14.12.2000 Der Briefwechsel im Überblick:
Sehr geehrter Herr Scholz, [...] mit Ihrer Bitte belästigen Sie mich keinesfalls. Da ich den mir zugesandten Beitrag für grundsätzlich und in der Sache beeindruckend halte, würde ich mir natürlich gerne einige ruhige Stunden wünschen, um ihm gerecht zu werden. An solche Stunden ist natürlich vor Weihnachten nicht zu denken. Ich gehe daher heute auf das Wichtigste ein, um seine Fertigstellung nicht zu behindern. Vielleicht lässt sich ein eingehenderes Gespräch nach Abschluss der Vorlesungszeit miteinander führen.

Die Wahl des Weltbild-Konzepts zur Kennzeichnung der Didaktik des Sachunterrichts ist ein überzeugender Schachzug. Dieses Konzept besitzt ein weitreichendes Erhellungs- und Bestimmungspotential ganz im Geiste der Neuzeit: als Aufforderung eben, die Welt als Bild des vorstellenden Denkens und Handelns einzuholen, um nicht zu sagen zu "erobern". Bei der Einführung des Konzepts bleiben allerdings die Begriffe Welt und Bild selbst ein wenig auf der Strecke. Ihre klare Kennzeichnung folgt, wenn ich Ihren Text richtig verstanden habe, an späterer Stelle und in anderem Kontext.
Ob Comenius mit seiner theoretischen Konzeption einer Pansophie (zur Widerherstellung der Schöpfung, in deren Mittelpunkt der Mensch zu stehen habe) in den Kontext des allein modern denkbaren Weltbild-Konzepts einstellbar ist, wage ich zu bezweifeln. Comenius' Begriff von Natur, Welt, Mensch und Gott ist ja doch extrem christlich metaphysisch gefärbt. An dieser Tatsache ändert sich auch nichts, wenn es ihm auf der Folie seines pansophistischen Programms gelingt, unter anderem schulreformerische und universalsprachliche Leistungen vorzulegen, die sozusagen weit in die Zukunft weisen. Ihren Ursprung haben diese Leistungen nach meiner Auffassung in einem eindeutig antineuzeitlichen Geist.
Noch ein weiterer Hinweis zu Ihrem Weltbild-Konzept! Der Text in der siebtletzten Zeile von Seite 1 legt die Vermutung nah, dass das Weltbild das Folgeprodukt einer "Verdichtung" sei, bedingt durch den gewaltigen Komplexitätsgrad der Welt selbst. So gesehen würde uns die Welt förmlich dazu zwingen, sie handlicher im Sinne des Verstehens und Handelns zu machen, um den passenden Umgang mit ihr zu gewinnen. Steht das Weltbild nicht eher dafür, dass wir die Welt auf diesem Weg in eine uns überzeugendere handhabbare Form zu bringen suchen? So sieht es heute für uns jedenfalls erkennbar auf den Feldern von Gesellschaft, Wissenschaft und Technik aus.
Mir fällt es auch nicht leicht, die von Ihnen vorgenommene Klassenbildung: geschlossene Weltbilder - offene Weltbilder, so naheliegend sie auch zu sein scheint, nachzuvollziehen. Hierzu zunächst ein grundsätzlicher Einwand! Seitdem man in Europa von Weltbildern spricht, sucht man mit diesem Konzept, wenn ich es richtig sehe, Einheiten durch Ausgrenzungen, also eine Einheit gegen eine andere zu gewinnen. Unabhängig davon plädieren Sie in Ihrem Text des Kapitels "Geschlossene Weltbilder" weniger für einen eindeutigen Gegensatz als für Positionen, die gewisse Kriterien stärker als andere gewichten, und diese schließlich zum Prinzip erheben ("unterstellt wird ... "). Sie sehen aber auch das Andere. Wäre deshalb bei Ihrer Gegenüberstellung nicht eine moderatere Kennzeichnung günstiger, etwa in der Form: 'Restriktive Weltbilder - übergreifende Weltbilder'?
In jedem Fall sollte der Passus: "...diese beiden Weltbilder..." ersetzt werden durch: "...diese beiden Weltbildtypen..." oder eine ähnlich formulierte Klassifizierung.
Im Fortgang des Textes wird immer deutlicher, dass für Sie die dreigliedrige Relation: "Komplexität von Welt" - "überkomplexe gesellschaftliche Realität" (heute) - prozessgebundene "Erzeugung von Wissen" gerade das Rückgrad jeglicher aktueller Sacherfassung und -vermittlung bilden muss, und die Frage lautet dann für Sie: Wie ist diese Relation insgesamt und im Einzelfall bei Beachtung der Rahmen- und Anfangsbedingungen gut neuzeitlich überzeugend zu leisten? Habe ich in diesem Sinn Ihre Absichten angemessen verstanden?
Ein weiterer Hinweis: Die Differenzierung in mechanische und nicht-mechanische Welt dürfte nach 1900 der Sachlage nicht ganz gerecht werden. Immerhin gab es zu dieser Zeit bereits mächtige Auswirkungen des Feld-Paradigmas: des bahnbrechenden Produkts des 19. Jahrhunderts auf Technik und Gesellschaft.
Die gehaltvollen Darlegungen Ihres Ansatzes sind kaum in wenigen Sätzen adäquat zu würdigen und zu kommentieren. Dazu bedürfte es einer nicht unter Zeitdruck stehenden Aussprache. In dieser würden meinerseits u. a. folgende Auffassungen eine besondere Anerkennung finden: die Erfahrungswelt als Deutungsterrain, die Pluralität der Deutungskontexte, der prozessuale Charakter der Kontexte, die Strittigkeit der Sachen bzw. Sachverhalte sowie die theoretisch-praktische Kompetenzfähigkeit eines jeden Menschen. Meine Bedenken wenden sich in diesem Zusammenhang gegen die Forderung nach Transdisziplinarität des Sachunterrichts, gegen die Offenheit der Streitformen und gegen die Annahme, dass Dokumente miteinander problemlos korrelierbar wären. Wofür ich plädieren möchte, ist das Lernen im Widerstreit der Konflikte, die in der Begegnung typologisch unterschiedlich ausgerichteter Konzepte aufbrechen. Danach weist jedes Dokument eine unverwechselbare Handschrift auf: nach methodischer Bestimmung ebenso wie nach inhaltlicher Ausrichtung. Gemeinsamkeiten bestehen nur insoweit, glaube ich, dass wir, wo immer wir aktiv werden, zu Theoretisierungen auf der Bühne des Vergangenen und Gegenwärtigen gezwungen sind; denn um Identitäten in Zeit auf Zeit zu gewinnen, müssen wir Differenzen schaffen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben: in der Welt der Begriffe ebenso wenig wie in der Welt der Sätze und Konstrukte. Und diese Identitäten und Differenzen sind allein theoretisch-kontingent zu gewinnen.
Schließlich bedaure ich, dass Sie meine Position nicht ebenso kritisch beleuchten wie die vorab von Ihnen behandelten. Ich möchte Sie ausdrücklich dazu ermuntern.
Der Bitte, Ihre Darstellung meines Beitrags zu kommentieren, komme ich am besten dadurch nach, dass ich Ihren Text direkt mit einigen Anmerkungen versehe, und dies 'sine ira et studio'.

Am Ende möchte ich Sie nochmals um Geduld bitten, was meine Antwort auf die freundliche Zusendung Ihres Unterrichtswerks für den Heimat- und Sachunterricht ("Fragezeichen") betrifft.

[...]

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für die Festtage sowie den Jahreswechsel verbleibe ich

Ansgar Häußling
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 
 
 
 
 
 
 
   
   
   
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