| 10.07.2002 | Der Briefwechsel im Überblick: | ||||
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Lieber Herr Scholz,
angesichts der Vielfalt der Gedanken, die Ihre beiden letzten Briefe enthalten, sehe ich mich in einer schwierigen Situation: Wie in diesem Fall mit der Schwäche der ge-schriebenen Sprache fertig werden, ohne zu resignieren? So fahnde ich unter der Hand nach Alternativen, um dieses Defizit zu umgehen. Spontan drängt sich mir ein vielversprechender Ausweg auf: Wie wäre es mit einem Gespräch ohne Zeitdruck, in dem wir auf sachlich adäquate Weise weit über das schmale Band geschriebener Rede hinaus das komplexe Zwischenterrain zwischen Ihren Argumenten und Fragen und den sich daran entzündenden Wechselgesprächen zügig durchschreiten könn-ten? Jeder von uns wäre danach in der Lage, das Erarbeitete recht problemlos in seinem Sinn zu einem Dokument zu machen. Da im Augenblick die Chancen zu ei-nem solchen Gespräch gering sind, versuche ich mich erneut an diesem ‚Vehikel'. Lassen Sie mich mit Ihrem letzten Hinweis in Ihrem letzten Brief beginnen! Er hat mich doch sehr gereizt. Was meinen Sie zu dem beigefügten gewagten Entwurf? Das Gedicht habe ich mit Bedacht gewählt; denn die empfohlene ‚Schematisierung' sollte an einer exponierten Erfahrung erprobt werden, die über beides verfügt: über existenzsichernde Bestätigungen und über den fatalen Zweifel an weiterer Zuver-sicht. Dieser ‚Widerstreit' ist ja elementar für unser Dasein. Auch im Fall des Hölderlin-Gedichts war und ist meine Frage: Was steckt hinter ei-nem produzierten bedeutungsrelevanten ‚Text' (weitgefasst!)? Wie kann er in seinem Zustandekommen gedacht werden? Die Antworten darauf sollten möglichst im Rah-men unserer eigenen, kritisch hinterfragten Erfahrungen in Auseinandersetzung mit den ‚Texten' selbst erfolgen, also ohne metaphysische Vorgaben im traditionellen Sinn (oder entsprechende Rückgriffe) auf Seiten der Antwortenden, welche Vorga-ben ‚Texte' auch enthalten mögen. Auf der Verbotsliste stünden dabei ebenso Pla-tons Konzept der unveränderlichen Idee, die allein der Dialektiker als der wahrhaft Wissende in Worte kleiden könne, wie Kants Kritik reiner Vernunftbegriffe einschließ-lich der Restriktion des Gebiets menschlicher Erkenntnis auf die Gegenstände mögli-cher Erfahrung (wobei die "transzendentale Voraussetzung" des Unbedingten als Bedingung der Möglichkeit nur der Erkenntnis des Bedingten (also nicht mehr des Seins) nach wie vor notwendig bleibt (vgl. KrV B 679) und Nietzsches ‚Wille zur Macht' als dem Grundbegriff alles Geschehens (wobei das Geschehen selbst als ein durch Zeichen erfolgender Austausch von Kraft zu verstehen sei (vgl. KGW VII, Heft-nummer 7, Fragmentnummer 173). Durch die vorgeschlagene sachliche Analyse kann man jede ‚Text'-Konstitution, wie ich meine, ohne Vorgabe einer wie immer gearteten ‚Einheit' als die Schematisierung von Sachverhalten glaubwürdig genug deuten, komponiert aus festen und belegba-ren Bereichen, wodurch erst ein neues Recht erwächst, von ‚Einheit' zu sprechen: mit Blick auf das fertige Schema. Da man sie offenbar in den verschiedensten The-matisierungen, ohne diesen Gewalt anzutun oder sie zu ersetzen, nachweisen kann, darf man - vorerst - von einer allgemein zulässigen Annahme ausgehen. Auf diese ist selbstverständlich immer wieder die Probe zu machen. Und da sie frei von Prä-missen etwa im Sinne Platons, Kants, Nietzsches, aber auch Heraklits ist, liegt mit einer Schematisierung auch kein entsprechender ‚Ismus' vor. Unabhängig davon sind natürlich Versuche statthaft, etwa Platons säkularisierten Logos-Begriff oder He-raklits säkularisierte ‚Weltvernunft' mit dem Schema-Konzept in Verbindung zu set-zen. Solche Unternehmungen wären aber bereits Interpretationen einer Interpretati-on. Von diesen möchte ich mich im Augenblick noch zurückhalten. Bei diesem Stand der Dinge scheint es mir naheliegend zu fragen, was man aus den möglichen und in gewisser Weise stichhaltigen Schematisierungen in unserer Situa-tion für die wesentlichen Belange des Denkens, Handelns und Sprechens, so auch für das Lernen und Lehren, lernen kann. Aus diesem Grund versuche ich augenblick-lich auf verschiedenen Ebenen Konzepte zu entwerfen, um diese ‚vordergründige' Frage vor Ort - also im jeweiligen praktischen Umgang - zu erproben. Dabei sollte das Gewesene ebenso im Blick sein wie das aktuell Gegebene und das möglicher-weise auf uns Zukommende. In gewisser Weise ist damit auch die von Ihnen ge-nannte ‚Archäologie der Herkunftskompetenzen' angesprochen, die Sie zur Zeit re-flektieren, um sie im kommenden WS empirisch auszuloten: Kompetenzen von Kin-dern, die ihren "erfahrbaren Handlungen unterliegen". Im Fall der Hölderlin-Schematisierung möchte ich mich mit einer Kommentierung heute zurückhalten. Sie dürfte die vermeintliche Einheit von Natur und Mensch ge-genüber dem wirklichen Zwiespalt zwischen beiden in der Zeit betreffen. Zu den Schematisierungs-Konzepten möchte ich heute nur einen Hinweis anfügen, der auch Ihr Projekt im WS betreffen könnte. Die interpretatorische Erschließung von Sinnbildung durch Schematisierungen bringt es mit sich, dass neben anderen Vorzü-gen selbst unsere Lebensabschnitte eine Art Relativierung erfahren: Es geht bei die-sen ja nur um das sog. ‚Wesentliche': um die Stützpfeiler und um das, was sie fall-weise tragen sollen (vergleichsweise einem Kleiderständer, einer Leinwand, einem Teppich,...). Damit dürfte es möglich sein, Erzählungen, Handlungen und/oder ‚Texte' von Kindern, die ohne Eingriffe dokumentiert wurden, absichtsgerecht zu schemati-sieren und auf dieser Ebene in einer vertretbaren Weise mit denen von Erwachsenen, Künstlern oder Wissenschaftlern zu vergleichen. In jedem Fall bestünde die Möglichkeit, auf diesem Weg - wenn auch mit Abstrichen - unvoreingenommener an das den Kindern Eigentümliche heranzukommen. Denn ein Vorteil der Schematisierung scheint in der Entpositionierung der Akteure zu liegen, wofür Sie bereits in Ihrem Buch ‚Die Konstruktion des Kindes' ein eindrucksvolles Plädoyer abgegeben haben. Ihre Frage nach der Beziehung von Form und Inhalt ist nicht einfach zu beantworten. Ich will es trotzdem versuchen, unsicher genug ob es mir soz. aus dem Stehgreif ge-lingen wird. Im Anschluß an die bei Descartes aufkeimende und danach radikaler durchgeführte Kritik an der Form-Matrie-Metaphysik der aristotelisch-scholastischen Tradition sehe ich Form und Materie/Inhalt als konstruktive ‚Reflexionsbegriffe' an. Damit haben sie nichts mehr mit der Konstitution der Dinge als solcher zu tun. Aber auch Kants Zuweisung dieser Reflexionsbegriffe im Fall der Form zur apriorischen Gegebenheit des menschlichen Erkenntnissubjektes (Raum, Zeit, Verstandesbegriffe) und im Fall von Materie/Inhalt zur aposteriorischen Gegebenheit der sinnlichen Wahrnehmung hat sich ebenfalls als Illusion entpuppt. So bleibt für beide, in gewisser Gegensätzlichkeit zueinander stehenden Begriffe wohl nur die Reflexionsstruktur selbst von Belang. Diese sieht sich allerdings, wenn ich es recht sehe, einem Dilemma gegenüber, das sich in unseren Bemühungen immer deutlicher abzeichnet: Wir bilden uns einerseits allein durch Mitteilungszeichen, wobei wir trennend und verbindend verfahren; nur so scheint uns bewusstes Denken, Handeln, Sprechen und Empfinden möglich. Ande-rerseits wissen wir heute nur zu gut, dass diese Zeichen, also auch unsere Worte und Antworten, nie an ihr Ziel gelangen: in den ‚Besitz' dessen, was etwas in Wirklichkeit ist. In diesem spannungsreichen offenen Dialog können, so meine ich, Form und Materie/Inhalt nach wie vor uns als aufschlussreiche Mitteilungszeichen (‚Kon-zepte') zur Sachbestimmung dienen. In einem vergleichbaren Sinn sollte auch die von mir vorgeschlagene Sach-Schematisierung gewertet werden: Sie ist nicht als Prozeß zu deuten, der mit einer durch Definitionen festgeklopften und rational durch-konstruierten Formel Ähnlichkeit besitzt. Dieser Prozeß kann eher mit einer Sonde verglichen werden, mit der man nach kommunikablen Mitteilungszeichen fahndet oder ankommende enträtselt. Und dies dürfte wohl selbst auf das künstlerische Han-deln zutreffen. Hierzu findet man bei Nietzsche den bedenkenswerten Hinweis: "Der ästhetische Zustand hat einen Überreichthum von Mittheilungszeichen, zugleich mit einer extremen Empfänglichkeit für Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der Mittheilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, - er ist die Quelle der Sprachen" (KGW, VIII 14, 119). Was Sie in Ihrer Rezension zu Ewers Buch schreiben, trifft die Sache im Kern und hat mich sehr beeindruckt. Seitdem habe ich noch entschiedener über Kunst nach-gedacht, vor allem über Ihre Anmerkung, wonach Kunst etwas vermag, was Wissen-schaft nicht vermag, etwa "kindliche Charaktere zu erfinden", was doch besagen soll, dass Kinder - unabhängig von den Autoren - als sie selbst zum Sprechen gebracht werden können. Ich frage mich seitdem immer wieder: Ist dies von Künstlern tatsäch-lich leistbar angesichts unseres heutigen Wissens um unsere Mitteilungszeichen im zuletzt ausgeführten Sinn, ohne Brückenschläge wie die im Fall Hölderlins wieder diskutierte Schematisierung zu Hilfe zu nehmen? Sehen Sie mir bitte nach, dass ich heute aus Zeitgründen zu Ihrem Brief vom 13. 06. nicht mehr Stellung nehmen kann. Ich bedaure dies sehr. Er ist aber zu gehaltvoll und er verdiente einfach ein Gespräch ohne Zeitdruck, wie oben gesagt. Wenn ein solches demnächst nicht möglich sein sollte, werde ich ihnen antworten, wenn ich meine drei ungeliebten Gutachten hinter mich gebracht habe, die derzeit meinen Schreibtisch besetzt halten. Worüber ich mich sehr gefreut habe, ist Ihre ausdrückliche Einladung zu einer ge-meinsamen Planung für eine nächste Tagung. Hierzu bin ich gerne bereit. Die zurückliegende Tagung war für mich erfahrungsreich. Ich möchte sie daher nicht missen. Sie zählt auf ihre Weise zu unserer gemeinsamen Gedankenarbeit. Nun wünsche ich Ihnen eine anregende und doch erholsame vorlesungsfreie Zeit. Sobald ich abschätzen kann, wann die Stressphase hier enden wird, werde ich Sie anrufen, um das angesprochene Treffen bei uns in Annweiler mit Ihnen zu vereinbaren. Mit herzlichen Grüßen Ansgar Häußling |
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