Ausarbeitung zum Referat vom 23.5.2001

Im Fachwissenschaftlichen Seminar II, SS 2001:

Net: Art/Activism

Geniekult vs. Kollektiv

Bei Prof. Dr. Birgit Richard

 

Zum Begriff des Genies

Über eine Sammlung von Ideen willkürlich ausgewählter Geisteswissenschaftler

Von Jakob Krebs

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Um sich die Beziehungen zwischen anscheinend antiquierten Geniekulten und sich entwickelnder Kollektivströmungen zu vergegenwärtigen, werden im Folgenden willkürlich ausgewählte Passagen aus bekannten Schriften europäischer „Geistesgeschichte“ vorgestellt und kommentiert. Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, das die Zitate hier exemplarisch aus ihrem jeweiligen Kontext gelöst wurden, also mehr oder weniger geordneten gedanklichen Systemen verschiedener Zeiten entstammen. Da ich mich nicht in der Lage fühle auch nur annähernd die Entwicklung des Geniebegriffs über verschiedene geistige Strömungen und geisteswissenschaftlicher Disziplinen hinweg adäquat zu erklären, bitte ich die angeführten Beispiele möglicher Ideen mit Vorsicht zu genießen. Diese Sammlung zeigt lediglich ein Spektrum an geistesgeschichtlich relevanten Vorstellungen, die bedingt durch das jeweilige kulturelle Umfeld des Autors ihren Platz in deren Weltanschauungssystemen haben. Wie das Brainstorming zu Beginn des Referats zeigte, löst der Begriff des Genies heute selbst ein ganzes Spektrum möglicher Verständnissweisen und Assoziationen aus.

 

Auch das mir zur Verfügung stehende Lexikon drückt sich um eine einfache und umfassende Definition, es beschreibt den Begriff Genie als: „In Deutschland seit dem 18. Jh. Bezeichnung für höchste schöpferisch-geistige Begabung [im Unterschied zum Talent: überdurchschnittliche Begabung für bestimmte geistige oder motorische Fähigkeiten]. Das künstlerische Genie als Ausnahmemensch wurde seit Shaftesbury und Kant Gegenstand des Interesses; In der Geniezeit, dem Sturm und Drang, zum Ideal und zur gesetzgebenden Norm erhoben und von Klassik und Romantik als der vollendete Mensch verstanden; Bei Schopenhauer und Nietzsche endlich galt die Hervorbringung von Genie als Sinn der Menschheitsgeschichte überhaupt. Früh schon wurde die häufige Verbindung von Genialität und psychopathologischen Zügen beobachtet.“[1] Etymologisch wird das französische Wort Genie vom lateinischen „Genius“ abgeleitet, worin in der römischen Mythologie wohl ursprünglich die vergöttlichte männliche Zeugungskraft personifiziert wurde. Spätestens unter platonischem Einfluss weitete sich die Bedeutung auf den jedem Menschen innewohnenden unsichtbaren Schutzgeist aus, wobei dann auch Kollektive und Orte (genius loci) als Träger eines Genius verstanden werden konnten. Als Symbolfigur in Verbindung mit verschiedenen Eigenschaften, Werten und Personen findet der Genius seit der Antike, vor allem aber in der Renaissance in der bildenden Kunst häufig Verwendung.[2]

 

Die Geniezeit von Sturm und Drang erhält diese kulturgeschichtliche Bezeichnung durch F. M. von Klingers gleichnamiges Drama, das im Jahre 1776 eigentlich mit „Der Wirrwarr” betitelt charakteristisch für die zeitgenössischen Bewegungen der Geistesgeschichte angesehen wird. Ihre Verfechter forderten  „in Abwehr des Rationalismus der Aufklärung die uneingeschränkte Entfaltung des schöpferisch-genialen Individuums aus ursprünglicher Gefühlskraft”[3] Dies steigerte sich zum Protest zu „leidenschaftlichem Überschwang und Ablehnung aller Regel- und Zwangsgebundenheit”[4] einer jugendlichen Generation. Es galt die intuitiven, insbesondere die dichterischen Anlagen durch die urkräftige Natur zum „Kraftgenie” freisetzen zu lassen. Interessanterweise trat Klinger, der ein Jugendfreund Goethes war, vier Jahre nach jenem bezeichnenden Drama als Offizier in die russische Armee ein.

 

Das Genie im kantischen, rational ästhetischen Sinne ist ausführlich in der 1790 beendeten Kritik der Urteilskraft als ein „Talent (Naturgabe)”[5] beschrieben: „Genie ist die angeborene Gemütslage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.”[6] Kant bezieht sich dabei auf seinen vorher ausdifferenzierten Begriff der „schönen Kunst”[7], unterschieden vom „Handwerk”[8] und der „angenehmen Kunst”[9], die eben nur durch die Genialität des Schöpfenden ihren originalen, exemplarische Charakter erhält. Das Genie an sich ist dabei als „Günstling der Natur”[10] zu verstehen, in dessen Kopf sich, ohne dass es wüsste auf welche Weise, „Ideen ... hervor und zusammenfinden”[11]. Die besondere Fähigkeit des natürlichen Schaffens neuer regelmäßiger Schönheit ohne eine Regel angeben zu können, bedeutet für „das belebende Prinzip im Gemüte (den Geist im ästhetischen Sinne), das Moment der Bewegung dieser Belebung: „Dasjenige aber, wodurch dieses Prinzip die Seele belebt, der Stoff, den es dazu anwendet, ist das, was die Gemütskräfte zweckmäßig in Schwung versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches sich von selbst erhält und selbst die Kräfte dazu stärkt. [...] das Vermögen der Darstellung ästhetischer Ideen”[12]. Was das Genie aus der Natur ableitet ist selbst genial dadurch, dass es im Geist des Rezipienten etwas in Bewegung bringt, er sich vom eigentlich stofflich Vorhandenen ablöst und sich auf ideeller bzw. begrifflicher Ebene verselbständigt und sich potentiell „auf unbegrenzte Art ästhetisch erweitert”[13]. Das Genie ist durch seine durch Naturgewalt erzwungene schöpferisch-synthetische Funktion das Gegenteil zum Philosophierenden, der durch die ihm zur Verfügung stehenden geistigen Werkzeuge die Wirklichkeit untersucht, aufteilt und kategorisiert. 

 

Für mich ergibt sich dadurch die Vorstellung von Genies als natürlicherweise „findefähigen” Wesen, die nicht durch rationales Kalkül, sondern eher intuitiv und inspiriert Ausdrucksformen entwickeln, die den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten gemäß in diesem oder jenem Kopf Bewegung zu verursachen vermögen. Dabei bin ich mir nicht sicher wie weit der kantische Ansatz übertragbar und erweiterbar ist. Es ist hier die Rede vom Hervorbringen schöner Kunst; was hätte Kant also zu den Entwicklungen der Moderne zu sagen? Für mich scheint es eher auf die Verfassung, die Gemütslage des Rezipienten anzukommen: Ist dieser überhaupt bereit Bewegung in seinem Geist zuzulassen, worauf will oder kann er sich einlassen? Gerade hinsichtlich des mittlerweile recht umfassenden Spektrums der aktuellen Kunst.  Kant ist außerdem ausdrücklich auf das intellektuelle, das vernunftbezogene Vermögen ausgerichtet, welches möglicherweise den dominant-prägenden aufklärerische Ansatz für die europäische Geistesgeschichte darstellt. Zu Ergründen wäre, ob sich der bewegungswillige Geist nicht von Beliebigem anregen lassen kann, und ob die genialen Fähigkeiten nicht nur für die „verhärteten Brocken” von Nöten sind - dann wäre das Geniale kulturabhängig, so wie bei Umberto Eco zu finden ist: „Aber es steht nun einmal fest, dass, wenn diese Erde ein [...] Genie hervorbringt, die Menschheit lange braucht, bis sie es merkt, und dass sein Werk eine ganze Reihe von Jahren gelesen und verdaut werden muss, ehe man seiner Größe gewahr wird.”[14]

 

Für Hegel besteht die Fähigkeit des Genies weiter darin, die schöne Kunst in der Religion als Ausdruck der „erhabenen Göttlichkeit”[15] auf gleicher Stufe mit der Philosophie zu halten: Beide gewährleisten „die Reinigung des Geistes von der Unfreiheit”[16]. Hervorgehoben wird hierbei die „fremde Gewalt”[17], die es ermöglicht, dass der „Ausdruck des Gottes”[18] durch das Genie trotz seiner mechanischen Ausarbeitung ohne ein „Zeichen von subjektiver Besonderheit”[19] den Unbefähigten zugänglich gemacht wird; „das Anschauen und Bewusstsein des freien Geistes ist gewährt und erreicht”[20]. In Hegels Philosophie bedeutet dies allerdings „nur eine Befreiungsstufe [, aufgrund der immer noch mangelnden wahrhaften Objektivität,] welche nur im Elemente des Gedankens ist, dem Elemente, in welchem allein der reine Geist für den Geist, die Befreiung zugleich mit der Ehrfurcht ist, mangelt”[21]. Den Produkten des Genies als schöne Kunst ist diese Objektivität durch ihren sinnlich-schönen Charakter verstellt.

 

Ist es bei Kant lediglich die Bewegung im Erkenntnisapparat des Individuums, die das Genie auf seine besondere Art hervorzubringen vermag, so besteht geniales Vermögen für Hegel in der Annäherung der subjektiven Anschauung an die Erkenntnis „des als das Absolute gewussten Wesens”[22], an die Einsicht, dass die „Momente der Wirklichkeit eines Volkes eine systematische Totalität ausmachen und ein Geist sie erschafft und einbildet”[23]

 

Der Geniebegriff bei Schiller scheint sich weitgehend mit dem kantischen zu decken, diesen aber in Bezug auf die Wertigkeit zu übersteigen. Besonderen Wert wird auf die notwendige Naivität oder Simplizität des genial Veranlagten gelegt. Unterschieden wird außerdem das naive vom sentimentalen Genie: Geniale Naivität zeigt sich demnach in der fruchtbaren Verarbeitung von Vorgefundenem, ohne der „Regeln, den Krücken der Schwachheit”[24], zu bedürfen. So bleibt sich das Genie immer selbst Geheimnis, es ist deswegen „bescheiden, ja blöde”[25], geleitet wird es von seinem Instinkt, von Schiller hier als schützender Engel[26] bezeichnet. Statt der bekannten Prinzipien verwendet es zur Lösung verwickeltester Problematiken mit Leichtigkeit nur eigene Einfälle und Gefühle: „...seine Einfälle sind Eingebungen eines Gottes (alles, was die gesunde Natur tut, ist göttlich), seine Gefühle sind Gesetze für alle Zeiten und für alle Geschlechter der Menschen”[27]. Schiller bezieht sich bei diesen Ausführungen in erster Linie auf die Dichtung, immer wieder finden sich aber hinweise auf die analoge Verwendung in anderen Bereichen, wie das von ihm angeführte Beispiel des Ei des Kolumbus: Genial war dessen Lösung durch die direkte Einfachheit, mit der er einen gewünschten Effekt erzielen konnte.[28] Das gleiche Beispiel verwendet Kant zur Klärung des Gegenteils: Wer von der Lösung des Problems unterrichtet wird und sie anwendet darf nun nicht mehr als genial gelten, er ist zum Nachahmer von schon Entdecktem geworden.[29] 

 

 Ist das Genie bei Kant und Schiller durch Gott, bzw. durch die (gesunde) Natur außerordentlich begabt, so scheint es bei Schopenhauer durch eine graduell zu unterscheidende Fähigkeit der Anschauung der Welt begründet zu sein[30]: Die Besonderheit des Genies liegt in der „Art, wie sich die Welt in seinem Kopfe darstellt“[31]. Zwar können demnach gleiche Gegenstände in unterschiedlichen Köpfen behandelt werden, die Welt des Genies ist „aber viel klarer, gleichsam tiefer herausgearbeitet“[32] als beim „Stumpfkopf“[33], worin die spezielle Qualität als genial bezeichneter Werke begründet ist. Schopenhauer betont hierbei die wesentliche Intuitivität in Bezug auf Weisheit, wodurch das Genie dem abstrakt zu denken Versuchenden gegenüber bevorteilt ist. Er betont das abnorme Übermaß des Intellekts, was in seiner Weltanschauungsphilosophie mit einem Mangel an Willen einhergeht[34], dem zu dienen der Intellekt eigentlich eingesetzt ist.[35] Wie schon im Lexikonartikel angedeutet entwickelt Schopenhauer hierbei die Vorstellung eines Prozesses, bei dem sich der Intellekt vom Willen ablöst, um so „völlig frei [...zur...] vollkommenen Objektivation“[36] zu gelangen. Das Genie ist in diesem Zusammenhang die höchste Stufe des „immer weitern Auseinandertretens des Willens und des Intellekts“, was Schopenhauer in der Reihe aller Wesen zu erkennen glaubte.

 

Nietzsche nennt „intellektuale Reizbarkeit“[37] das geniebegünstigende Umfeld, und postuliert das Leben als Genie sei „idealer Ausdruck der Gattung Mensch“[38]. Er unterscheidet das behende und verwegen am Abgrund entlang Springen des Genies vom sorfältigen und furchtsamen Abmessen der Schritte,[39] die Risikobereitschaft etwas ohne vorsichtige Planung zu wagen von der einfachen, bequemen und ungefährlichen Lebensart.

 

Mit einem letzten großen Sprung möchte ich zum Abschluss noch einen Vertreter der Kunstpädagogik mit einer Stellungnahme zu unserem eigentlichen Themengebiet anführen. Das Zitat entnahm ich einer Rede, die vor dem Kunstpädagogischen Kongreß in Fulda 1949 als Reformierungsvorschlag der ideologisch nicht mehr haltbaren Kunstpädagogik der Nationalsozialisten gehalten wurde.

„Kind und Kunst sind von Alters her verwandte Wörter. Dazu gehören Genius, Kennen und Können. Die gemeinsame Wurzel meint: Zeugung. In diesem Sinne die Erziehung überhaupt zu beleben, war das Anliegen einer ausführlichen Eingabe, die der Kongress an die Kultusministerien der deutschen Länder richtete.“[40]

           

 

 



[1]Das große Fischer Lexikon, FTB Frankfurt: 1977, EA: Lexikograph. Inst. München: 1975, S. 2142, 5875,

[2]vgl.: Richter, Gert: Lexikon der Mythologie, Seehamer Verl.: 1998, EA: Bertelsmann Lexikon Verl., München: Ersch. Jahr k. A., S. 109

[3]Das grosse Fischer Lexikon, S. 5801

[4]ebd.

[5]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, §§ 43-50, in: Werke, Bd. 5, Darmstadt                         41975, S. 405, 406

[6]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 405-406

Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt. Da das Talent, als angebornes produktives Vermögen des Künstlers, selbst zur Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: Genie ist die angeborne Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.

[Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 253. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 25969 (vgl. Kant-W Bd. 10, S. 241-242)]

[7]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 403 ff

[8]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 402

[9]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 403-404

[10]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 408

Daß es, wie es sein Produkt zu Stande bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich anzeigen könne, sondern daß es als Natur die Regel gebe; und daher der Urheber eines Produkts, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht weiß, wie sich in ihm die Ideen dazu herbei finden, auch es nicht in seiner Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken, und anderen in solchen Vorschriften mitzuteilen, die sie in Stand setzen, gleichmäßige Produkte hervorzubringen. (Daher denn auch vermutlich das Wort Genie von genius, dem eigentümlichen einem Menschen bei der Geburt mitgegebenen schützenden und leitenden Geist, von dessen Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.)

[Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 255. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 25971 (vgl. Kant-W Bd. 10, S. 242-243)]

Im Wissenschaftlichen also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge nur dem Grade nach, dagegen von dem, welchen die Natur für die schöne Kunst begabt hat, spezifisch unterschieden. Indes liegt hierin keine Herabsetzung jener großen Männer, denen das menschliche Geschlecht so viel zu verdanken hat, gegen die Günstlinge der Naturin Ansehung ihres Talents für die schöne Kunst. Eben darin, daß jener Talent zur immer fortschreitenden größeren Vollkommenheit der Erkenntnisse und alles Nutzens, der davon abhängig ist, imgleichen zur Belehrung anderer in eben denselben Kenntnissen gemacht ist, besteht ein großer Vorzug derselben vor denen, welche die Ehre verdienen, Genies zu heißen: weil für diese die Kunst irgendwo still steht, indem ihr eine Grenze gesetzt ist, über die sie nicht weiter gehen kann, die vermutlich auch schon seit lange her

erreicht ist und nicht mehr erweitert werden kann; und überdem eine solcheGeschicklichkeit sich auch nicht mitteilen läßt, sondern jedem unmittelbar von der Hand der Natur erteilt sein will, mit ihm also stirbt, bis die Natur einmal einen andern wiederum eben so begabt, der nichts weiter als eines Beispiels bedarf, um das Talent, dessen er sich bewußt ist, auf ähnliche Art wirken zu lassen.

 [Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 257f. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 25973f (vgl. Kant-W Bd. 10, S. 244)]

[11]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 408

[12]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 413

[13]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, S. 415

[14]Eco, Umberto: Wie man eine Wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt, Heidelberg   2000, EA: Mailand 1977, S. 23

[15]Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften, in: Werke. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu edierte Ausgabe. Redaktion Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1979 (Theorie-Werkausgabe). EA: 1817, § 560 ff, S. 369 ff

[16]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  562, S. 371                     

[17]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  560, S. 369

[18]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  560, S. 369                      

[19]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  560, S. 369                      

[20]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  562, S. 371

Bedingung, sie macht dieses ganz nur zum Ausdruck desselben; es ist die innere Form, die nur sich selbst äußert. - Damit hängt die weitere, höhere Betrachtung zusammen, daß das Eintreten der Kunst den Untergang einer an sinnliche Äußerlichkeit noch gebundenen Religion anzeigt. Zugleich, indem sie der Religion die höchste Verklärung, Ausdruck und Glanz zu geben scheint, hat sie die-selbe über ihre Beschränktheit hinausgehoben. Das

Genie des Künstlers und der Zuschauer ist in der erhabenen Göttlichkeit, deren Ausdruck vom Kunstwerk erreicht ist, mit dem eigenen Sinne und Empfindung einheimisch, befriedigt und befreit; das Anschauen und Bewußtsein des freien Geistes ist gewährt und erreicht. Die schöne Kunst hat von ihrer Seite dasselbe geleistet, was die Philosophie, - die Reinigung des Geistes von der Unfreiheit.

[Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, S. 896. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 42137 (vgl. Hegel-W Bd. 10, S. 371-372)]

[21]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  562, S. 372

[22]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  562, S. 370

[23]Hegel, Georg W. F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, EA: 1817, §  562, S. 370

Daß alle diese Momente der Wirklichkeit eines Volkes eine systematische Totalität ausmachen und ein Geist sie erschafft und einbildet, diese Einsicht liegt der weiteren zum Grunde, daß die Geschichte der Religionen mit der Weltgeschichte zusammenfällt. Über den engen Zusammenhang der Kunst mit den Religionen ist die nähere Bemerkung zu machen, daß die schöne Kunst nur denjenigen Religionen angehören kann, in welchen die konkrete in sich frei gewordene, noch nicht aber absolute Geistigkeit Prinzip ist. In den Religionen, in welchen die Idee noch nicht in ihrer freien Bestimmtheit offenbar geworden und gewußt wird, tut sich wohl das Bedürfnis der Kunst hervor, um in Anschauung und Phantasie die Vorstellung des Wesens zum Bewußtsein zu bringen, ja die Kunst ist sogar das einzige Organ, in welchem der abstrakte, in sich unklare, aus natürlichen und geistigen Elementen verworrene Inhalt sich zum Bewußtsein zu bringen streben kann. Aber diese Kunst ist mangelhaft; weil sie einen so mangelhaften Gehalt hat, ist es auch die Form; denn jener ist es dadurch, daß er die Form nicht immanent in ihm selbst hat.

[Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, S. 895. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 42136 (vgl. Hegel-W Bd. 10, S. 370-371)]

[24]Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung, in: Sämtliche Werke, Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert in Verbindung mit Herbert Stubenrauch, 3. Auflage, München: Carl Hanser, 1962, EA: 1795, S. 704

Naiv muß jedes wahre Genie sein, oder es ist kei-nes. Seine Naivetät allein macht es zum Genie, und was es im Intellektuellen und Ästhetischen ist, kann es im Moralischen nicht verleugnen. Unbekannt mit den Regeln, den Krücken der Schwachheit und den Zuchtmeistern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Instinkt, seinem schützenden Engel, geleitet, geht es ruhig und sicher durch alle Schlingen des falschen Geschmackes, in welchen, wenn es nicht so klug ist, sie schon von weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verstrickt wird. Nur dem Genie ist es gegeben, außerhalb des Bekannten noch immer zu Hause zu sein und die Natur zu erweitern,...

[Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung, S. 16. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 44942 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 704)]

Das naive Dichtergenie bedarf also eines Beistandes von außen, da das sentimentalische sich aus sich selbst nährt und reinigt; es muß eine formreiche Natur, eine dichterische Welt, eine naive Menschheit um sich her erblicken, da es schon in der Sinnenempfindung sein Werk zu vollenden hat. Fehlt ihm nun dieser Beistand von außen, sieht es sich von einem geistlosen Stoff umgeben, so kann nur zweierlei geschehen. Es tritt entweder, wenn die Gattung bei ihm überwiegend ist, aus seiner Art und wird sentimentalisch, um nur dichterisch zu sein, oder, wenn der Artcharakter die Obermacht behält, es tritt aus seiner Gattung und wird gemeine Natur, um nur Natur zu bleiben.

[Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung, S. 94. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 45020 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 754)]

[25]Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung, EA: 1795, S. 705

[26]Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung, EA: 1795, S. 704

[27]Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung, EA: 1795, S. 704

[28]Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung, EA: 1795, S. 704

[29]Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft § 41, Fußnote, S. 237

[30] Die überwiegende Fähigkeit zu der in den beiden vor-hergegangenen Kapiteln geschilderten Erkenntnissweise, aus welcher alle ächten Werke der Künste, der Poesie und selbst der Philosophie entspringen, ist es eigentlich, die man mit dem Namen des Genies bezeichnet. Da dieselbe demnach zu ihrem Gegenstande die (Platonischen) Ideen hat, diese aber nicht in abstracto, sondern nur anschaulich aufgefaßt werden; so muß das Wesen des Genies in der Vollkommenheit und Energie der anschauenden Erkenntniß liegen. Dem entsprechend hören wir als Werke des Genies am entschiedensten solche bezeichnen, welche unmittelbar von der Anschauung ausgehn und an die An-

schauung sich wenden, also die der bildenden Künste,und nächstdem die der Poesie, welche ihre Anschauungen durch die Phantasie vermittelt. - Auch macht sich schon hier die Verschiedenheit des Genies vom bloßen Talent bemerkbar, als welches ein Vorzug ist, der mehr in der größern Gewandtheit und Schärfe der diskursiven, als der intuitiven Erkenntniß liegt. Der damit Begabte denkt rascher und richtiger als die Uebrigen; das Genie hingegen schaut eine andere Welt an, als sie Alle, wiewohl nur indem es in dieauch ihnen vorliegende tiefer hineinschaut, weil sie in seinem Kopfe sich objektiver, mithin reiner und deutlicher darstellt.

 [Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1826. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 64874 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 4, S. 445-446)]

[31] Die eigentliche Weisheit ist etwas Intuitives, nicht etwas Abstraktes. Sie besteht nicht in Sätzen und Gedanken, die Einer als Resultate fremder oder eigener Forschung im Kopfe fertig herumtrüge: sondern sie ist die ganze Art, wie sich die Welt in seinem Kopfe darstellt. Diese ist so höchst verschieden, daß dadurch der Weise in einer andern Welt lebt, als der Thor, und das Genie eine andere Welt sieht, als der Stumpfkopf. Daß die Werke des Genies die aller Andern himmelweit übertreffen, kommt bloß daher, daß die Welt, die es sieht und der es seine Aussagen entnimmt, so viel klarer, gleichsam tiefer herausgearbeitet ist, als die in den Köpfen der Andern, welche freilich die selben Gegenstände enthält, aber zu jener sich verhält, wie ein Chinesisches Bild, ohne Schatten und Perspektive, zum vollendeten Ölgemälde. Der Stoff ist in allen Köpfen der selbe; aber in der Vollkommenheit der Form, die er in jedem annimmt, liegt der Unterschied, auf welchem die so vielfache Abstufung der Intelligenzen zuletzt beruht: dieser ist also schon in der Wurzel, in der anschauenden Auffassung, vorhanden und entsteht nicht erst im Abstrakten.

Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1245. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 64293 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 3, S. 90)

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] wenn der Normalmensch aus 2/3 Wille und 1/3 Intellekt besteht; so hat hingegen das Genie 2/3 Intel-

lekt und 1/3 Wille.

 [Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1828. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 64876 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 4, S. 447)]

[35] Als ein solches Sinnbild des Bewußtseyns können wir auch die Pflanze betrachten. Diese hat bekanntlich zwei Pole, Wurzel und Krone: jene ins Finstere, Feuchte, Kalte, diese ins Helle, Trockene, Warme strebend, sodann, als den Indifferenzpunkt beider Pole, da wo sie auseinandertreten, hart am Boden, den Wurzelstock (rhizoma, le collet).Die Wurzel ist das Wesentliche, Ursprüngliche, Perennirende, dessen Absterben das der Krone nach sich zieht, ist also das Primäre; die Krone hingegen ist das Ostensible, aber Entsprossene und, ohne daß die Wurzel stirbt, Vergehende, also das Sekundäre. Die Wurzel stellt den Willen, die Krone den Intellekt vor, und der Indifferenzpunkt Beider, der Wurzelstock, wäre das Ich, welches, als gemeinschaftlicher Endpunkt, Beiden angehört. Dieses Ich ist das pro tempore identische Subjekt des Erkennens und Wollens, dessen Identität ich schon in meiner allerersten Abhandlung (Ueber den Satz vom Grunde) und in meinem ersten philosophischen Erstaunen, das Wunder kat' exochên genannt habe. Es ist der zeitliche Anfangs- und Anknüpfungspunkt der gesammten Erscheinung, d.h. der Objektivation des Willens: es be-

dingt zwar die Erscheinung, aber ist auch durch sie bedingt. [...] Ein Genie von phlegmatischem Charakter und schwachen Leidenschaften würde den Saftpflanzen, die bei ansehnlicher, aus dicken Blättern bestehender Krone, sehr kleine Wurzeln haben, gleichen; wird jedoch nicht gefunden werden.

 [Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1488. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 64536 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 3, S. 236)]

[36] Die hier dargelegten Betrachtungen über das Genie schließen sich ergänzend an die im 22. Kapitel enthaltene Darstellung des in der ganzen Reihe der Wesen wahrnehmbaren, immer weitern Auseinandertretens des Willens und des Intellekts. Dieses eben erreicht im Genie seinen höchsten Grad, als wo es bis zur völligen Ablösung des Intellekts von seiner Wurzel, demWillen, geht, so daß der Intellekt hier völlig frei wird, wodurch allererst die Welt als Vorstellung zur vollkommenen Objektivation gelangt.

 [Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1839. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 64887 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 4, S. 453)]

[37] Europa ist ein Kranker, der seiner Unheilbarkeit und ewigen Verwandlung seines Leidens den höchsten Dank schuldig ist: diese beständigen neuen Lagen, diese ebenso beständigen neuen Gefahren, Schmerzen und Auskunftsmittel haben zuletzt eine intellektuale Reizbarkeit erzeugt,

welche beinahe so viel als Genie, und jedenfalls die Mutter alles Genies ist.

[Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, S. 85. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 67327 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 58)]

[38] Wollte aber gar jemand sich die Forderung Stellen: lebe als Genie, das heißt eben als idealer Ausdruck der Gattung Mensch,...

[Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 57. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 66780 (vgl. Nietzsche-W Bd. 1, S. 168)]

[39]  Der geniale Autor verrät sich aber nicht nur in der Schlichtheit und Bestimmtheit des Ausdruckes: seine übergroße Kraft spielt mit dem Stoffe, selbst wenn er gefährlich und schwierig ist. Niemand geht mit steifem Schritte auf unbekanntem und von tausend Abgründen unterbrochenem Wege; aber das Genie läuft behend und mit verwegenen oder zierlichen Sprüngen auf einem solchen Pfade und verhöhnt das sorgfältige und furchtsame Abmessen der Schritte.

[Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 91. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 66814 (vgl. Nietzsche-W Bd. 1, S. 187)]

[40] Maack, Rudolf: Zum Kunstpädagogischen Kongreß in Fulda 1949, in: Die Welt vom 9.12.1949