| 24.08.2002 | Der Briefwechsel im Überblick: |
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Lieber Herr Häußling, zunächst herzlichen Dank an Sie und Ihre Frau für die außerordentlich freundliche Aufnahme und Bewirtung und die Exkursion in die kulturgeschichtlichen Denkmäler der Pfalz. Für die Tagung in Friedrichsdorf im nächsten Sommer hat Herr Rumpf zugesagt. Herrn Messing habe ich heute angefragt. Ich lege Ihnen eine Zusammenfassung bei, die ich von seinem Buch gemacht habe. Es wird ihm so ähnlich ergangen sein wie Ihnen: Ich habe sicher andere Akzente gesetzt als er es als Autor getan haben würde. Ich komme auch noch einmal auf das Hölderlin Gedicht zurück. Eine Interpretation könnte sein zu sagen, hier blickt jemand in der Mitte seines Lebens (Gegenwart) auf Vergangenheit und Zukunft; eine andere: Es geht nicht um das Leben im engeren Sinne, sondern um das Dichten. In beiden Interpretationen ist das Zentrum gewissermaßen der Wendepunkt oder wie Sie es formulieren: "(mögliche) beängstigende Kehre des Menschen ohne Gewähr auf ein abschließendes Sinnkonzept". Wir sind also dicht beieinander. Ich versuche, Ihren Ansatz aus meiner Sicht zu formulieren. Man kann sagen - und dies deckt sich mit meinem Wissen über die Entwicklung von Kindern - dass einerseits Welt als gegeben gegenübersteht, als "Ding" gewissermaßen. Mit der Entwicklung von Bewußtsein - Zeitbewußtsein, Raumbewußtsein, Ichbewußtsein usw. - wird geordnet. Die Ordnungen lassen sich, um ein Begriff von Elias zu verwenden, in Synthesestufen unterscheiden. Sie nennen es "Begriffswort nächsthöherer Stufe". Wenn ich dies als "Ordnen" verallgemeinere, so komme ich auf unterschiedliche Weisen des Ordnens. Zum Beispiel: logisch im Sinne der Bildung von Kategorien; assoziativ im Sinne einer Bildung von Ähnlichkeiten oder auch handlungsorientiert im Sinne einer notwendigen Verbindung von Elementen zu einer Handlungsfolge. Eine andere Ordnung, die sich dem Assoziativen bedient, könnte man als spielerisch bezeichnen; dazu gehören sicher auch Ordnungen nach Rhythmen, Alliterationen etc. Das Spiel ist auch möglich als mehr oder weniger reines Sprachspiel. Schließlich - auch das kann man bei jungen Kindern beobachten - gibt es eine Aneinanderreihung ohne Ordnung, wohl aber durch Bezüge, die jeweils individuell hergestellt werden. Einzelne Bilder werden aus dem Kontext herausgelöst weil sie selbst bedeutend sind - sei es aufgrund ihrer emotionalen Wirksamkeit oder aufgrund möglicher Assoziationen. Schließlich denke ich, dass es nicht nur unterschiedliche Weisen des Ordnens gibt, sondern auch unterschiedliche Perspektiven, aus welcher Sicht etwas woraufhin geordnet wird. An mittelalterlichen Texten etwa fällt mir auf, dass Aussagen über die reale Welt immer zugleich als (religiöse) Metaphern zu lesen sind. Nun verstehe ich dieses Ordnen im Sinne einer Unhintergehbarkeit von Sinnproduktion auch als nicht-kognitiven, als, wenn man so will, leiblichen Akt der Positionierung des eigenen Leibes in der Welt. Ich habe an anderen Stellen versucht dies als "Haltung" zu beschreiben oder in einem neuen Text als Differenz von Deutung und Bedeutung. Zu dem Haltungsgedanken bin ich gekommen über die Auseinandersetzung mit dem Lernbegriff. Ich kann zu einem zu lesenden Buch unterschiedliche Haltungen einnehmen: Mich unterhalten lassen, ablenken lassen etc. oder auch lernen. Ein anderer Erfahrungshintergrund ist eine Langzeitstudie in einer Grundschulklasse. Die Kinder haben sehr früh - wohl vor Beginn der Grundschule - so etwas entwickelt, was andere Persönlichkeitskern nennen. Ich würde eher sagen: Ein bestimmtes, nicht zufälliges Repertoire an Strategien, mit denen sie auf Anforderungen aus der Umwelt agieren und reagieren. Wie sie die Anforderung für sich definieren und wie sie damit umgehen zeigt eine gewisse Struktur. Es ist also auch der Leib, der ja nicht ohne Bewusstsein denkbar ist, der ordnet, um Positionen zu bewahren oder auch zu modifizieren. So viel noch einmal als Ergebnis des Nachdenkens über die "Hälfte des Himmels". Ich verbleibe damit mit guten Wünschen und einem spannenden Urlaub Gerold Scholz |
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