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Prof. Dr. Andreas Gruschka
Wir untersuchen Pädagogik durch die Produktion von Bildern


14.Sitzung  06.02.03
          
Präsentation der Gruppe "Selbstdarstellung von Kindern" (Zwillinge)

Interpretation einer Geschichte in drei Bildern

photographiert von Arnika Gaertner im Januar 2003

 

1. Bild „Spiel"

Zwei Jungen, etwa im gleichen Alter, scheinen zu spielen. Auffällig ist der Größenunterschied der Beiden, der durch ihre Kleidung und Kopfbedeckung verursacht wird. Während das eine Kind einen hellen Cowboyhut trägt und sich durch seine sehr aufrechte Körperhaltung nach oben zu strecken scheint, trägt das zweite Kind eine dunkle Wollmütze und eine sehr weite Jacke, die es `kompakter` als seinen Spielgefährten erscheinen lässt.

Der Junge mit dem Cowboyhut (Leo) nimmt sein Kamerad (Alant) in den Arm und scheint ihn dadurch herabzudrücken. Er macht durch seine Körperhaltung und -sprache deutlich, dass er in der überlegenen Position ist.

Die durch Farbgebung, Körperhaltung und Größe entstehende Hierarchie wird aber bei genauerem Betrachten mehrfach gebrochen:

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass der vermeintlich Schwächere seinem Partner den Triumph gönnt. Furchtlos lässt er sich „in die Mangel" nehmen, macht sich ein wenig kleiner als der andere und lacht verschmitzt in sich hinein, anstatt sich vor dem Cowboy, der ernst und fast schon verkniffen dreinschaut, zu fürchten. Er beugt sich mehr selbst nach unten, als dass er sich von irgendeiner physischen oder psychischen Kraft unterdrücken lässt. Alant legt Leo den Arm ebenfalls um die Schultern, hinter dessen Kopf ist seine Hand zu sehen, deren Finger eine Mischung aus „Victory" und „Hasenöhrchen" zeigen; Zeige- und Mittelfinger sind gespreizt, die Haltung der restlichen Finger ist nicht genau zu erkennen. Er veräppelt also augenscheinlich seinen Bruder hinter dessen Rücken, so dass dieser nichts davon mitbekommt; für den Betrachter des Bildes wird jedoch deutlich, dass der Unterlegene nur scheinbar unterlegen, in Wahrheit aber der Überlegene ist.

Die Pose des Cowboys ist zwar eine lässige, aber seine Haltung ist steif und gar nicht lässig. Er scheint sich nicht zu trauen, den Blick auf das zurichten, was gerade geschieht, sondern schaut angespannt nach vorne in die Kamera. Das Kinn ist energisch nach vorne gereckt, die Lippen zusammengekniffen.

Das rechte Kind lacht verschmitzt in sich hinein, es ist deutlich zu spüren, dass es sich überlegen fühlt. Es legt ein wenig kameradschaftlich den Arm um seinen Bruder, versteckt hinter dessen Rücken macht es sich über ihn lustig, hat eine abwehrende oder sich schützende Haltung gar nicht nötig, lässt seinen Bruder einfach gewähren. Es muss noch nicht einmal die Augen geöffnet haben, um die Situation kontrollieren zu können.

Gönnerhaft überlässt es seinem Bruder das Feld, so dass es aussieht, als ob der Cowboy die Situation im Griff hätte. Es nimmt die Selbstdarstellung seines Bruders in dem Wissen hin, dass in Wahrheit der vermeintlich Schwächere doch der Stärkere ist (im Gegensatz zu seinem Bruder weiß es von dem „Victory-Zeichen", das dem Zuschauer seine Überlegenheit demonstriert).

 

Es wird eine Herr und Knecht Situation in widersprüchlicher Weise dargestellt. Es handelt sich hierbei um ein erstaunlich komplexes Rollenspiel. Auf dem Foto sehen wir, dass die beiden 11-jährigen offenbar die Fähigkeit zur Rollendistanz besitzen:

 

Alant, ein stilles und eher zurückhaltendes Kind, das auf den ersten Blick unterlegen scheint, ist in Wahrheit aber der dominante Part in der Zwillingsbeziehung, weiß dies aber geschickt zu vertuschen. Eine sehr raffinierte Idee, wenn man bedenkt, dass Erwachsene, wenn Kinder etwas „ausgefressen" haben, das stillere, kleinere oder jüngere Kind nicht so schnell im Verdacht haben. Der fällt in der Regel zu erst auf das große oder dominante Kind.

Leo markiert den „dicken Macker", „zieht eine Show ab" um sich neben seinem Bruder zu behaupten. Auf den ersten Blick macht es dadurch den Anschein, dass er den dominanten Part inne hat. In Wahrheit ist dies jedoch seine einzige Möglichkeit, um neben seinem Bruder bestehen zu können.

Die Frage, welche durch das Bild aufgeworfen wird, besteht nun darin, ob die Kinder die im Bild deutliche Fähigkeit zur Rollendistanz außerhalb der Foto-Situation ebenfalls haben oder ob diese ausschließlich in Spielsituationen zum Vorschein tritt.

Weitergehend lässt sich fragen, ob sich die Fähigkeit zur Rollendistanz generalisieren, also auf alle 11-jährigen übertragen lässt und in welchen Settings diese Fähigkeit in Erscheinung tritt.

 

Durch Körperhaltung und -sprache, sowie die Interaktion miteinander, inszenieren die Kinder sich selbst als Individuen, aber auch als Zwillingspaar.

 

Zusätzlich zu den Mitteln, die Alant und Leo zur Verfügung stehen (Körpersprache, Interaktion etc.), werden die Interpretationsansätze durch die photographischen Mittel verdeutlicht:

Die Perspektive ist von unten herauf gewählt, so dass der Betrachter in einen imaginären Zuschauerraum vor einer erhöhten Bühne versetzt wird. Diese Perspektive zeigt zusätzlich zur Bühnenposition auch Respekt vor den Kindern.

Die Lichtgebung ist so gewählt, dass die Köpfe der Kinder, die Gesichter als Spiegel des Inneren, erhellt sind. Die Kleidung ist so gewählt, dass das linke Kind insgesamt eher hell, das rechte eher dunkel erscheint. In ganz einfache Metaphern übersetzt könnte man von dem Guten (=hell, weiß) und von dem Bösen (=dunkel, schwarz) sprechen, so wie es oft in Märchen, Kindergeschichten etc. dargestellt wird.

Nicht nur in der Kleidung, sondern auch bei der Kopfbedeckung, findet sich diese Analogie wieder: Der Cowboyhut ist groß und hell, die Mütze ist klein und dunkel.

Die „Gut und Böse Metapher" der Farbgebung findet sich ebenso in Form des Kontrastes bzw. des Gegensatzes von groß und klein realisiert.

Durch die Farbgebung des Fotos (sepia) wird dem Bild alles Irritierende genommen. Farben erscheinen nicht mehr bunt, sondern nur noch in Abstufungen von hell nach dunkel. Der Blick des Betrachters konzentriert sich also automatisch auf das Wesentliche: Die beiden Kinder in ihrer Interaktion.

Zusätzlich bildet der Hintergrund einen Rahmen, der die Zwillinge in den Focus setzt.

 

2. Bild „Zuspitzung"

Das Spiel aus dem ersten Bild wird verschärft, die Situation spitzt sich zu.

Leo hat zum Faustschlag mitten in Alants Gesicht ausgeholt. Er schaut verkniffen und angespannt, vergleichbar der einer Situation kurz vor dem „Showdown".

Sein Bruder zeigt keinerlei Anzeichen von Gegenwehr, nimmt ihn statt dessen liebevoll in den Arm und lacht geradewegs in die Kamera. Er lässt sich in keiner Weise beeindrucken. War im ersten Bild noch „Veräppelung" die Waffe, so ist dies nun die liebevolle Geste.

Die Thematik des ersten Bildes wird fortgesetzt. Wieder hat man auf den ersten Blick den Eindruck Zeuge eines Kampfes zu sein. Bei genauerem Betrachten fällt jedoch auf, dass kein Faustkampf, wohl aber ein Konflikt zwischen den beiden Kindern ausgetragen wird.

3.Bild „Auflösung"

Das dritte Bild zeigt ein neues Spiel, aber immer noch ein Rollenspiel.

Die Perspektive hat sich genauso verändert wie die Position der Akteure zueinander und auch zur Kamera.

Leo befindet sich so weit im Vordergrund des Bildes, dass für seinen Bruder (fast) kein Platz mehr bleibt. Durch die Vogelperspektive des Photografen erscheint sein Kopf überdimensional groß. Er wendet sich zum Betrachter und streckt ihm die Zunge raus, reduziert den Regelbruch jedoch dadurch, dass die Zunge nicht komplett heraus schaut, sondern von den Zähnen zurück, „im Zaum", gehalten wird. In Blick und Gestik lässt sich soviel wie „Ich bin zwar ein ganz schön Frecher und Gewitzter, aber ihr mögt mich ja trotzdem und das weiß ich!" ablesen.

Die Hände seines Bruders, die (noch) körperlos aus dem Nichts geschossen kommen, könnten aber zur Gefahr werden. Noch sind es ungefährliche kleine „Patschehändchen", aber schon im nächsten Augenblick könnten sie von hinten kraftvoll zupacken und damit zur Bedrohung werden.

Auch wenn sie noch ungefährlich wirken, signalisieren sie „Vorsicht! Ich bin auch noch da, sei dir deiner Sache nicht zu sicher!"

 

Das Bild gibt keine „Entwarnung", sondern lediglich einen Hinweis auf die in der Realität bestehende Problematik der Zwillingsbeziehung.

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