| www.widerstreit-sachunterricht.de/Ausgabe Nr.4/März 2005 |
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Walter Köhnlein
Marcus Rauterberg & Gerold Scholz (Hrsg.):
Die Dinge haben Namen.
Zum Verhältnis von Sprache und Sache im Sachunterricht
(= Sachen des Sachunterrichts, Bd. 2) Schneider Verlag Hohengehren: Baltmannsweiler 2004.
216 S. |
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Das Buch mit seinen zehn Beiträgen ist aus einer Studientagung und aus einer Ringvorlesung an
der Universität Frankfurt a.M. hervorgegangen. Dabei geht es nicht um die Sprache und die
Sachen im Unterricht selbst, wie der Titel vermuten lässt, sondern um die Frage, welche
Sprache über die Sachen des Sachunterrichts angemessen erscheint und wie sich das
wechselseitige Erschließungsverhältnis von Sprache und Sache generell bestimmen lässt.
Diese Problematik betrifft aber nicht allein den Sachunterricht in der Grundschule, sondern in
vergleichbarer Weise auch die Sachfächer der Sekundarstufe, die ihre Namen von
Wissenschaftsdisziplinen ableiten.
Die Thematik ist also viel abstrakter, anspruchsvoller und komplexer, als der eher auf einen
naiven Begriffsrealismus oder platten Nominalismus hindeutende Haupttitel nahelegt.
Einen "Namensgebeunterricht" wollen die Autoren nicht. Eher schon liegt einigen die latent
spürbare Auffassung nahe, dass es im Unterricht auf physische Gegenstände und Zustände, auf
Erprobung und Gebrauch der Dinge und auf erkundendes Handeln gar nicht unmittelbar ankomme.
Die Sachen erscheinen als sprachliche Konstrukte. Durch Sprache machen wir sie zur Sache,
Sprache konstituiert unsere Weltsicht.
Im Übrigen sind die Beiträge durchaus heterogen. Deshalb müssen sie einzeln in den Blick
genommen werden. Ich folge dabei der Anordnung im Buch.
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Einleitung zu Teil 1
Die knappe Einleitung zu Teil I (Beiträge zur Studientagung) nennt z.T. andere Titel als die
im Buch dokumentierten und bleibt wenig ergiebig. Hilfreicher sind die kurzen Zusammenfassungen,
die den meisten Beiträgen vorangestellt sind.
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Ansgar Häußling: Zwischen individuellem Artikulieren und allgemeiner Verständlichkeit
In einer weitgreifenden, wegen des gewählten Sprachduktus und gelegentlich unklarer Bezüge
nicht ganz leicht zu entschlüsselnden Studie geht Häußling davon aus, dass verstandenes
Wissen allein durch Prozesse, die sich im Sprechen artikulieren, erreicht werden kann.
Die Rolle von Sprache bestehe nicht in der Darstellung von Sachverhalten, sondern in der
Selbstdarstellung des Subjekts, in der Darstellung seiner Auffassung von Sachverhalten
gegenüber anderen Subjekten. Sprache ist das Medium für Deutungsarbeit; entsprechend dieser
Deutung erscheint die Sache unter immer neuen Perspektiven; keine Methode führt zu wahrer
Erkenntnis, jede erzeugt lediglich Wissen im Sinne einer von Fall zu Fall nützlichen
Illusion (S. 24). In einem Konzept vieler möglicher Welten gibt es keine bleibende Identität
der Sprache und der Sachen.
Unter mehrfacher Berufung auf Nietzsche versucht Häußling in einem Exkurs eine Diagnose des
Sprachwandels: Unsere Kultur geht den Weg der Abstraktion, "Bilder" und Metaphern
sind wie Schiffe, die wir hinter uns verbrannt haben. Damit gehe vor allem die Herkunft der
Begriffe, die affektive Nähe und das Wissen um ihre differenzierende Potenz verloren.
Die Bilanz erscheint fragwürdig: Das Ich kann sich die Sachen als Fiktionen für eine weltartige
Bühne hervorgebracht denken; die Dingwelt ist von sprachartigem Zuschnitt; Sachen können wir
nur hypothetisch ergreifen als "Projektion unseres vermittelten Selbstvermitteltseins auf
all das außer uns, was uns durchschnittlich im Alltag wirksam, gar unbedingt angeht" (S. 39).
Die Didaktik des Sachunterrichts möge zwei Wirklichkeitskonzepte ausarbeiten: das uns
alltäglich vertraute "mit seinen Vorzügen und Lügen" und das subjektiv von uns
ausgehende. Dann gilt es tapfer &qquot;zwischen individueller Artikulation und allgemeiner
Verständlichkeit" zu vermitteln.
Der Beitrag von Häußling hat eine gewisse Leitfunktion für das Buch. In hypothetischer
Argumentation wird aus dem Zusammenhang von Sprache und Sache ein recht eigenes Gebäude
errichtet, das nicht immer gut sichtbar ist, sondern - um im Bild zu bleiben - von
Gerüststangen verstellt wird. Der Baustellencharakter mag aufschlussreich und anregend sein,
wenn man gewillt ist, den Planungsideen im einzelnen nachzuspüren und philosophische
Prämissen des Autors zu teilen.
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Jürgen Messing: Die Aufgabe des Begriffs
Messing skizziert, wie wir die Welt durch Handlungen und gedankliche Bewertung an einem
gegenständlichen Paradigma erfahren: Neue Begriffe nehmen wir in unser Denken auf,
indem wir den Gegenstand unserer Aufmerksamkeit in seiner Einbettung in Handlungen,
in soziale Beziehungen und in der Sprache wahrnehmen und mit den Begriffen komplexe
Verweisungssysteme aufbauen. Die Bedeutung eines Begriffs erschließt sich in seinem
kulturellen Kontext; Bedeutungen werden in sozialen Zusammenhängen erfahren. Das Wort -
als sprachliches Signal - überträgt keine Information, solange der Begriff nicht gebildet
ist und der Hörer seine Bedeutung nicht situationsgerecht aufbauen kann. Sprache wird
vorgestellt als ein System von Mitteln, das Bedeutungen und Bedeutungsdifferenzierungen in
der Kultur fixiert. Begriffe sichern die Orientierung in der Kultur. Sie bezeichnen
bedeutungsvolle Gegenstände, werden zu Kristallisationspunkten von Erfahrungen und
organisieren neue Erfahrungen. Sie fungieren als Verweisungssystem von Handlungen und als
Aufmerksamkeitssteuerungen hinsichtlich anderer Begriffe. Sie können uns aber auch in
Orientierungssysteme einschließen, die andere Weltsichten verbergen.
Der Beitrag regt in produktiver Weise zu Überlegungen an, wie mit den Gegenständen des
Sachunterrichts die Begriffe aufzubauen sind.
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Horst Rumpf: Staunkraft und Sprache
Es ist die immer wieder vorgetragene Sorge von Horst Rumpf, dass durch starre
Bewältigungsroutinen und einen feststellend-informierenden Sprachduktus im Unterricht die
ursprünglich zugreifende Spontanität der Kinder, die er hier als "Staunkraft"
beschreibt, verdrängt wird. Rumpf schlägt vor, zwei Modi von Sprache und Sachlichkeit zu
unterscheiden und in lebendiger Spannung zueinander zur Geltung zu bringen: "Sachlichkeit 1"
pflegt die Sprache der Information; sie steht im Interesse von Aufklärung und Beherrschung
und beschreibt Tatsachen und Zusammenhänge distanziert, d.h. losgelöst von persönlicher
Erfahrung. "Sachlichkeit 2 gewahrt, verarbeitet, gestaltet die Welt als Ausdruck oder
Drama", die zugehörige Sprache habe einen "mimetisch vergegenwärtigenden Charakter".
Es ist fraglich, ob damit schlicht ein Unterschied zwischen Wissenschaftssprache und
Kindersprache erfasst wird oder vielmehr jener zwischen erkundendem Zugriff
(auch bei Wissenschaftlern) und der Darstellung von Ergebnissen. Der Verlust von
"Staunkraft" ist nicht eine Folge der souveräner werdenden Verfügung über
Sprache und Begrifflichkeit. Wenn die sprachliche Artikulation "distanzierende" Züge
gewinnt, dann ermöglicht sie auch Überblick, Differenzierung und Kategorisierung, und sie
erleichtert es, Erfahrungen intersubjektiv zu klären und festzuhalten. In Tests werden Früchte
von Lernprozessen erwartet, nicht die Blüten des Anfangs.
Die Schule muss dem aufgeschlossenen Staunen der Kinder Stoff und Raum geben, mit ihrer
produktiven Findigkeit ihr kritisches Vermögen stärken und zugleich auch die Fähigkeit zu
kontrollierter Abstraktion und Verallgemeinerung fördern. Denn wo die sprachliche Artikulation
"distanzierende Züge" erreicht, eröffnet sie auch die Chance für neue Zugriffsweisen.
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Otfried Hoppe: Sache, Sprache, Bewusstsein
Hoppe legt eine polemisch-verallgemeinernde Anklageschrift ohne Belege vor: Wissenschaft sei
für die Bildungssysteme dysfunktional.
Sehr pauschal geißelt er den "Verfügungswahn", dem "wir" huldigen und
zugleich unterliegen. So setze "man" im "Verfügungssystem Bildung und
Erziehung" z.B. eine entsprechende sprachliche Fassung mit der Sache selbst gleich und
verfehle damit eine grundlegende Unterscheidung. Das Dogma besage "in deutschen Schulen
soll alles, was erreicht werden soll, dadurch erreicht werden, dass darüber geredet
wird" (S. 72). Und in der Lehrerbildung werde "systematisch" der "naive
Glaube" "an Verfügbarkeit durch Wissenschaft" produziert.
Kontingenz werde in der Wissenschaft ausgeschlossen zugunsten vermeintlicher Gültigkeit;
eine "wissenschaftsgebundene Bildung" sei deshalb "museal". Kinder
entwickelten sich besser in alltäglicher Interaktion und lernten dabei alles, was sie für
den Rest des Lebens brauchen, in grundlegender Form (S. 78), denn Unbestimmtheit sei die
Ressource der individuellen Entwicklung, wie uns der Taoismus lehrt, nicht Wahrheit durch
Erkenntnis. In dieser Perspektive wird dann auch die wissenschaftliche Lehrerbildung als
"absurd" dargestellt, weil die Fächer nur "museal geordnet", nicht aber
funktional aufeinander bezogen würden. Sache und Sprache ergäben sich ohnehin durch die
Praxis, die - quasi naturwüchsig - Sinnstrukturen für die Beteiligten und damit auch
Bildung schaffe.
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Björn Einecke: Anmerkungen zur Diskussion
Einecke diskutiert zusammenfassend die Beiträge von Häußling, Messing und Rumpf aus der
Perspektive eines blinden Menschen und dessen Wahrnehmung von Welt. Er verweist auf
Defizite in den vorgetragenen Positionen, sofern sie nicht berücksichtigen, wie z.B. Räume
oder Landschaften in ihrer Komplexität für Menschen wahrnehmbar werden, denen der visuelle
Bezug zu räumlichen Begriffen fehlt. Sprache sei zu lückenhaft und zu wenig exakt,
um ursprüngliche Eindrücke zu vermitteln. Das Verständnis der Beziehung von Sache und Sprache
könnte sich verändern, wenn auch Wahrnehmungen von Blinden in den Diskurs einbezogen würden.
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Einleitung zu Teil II
Die Einleitung zu Teil II (Ringvorlesung) beginnt mit der fragwürdigen These, der moderne
Sachunterricht operiere "mit einer Trennung von Sachverhalt und Beschreibung" oder
"mit einer Trennung von Sache und Sprache". Ein Verweis auf entsprechende Befunde
oder konzeptionelle Aussagen wäre da schon von Interesse. Wagenschein aber, der immer wieder
in Anspruch genommen wird, widmet in seinem Buch über "Die pädagogische Dimension der
Physik" dieser Frage ein eigenes Kapitel über "Physikunterricht und Sprache";
seine zentrale These lautet: "Sachunterricht und Sprachunterricht sind überhaupt nicht
zu trennen, weil Denken und Sprechen nicht zu trennen sind." (1976, S. 133)
Auch im "Perspektivrahmen Sachunterricht&quoot; (2002), der die inhaltliche
Akzentuierung des Sachunterrichts zum Gegenstand hat und nicht Fragen didaktischer
Theoriebildung, wird der Zusammenhang zwischen Sache und Sprache keineswegs "unterschlagen".
Dort heißt es: "Obwohl Sachunterricht eng mit Sprachbildung verknüpft ist,
kann Sachunterricht nicht im Sprachunterricht aufgehoben werden. Die Sprache unterstützt
die Aneignung der Inhalte durch Kommunikation und Repräsentation." (S. 2)
Damit wird freilich eine andere Position vertreten als die der Herausgeber des vorliegenden
Bandes, nach deren Meinung Sachunterricht "ein spezieller Sprachunterricht" (S. 148)
sein sollte.
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Ansgar Häußling: Diesseits von Sache(n) und Sprache(n).
Versuche die Sache(n) zur Sprache zu bringen.
In Fortsetzung und teilweisen Spezifizierung seines ersten Beitrages und in gleichem
Sprachduktus beginnt Häußling mit der These, das 20. Jahrhundert sei das der "Wende zur
Sprache" gewesen. Die Didaktik des Sachunterrichts aber habe sich dieser Herausforderung
noch nicht gestellt. Das wiege um so schwerer, als wir nun wüssten, "dass das, was wir
verstehend Wirklichkeit nennen, in dem Gehalt kognitiver Sätze von Sprache besteht"
(S. 104) und ständig neu zur Disposition stehe.
Der erste Teil der Botschaft, nämlich der enge Wechselbezug von Sache und Sprache, ist in der
Didaktik hinreichend bekannt. Gegenstände können in verschiedenen Kontexten stehen
(z.B. in alltäglichem Verwendungszusammenhang oder in fachwissenschaftlichen
Erklärungszusammenhängen) und werden dann durch unterschiedliche Begriffsnetze erfasst.
Hier allerdings wird das Verhältnis von Sache und Sprache auf der Basis von Sprachtheorien
bestimmt.
Das Zweite, dass die Funktion eines Dinges, das wir ins Auge fassen, durch die Sprache geregelt
werde, bleibt zweifelhaft, weil es auch umgekehrt sein kann: Wir sprechen über eine
Klick-Scheibe als Spielzeug, weil wir mit ihr spielen (wollen), oder wir sprechen über sie
physikalisch und technisch, weil uns die Eigenschaften und Verwendungen von Bimetall
interessieren.
Bei Häußling steht immer die Sprache im Vorrang. Im Anschluss an Wittgenstein erscheint Welt
lediglich als ein Spezialfall eines intersubjektiven regelgeleiteten Sprachgebrauchs, nicht als
vorgegebenes Faktum; Sprache gilt als konstitutiv und ohne Alternative für unsere Welterfahrung.
Was etwas bedeutet, hängt vom jeweiligen "Sprachspiel" ab, d.h. von der Sprache und
den Tätigkeiten, mit denen es verwoben ist.
Es verwundert nicht, dass aus dieser Sicht der "Perspektivrahmen Sachunterricht" (2002)
der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts, der sich explizit gegen eine Aufhebung des
Sachunterrichts im Sprachunterricht wendet, als ein "Zeichen von Stagnation"
erscheinen mag. "Leitbegriffe", die der Autor dort ausmacht, charakterisiert er nur
scheinbar am Text des Dokuments: Eine Nennung von Aufgaben des Unterrichts bestimmt nicht den
Begriff der Bildung, unter "Kindern&uot; wird nicht "die Lern-/Leistungsfähigkeit"
und -bereitschaft verstanden (das wäre schon sprachlich unsinnig), Fachperspektiven sind
nicht die Inhalte und Themen des Unterrichts usw. (S. 120). Gefordert wird auch nicht, die
"Anschlussfähigkeit des Sachunterrichts an die Sachfächer" (S. 122), was die
Intention auf den Kopf stellen würde, sondern es werden "Anschlussmöglichkeiten für die
Lernangebote von Sachfächern" berücksichtigt. Grundlegend für die didaktische
Konzeption des Perspektivrahmens, in dem es ganz konkret um die Inhalte des Faches geht,
ist das Lernpotential, das in den Spannungsfeldern zwischen Erfahrungen der Kinder und
fachlich gesichertem Wissen fruchtbar gemacht werden kann. Von einer Einführung in die
Fachkulturen selbst ist keine Rede.
Schon durch eine fehlerhafte und uminterpretierende Lesart läuft diese Kritik am
Perspektivrahmen, dem schließlich noch ein "wissenschaftlich-technisch proletarisierte(r)"
Sachbegriff (S. 124) unterstellt wird, ins Leere.
Mit seiner "Skizze eines [eigenen] Vermittlungskonzepts" lässt der Autor
den Leser ratlos, wenn man von einer Liste weitgreifender Fragen und der Forderung nach einem
Paradigmenwechsel absieht. Wie Sachunterricht als Sprachspiel mit "sokratischen
Gesprächen neuen Zuschnitts", "konstruktive(n) Medien" und "aufgeklärten
pädagogischen Handlungen" aussehen sollte, erfährt der Leser nicht.
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Marcus Rauterberg: "Die Dinge haben Namen"
Der Beitrag hat viele Themen. Zum Verhältnis von Sache und Sprache stellt der Autor die Frage,
ob wir sprachlich lediglich nachvollziehen was unabhängig von uns gegeben ist. Diese Auffassung
liege hinter der Forderung: Die Sachen sollen sprechen. Oder geschieht die Wahrnehmung und ihre
sprachliche Darstellung in sozial kreativen Akten? Dann würden die Sachen erst durch einen
sprachlichen Zugriff konstituiert; je nach Erkenntnisinteresse und methodischem Zugriff
entstehe ein je besonderer Sachverhalt, etwa bei Kindern, Dichtern oder Wissenschaftlern.
Ein Beispiel ist der unterschiedliche sprachliche Duktus von Heimatkunde und Sachunterricht.
Kritisch setzt sich Rauterberg mit einer Forderung nach "Sachangemessenheit"
auseinander, weil damit gemeint sei, dass die Sache den Maßstab für die Auseinandersetzung
vorgebe. Aber weder das Wort noch diese Intention sind in der genannten Literatur zu finden
(S. 139).
Nach halb ironischen Bemerkungen zum Anschauungsunterricht an außerschulischen Lernorten
schlägt der Autor vor, einen "didaktischen Lebensweltbegriff" (S. 145) zu etablieren.
Eine Schwierigkeit sieht er allerdings in dem Problem, generelle Aussagen über die
vorwissenschaftliche Welterfahrung von Kindern zu machen und verweist auf den
"Wechsel des Sprachspiels" beim Übergang zu wissenschaftsbezogenen Aussagen.
Was ist die Zielvorstellung? Aus dem Sachunterricht soll ein "spezieller Sprachunterricht"
werden, ein "Verhandlungsunterricht" (S. 148 f.) über sprachliche Konstruktionen
von Sachverhalten. An die Stelle der Bezugsfächer in der Lehrerbildung wie Geschichte oder
Geographie soll Philosophie treten. - Man wagt es kaum, an die Folgen in der Praxis zu denken.
Und wäre es da nicht konsequent, auch eine sprachliche Überformung der Sachfächer der
Sekundarstufe zu verlangen? Oder gleich ihre Abschaffung?
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Roger Häußling: Soziologische Überlegungen zur sozialen Funktion der
schulischen Versachlichung von Heranwachsenden am Fallbeispiel des Sachunterrichts
Aus soziologischer Sicht öffnet R. Häußling den Begriff von "Sache" in einer
Breite, die auch für den Sachunterricht erforderlich ist: zu physischen Gegenständen,
denen man einen Namen geben kann, zu nichtmateriellen Sachverhalten
(z.B. Verwandtschaftsbeziehungen), zu kollektiven Strukturbildungen (z.B. Wertsysteme) und zu
Personen in der Rolle von Funktionsträgern (z.B. Schüler). Auch Prozesse, Glaubensinhalte und
Stimmungen sind der "Versachlichung" zugänglich, d.h. wir können sie zur Sache
unserer Aufmerksamkeit oder Gestaltung machen. Die Grenze der Versachlichung liegt vor dem noch
nicht Gedachten, für das wir noch keine Semantik haben und das wir deshalb nicht
ausdifferenzieren können.
Sozialisation vollzieht sich durch Versachlichungsprozesse, in denen ausgewählten Dingen ein
Sinn oder Wert als Sachen bzw. Sachverhalte zugemessen wird; das geschieht immer im Netzwerk
einer Semantik, die auch nichtsprachliche Zusammenhänge wie Symbole, Regeln, logische
Beziehungen, Relationen und Perspektiven umfasst. Als gesellschaftliche Funktionen des
Sachunterrichts oder eigentlich der Schule gelten dann die "Sicherstellung der
Legitimitätsgeltung des semantischen Feldes und der Gesellschaftsstruktur",
die "Fortschreibung der etablierten Logik der Versachlichung" durch ein Kompendium
von Sachverhalten (Lehrpläne), die "Veranschaulichung der spezifischen Bedeutungen von
Sachverhalten" wie sie z.B. im gesellschaftlichen Wandel erscheinen, und
schließlich der "Aufbau eines Versachlichungsdrucks bei den Schülern,
gesellschaftlich vorgeprägte Rollen einzunehmen" (S. 161). Dabei handelt es sich
allerdings nicht um bloße Zuweisung einer Position, vielmehr soll eine Identität in
Interaktionen nach eigenen Motiven individuell angeeignet und modifiziert werden. Aus
dieser soziologischen Perspektive lautet die Message an die Schüler: "Mache es so,
wie die Sachen, die Du im Sachunterricht vermittelt bekommst, füge Dich in das etablierte
semantische Feld ein, in dem Du Dir eine Rolle aussuchst, die Dir auf den Leib
zugeschnitten ist; damit nimmst Du eine von den Netzwerken vorkonstruierte Position und
Identität an." (S. 167) Schule wird verstanden als Initiationsinstanz, die zur Aufnahme
in gesellschaftlich etablierte Netzwerke führt.
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Elke Wagner: Naturwissenschaftliche Fachbegriffe im Sachunterricht:
Zeichen für Sprachlosigkeit oder Schlüssel zu notwendiger Propädeutik?
Am Anfang steht die Frage nach den Ursachen des Befundes, dass auch im
Unterricht der Sekundarstufe Begriffe wie "Kraft" oder "Geschwindigkeit"
unzulänglich gelernt werden. Unter Rückgriff auf die physikdidaktische Diskussion listet die
Verfasserin sehr heterogene Aussagen zur Bedeutung physikalischer Fachbegriffe für das Lernen
auf und legt dar, dass Fachbegriffe auf dem Weg über Definitionen nicht nachhaltig gelernt
werden; das gilt insbesondere da, wo in Alltagssprache und Unterrichtssprache unterschiedliche
semantische Besetzungen von Wörtern vorliegen. Gerade in Fällen, bei denen eine unreflektierte
Erfahrung mit relevanten Sachverhalten gegeben ist, wird die Differenz oder Inkommensurabilität
zwischen Alltagsbezeichnung und Fachbegriff oftmals nicht für eine wissenschaftsbezogene
Entwicklung oder Erweiterung von Vorstellungen realisiert, zumal in der Sekundarstufe I 2000
physikalische Begriffe nicht mit hinreichender Gründlichkeit zu erlernen seien.
Eingängig fasst die Autorin Vorschläge von Wagenschein und Muckenfuß für eine unterrichtliche
Erarbeitung von Fachsprache zusammen. Allerdings müssten bei Wagenschein neben einem 1962
veröffentlichten Buchkapitel (Die pädagogische Dimension der Physik) auch spätere Arbeiten,
etwa "Die Sprache zwischen Natur und Naturwissenschaft" (1986) und seine
Ausführungen über das "sokratische" Moment in "genetisch" konzipierten
Unterrichtsprozessen berücksichtigt werden, um Fehlinterpretationen (z.B. vom
"Alleinlassen des erkenntnisfähigen Subjekts", S. 191) zu vermeiden.
Zum Problem der Kontinuitätshypothese bezüglich des Lernens kann Cassirer auch in anderer
Weise interpretiert werden als es hier nahegelegt wird (vgl. Ihmig 2001, S. 94 ff.).
Zuzustimmen ist der These, dass (geeignete) Fachbegriffe schon in der Grundschule
eingeführt werden können, unter der Voraussetzung allerdings, dass das nicht nur sprachlich,
sondern in der Auseinandersetzung mit handhabbaren Sachverhalten in exemplarischer Weise
geschieht.
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Gerold Scholz: Zum Verhältnis von Sache und SPrache in der Gefahrenzone von
maßloser Politisierung und ungebührlicher Ästhetisierung
Scholz analysiert und ironisiert Redeweisen, die vor allem in politischer Propaganda und in der
Reklame zu finden sind. Aus Nuancierungen politischer Verlautbarungen können Erkenntnisse über
Tendenzen von Entwicklungen erschlossen werden. Er zitiert zahlreiche Beispiele; nicht alle
sind überzeugend, einige aber - insbesondere von G. Orwell und V. Klemperer - zeigen genau,
was gemeint ist: Eine veränderte Sprache rückt einen Sachverhalt in ein neues Licht.
Welche Absicht verfolgten Fuhrunternehmer, als sie vor Jahren in großen Zeitungsanzeigen die
verniedlichende Bezeichnung "Brummi" (weitgehend mit Erfolg) durchzusetzen
versuchten? Macht hat, wer Sprachregelungen manipulieren kann.
Mit Engagement diskutiert Scholz eine vom Präsidenten der Universität Frankfurt a.M.
unterzeichnete Werbebroschüre, die an die Stelle des Wissenschaftsparadigmas das Marktparadigma
setzt. Er kritisiert an diesem Beispiel die "Entdifferenzierung von Wissenschaft
und Politik", die sich häufig in Sätzen ausdrückt, die nicht nachprüfbar sind, zu nichts
verpflichten und die sich damit dem kritischen Diskurs entziehen.
Die Untersuchung regt dazu an, unsere kritische Aufmerksamkeit zu stärken:
Im leeren Stroh der (politischen) Werbung könnte ein giftiges Mutterkorn verborgen sein.
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Der Vorhang fällt
Der Vorhang fällt, und alle Fragen bleiben offen. Die Herausgeber betonen,
dass ihr Forschungsansatz weitergeführt werden muss. Impulse für die Weiterentwicklung des
Sachunterrichts selbst zeigen sich bislang kaum. Eher ist zu befürchten, dass der unmittelbare
Kontakt mit den Dingen in einer Zeit, in der vielen Kindern solche Erfahrungen fehlen,
tendenziell geschwächt wird. Sprachunterricht soll Sprachunterricht sein; im Sachunterricht
aber denkt man inhaltlich in der Suche nach Eigenschaften, Strukturen und Relationen, nicht in
linguistischen Figuren. Welcher Theorie von Sache und Sprache man auch folgen mag:
Sachunterricht hat zuerst "die bescheidenen Wahrheiten der Fakten" (H. Arendt) zu
berücksichtigen und eine nachdenklich-kritische Kultur des Erkundens zu pflegen. Sprache ist
dabei - wie in anderen Sachfächern auch - das Medium von übergreifender Bedeutung für eine
Öffnung von Denkräumen und speziell die Initiierung und Entwicklung des sachbezogenen Wissens
und Denkens sowie des verständigen Handelns. Eine linguistische Verfremdung kann diesem
Bildungsauftrag nur schaden.
Das Buch kann gleichwohl, vielleicht gerade wegen der Irritationen, die einige Beiträge
auslösen mögen, zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem auch andere Fachdidaktiken
betreffenden Wechselverhältnis zwischen "Sprache" und "Sache" Anstöße geben.
Dem Verlag sollte man zumindest ein brauchbares Trennungsprogramm empfehlen.
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Literatur
- Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) (2002):
Perspektivrahmen Sachunterricht. Bad Heilbrunn
- Ihmig, K.-N. (2001):
Grundzüge einer Philosophie der Wissenschaften bei Ernst Cassirer. Darmstadt
- Wagenschein, M. (1976):
Die Pädagogische Dimension der Physik. Braunschweig, 4. Aufl.
- Wagenschein, M. (1986):
Die Sprache zwischen Natur und Naturwissenschaft.
In: Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache (1986):
Jahrbuch 1985. Marburg, S. 53-90
- Wagenschein, M. (1997):
Verstehen lehren. Weinheim und Basel, 11. Aufl.
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