Aktion im Rahmen des Konzeptes des elektronischen zivilen Ungehorsams fand am 21. Dezember 1995 statt. Damals veranstaltete die Gruppe „Strano Network“ ein virtuelles Sit-in auf verschiedenen Websites der französischen Regierung, um gegen die Atomtests auf dem Pazifikatoll zu protestieren. Da das Internet damals noch nicht die Popularität von heute besaß und deshalb wenig Resonanz und Teilnahme zu verzeichnen war, hatte dieses virtuelle Sit-in wenig Konsequenzen.

Drei Jahre später fand am 10. April 1998 die erste vom EDT organisierte virtuelle Sit-in Aktion gegen die mexikanische Regierung statt. Insgesamt wurden in den Jahren 1998 und 1999 mehr als 16 Sit-ins gegen die mexikanische und die diese unterstützende amerikanische Regierung durch das EDT organisiert. Die Aktionen geschahen allesamt als Unterstützung für die Zapatistas in Chiapas. An diesen Protestaktionen nahmen insgesamt über 100.000 Menschen teil.

In September 1998 wurde beim Ars Electronica Festival in Linz unter dem Motto information warfare (http://web.aec.at/infowar) eine FloodNet Aktion als performatives Kunstprojekt angekündigt und ausgeführt.

Swarm ( http://www.thing.net/%7Erdom/ecd/CHRON.html )

Bei dem Kunstprojekt „Swarm“ ging es darum, drei ausgesuchte Websites massenhaft (in Schwärmen) aufzurufen und dadurch zu blockieren. Dabei sollte die Leistungsfähigkeit einer globalen elektronischen Aktion demonstriert und die Mannigfaltigkeit der Gegnerschaft hervorgehoben werden. Die anvisierten Ziele bei diesem Projekt waren die Websites der Mexikanischen Regierung, der Frankfurter Börse und des Pentagon. Diese wurden als Repräsentanten der drei wichtigen Sektoren neoliberaler Herrschaft: Regierung, Militär und Kapital attackiert.

Das Swarm- Projekt wurde durch das EDT im Vorfeld ( über Internet, Printmedien, Radio) angekündigt und Leute dazu aufgefordert, sich entweder an den Aktionen im Netz oder an Aktionen auf der Straße zu beteiligen. An diesem Projekt beteiligten sich Personen von mindestens 1500 Orten in 50 verschiedenen Ländern.

Kurze Zeit nachdem das Swarm aktiviert wurde, gab das EDT bekannt, daß drei Maßnahmen gegen die FloodNet Attacken unternommen wurden. Zum einen erhielt Ricardo Dominguez einen Drohanruf, der ihn dazu aufforderte, die Präsentation des Swarm Projektes zu unterlassen. Des weiteren erhielt Stefan Wray eine Email von der New York University, auf deren Server sich seine Website mit einigen mit den Aktionen des EDT verbundenen Dateien befand. Darin wurde ihm mitgeteilt, daß sich das US-Department of Defense (DOD) mit der Universität in Verbindung gesetzt und sich über diese Website  beschwert hätte. Die dritte Maßnahme erfolgte in Form eines Gegenangriffs des DOD mit einem eigentlich für militärische Zwecke entwickelten Programm. Dieses war ein java applet (hostileapplet), welches die Rechner der Demonstranten außer Gefecht setzte. Dieser Gegenangriff verstieß gegen ein Gesetz, welches verbietet militärische Mittel für innere Angelegenheiten anzuwenden.

Dies war das erste Mal, daß der Versuch unternommen wurde, AktivistInnen aus dem Netz zu verdrängen.

Freigabe des FloodNet Programms

Am ersten Januar 1999 gab das EDT den „Disturbance Developer Kit“, ein Softwarepaket welches virtuelle Sit-ins allgemein zugänglich macht, zu Gunsten der Zapatistas frei. Jetzt hatte jeder die Möglichkeit, dieses Programm für politische Aktionen einzusetzen. Die an die Benutzung geknüpfte Bedingung war, das die Aktionen transparent gestaltet werden sollen.

Zwanzig Minuten nachdem das Programm über das Netz freigegeben wurde, erfolgte damit eine erste Aktion von „Queer Nation“ gegen eine Website mit dem Namen „Gott haßt Schwule“(Frei übersetzt von Verfasserin).

Seit der Veröffentlichung des „Disturbance Developer Kit“ wird es von unterschiedlichen Gruppierungen benutzt und viele neue Versionen entwickelt. So initiierten beispielsweise die Elektrohippies gemeinsam mit dem EDT, virtuelle Sit- in Aktionen gegen die Websites der WTO. Im Rahmen der allgemeinen Proteste gegen die WTO- Ministerkonferenz nahmen tausende Surfer an dieser virtuellen Blockade teil.

Toywar ( http://www.toywar.com )

Im Dezember 1999 begann die bisher bedeutendste und erfolgreichste Kombination von Imageverschmutzung und elektronischem Widerstand. Zur Vorgeschichte: 1998 begann eine Ausseinandersetzung zwischen eToys (einem online Spielwaren-Einzelhändler) und der Gruppe etoy (NetzkünstlerInnen) um die domain name von etoy (www.etoy.com). eToys wollten diesen für sich beanspruchen, da die Websites von etoy, auf die ihre Kunden aus versehen gerieten, für diese verwirrend seien und das Geschäft schädigen würden.Als Versuche von eToys, die domain etoy.com von etoy käuflich zu erwerben fehlschlugen, reichten sie Klage vor Gericht ein. Sie versuchten nun etoy über hohe Prozesskosten und Kriminalisierung auszuschalten. Der Vorwurf lautete auf domain name squatting, obwohl etoy die domain etoy.com schon zwei Jahre vor eToys international registrieren ließ. Gegenstand des Prozesses wurden schließlich Inhalte der KünstlerInnen Website. Die Vorwürfe lauteten beispielsweise auf Markenrechtsverletzungen, Internet- Pornografie und terroristischen Aktivitäten. Diese Vorwürfe bezogen sich auf Projekte von etoy, in denen tatsächliche Phänomene des Netzes wiedergespiegelt wurden.

Die Ausseinandersetzung um die domain name von etoy zeigt den Kampf um die Machverhältnisse zwischen kommerziellen und nicht kommerziellen Interessen im Internet. Hier zeigt sich der Versuch, die Möglichkeiten einer unreglementierten Nutzung des Netzes einzuschränken. Etoy verlassen mit ihrer Website die für KünstlerInnen ausgezeichneten Bereiche und agieren im öffentlichen Raum des Netzes.

Die Klage setzte eine Lawine von Protesten in Gang. AktivistInnen, KünstlerInnen und HackerInnen schlossen sich zu einem Netzwerk zusammen und führten unterschiedliche Kampagnen und Aktionen über mehrere mediale Levels und der Realität der Straße durch.

etoy selbst eröffneten eine eigene Aktions- Plattform (http://www.toywar.com) und ästhetisierten den Protest, in dem sie zu Toywar aufriefen, einem weltumspannenden performativen Kunstprojekt. Das Toywar war wie eine Art interaktives Computerspiel gestaltet, wobei das Ziel sehr reeller Natur war, nämlich den Börsenwert der eToys Aktien auf Null zu drücken.

Auf der Website von etoy wurde ein virtuelles Schlachtfeld eröffnet, auf dem die AgentInnen der Toywar-Community in Form von Spielfiguren zu sehen waren. Auf der Website konnte auch der momentane Stand des „Kampfes“ verfolgt und über Teilnahme durch Kauf, Rekrutierung oder Ableistung bestimmter Aufgaben, sogenannte Toywar-Shares erworben werden. Diese bildeten sozusagen als kulturelle Kapitalaktien ein Gegenstück zu den durch den Börsenwert definierten Kapitalaktien von eToys. Nach der Rückeroberung der domain name gab es eine Siegesparade auf der Website.

Ein Teil des solidarischen Protestes bildeten die NetzaktivistInnengruppe RTMark ( http://www.rtmark.com ) , die auf ihrer Website einen eigenen etoy Fund einrichteten, in dem verschiedene Aktionsmöglichkeiten gegen eToys angeboten wurden. Hier fanden sich auch Informationen zu den Beweggründen, zum Verlauf und zur aktuellen Situation des Protestes.

Für virtuelle Sit-in Aktionen stellten EDT ihr Zapatista FloodNet zur Verfügung. Später kamen noch weitere Programme dazu, die von anderen Gruppen und Personen zur Verfügung gestellt wurden. Insgesamt gab es schließlich sieben oder acht rotierende Mirrorsites, auf denen unterschiedliche Skripte liefen. Eine Software- Maßnahme war beispielsweise ein virtuelles Sit-in, bei dem die eToys Website an zehn vorweihnachtlichen Tagen, jeweils sechs Mal, 15 Minuten lang attackiert wurde. Neben diesen FloodNet Attacken wurde außerdem ein Skript benutzt, welches cookies-basierte Warenkörbe unablässig füllt, ohne jemals einen Einkauf zu tätigen. Der Server wurde dabei dazu gezwungen, bei jeder neuen Anfrage die ganze Liste neu durchzurechnen. Da die Mirrorsites täglich hunderttausend Anfragen produzierten, dauerte die Zeit für das Ausrechnen der Liste immer länger. Zu den Skripts kamen Tools, die auf eigenen Rechnern installiert werden konnten.

Alle diese infrastrukturellen Maßnahmen sollten den eToys Server zur Abarbeitung von unzähligen Routinen zwingen und dadurch dessen Überlastung bewirken.

Eine weitere Taktik bestand darin, die Mailboxen des Managements mit Protest- Emails zuzupflastern oder Informationen über die Firma offenzulegen und zu verteilen und dadurch die Investoren zu verunsichern.

Sämtliche Aktionen sind den Methoden des elektronischen zivilen Ungehorsams zuzuordnen. Es ging dabei um einen symbolischen Angriff auf einer breiten Basis, dessen Ziel es war eine Warnung auszusprechen und nicht, den Server zum Absturz zu bringen. So wurde beispielsweise auf den Einsatz des “Killer-Bullet“ -Skript, welches den eToys Server zum Absturz bringen könnte verzichtet, um die sozialen und ästhetischen Dimensionen des Protestes nicht für einen kurzfristigen Erfolg zu opfern. Wichtig war ein gutes Marketing der Aktionen, da dadurch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Konflikt gelenkt und dieser somit zur Diskussion gestellt wurde.

Der breite Protest zeigte Wirkung. Da eToys nur über eine Internetpräsenz verfügen, berührten die infrastrukturellen Maßnahmen der Protestierenden im Netz den verletzlichsten Punkt der Firma. Die schlechte Presse und die Einflußnahme der Webcommunity in den Investorenforen trugen zusätzlich dazu bei, den Wert der eToys Aktien zum Fallen zu bringen. Anfang 2000 zogen eToys ihre Klage gegen etoy zurück.

               

Ein kurzer Exkurs zu etoy und RTMark:

etoy sind eine in Europa gegründete Gruppe von NetzkünstlerInnen, die sich gleichzeitig als KünstlerInnen- und Aktiengesellschaft ausgeben. Sie treten in der Öffentlichkeit nur unter Pseudonym und in einem vereinheitlichtem Outfit auf. Mit ihrem Erscheinungsbild in der Realwelt und auf der Website enteignen sie die sichtbaren Konzepte des Business und e-commerce und überformen diese ästhetisch. etoy wehren sich gegen die Vereinnahmung des Internet durch kommerzielle NutzerInnen, wobei sich die Kritik auf bestimmte Bereiche und Entwicklungen bezieht. Nach ihrer Ansicht soll das www hauptsächlich der Kommunikation, dem Austausch und als Homebase dienen. Dieser Idee unterwerfen sich auch die Projekte der Gruppe. Das Toywar- Projekt läßt sich leider mittlerweile nicht mehr auf der Website von etoy nachvollziehen, da sich hier nur noch eine kurze Beschreibung des Toywar befindet. Hier zeigt sich das Problem einer angemessenen Speicherung und Archivierung von Netzkunst.

RTMark sind ein in den USA gegründetes AktivistInnenkollektiv, das seinen Widerstand gegen Konzerne und deren Machtansprüche über das Internet organisiert. Die Leute hinter RTMark bleiben anonym. Auch ihre Website ist nach dem Vorbild von Firmen gestaltet (ein wichtiger Bestandteil sind die nach dem Börsenmodell gestalteten Mutual Funds, die als freier Umschlagplatz für subversive Projektideen fungieren). Die Website dient als Kommunikations- und Koordinationsplattform für politisch und künstlerisch motivierte Projekte. Wobei RTMark seine begrenzte Haftbarkeit als juristische Person sozusagen als Schutzschild für alle, die an halblegalen Aktionen teilnehmen wollen benutzt. Über die Website werden außerdem Informationen zu verschiedenen politischen und sozialen Themen veröffentlicht. RTMark selbst bezeichnen sich als eine Art Werbeagentur für anti-corporate Aktivismus. Ihr Hauptanliegen ist eine große Medienresonanz, um das öffentliche Interesse auf die ihnen wichtigen Probleme zu lenken.


Deportation-Class

Die in anderen Ländern schon vielfach umgesetzte Praxis eines kollektiven elektronischen Protestaktes fand am 20. Juni dieses Jahres eine erste Umsetzung in der BRD. Angesichts der unmenschlichen Abschiebepraxis der Bundesregierung (jährlich etwa 30.000-35.000 Menschen), organisierten die Initiativen „Libertad“ und „Kein Mensch ist illegal“ eine virtuelle Sit- in Aktion. Der Protest richtete sich gegen die Websites der Lufthansa AG, die jährlich für etwa 10.000-15.000 Abschiebungen von Flüchtlingen ihre Linienflüge im Auftrag der Bundesregierung zur Verfügung stellt. Bisher starben zwei Menschen während der Abschiebung in Lufthansaflügen, durch die Anwendung von brutalem Zwang.

Seit März diesen Jahres laufen unterschiedliche Kampagnen auf mehreren medialen Levels, die das öffentliche Interesse auf die Thematik lenken und die Lufthansa unter Druck setzen sollen, sich klar gegen die Abschiebungen zu entscheiden. Des weiteren werden Passagiere und Bordpersonal zum Eingreifen aufgefordert.

Während der Aktionärsversammlung in Köln liefen unterschiedliche Aktionen direkt vor Ort, parallel dazu wurde eine virtuelle Blockade der Lufthansa Websites unter Verwendung einer Version des FloodNet Programms durchgeführt. Diese Software war so konzipiert, daß sie erst zum geplanten Zeitpunkt, für eine begrenzte Dauer und nur für die Websites der Lufthansa angewendet werden konnte. Eine Grafik informierte die DemonstrationsteilnehmerInnen über die Häufigkeit der Zugriffe. Das Ziel dieser virtuellen Blockade war nicht ein technisches Knockout des Servers, sondern durch eine massive Beteiligung und Berichterstattung die Kritik an den Abschiebeflügen zu verstärken.

Weltweit beteiligten sich tausende Surfer und 150 Komitees und Organisationen an dieser Blockade, in deren Folge sich der Aufbau der Website zeitweise stark verlangsamte. Aus bestimmten Regionen war die Homepage überhaupt nicht erreichbar, was daran liegen könnte, das die Lufthansa angeblich ganze Knotenpunkte, Regionen und vermutlich auch den IP-Nummernraum des Deutschen Forschungs-Netzes (DFN) vom Zugriff ausgesperrt hatte.

Unabhängig davon, ob der Server der Lufthansa in seiner Leistung beeinträchtigt wurde, war die Blockade nach Ansicht der Organisatoren erfolgreich. Durch die unterschiedlichen Kampagnen in der Realwelt und durch die medienwirksame Blockade- Aktion ist das Geschäft der Lufthansa mit Abschiebungen seit Wochen in den Medien präsent.

Legaler Protest oder Sabotage?

Bisher ist auf juristischer Ebene noch nicht geklärt, ob virtuelle Sit-ins oder andere Formen des Hacktivismus akzeptable und rechtsstaatliche Mittel zur politischen Meinungsäußerung sind. Die Bundesregierung beispielsweise spricht den elektronischen Formen des zivilen Widerstands die Rechtmäßigkeit ab. Die im Artikel 8 Grundgesetz garantierte Versammlungsfreiheit sei nur auf die physische Anwesenheit im realen und nicht im virtuellen Raum zu beziehen.

Vor kurzem wurde vom Europarat der Entwurf für eine Konvention gegen Computer- und Netzkriminalität angenommen, die vielleicht bald als erste internationale Vereinbarung der fast 50 potenziellen Unterzeichnerstaaten gelten könnte. Behandelt werden in dem Dokument hauptsächlich Verstöße gegen das Urheberrecht, der Austausch von Kinderpornografie und die sogenannte Hackerkriminalität.

                   Ein kurzer Exkurs: Die Konvention beinhaltet außerdem eine Ausweitung der polizeilichen Befugnisse im Bezug auf bestehende Datenschutzbestimmungen. Der Vertrag ermächtigt die Strafverfolger beispielsweise zum Abhören der Netzkommunikation in Echtzeit, die Vorratsspeicherung der mitgeschnittenen Verbindungsdaten sowie zur Beschlagnahmung von Computern verdächtiger NutzerInnen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie die Definition von Hackerkriminalität aussehen wird und ob elektronische Formen des zivilen Widerstandes dazu gerechnet werden. Die momentane Definition von Cyberterrorismus macht sich noch an der Anonymität der Personen und der Geheimhaltung der verwendeten Codes fest. Die Aktionen des elektronischen zivilen Widerstandes hingegen sind transparent und symbolisch.

In den USA bemühen sich Pentagon, NSA, CIA und andere an einer Kontrolle des Cyberspace interessierte amerikanische Strategen schon seit Jahren darum, jeden kleinsten Vorfall als cyberterroristischen Anschlag zu klassifizieren, um mehr Gelder und eine juristische Legitimation zu erhalten. Die unkontrollierte Nutzung des Cyberspace soll durch „eine strukturelle Macht, die abstrakte Ordnungen, z.B. juristische in das www überträgt“(Richard, in: http://www.uni-frankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/frankfurt/etoy31.htm) verhindert werden. Es entwickeln sich „neue ökonomisch motivierte Mechanismen der Ausgrenzung“ ( Richard in: s.o.) . In diesem Sinne sind auch die Maßnahmen gegen die im Netz agierenden unterschiedlichen AktivistInnen- und KünstlerInnengruppen zu betrachten.

Die für Juni in Barcelona geplante Konferenz der Weltbank wurde wegen erwarteter Proteste von GlobalisierungsgegnerInnen ins Internet verlegt. Der finanzielle und organisatorische Aufwand für die Sicherheitsvorkehrungen gegen den breiten Widerstand und die offensichtliche staatliche Gewaltanwendung bei bisherigen Protesten, scheinen diesen Schritt notwendig zu machen.

Was passiert nun, wenn verstärkt Protestformen auch im Internet zum Ausdruck kommen und immer mehr oppositionelle Gruppen vom virtuellen Raum des Cyberspace Besitz ergreifen?

Es ist anzunehmen, daß in Zukunft von Seiten der staatlichen oder privaten Institutionen verstärkt versucht wird, elektronische Protestaktionen mittels Kriminalisierung auszuhebeln und soziale und politische Probleme dadurch auf eine Frage der inneren Sicherheit zu reduzieren.


Quellenangabe:

Literatur:

· Nettime (Hrsg.): Netzkritik, Materialien zur Internet- Debatte, Berlin 1997

· Rötzer, Florian: Megamaschine Wissen, Vision: Überleben im Netz, Frankfurt/Main 1999

· Richard, Birgit, in: Kunstforum International, Bd 153, 2001



URL ( zuletzt überprüft am 01.07.2001 ):

· O.V. in: http://www.thehacktivist.com

· O.V. in: http://www.etoy.com

· O.V. in: http://www.thing.net/%7Erdom/ecd/ecd.html

· O.V. in: http://www.rtmark.com

· O.V. in: http://www.go.to/online-demo

· O.V. in: http://www.2310.net/index.php3?sub=netzguerilla

· O.V. in: http://www.nadir.org

· O.V. in: http://de.indymedia.org

· MCGirk, Tim: Wired for Warfare, in:

· http://www.time.com/time/magazine/articles/0,3266,32558,00.html

· Oxblood Ruffin, in: o.V. , Electronic Civil Disobedience, in: http://thehacktivist.com/ecd.html

· Richard, Birgit: Am Anfang war das Wort: Domain wars! Zur Gewalt des Eigennamens in virtuellen Welten, in:

  http://www.uni-frankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/frankfurt/etoy31.htm

· Ziemer, Jürgen: Entdecke die Möglichkeiten! Das Internet nach dem Gipfel von Seattle: Ein Netz des Widerstands, in:

http://www.frankfurter-rundschau.de/fr/231/t231013.htm



Artikel aus der Telepolis http://www.heise.de/tp:

· Bendrath, Ralf: Multimedial und auf der Strasse gegen George W. Bush, 23.01.2001

· Grether, Reinhold: Wie die Etoy- Kampagne geführt wurde, 09.02.2000

· Grether, Reinhold: Plattform für Online- Demonstrationen, 26.06.2000

· Grether, Reinhold: Durchbruch zum Weltcode, 29.04.2000

· Klarmann, Michael: Legitimer Protest oder Cyberterror?, 13.06.2001

· Klarmann, Michael: Kein digitaler Sturzflug des Kranich?, 20.06.2001

· Krempl, Stefan: Widerstand aus dem Cyberspace, 30.03.1999

· Krempl, Stefan: Die Zukunft des zivilen elektronischen Widerstands, 18.02.2000

· Krempl, Stefan: Cybercrime- Abkommen passiert eine der letzten Hürden, 23.06.2001

· Krempl, Stefan: Justizministerium verneint Recht zur Online- Demo, 18.06.2001

· Lang, Miriam: Online- Widerstand, Wireless Communities und die Macht von Diskursen, 16.06.2001

· Medosch, Armin: Hacktivismus, 08.12.1999

· Medosch, Armin: Proteste in Seattle, London und im Internet, 01.12.1999

· Medosch, Armin: Toywar II, 31.01.2001

· Rötzer, Florian: Weltbank verlegt Treffen ins Internet, 20.06.2001

· Rötzer, Florian: Die „Electrohippies“ kommen, 28.11.99

· Rötzer, Florian: DoS-Aktion der Electrohippies gegen Gentechnik, 02.04.2000

· Wray, Stefan: Die Umwandlung des Widerstands der Maschinenstürmer in einen virtuellen Widerstand, 05.05.1998