| 01.02.2002 | Der Briefwechsel im Überblick: | ||||
|
Sehr geehrter Herr Scholz, haben Sie herzlichen Dank für Ihre erneute ausführliche Antwort, womit Sie mich bestens auf dem Laufenden halten. Ich interpretiere sie inhaltlich gerne zu meinen Gunsten, und zwar in dem Sinne, dass die Texte Sie und die Teilnehmer deutlich animieren und es so zu pointierten Auseinandersetzungen sine ira et studio kommt. Langeweile wäre fatal, das Fehlen von Angriffspunkten ärgerlich. In einer Zeit, da wirkliche Gespräche als respektable Rede-Antwort-Gefechte eher selten sind, wirkt das, was Sie schildern, sehr ermutigend. Sie heben zu Beginn Ihres Briefes auf den Wechselbezug zwischen einer Person und den Theoriekonzepten dieser Person ab. Eine in der Tat aufschlussreiche Relation für beide Seiten! Sie kann dramatische Züge annehmen, wenn die Biographie des einzelnen mit ins Spiel gebracht wird. Die Palette denkwürdiger Prozesse ist, wie die Geschichte zeigt, recht bunt besetzt: von einer monolithischen Programmatik bis zum Saulus-Paulus-Phänomen. Ihrer Kennzeichnung des Begriffs ‚human' kann ich vorbehaltlos beipflichten. Mit unterschiedlichen Ansprüchen überbesetzt, sollte er im vorliegenden Fall für einen neuen Auftrag stehen und damit auch einen neuen Inhalt gewinnen. In diesem Sinn dachte ich an Konzepte, die möglichst fruchtbar für das jeweilige Dasein sind, auf das sich viele verständigen können, und deren Inhalte sich als tragfähig für innovative, konfliktaufhebende Gestaltungen erweisen lassen. Eine ähnliche Absicht verfolgte ich mit dem Begriff ‚Widerstreit'. Auch hier sollte es nicht um eine Verbeugung vor der Postmoderne gehen, in der dieser Begriff/dieses Konzept im Anschluß an Lyotard stark in Umlauf gebracht wurde. Im übrigen hat ihn auch Kant bereits verwendet. Ich suchte seinerzeit meine Zuflucht bei ihm, um in einer besonderen Lage weiterzukommen, da mir die tradierte Sprache für das Zusagende nicht aussagekräftig genug erschien. Wer wie wir heute in der fatalen Situation steht, infolge des bedingten Zweifel bereits an der Möglichkeit der Wahrheit, die auch wieder geradezu die Voraussetzung unseres gewohnten verständigen/verstandesgemäßen Gebrauchs der Wörter und Begriffe ist, nach Mittel zu fahnden, um die Grenzen des Verstandes überschreiten zu können, greift nach jedem Strohhalm. Und das Wort ‚Widerstreit' schien mir für die Sachlage passend zu sein, da es genau in diesem Sinn als ein ‚Kind' dieser Sprachnot verstanden werden kann. Einen Hinweis darauf gibt ja Lyotard selbst mit seinen Analysen der Unter-drückungsmechanismen der Diskursarten untereinander. Ein Meister für uns auf dem Feld der Bannung der Sprachnot bzw. der Absicherung gegenüber einer Verhexung durch die Sprache - Nietzsche - operiert im Rahmen seines radikalen Zweifels mit der Strategie der Gegenbegriffe. Ihren Ausführungen zum Wechselbezug von Verantwortung, Alternative und Widerstreit stimme ich ebenfalls zu. Im Beitrag zu Goethe wird der Kontext von Verantwortung mit Wörtern wie Bedacht, verpflichten, sorgen, konstruktiv, vor allem aber Antwort/antworten angesprochen. Und Verantwortung heißt ja wohl im Kern: sich zu einer bewertbaren Antwort auf Einwände, Hinweise, Argumente, Beweggründe, anderslautende Gegebenheiten etc. einem gegebenen Wort/einer geleisteten Handlung gegenüber verpflichtet haben. Dabei sollte heute statt des Setzungscharakters viel stärker die Prozessgestalt des Wort-Antwort-Spiels ins Zentrum rücken. Auch in diesem Sinn frage ich mit Ihnen, ob wir dem Trend zu einer Kopplung von Handlung und Entverantwortlichung dauerhaft widerstehen können. Ihre Charakterisierung der binären Codierung im Zuge der Computerisierung ist über-zeugend. Sie erinnert mich ein wenig an ein Konzept des (physikalischen) Energie-begriffs. Danach sei es falsch, von Energieformen zu sprechen. Es gebe schlichtweg nur Energie, aber nicht ein Etwas, das durch Umformbarkeit bestimmt sei. Für sich selbst stehend bedürfe sie lediglich eines Trägers. Unsere Alltagsprozesse seien daher nur als Umladungsprozesse der Energie von einem Träger auf einen anderen darzustellen, vergleichbar einem Taxiunternehmer, der Personen und Güter mit seinen Fahrzeugen transportiert. So gesehen ließe sich, wenn ich Sie recht verstanden habe, die binäre Codierung als (formal strukturiertes) Transportzeug für noch zu Bestimmendes, Zu-interpretierendes ansehen. Das Problem, das sich mir bei Ihrem Vorschlag aufdrängt, besteht einfach in der Frage, wie die von Ihnen genannten &qout;Unterscheidungen&qout; umkehrbar eindeutig semantisch aufgeladen werden können, ohne dass es zu Sinn-defiziten bzw. -konfusionen, genauer zu einer erheblichen Begründungsnot kommt. Da hier wie dort - also auf der Ebene der Hardware und auf der Ebene der Software - dieselben am Werk sind: syntaktisch-semantisch-pragmatisch mit eindeutigem Auftrag ausgestattete bzw. konzeptualisierte Menschen, sollte man doch problemloser davon ausgehen können, dass hierbei die eine Hand auch immer schon weiß, was die andere tut bzw. tun wird. So plädiere ich auch auf diesem Terrain eher dafür, dass man es - das Computerisieren - im Lichte der durchlaufenden, aktionsprägenden stillen ‚Macht' der Präsuppositionen von Denken, Sprechen, Handeln taxieren sollte. Ein illustres Beispiel in diesem Sinn ist gewiß die Mathematik. Auch in ihrem Fall sollte man es damit versu-chen, die Spuren der mathematischen Formalismen in dem Praktischwerden unserer in allem vorgängigen Existenz aufzusuchen: als Ausdruck eines abstrakten Theoretisierens dieses Praktischwerdens mit Blick auf die formal-rationalen Strukturen, die den uns möglichen Gefüge-Gebilden immanent sind. In einem anderen brisanten Fall: der Physik könnte auf diese Weise die höchst merk- und denkwürdige Partnerschaft von Physik und Mathematik eine eher ungekünstelte, stattdessen recht pragmatische Bestimmung erfah-ren. Ein Hinweis in dieser Richtung fand ich vor Jahren bei Heidegger mit dem Begriff des ‚Mathematischen' (Die Frage nach dem Ding, S. 50 ff.). [...] In Erwartung auf unser Zusammentreffen und die anschließenden Gespräche verbleibe ich heute mit herzlichen Grüßen Ansgar Häußling |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
Ansgar Häußling an Gerold Scholz: |
|||||
Gerold Scholz an Ansgar Häußling: |
|||||
|