30.06.2002 Der Briefwechsel im Überblick:
Lieber Herr Häußling,

jetzt, mit etwas mehr Ruhe, konnte ich Ihren Vortrag "Religionskonflikte: Defizit oder Vorteil?" lesen und mich vergewissern, worüber wir auf der Tagung gesprochen haben.
Ich beginne mit dem Gedanken der "Archäologie der Herkunftskompetenzen". Es mag Zufall sein oder auch nicht: ich habe vor einigen Monaten begonnen, ein Seminar zu planen für die Studienanfänger für Grundschulpädagogik. Sie werden im nächsten Wintersemester - ich rechne mit 400 Studenten - den Auftrag bekommen, von Kindern im Vorschulalter sich sagen und zeigen zu lassen, was sie können. Wir werden induktiv vorgehen, also von den Vermutungen der Studenten ausgehen, sie mit dem konfrontieren, was ihnen die Kinder sagen und zeigen und wieder hinausschicken, um sich neu etwas sagen und zeigen zu lassen und so fort.
Mein Motiv zu dieser Veranstaltung bestand in einem Gefühl, etwas gegen die frühzeitige Einbindung von Studenten, die Grundschullehrer werden wollen, in das Konzept der notwendigen Abrichtung von Kindern zu unternehmen. Ich werde sicher zu tun bekommen mit dem Hang und dem Wunsch, Kindern Natürlichkeit zuzusprechen. Das fürchte ich aber nicht, weil ich es in unserer Kultur als eine fast notwendige Voraussetzung für die Bereitschaft ansehe, sich mit Kindern beschäftigen zu wollen. Schwieriger wird es wohl, die Studenten auf Kompetenzen aufmerksam zu machen, die nicht schulisch sind bzw. auf jene Kompetenzen, die erfahrbaren Handlungen unterliegen. Ich werde immer wieder fragen, was die Kinder können mussten, um die Handlungen zeigen zu können, die sie zeigen. Wenn es gelingt, wenn also die Studenten erkennen, dass es auch um ihre Kompetenzen geht, dann kann ein Buch daraus werden.

Aus dem anderen Seminar "Kann man Lernen beobachten?", an dem Sie kurz als Gast teilnahmen, konnte ich 10 Studenten gewinnen, die zu Beginn des Wintersemesters für die neu hinzukommenden Studenten eine vierstündige Einführung machen werden. Ich habe dies in dem Sommersemester in der Weise geplant, dass ich versucht habe, diesen Zehn deutlicher zu machen, worüber sie gesprochen hatten. Das Studenten ohne Gegenleistung ein Seminar vorbereiten und mit durchführen, habe ich zuvor noch nicht erlebt. Ich erwähne es, weil ich von hier aus auch meine Zweifel an der Methode der Tagung in Friedrichsdorf formulieren kann. Die Studenten waren als Forschende ernst genommen worden und nicht als Träger von Meinungen.

Einige Anmerkungen nun zu Ihrem Vortrag.
Er hat, wenn ich es recht sehe, zwei Teile: einen retrospektiven und einen prospektiven. Retrospektiv insofern als die Einheit vorgegeben ist. Es gibt den Stirling-Motor, die Neurosentheorie, die Einheit "faires Glücksspiel" oder die Einheit "Abendmahl". Ihr Schema verfolgt nun, wie sich diese Einheit aus empirisch-analytischem Vokabular und theoretisch-synthetischem Vokabular bildet.
Ihr Beispiel macht auch deutlich, dass es Einheiten auf unterschiedlichen Syntheseniveaus gibt. So verstehe ich die Kopplung von "Abendmahl" und "Leben in Christus".
In bezug auf die Frage, wie man zu Einheiten kommt, verstehe ich Sie so, dass Sie diese Einheiten gewissermaßen empirisch in Konflikten suchen.
Für Konfliktbearbeitungen - wohl außer sie werden zu Kriegen - unterstellen Sie die Anerkennung, d.h. Unterwerfung unter Argumentationsregeln. Eine wesentliche heißt wohl: Man kann nicht hinter sein Anfangsargument zurück. Ich denke auch, dass Sie dies als eine der wichtigen Herkunftskompetenzen auffassen. Wenn ich Konflikte in der Universität als Beispiel nehme, so entspricht dies meiner Erfahrung, allerdings mit der folgenden Differenzierung: Es ist durchaus möglich, seinem Anfangsargument zu widersprechen, aber langfristig verliert man das Wohnrecht in diesem Kontinent. Zeit spielt hier auch eine Rolle. Synthetisierung scheint mir, ist ein Prozess in der Zeit. Ich denke aber, dass haben Sie implizit mitgedacht.
Nicht so deutlich sind mir zwei Fragen.
Die eine bezieht sich auf den Zusammenhang von Form und Inhalt. Man könnte, um gewissermaßen Nietzsche zu verteidigen, sagen, dass es unendlich viele Inhalte gibt, die in der gleichen Form bearbeitet werden. Sie sagen: eine Revolution ist möglich, es gibt Paradigmenwechsel, aber alle haben die gleiche Sprachstruktur. Um in Ihrem Bild zu bleiben: Dies ermöglicht uns beide zu haben, den Teppich und seine Struktur und Begrenztheit und die Vielfalt an Mustern und Farben des Teppichs. Oder in einer anderen Formulierung: dem Algorithmus unterliegt eine Formel. Sie ist als Interpretation interpretierbar. Sie ist nicht herleitbar. Meine Frage lautet nun, wie sehen Sie die Beziehung von Form und Inhalt?

Die zweite Frage kann ich so stellen. Beschreiben Sie nicht die Durchsetzung Platons in der europäischen Geschichte. Was wäre, wenn man Heraklit als Voraussetzung nähme? Nun können Sie sicher zu recht sagen, Heraklit habe sich nicht durchgesetzt. Dann bleibt meine Frage, wo er geblieben ist und wo er zu finden ist.

Den prospektiven Teil möchte ich bezeichnen als optimistische Bescheidenheit. Das gefällt mir außerordentlich, während ich mich - das spüren Sie sicher - sei es aus gekränkter Eitelkeit, sei es aus anderen Gründen, noch ein wenig gegen Ihren Satz wehre: "Die unabhängige Forschung ist allemal eine Theorie." Nicht, weil ich glaube, dass Forschung unabhängig sein kann, sondern weil ich in der Sprache die Möglichkeit sehe, eine Welt zu erfinden, die es in der Realität nicht gibt.
Ich verdeutliche dies an einem Beispiel. Es stammt aus einer Besprechung eines Buches, die ich gerade schreibe. Der Kollege Ewers schreibt dort in seinem Aufsatz über Kinderliteratur von modernen Kinderbuchautoren, sie seien "Halbbruder" der Erziehungswissenschaft. Ich schreibe dazu:

"Von daher wäre zu präzisieren, was ein "Halbbruder" ist. Aus meiner Sicht gehört zu der wissenschaftlichen empirischen Kindheitsforschung die Reflexion der eigenen Beobachtungen, die Reflexion der Beziehung von Forscher und erforschten Kindern.
Forschern ist es deshalb m.E. nicht möglich zu leisten, was Ewers für die Autoren der neuen Kinderliteratur behauptet, nämlich die lebensweltliche Situation von Kindern einzufangen. Der in der neuen Kindheitsforschung zentrale Begriff der "Perspektive des Kindes" kann nur eine veränderte Perspektive des Forschers sein. Jede Aussage über das Kind bleibt eine Aussage eines Erwachsenen, der sich nicht aus der Notwendigkeit der Konstruktion von Kindheit als Grundannahme seiner Forschung befreien kann. Es gibt keine Möglichkeit, Aussagen über die Welt aus der Sicht von Kindern zu machen, die nicht Projektionen sind. Von daher stellt sich allerdings die Frage, ob nicht Dichtung als Kunst eben das vermag, was die Wissenschaft nicht leisten kann, nämlich kindliche Charaktere zu erfinden, wie Ewers schreibt, die sich ins kulturelle Gedächtnis einschreiben. Weil ich diesen Gedanken teile, teile ich auch Ewers Kritik daran, dass sich die Pädagogik weitgehend von der Beschäftigung mit Kinderliteratur verabschiedet hat. Sie müsste es, darin stimme ich mit dem Autor überein, unbedingt tun. Einmal, um diese Erfindungen zu besichtigen, die die Erziehungswissenschaft selbst nicht machen kann; zum anderen aber auch deshalb, weil sich auch die neuere Kinderliteratur nicht als Beschreibung der Lebenswelt von Kindern lesen lässt, sondern als Beschreibung der Lebenssituation der Erwachsenen. Das Bild des "kompetenten Kindes" ist ebenso eine Beschreibung von Kindern, wie eine Wunschprojektion von Erwachsenen unserer Zeit. Anders als die Kinderliteratur und die Forschung über Kinderliteratur ist sich allerdings die Erziehungswissenschaft bewusst über den Zusammenhang von Konstruktion und Handlung. Das Bild, dass sich der Erwachsene vom Kind macht, bestimmt auch, was er von dem Kind will - um einen Ausdruck von Schleiermacher in einer anderen Formulierung zu benutzen. Die neue Kinderliteratur leistet m.E. beides. Sie erzählt Kindern, wie sich andere Kinder etwas über ihre Lebenssituation erzählen. Sie belastet damit Kinder mit Verantwortung und entlastet damit gleichzeitig Erwachsene von Verantwortung."

Die Frage, die ich habe, lautet also, ob nicht Kunst etwas erfinden kann, was nicht der "Formel" entspricht und was sich dennoch in das kulturelle Gedächtnis einschreibt?

Anders und als Schluss: Es könnte interessant sein, Ihr Vorgehen auf Gedichte anzuwenden.

Mit herzlichem Gruß

Gerold Scholz
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         
 
 
 
 
 
 
   
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