16.03.2001 Der Briefwechsel im Überblick:
Sehr geehrter Herr Scholz,

Ihr Brief enthielt ein reichhaltiges Angebot, auf das ich heute großenteils nur in Stichworten eingehen kann. Es trägt für mich viel zu einem angemessenen Kennenlernen Ihrer Position und Ihres wissenschaftlichen Arbeitens bei. An dieser Stelle muss ich entschuldigend hinzufügen, dass ich durch mehrere widrige Umstände bis heute noch nicht dazu kam, Ihr Schulbuch "Fragezeichen" eingehender zu studieren. Mit ihm liegt gewiss ein weiteres wichtiges Dokument vor, das Aufschluss über Ihren Denkansatz und dessen praktische Realisierung gibt. Ich hoffe sehr, dass ich in der nächsten Zeit zu dieser Lektüre kommen werde. Eine wichtige Quelle, Ihre Gedankenwelt näher kennenzulernen, stellt zweifelsohne Ihre Habilitationsschrift über "Die Konstruktion des Kindes" dar. Ich vermute, dass Sie einen Schlüsseltext für Ihre Denk- und Argumentationskultur bildet.

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Ihre Anmerkungen zur Habilitationsschrift von Frau Dr. Westphal machten mich sehr neugierig auf diese Arbeit selbst: auf ihre Prämissen, ihr methodisches Vorgehen und auf die Entfaltung der Ergebnisse über diese Leitfigur menschlicher Artikulation inmitten der modernen Medialisierung des Gegebenen. Vor allem würde mich interessieren, wie Frau Westphal das Verhältnis von 'Responsivität' im Kontext der Verschränkung von Ich und Welt genauer denkt, insofern man annehmen kann, dass unsere zentralen bilateralen Verhältnisse wie etwa das Verhältnis von natürlich und künstlich ein künstliches, weil konzeptuelles Verhältnis ist.

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Die überarbeitete Fassung des Beitrags zum Sachunterricht las ich nochmals mit Gewinn. Es ist Ihnen und Herrn Rauterberg nach meiner Auffassung bestens gelungen, eine aussagekräftige Struktur in die komplexe Szene einzubringen, so dass wertvolle Auseinandersetzungen nun zielgenauer als bislang auf den Weg gebracht werden können. Dabei kommt Ihrer Konzeption des 'Sachunterrichts als Streitsache' gewiss eine besonders attraktive Rolle zu: sicherlich nicht die Rolle eines Gesetzgebers, sondern die einer Instanz, die jeden vernünftigen Widerstreit zulässt und zur Abklärung zwingt, so dass "lebensfähige" Entscheidungen in Dispositionen gefördert werden.

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Allerdings taucht in Ihrem Beitrag plötzlich und ein wenig missverständlich - wohl aber nicht verräterisch - ein Gedanke auf, der für einen festen Glauben an die Welt stehen könnte, verstärkt durch die Relation 'Welt-Erklären' anstatt der Relation 'Welt-Deuten').
Mit Ihrer Bitte um Kommentierung Ihres Beitrags haben Sie mir einen willkommenen Anlass geboten, nicht nur das eigene Verstehen besser verstehen zu lernen. Es war für mich eine erfreuliche Gelegenheit, Ihre Arbeiten genauer kennenzulernen, wofür ich Ihnen dankbar bin. Allein in der kritischen Auseinandersetzung mit wichtigem anderen Gedankengut dürfte es gelingen, in der Sache voranzukommen: auf die eigene Person und die Gedanken anderer immer wieder die Probe zu machen.
Sie haben im zweiten Teil Ihres Briefes in wenigen Sätzen Ihre Position programmatisch umrissen. Danach sind Sie überzeugt, dass wir 'die Welt' "immer schon in medial geformten Ordnungen wahrnehmen", die sich folglich mit den Medien verändern, wobei diese Ordnungen zueinander disjungt seien, so dass wir aus diesen nicht heraustreten, sie aber reflektieren können. Damit sind und bleiben wir, wenn ich es richtig verstehe, immer "Konstrukte", so dass man mit Blumenberg sagen könnte: Unser Dasein ist nichts anderes als die 'Arbeit am Konstrukt'. Das führt sie zu der fundamentalen Frage: Wie ist das Verhältnis dieser Konstrukte mit der Welt zu denken? Und sie sehen nicht, dass ich sie durch die Relation 'Erkennen - Erklären - Historisieren' einer überzeugenden Antwort zuführe.
Wie kommt man in der Sache voran? Wohl kaum, wenn man von 'der Welt' wie von unsereins spricht. Sind wir oder ist die Welt der Störenfried? Mit dem Menschen als Subjekt wurde aufgeräumt, das Ich als Fiktion erkannt, wir als autonome Wesen vergleichgültigt. Mit der Welt steht es anders: Wir attestieren ihr immer wieder Selbststand und Selbstmächtigkeit, so als hätten wir keine andere Wahl. Aber brauchen wir noch diesen traditionellen 'Kompass'? Es sieht so aus: nein! Mit guten Aussichten auf Erfolg können wir durchaus die Überquerung des Ozeans unseres aktuellen Wissens und Handelns in Angriff nehmen, dabei selbstverständlich nicht mehr geblendet von einem Ziel. Was wir wohl allein brauchen, sind der Mut zum konstruktiven Antworten und eine gebührende Hoffnung auf das Echo auf diese Antworten. So gesehen können wir überzeugt in allem, was etwas für uns ist, was uns etwas bedeutet, die Auswirkungen dieses vielfältigen Diskurses sehen: eine Fülle von beziehungsreichen Antworten auf vorgegebene Worte, die von Fall zu Fall auch in unterschiedlichen Ausprägungen zu Texten sich verdichten. In diesem netzartigen Wechselspiel (sollte man sagen: Wellenspiel des Meers von Anfragen und Echos um unser Wissensgefährt) hängt dann alles wohl vom Hörenkönnen und von der Geschicklichkeit ab, das jeweils Gehörte in kommunikable und praktisch erprobbare Zeichen bzw. Zeichenkontexte zu übersetzen. In diesem Meer von Mitteilungszeichen sind wir alle kreativ und konkret genug gefordert. Vor der Kulisse dieses Spiels verblassen dann Konzepte wie 'die Welt'. Und man hat heute den Eindruck, dass wir mit ihrem Verblassen nichts entscheidendes eingebüßt haben; denn wir hatten als Welt nichts anderes als unsere jeweils gegenwärtigen Begriffe oder Zeichen, als deren Quellgrund wir stets ein unendliches Ganzes projiziert hatten, das uns allerdings weder jemals gegenwärtig war, noch heute ist. So waren und sind wir auch niemals in der Lage, zu sagen, was dies sei: die Welt. Sollte für uns nicht der entscheidende Gewinn gerade darin bestehen, dass die imponierende Vielfalt unserer Rede-Antwort-Prozesse nicht mehr durch etwas rein Imaginäres verstellt wird? Die Texte können dann als Verdinglichungen dieser Prozesse die hilfreichen Geländer beim Durchwandern jener 'anderen' Bereiche abgeben, die uns etwas angehen, wobei unsere jeweilige Erkenntnis offenbar nicht weiter als unser Ohr reicht.

Nun ist unter der Hand meine Antwort doch etwas länger ausgefallen als geplant. Ich hoffe, dass Sie gleichwohl auf ein Terrain fällt, das den Versuchen des gegenseitigen Verstehens wohlgesinnt ist.

Mit herzlichen Grüßen

Ansgar Häußling
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

 
 
 
 
 
 
   
   
   
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