25.06.2001 Der Briefwechsel im Überblick:
Sehr geehrter Herr Scholz,

In Ihrem letzten Brief haben Sie eine Reihe interessanter Dinge angesprochen. Aus meiner Sicht steht dabei natürlich Ihre freundliche Einladung zu einem Gastvortrag in Ihrem Seminar mit dem Titel: "Sachlernen als Arbeit an Deutungskonzepten" im Wintersemester 2001/02 obenan. Ich bedanke sehr herzlich für diese Einladung und nehme sie gerne an.. Sie wird uns gewiß eine neue Runde unseres fruchtbaren Gedankenaustauschs bieten. Über Thema und Zeitpunkt meines Beitrags wäre bei Gelegenheit noch zu sprechen, wenn mir das Programm Ihres Seminars bekannt ist.

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Für das mir zugestellte Buch mit dem Titel:"Sachen des Sachunterrichts" möchte ich mich vielmals bedanken. Ich bin schon sehr gespannt auf seine Lektüre, durch das mir das von Ihnen verfolgte Programm um ein weiteres Stück nähergebracht wird.

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Nun zu Ihrer Hauptfrage, deren Beantwortung mir dank des beigefügten Auszugs aus Ihrem Buch "Die Konstruktion des Kindes" nun um einiges leichter fiel! Ich kann sie mit Nein beantworten, vorausgesetzt, dass auch Sie unter Wissen die rückversicherbare sprachliche Gewissheit zwischen kommunizierenden Menschen verstehen. Man kann ja wohl - in Anlehnung an Wittgenstein - sagen: Die Grenzen unseres Wissens korrespondieren mit den Grenzen unserer Texte. Die Tatsache, dass Texte über sich hinausweisen, etwa dass Mozarts Partitur des Don Giovanni keineswegs durch alle möglichen Aufführungen ausgeschöpft werden kann, scheint mir eher ein Beleg für ein durch ‚Tarnkappen' geschütztes Residuum unserer metaphysischen Vergangenheit und deren unerschütterlichen Glauben an die Einholbarkeit selbst des Unbegrifflichen zu sein. In diesem Sinn drängt sich oft der Verdacht auf, dass viele unserer Vertextungen einfach als Aufstand gegen unser uneinholbares Zu-spät- -Sein, gegen das Ausgeschlossensein vom Anfang, gegen die verpassten Chancen, gegen den Verlust der Einheit etc. zu deuten sind. Wenn auch das ‚andere' (Levinas) zuweilen als ‚Text' bezeichnet wird, so sollten wir es als eine eher metaphorische ‚facon de parler' ansehen. Alles andere wäre Hochmut. Selbst diese indirekte Anrede steht wie die Metapher und die Sprache unter einem universalen Verdikt: Auch sie wird von einer Selbstaufhebungsfigur dominiert, indem am Ende jeder Anstrengung wir vor der Selbstzerstörung des Erarbeiteten stehen. Dies zeigen gerade auch physikalischen Theorien, die wie Glieder einer Kette in entscheidender Weise abgewertet, aufeinander folgen.

Mit dem Satz, den Sie aus meinem Brief aufgegriffen und kommentiert haben, versuchte ist vor dieser Kulisse, wenn auch etwas missverständlich, den schlichten Sachverhalt zu benennen: Wie wir bspw. im Fall der Mythen - diesen ‚Ur-Texten' - zwischen Mythen unterscheiden gelernt haben, die lediglich wahr zu sein beanspruchen und daher zu bekämpfen sind, und Mythen, die um ihre Unwahrheit wissen, aber für uns nach wie vor unverzichtbar sind, so haben wir auch bei unseren Rede-Antwort-Prozessen zu verfahren. Das entsiegelte Imaginäre ist, wenn entziffert und unersetzbar, ein mächtiges Schutzschild bzw. Gefährt, um uns auf einem komplexen Terrain ohne eindeutig ausgewiesene objektive Markierungen einigermaßen erfolgreich voranzubewegen.

Zu dem von Ihnen angesprochenen Konzept von Wilfried Lippitz lege ich einen Beitrag bei, in dem ich vor Jahren, wenn auch anlässlich einer anderen Thematik, zum Leibverhältnis einiges gesagt habe.

Mit herzlichen Grüßen

Ansgar Häußling
 
 
 
 
 
 
 
   
   
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