08.02.2001 Der Briefwechsel im Überblick:
Sehr geehrter Herr Scholz,

es freut mich, dass Sie mit meinen Anmerkungen etwas anfangen konnten. Sie waren, wie Sie erkennen konnten, das Resultat einer sehr anregenden Lektüre. Natürlich bin ich an der endgültigen Fassung des Beitrags sehr interessiert. Ich bin gespannt, welche Profilierung das bereits überzeugende Konzept durch einen nochmaligen "Zirkel des Nachdenkens" erfahren hat.

Naheliegenderweise bedaure ich es sehr, dass Sie im Augenblick nicht zu meinem Ansatz kritisch Stellung nehmen können. Mit ihm erging es mir ähnlich wie Ihnen: Er diente mir einst dazu, mein damaliges Verständnis in der Sache weiter zu klären. Dabei standen Fragen wie diese an: Wie kommt es zur eigenen Überzeugung in der Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt unter den Augen anderer und der eigenen Geschichte? Und wie kann diese Überzeugung auch für andere an Überzeugungskraft gewinnen? Was man als Welt hat, das ist, wie es heute aussieht, die in jenen Begriffen/Zeichen vorgestellte Welt, die man augenblicklich für die besten hält und von denen man annimmt, dass sie von anderen gesprächsweise ebenfalls geteilt werden. Dabei hat man als Grund dieser Begriffe/Zeichen ein sozusagen unendliches Ganzes vor Augen, das weder dem Autor, noch den Lesern je gegenwärtig ist. So lebt man schreibend, könnte man sagen, stets an einem gewissen Abgrund: 'exzentrisch' (Plessner), um das platonische Floss wenigstens in Gestalt der 'vox verbi' als Lastträger der Wahrheit mitten unter uns zu haben. Diese Metapher Platons (vgl. Phaidon 85 c-d) verdeutlicht sehr schön, wie es um die Wahrheitssuchenden in Wirklichkeit bestellt ist. Daher sind kritische Anmerkungen - wenigstens aus meiner Sicht - immer höchst willkommen.

Mit Ihrem Vorhaben, an 'Methoden der Kindheitsforschung' sich Klarheit über den sacherschließenden Wechselbezug zwischen phänomenologischer Welterfahrung und konstruktiver Weltschöpfung zu verschaffen, verfolgen Sie ein spannendes und wohl nach wie vor aktuelles Thema. Ich bin neugierig, ob und wie es Ihnen gelingen wird, die aus den Leistungsvollzügen der transzendentalen Subjektivität konstituierten bzw. aufgebauten reinen Gegebenheitsweisen, unter denen die 'Lebenswelt' nach Husserl als das erste Objektive gilt - ihr transzendentales Apriori muss nach ihm folglich so beschaffen sein, dass es sie - die Lebenswelt - als strömend-geschichtliche ermöglicht - auch und gerade als relevant nach dem linguistic turn mit seinen epochemachenden Einsichten gegenüber der Phänomenologie, welche die Sprache doch recht stark zurückstellt, aufzuweisen.

Besten Dank möchte ich Ihnen für den Hinweis auf das Buch von J. Bruner und den beigefügten Entwurf über die VI. Studienkonferenz vom 28.06.-29.06.2002 sagen. Das Programm gefällt mir sehr gut, und ich hoffe sehr, dass ich Ihrer freundlichen Einladung nachkommen kann.

Im nachhinein möchte ich Ihnen ebenfalls einen guten Jahresverlauf 2001 wünschen. Es wäre erfreulich, wenn in dieser Zeitspanne sich der Gedankenaustausch zwischen Ihnen und mir in der Weise wie bislang fortsetzen würde.

Mit herzlichen Grüßen

Ansgar Häußling
 
 
 
 
 
 
 
   
   
   
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